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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

28. Jan. 07 - 4. Sonntag im Jahreskreis / letzter So. n. Epiphanias

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

Joh 12, 34-36 (37-41)

Jer 1, 4-5.17-19

1 Kor 12, 31 - 13, 13
oder 1 Kor 13, 4-13

Lk 4, 21-30


Der Autor geht auf die Texte der kath. Leseordnung ein. Stichworte: Prophetentum und „unbequeme“ Mahner der Nachhaltigkeit, wahre Propheten vorab an ihrem Leben erkennen, Liebe zur Funktion statt Liebe zu Gott; „agape“/Liebe als Grundlage für den Aufbau einer christgemäßen Welt, das Gewohnte, Überkommene als überkommen erkennen, nach dem wirklichen Wort handeln und umgebende Strukturen immer wieder kritisch prüfen

 

 

Stellung im Kirchenjahr

 

 

 

Die „Zeit im Jahreskreis“ ist die „grüne Zeit“, so bezeichnet nach der liturgischen Farbe im katholischen Gottesdienst. Zugleich hat der 4. Sonntag im Jahreskreis eine unmittelbare Nähe zu den Fastnachtstagen und der dann beginnenden Fastenzeit. Diese Wochen zwischen dem Weihnachtsfestkreis und der Fastenzeit sind Alltagszeit. Der Alltag mit seiner Normalität hat eine faszinierende Seite: Er bietet Sicherheit und Zuverlässigkeit. Er lebt vom Vollzug des Gewohnten und der eingespielten Regeln – auch im liturgisch-religiösen Bereich. Der „Betrieb läuft“, die religiösen Selbstverständlichkeiten funktionieren, Störung ist in der Regel nicht erwünscht.

 

 

 

 

 

Jer 1, 4-5.17-19

 

 

Exegese

 

Die Lesung bietet nur wenige Verse der Erzählung von der Berufung des Propheten Jeremia. Die Schneidung der Perikope lässt die eigentliche Berufungserzählung aus:

 

  • das Gespräch zwischen Gott und dem Propheten,
  • den Einwand des jungen Mannes gegen die Aufgabe, vor die er als Prophet gestellt sein würde,
  • die Zusage der Nähe Gottes,
  • die Vision vom Mandelzweig, dem Symbol der Wachsamkeit in Israel – weil der Mandelbaum im Frühjahr als erster blüht –
  • und vom dampfenden Unheilskessel, der sich von Norden her über das Land Juda ergießen wird, weil es sich dem Götzendienst verschrieben und damit den wahren Gott, Jahwe, seinen Retter und Erhalter verlassen hat.

 

 

 

Diese eigenartige Schneidung des biblischen Textes geht auf das exegetisch oft nicht zu verantwortende Prinzip der katholischen Leseordnung zurück, die alttestamentlichen Texte vom Tagesevangelium her auszuwählen und bisweilen zurecht zu stutzen.

 

Unsere Perikope wird – legt man dieses hermeneutische Prinzip zu Grunde – als typologische Parallele zu der in Lk 4, 21-30 geschilderten Ablehnung Jesu in seiner Heimat Nazaret gelesen. Jesus teilt in der Erfahrung der Ablehnung, die auch vor einem Mord nicht zurückschreckt, das Schicksal der / des Propheten.

 

 

 

Vv 17-19: Gott ignoriert die Einwände des Berufenen und formuliert in erbarmungsloser Härte, ja sogar mit einer deutlichen Drohung, seinen Auftrag. Für Jeremia gibt es kein Entweichen mehr. Er wird mit seiner Predigt gegen die politischen und religiösen Führer des Volkes und die gesamte Oberschicht auftreten und sich ihnen entgegenstellen müssen.

 

So klar wie der Auftrag, so klar ist auch die schließlich im letzten Vers formulierte Zusage: „...ich bin mit dir, um dich zu retten.“

 

Sein ganzes vor ihm liegendes Leben wird für Jeremia von dieser Berufung geprägt sein. Er wird in tiefste Verzweiflung stürzen, weil er immer mehr in die Isolation geraten wird – gemieden von seiner eigenen Familie, angefeindet, mit dem Tode bedroht von denjenigen, denen er ins Angesicht im Namen Gottes widerstehen muss. In seinen „Bekenntnisse“ wird er ein erschütterndes Zeugnis geben davon, was es heißt, ein Prophet dieses Gottes zu sein. Gottes „Ich bin mit dir“ wird ihn schließlich nicht davor bewahren, von seinen eigenen Landsleuten verschleppt und schließlich wahrscheinlich sogar als nutzlos gewordene Geisel in Ägypten umgebracht zu werden.

