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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

24. Dez. 06 - 4. Adventssonntag / Heiligabend / Christvesper / Heilige Nacht / Christnacht

 

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

4. A.: Joh 1, 19-23(24-28)Christv.: Joh 7, 28-29 Christn.: Hes 37, 24-28

(4. Adv.:) Mi 5, 1-4a
(Hl. Abend:) Jes 62, 1-5
(Hl. Nacht:) Jes 9, 1-6  

Hebr 10, 5-10
Apg 13.16-l7.22-25
Tit 2, 11-14

Lk 1, 39-45
Mt 1, (1-17) 18-25
Lk 2, 1-14

 

 

 

Der Autor betrachtet alle Texte des Sonntags, bei dem im Jahr 2006 die Perikopen des 4. Adventsonntags mit Heiligabend / Heilige Nacht zusammenfallen. Er ergänzt sie um weitere Querbezüge, damit erschließt sich der Nachhaltigkeitsbezug je nach Schwerpunkt, den die / der Predigende an diesem Sonntag setzen möchte. Stichworte; Verhalten zwischen den Generationen, Vorbilder haben, Vorbild werden, einen langen Atem haben (Rückschläge verkraften), den „Shalom“ weltweit ermöglichen

 

 

 

Alttestamentliche Verheißung und neutestamentliche Erfüllung

 

In den Lesungs- und Predigtperikopen für den 4. Adventssonntag und den Heiligabend, die im Jahr 2006 auf den gleichen Tag fallen, wird ein theologisches Denkmodell deutlich, das zunächst durch den Evangelisten Matthäus begründet wird. In der weiteren Geschichte der christlichen Kirche und ihrer Lehre ist es dann zu einem Standardmodell geworden. Es ist das heilsgeschichtliche Modell der alttestamentlichen Verheißung (Jes 9 und 62; Micha 5) und neutestamentlichen Erfüllung.

 

In sämtlichen Evangelienanfängen wird dieses Denkmodell durch die Person Johannes des Täufers illustriert. Er ist sozusagen der letzte der alttestamentlichen Propheten und seine Aufgabe ist es, auf Jesus als den kommenden Messias hinzuweisen. Die Person des Johannes wird explizit genannt und beschrieben in Joh 1, 19-23 (24-28) Apg 13, 16-17, 22-25. In der lukanischen Vorgeschichte (Lk 1, 39-45) hüpft der ungeborene Johannes im Leib seiner Mutter.

 

Auch in der theologisch anspruchsvollen Opfertheologie von Hebr 10, 5-10 findet sich das Denkmodell in abgewandelter Form wieder. Es geht um die Überbietung und damit die Ablösung der regelmäßigen Opfer am Jerusalemer Tempel (wie es das Gesetz des Alten Testamentes fordert) durch das ein für alle Mal geschehene Opfer Jesu Christi, in dem das neue Testament gegründet wird.

 

Das Thema Nachhaltigkeit taucht in zwei Variationen auf. In den Texten des 4. Advent zur Figur Johannes des Täufers unter dem Stichwort „Vorläufer und Nachfolger“ (Joh 1, 19-23, Lk 1, 39-45 Apg 13, 16-17.22-25) und in den Texten des Heiligabends und der Christnacht unter dem Stichwort „Verheißung und Erfüllung“ (Hes 37, 24-28; Jes 9, 1-6; Lk 2, 1-14; Mt 1, 18-25).

 

 

 

Vorläufer und Nachfolger

 

Jochanan ben Sacharja, genannt Johannes der Täufer, lebt wie ein nasiräischer Prophet unter Verzicht auf Fleisch und Wein in der Wüste, ruft das Volk zur Umkehr und Buße in Predigten, die stark durch den Propheten Jesaja geprägt sind. Wer zukünftig in Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes leben will, den reinigt er durch das Untertauchen im Jordanwasser und bewahrt ihn vor dem Feuergericht am Tag Gottes, der seiner Überzeugung nach kurz bevor steht. Zu seinen Prophetenschülern, die er entsprechend der Tradition um sich schart, gehört auch Jesus von Nazareth, der von ihm getauft wird. Johannes wird von König Herodes Antipas (4 v. Chr – 39 n.Chr.) gefangen gesetzt. Der Grund ist seine Kritik an der Heirat mit der Schwägerin des Herodes. Wenig später lässt der den Täufer ermorden.