 

 

 

Bezüge zur Nachhaltigkeit (Ökologie, Frieden, Gerechtigkeit)

 

Warnende Stimmen sind in der Regel nicht beliebt, gelten als Ruhestörer, Unruhestifter und werden abgelehnt. Die unbequemen Mahner, jene, die die Finger in die Wunde gesellschaftlicher Verhältnisse legen, sind häufig Anfeindungen ausgesetzt, werden isoliert, „gemobbt“, mundtot gemacht von denen, deren funktionierende Kreise sie stören. Allerdings stellt sich die Frage nach den „wahren Propheten“. Jeremia wird sich mit dieser Frage schließlich konfrontiert sehen, wenn er gegen die Kultpropheten am Tempel in Jerusalem auftreten wird.

 

 

 

Wer sind die wahren Propheten? Zumeist sind sie erst im Nachhinein auszumachen, abgelesen daran, dass eintritt, was sie angesagt haben. Für sie gilt auf jeden Fall, dass sich ihren „Beruf“ nicht ausgesucht, schon gar nicht sich danach gedrängt haben. Sie leiden an ihrem Auftrag und müssen bereit sind, ihr ganzes Leben dafür in die Waagschale zu werfen.

 

 

 

Jochen Klepper hat das Propheten-Dasein in einem Gedicht „Der Prophet“ eindringlich beschrieben:

 

 

 

Kein Prophet sprach: „Mich Geweihten sende!“
Eingebrannt als Mal war es in allen:
Furchtbar ist dem Menschen, in die Hände
Gottes des Lebendigen zu fallen.

 

Kein Prophet sprach: „Mich Bereiten wähle!“
Jeder war von Gottes Zorn befehdet.
Gott stand dennoch jedem vor der Seele,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.

 

Kein Prophet sprach: „Gott, ich brenne!“
Jeder war von Gott verbrannt.
Kein Prophet sprach: „Ich erkenne!“
Jeder war von Gott erkannt

 

 

 

Die wahren Propheten bleiben selbst nie außen vor, bringen sich nicht in Sicherheit. Sie sind bereit, die Konsequenzen, die das verderbliche Tun der anderen mit sich bringen, auch selbst in Solidarität mit jenen zu teilen und zu tragen. Wo Prophetie den Propheten nichts kostet – und sei es das Leben – ist sie keine wahre, echte Prophetie. Ja, sogar die Erfahrung eines Gottes, der sich seinem Propheten zu entziehen scheint, dessen „Ich bin mit dir“ ein leeres Versprechen gewesen zu sein scheint, bleibt dem wahren Propheten nicht erspart. Der Platz des Propheten ist immer zwischen den Stühlen: ganz auf der Seite Gottes und ganz auf der Seite des Volkes.

 

 

 

Es geht also um eine Kernfrage, nämlich um die schwer zu beantwortende Frage danach, wo die wahren Propheten sind. Solange die angekündigten Indizien des Gerichtes nicht eindeutig auszumachen sind und die Frage, welche Botschaft denn nun wahr ist, noch nicht zweifelsfrei beantwortet werden kann, solange bleibt fast ausschließlich der Blick auf das Leben derer, die für sich in Anspruch nehmen, einen prophetischen Auftrag zu haben. Ist ihr Lebenszeugnis glaubwürdig, weil sie sich nicht heraushalten, sondern mit Leib und Seele einstehen für das, was sie zu sagen haben? Kommt ihre Kritik von außen, oder ist sie letztlich von einer unendlich großen Liebe zu jenen getragen, denen sie Unheil ankündigen müssen?

 

 

 

Hier liegt wohl die größte Herausforderung für eine selbstkritische Haltung derer, die meinen, einem prophetischen Auftrag zu folgen: Liebe ich die Menschen, die mich befeinden, weil ich ihnen unbequeme, lästige Dinge zu sagen habe? Jeremia schlug sich nach der Eroberung Jerusalems durch die babylonischen Truppen nicht auf die Seite der neuen Machthaber, denen er mit seiner Prophetie in die Hände gespielt hatte und die ihm aus Dankbarkeit dafür ein sorgenfreies Leben in babylonischen Diensten anboten, sondern er blieb bei seinem Volk, das er mit der ganzen Glut seines Herzens liebte und das ihn schließlich umbrachte.