 

Jesus nimmt in seiner Predigt wesentliche Inhalte der johanneischen Predigt auf. Nach dem Johannesevangelium (Kap 3) tauft er sogar selbst. Die Taufe des Johannes ist auf jeden Fall der Ausgangspunkt der christlichen Taufe. Die Evangelien und die spätere Tradition machen Johannes zum Vorläufer Jesu. Die Parallelisierung der Geburtsgeschichten von Johannes und Jesus hat stark legendarische Züge, nimmt jedoch ein überliefertes Merkmal nasiräischen Prophetentums auf, das auch bei dem charismatischen Richter Simson und bei dem Propheten Samuel begegnet: die Berufung schon im Mutterleib.

 

Die Aussage Joh 3, 30 „Er muss wachsen ich aber muss abnehmen“ ist der Ausgangspunkt für die Zuordnung der Sommersonnenwende zu Johannes (Johannistag 24. Juni) und der Wintersonnenwende zu Jesus Christus. Noch deutlicher als Jesus selbst verbindet der von der christlichen Tradition in guter Absicht degradierte Prophet das Christentum mit seiner jüdischen Mutterreligion.

 

Johannes, der letzte Prophet

 

In der Predigt bietet es sich zunächst an, die Figur des Johannes erzählerisch zu entfalten. Die Bedeutung von äußerem Habitus und Askese, aber auch das Sammeln von Schülern als Merkmal eines Propheten sind zur Zeit Jesu unumstritten. Ein Hinweis auf die Taufe als Reinigungsbad, die der Ursprung der christlichen Taufe ist, wird nicht fehlen dürfen. Der Verzehr von Heuschrecken ist in der damaligen Zeit eine Form des Fleischverzichts. Die nasiräische Tradition verzichtet auf Fleisch, aber hauptsächlich wegen des darin enthaltenen Blutes. Das Blut gilt als Träger des Lebens. In Heuschrecken (wie auch in Fischfleisch) ist praktisch kein Blut. Mit Honig, der anderen Speise des Johannes, ist Honigwasser gemeint, das von Menschen getrunken wurde, die keinen Alkohol zu sich nehmen wollten.

 

Johannes und Jesus

 

Die neutestamentliche und christliche Tradition lässt Johannes zum Vorläufer, zum Ankündiger seines Täuflings Jesu werden. Er ist jedoch nicht nur der Vorgänger, sondern auch der Lehrer Jesu, der ihn offensichtlich sehr verehrte. Jesus knüpft an die Predigt des Johannes an. Seine Zuhörer kennen viele Inhalt bereits und wissen sie einzuordnen in den Zusammenhang ihres Glaubens und Lebens. Die Predigt Jesu wird die prophetische Botschaft erweitern und ergänzen, sein Wirken, sein Kreuzestod und seine Auferstehung werden sie zu ihrem Ziel bringen.

 

Verantwortung für die Zukunft gründet im Respekt vor dem Bestehenden

 

Gottes Handeln ist offensichtlich vorausschauend. Vertrautes und Neues verbindet sich, wie ein Schüler sich das Wissen des Lehrers zunächst aneignet, um es dann zu erweitern. Aber es gilt genauso umgekehrt: der Lehrer weiß, dass der Schüler ihn übertreffen wird. So verbindet sich in der Beziehung des Lehrers zum Schüler, des Meisters zum Jünger der Respekt vor der Tradition mit der Verantwortung für die Zukunft.