 

 

 

Wogegen Jeremia hauptsächlich auftritt, das ist die ignorante Haltung der Machthaber im politischen und religiösen Raum, das trügerische Gefühl einer Sicherheit, die längst keine mehr ist. Sie meinen, die Welt sei noch in Ordnung, solange die politischen und religiösen Institutionen (noch) funktionieren. Und merken dabei nicht, dass sie damit bereits ihren selbstgemachten Götzen aufsitzen, der lebendige Gott jedoch seine Hand längst von ihnen abgezogen hat. Sie merken nicht, dass dieser Gott sich nicht vor den Karren politischer Interessen und einer vom religiösen Establishment unterstützen falschen Einschätzung der Lage spannen lässt.

 

 

 

Wo sind heute die Sicherheiten trügerisch? Ist uns das Funktionieren des Religionsbetriebes wichtiger als der lebendige Gott?

 

 

 

 

 

1 Kor 12, 31- 13, 13

 

 

Exegese

 

Das „Hohelied der Liebe“, das der Apostel Paulus in diesem Textstück anstimmt, gehört sicherlich zu den eindrucksvollsten Passagen der paulinischen Briefliteratur und genießt wegen seiner Verortung unter den Perikopen zur „Feier der Trauung“ einen hohen Bekanntheitsgrad. Mit dieser Kontextuierung verbindet sich allerdings die Gefahr eines romantisierenden Missverständnisses des Textes.

 

 

 

Die „agape“, von der Paulus spricht, ist „die in allem wirkende wunderbare Kraft und Wirklichkeit des Geistes und der in Christus angebrochenen neuen Welt zum Nutzen der anderen“[1]. Der Apostel wehrt damit dem überbordenden Enthusiasmus der korinthischen Charismatiker, die sich auf die in ihnen wirksamen Gnadengaben, vor allem die Glossolalie, berufen und damit die Gemeinde an den Rand der Spaltung bringen. Sie meinen, das Unvollkommene schon hinter sich zu haben und zerstören damit die Gemeinschaft, anstatt ihrem Aufbau zu dienen.

 

 

 

Die „agape“ / Liebe ist demgegenüber die ernüchternde Gabe, die in ihrer Zielrichtung des Aufbaus der Gemeinde im gegenseitigen Respekt, in gegenseitiger Wertschätzung und Rücksichtnahme korrigierend die anderen Gnadengaben ins rechte Lot bringen kann und aus jeder Ichbezogenheit befreit. Letztlich erweist sich diese Liebe als die Bereitschaft, für andere da zu sein. In ihr bricht damit die neue Welt an, die Christus mit seiner Wort/Tat-Botschaft endgültig ins Werk gesetzt hat.

 

 

 

Bezüge zur Nachhaltigkeit (Ökologie, Frieden, Gerechtigkeit)

 

Die „agape“ / Liebe, die Paulus in ihrer Wirkung umschreibt, steht in einem engen Zusammenhang mit dem Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden. Es geht nicht um Liebelei und schwärmerische Zuneigung, sondern um die nüchterne Tat, die in dem anderen Menschen die Schwester und den Bruder sieht. Der lange Atem, den die Liebe aufzubringen in der Lage ist, die Bereitschaft, den eigenen Vorteil zu Gunsten der Gemeinschaft zurück zu stellen, die Langmut im Umgang miteinander, die Bewahrung vor blindem Zorn und die Freude über Verhältnisse, in denen jede und jeder zu ihrem und seinem Recht kommt – das alles sind Verwirklichungen der Liebe, wie Paulus sie der korinthischen Gemeinde anempfiehlt.

 

 

 

Diese nüchterne Art der Liebe wehrt aller ideologischen Verhärtung und aller Einseitigkeit. Sie hat den Blick für das Ganze, ohne den Einzelnen in seiner Bedürftigkeit aus dem Auge zu verlieren. Diese Liebe ist ein einziges großes „Ja“ zur geschwisterlichen Gemeinschaft der Menschen und zu einem Dasein in der Welt, das der Welt im besten Sinne des Wortes dienlich ist. Zugleich weiß sie um die Begrenztheit menschlichen Tuns. Wir werden die vollkommene Welt nicht schaffen können, weil wir in unserer Fähigkeit zu erkennen begrenzt sind. Unsere Grenzen anzuerkennen und zugleich Hoffende zu sein, mit allen Kräften an einer „Kultur der Liebe“ zu arbeiten und zugleich auszuhalten, dass viele Bemühungen immer wieder im Sande verlaufen und dass immer wieder neue Ungerechtigkeiten wie die Köpfe der Hydra nachwachsen – auch das ist die Frucht der nüchternen Liebe. Sie vertraut darauf, dass nichts, was aus ihr heraus geschieht, spurlos wieder verschwindet, sondern dass es aufgehoben bleibt in der Vollendung, die Gott schaffen wird.