 

Das Verhältnis des Johannes zu Jesus und umgekehrt wird so zu einem Vorbild für unser Verhalten zwischen den Generationen. Im Verlauf unseres Lebens nehmen wir beide Positionen ein, lange sind wir Jünger, Schüler, Nachfolger (Vergessen Sie in der Predigt die weiblichen Formen nicht!!). In dieser Rolle sind wir aufgefordert, Respekt zur Tradition zu entwickeln, es ist unsere Aufgabe, das bereits vorhandene Wissen aufzunehmen und zu unserem eigenen zu machen. Wer sich die Erfahrungen der vorangegangenen Generationen nicht nutzbar macht, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Der Wechsel in die Rolle des Erziehenden, des Lehrers, des Vorläufers ist unausweichlich. Dann gilt unsere Verantwortung der Zukunft. Die Welt ist nicht mehr die, die wir uns erwerben und erobern, sondern die wir bewahrend weitergeben, damit unsere Kinder und Nachkommen in ihr leben können und unserem Vorbild gemäß verantwortungsvoll damit umgehen. Sie werden manches anders entscheiden und neu gestalten, so, wie wir es getan haben.

 

Dem vorausschauenden Handeln Gottes entspricht seine Treue. Auf dem verantwortungsvollen Handeln und Verhalten, auf unserem Bemühen, die Schöpfung zu bewahren und sie unsere Kinder zu lehren, wird sein Segen ruhen.

 

Verheißung und Erfüllung

 

Der neugeborene Jesus ist der verheißene Messias. In der Liturgie des Heiligabendgottesdienstes ist diese Deutung angelegt und ausgeführt. Der Geburtsgeschichte voraus geht die Lesung aus dem Propheten, die aus der Rückschau die Ankündigung des Messias enthält. Das Matthäusevangelium geht so weit, dies explizit in Worte zu fassen. Joseph verhält sich so, wie er sich verhält, als er erfährt, dass seine Braut schwanger ist, damit erfüllt wird, was beim Propheten vorausgesagt wurde. Die Bemerkung sei einem protestantischen Exegeten erlaubt: Die Bezeichnung Marias als „Jungfrau“ beruht auf einem Missverständnis der Septuagintaübersetzung des Alten Testamentes. Dort, wo im griechischen „Jungfrau“ steht, heißt es im hebräischen Urtext nur „junge Frau“. Andererseits bin ich mir der aus dem hellenistischen Umfeld stammenden Bedeutung von Männern, die von einem Gott gezeugt und von einer Jungfrau geboren wurden, durchaus bewusst. Wie dem auch sei, die Dramaturgie der Weihnachtserzählungen folgt diesem Muster. Alttestamentliche Verheißung - neutestamentliche Erfüllung. Dieses heilsgeschichtliche Deutungsmuster begegnet bereits im Alte Testament in der Landnahmeverheißung an die Erzväter und ihre Erfüllung unter Josua und seinen Nachfolgern. Die besondere inhaltliche Ausgestaltung erhält es in den Geburtsgeschichten Jesu dadurch, dass es die Nathanweissagung über das davidisch salomonische Königsgeschlecht (2 Sam 7) aufnimmt. Alle eschatologischen Prophezeihungen des Alten Testaments, die sich auch auf andere Heilstaten Gottes beziehen (Schöpfung, Exodus, Wüstenzeit), werden im wesentlichen auf einen davidischen Messias gedeutet, der mit Jesus Christus identifiziert wird. Vor diesem Hintergrund ist es überlegenswert, in der Christvesper auch den Stammbaum Jesu zu lesen, der seine Herkunft von David belegt. Die Bemerkung sei mir abermals gestattet, in beiden Stammbäumen Jesu läuft die davidische Abstammung selbstverständlich über Joseph, nicht über Maria.