 

 

 

Unsere Aufgabe ist es nicht, die vollendete Welt zu schaffen. Unsere Aufgabe ist es, mit dem nüchternen Blick der „agape“/Liebe zu tun, was in unseren Kräften steht und die Vollendung einmal dankbar aus den Händen Gottes entgegen zu nehmen, der sein „Ja“ zur Welt ein für allemal gesprochen hat.

 

 

 

 

 

Lk 4, 21-30

 

 

Exegese

 

Nach der Taufe Jesu und seiner Versuchung in der Wüste kehrt Jesus - in der Konzeption des Lukas-Evangeliums - nun in seine galiläische Heimat zurück, um dort die große Bewegung der Sammlung des Gottesvolkes zu beginnen. Der Geistbegabte lehrt in den Synagogen, ein „preiswürdiger“ Ruf eilt ihm bereits voraus. Der Evangelist richtet – wie mit einem Brennglas – seinen Blick auf die Heimatstadt Jesu, auf Nazaret, „wo er aufgewachsen war“ (Lk 4, 16), auf seinen Auftritt in der heimatlichen Synagoge an einem Sabbat. Damit ist zunächst das Bühnenbild für die anschließende Handlung entworfen.

 

 

 

In literarisch meisterhafter Weise malt Lukas die Szene aus, indem er den Jesaja-Text (Jes 61, 1ff.) zitiert, den Jesus verliest und eigens anmerkt: „Dann schloss er das Buch und setzte sich.“ Die Spannung ist auf ihrem Höhepunkt angelangt mit einem Satz, der die theaterreife Szene förmlich zum Stillstand bringt: „Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.“ Die erwartungsvolle Stille ist mit den Händen zu greifen. Was wird er sagen?

 

 

 

Zunächst ist man als Leser des biblischen Textes fast ein wenig enttäuscht, als der Inhalt der Rede vom Evangelisten nur sehr summarisch wiedergegeben wird und die Auslegung des Prophetenwortes durch Jesus ungeteilten Beifall findet. Nicht der Inhalt seiner Predigt ist es, was die Handlung weitertreibt, sondern die Tatsache, dass da einer so klug redet, den sie alle kennen, mit einem einzigen Satz von Lukas angedeutet: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“ Die Katastrophe bahnt sich an, als Jesus selbst die Situation verschärft, indem er diese unverfängliche Frage aufgreift und aufdeckt, was einige gedacht haben mögen. Vollends provokant wird es schließlich, als Jesus die Fremden, Nicht-Juden – die syrophönizische Witwe und den Syrer Naaman – als jene anführt, die den Worten der Propheten Elija und Elischa geglaubt haben.

 

 

 

Was folgt, ist die von Jesus selbst provozierte Konsequenz: Sie vertreiben diesen Provokateur aus ihrer Stadt. Damit ist für Jesus das Kapitel Nazaret abgeschlossen. Von da an kommt der Name dieser Stadt im Lukas-Evangelium nur noch als Zusatz zum Namen Jesu als Bezeichnung seiner Herkunft vor.

 

 

 

Der durch seine Taten ausgewiesene Träger des Gottesgeistes findet kein Gehör und letztlich keinen Glauben, weil die Adressaten seiner Botschaft sich in ihren Voreingenommenheiten eingerichtet haben. Ihr Beifall ist vordergründig. Sie stimmen ihm nur so lange zu, wie er sie in Ruhe lässt. Der Entscheidung für ihn als den, auf dem der Geist Gottes ruht, entziehen sie sich. Damit verweigern sie sich dem alles entscheidenden Schritt. Kritisch hinterfragen lassen sie sich nicht – erst recht nicht von einem, den sie so gut kennen. Seine Botschaft ist so lange gut für sie zu hören, wie sie das Gefühl haben, nach dem Ende des Gottesdienstes wieder in ihr altes Leben zurückkehren zu können. Die religiöse Pflicht ist erfüllt, Gottes Wort für sie zu einem „zahnlosen Tiger“ geworden, der schon längst nicht mehr in der Lage ist, sie zu beißen.