 

Auch wenn die ersten Christen – allen voran Paulus – der Überzeugung waren, mit Jesus ist die Geschichte an ihren Endpunkt gekommen, Gott wird dem Bestehenden ein Ende bereiten und etwas vollständig Neues schaffen, ist die Deutung von Verheißung und Erfüllung eine Betrachtung, die sich über lange Zeiträume erstreckt. Sie sind länger als die Zeiträume, die ein Mensch in seinem Leben und in seiner Kommunikation mit den vorangegangenen und nachfolgenden Generationen überblicken kann. Gott handelt in der Geschichte und mit der Geschichte. Historisch handelnde Personen und Völker sind Gottes Werkzeuge in der Geschichte mit seinem Volk. Ja, Gottes Macht umfasst nicht nur die Erde, sondern den gesamten Kosmos. Deshalb sind Bezüge zu historischen Ereignissen (Lk 2) oder astronomischen Erscheinungen (Mt 2) Merkmale des Handelns Gottes.

 

Gottes langer Atem

 

In der Predigt kann der lange Atem Gottes, seine Geduld und Treue thematisiert werden. Gott handelt nicht nach dem Maßstab von Vierteljahresberichten. Er begleitet Familien über viele Generationen und Völker über Jahrhunderte. Sein Handeln an Weihnachten ist der Höhe- und Wendepunkt seiner Geschichte mit dem Volk seiner Wahl. Die Treue zur Christenheit über zweitausend Jahre ist der Beleg für den langen Atem Gottes. Er lässt sich weder durch menschliches Versagen beirren, noch durch wechselnde Regierungen in seinen Zielen beeinflussen, die er Engeln und Propheten in den Mund legt: Der umfassende Shalom für alle Werke seiner Schöpfung.

 

Gottes Shalom

 

Hier ist dann auch der Ort, auf diese zentrale Aussage in den Texte einzugehen. In Jes 9, 6, Micha 5, 4 und Lk 2, 14 taucht dieses Wort „Shalom“ auf, dass wir im Deutschen mit dem Wort und Begriff „Frieden“ nur unzureichend übersetzen. Wenn das Alte Testament von Shalom spricht, dann beschreibt es einen Raum, der frei ist von jeder Gewalt, der Gewalt von Soldaten gegen andere Soldaten, aber auch gegen Mütter, Kinder und Alte, der Gewalt, die Mächtige dem Recht der Ohnmächtigen antun, bis hin zur Gewalt, die in der unterschiedlichen Verteilung von Besitz und Einkommen enthalten ist. Jes 11 und Römer 8, 21 schließen in den Shalom Gottes sogar die nichtmenschliche Schöpfung ein. Der Friede Gottes geht aller menschlichen Vernunft voraus und wird alles menschliche Handeln einholen und übertreffen. Für diejenigen, die von Zuständen ohne Shalom profitieren oder sich resigniert mit einer friedlosen Welt abgefunden haben, bleibt die Erinnerung und die Hoffnung auf den Shalom Gottes ein ewiger Stachel, der den Gewissen und Herzen keine Ruhe lässt.

 

Die Heiligabendpredigt ist nicht der Ort der Abrechnung mit einer friedlosen Welt, sie ist auch kein Ort, an dem festlich gestimmte Menschen auf eine Bußpredigt warten. Viele Gottesdienstbesucher gehören nicht zu den religiösen Virtuosen. Aber die Hoffnung nach Frieden und Gerechtigkeit für sich ihre Familie, ihre Freunde, ja, die ganze Welt und Schöpfung, tragen die meisten im Herzen. Zu diesem Anlass ist eine Predigt angebracht, die dieser Hoffnung die Sprache verleiht, eine Predigt, die die Sehnsucht der Hörer in Verbindung bringt mit den uralten Hoffnungen, wie sie in den Worten der Propheten ihren Ausdruck gefunden haben, eine Predigt, die erzählt von den großen Taten Gottes, in denen seine Treue zum Shalom sichtbar wird.

 

Gottfried Müller, Speyer

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