 

 

 

„Betroffenheit“ von seiner Lehre erntet Jesus in seiner Wahlheimat Kafarnaum (Lk 4, 32). Der „Beifall“ der Leute in Nazaret ist ihm zu wenig.

 

 

 

Bezüge zur Nachhaltigkeit (Ökologie, Frieden, Gerechtigkeit)

 

Am Schicksal Jesu in seiner Heimatstadt Nazaret wird das Schicksal des Wortes Gottes selbst sichtbar. In der Ablehnung des Propheten wird Gott selbst abgelehnt, aus den Mauern verjagt.

 

 

 

Im Blick auf die Thematik der „Nachhaltigkeit“ ist diese Perikope eine Art Metatext. Wo immer Gottes Wort als Herausforderung zu einem veränderten, neuen Handeln verkündigt wird, verlangt es den Gehorsam der Tat. Wer nicht aufgeweckt, aus seinen eingefahrenen Gleisen herausgeworfen wird, hat nicht richtig gehört. Gottes Reich verlangt Entscheidung. Lukas ist auch der Evangelist des „Magnificat“, in dem Maria die neue Welt Gottes, sein Reich, ankündigt als eine Welt, in der nichts mehr an seinem zugewiesenen Platz bleibt.

 

 

 

Christinnen und Christen sind die Sachwalter dieser neuen Welt, nicht die Erhalter der bestehenden Ordnung. Sie misstrauen denen, die das Gegebene für unumstößlich im Sinne des „Das-war-aber-immer-schon-so“, für heilig und damit für unantastbar erklären. Christinnen und Christen sind die letzten, die sich der „Normativität des Faktischen“ beugen. Sie stehen für eine offene Zukunft, für Gottes Handeln, für die verändernde Kraft seines Geistes.

 

 

 

Lukas ist auch der Evangelist der Apostelgeschichte und damit der Erzähler des Pfingstereignisses. Eine neue Sprache wird gesprochen und neues Verstehen möglich, wo die alten Reden nicht mehr greifen. „Ist das nicht...“ / „Kennen wir das nicht...“ – das sind Wendungen, Killerphrasen, die einer Christin / einem Christen nicht anstehen.

 

 

 

Freilich setzt dies die Achtsamkeit auf die eigenen Trägheiten voraus. Die Gemeinschaft der Glaubenden ist nicht davor gefeit, sich in dem einzurichten, was sie immer schon gekannt, immer schon gewusst hat. Die Gefahr ist durchaus real, dass wir meinen, Christus zu kennen, so gut, dass wir ihm eigentlich nichts mehr zutrauen, dass wir zwar beifällig zur Kenntnis nehmen, was er zu sagen hat, uns innerlich aber längst zur Ruhe gesetzt haben. Wir werden ihn und sein Wort wohl nicht hinauswerfen – aber mundtot machen durch faktisches Ignorieren ist mindestens genauso schlimm, vielleicht sogar die gemeinere Variante.

 

 

 

In seinen Tagebuchaufzeichnungen „formt“ der verstorbene Tübinger Alttestamentler Fridolin Stier die folgende Erzählung, die – wie ich meine – deutlich an die Szene in der Synagoge von Nazaret erinnert – mit etwas veränderten Rollenbesetzungen:

 

 

 

„Es war Sonntag. Das Wort Gottes kam in die Kirche der Stadt. Die Geistlichkeit bereitete ihm einen feierlichen Empfang. Ein Thron war bereitgestellt, und das Wort Gottes nahm Platz. Man brannte ihm Weihrauch. Und dann hob der Prediger an, das Wort Gottes zu preisen, und sagte, das Wort Gottes rede in einer alten Sprache und habe sich die Zunge der Prediger geliehen, um sich allen verständlich zu machen. Und so sprach er darüber, aber das Wort Gottes selbst kam nicht zu Worte. Die Leute merkten es, sie fanden die Rede des Predigers schal und fingen an, nach dem Wort zu rufen. Das Wort schrien sie, das Wort! Aber das Wort Gottes war nicht mehr in der Kirche. Es war weitergegangen. Auf dem Thron lag ein altes Buch...“[2]

 

Dr. Engelbert Felten, Trier

 

[1] Wolfgang Schrage, Der erste Brief an die Korinther (1 Kor 11,17-14,40), Bd. 3 (EKK VII/3), Zürich/ Düsseldorf 1999, 285.
[2] In: Fridolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag. Aufzeichnungen, Freiburg ²1981, 26.

 

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