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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

17. Dez. 06 - 3. Adventssonntag

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

Jes 40, 1-8 (9-11)

Zef 3, 14-17 (14-18a)

Phil 4, 4-7

Lk 3, 10-18

 

 

 

Der Autor geht unter Bezug auf die kirchenjahreszeitliche Bedeutung des Sonntags besonders auf die Botschaft Zefanias ein. Stichworte: Beseitigung von Ausgrenzung und Gewalt durch die Veränderung der „Mitte der Gesellschaft“; die Armen nicht an den Rand drängen, (Schöpfungs-/) Landschaftszerstörung; Grundlagen des Lebens kommender Generationen

 

 

 

Bezug zum Kirchenjahr

 

 

 

Der dritte Adventsonntag wird in der katholischen Liturgie als Sonntag Gaudete (Freuet euch!) bezeichnet. Die beiden ersten Adventsonntage hatten den Blick auf die Katastrophen in der Geschichte (Hunger; Unterdrückung, Krieg) gelenkt, die Hoffnung auf das Kommen des Menschensohns und das Ende von Unrecht und Gewalt gestärkt sowie sich der Umkehrpredigt Johannes des Täufers gestellt. Nun wendet sich die Liturgie langsam dem ‚freudigen Ereignis’ des Festes der Geburt Jesu als seines ersten Kommens zu. Unter diesem Aspekt sind die Texte der Liturgie zu verstehen.

 

 

zu Zefania 3 (kath. 1. Lesung)

 

Exegetische Aspekte

 

 

 

Im Mittelpunkt der Ersten Lesung aus dem Propheten Zefanja steht der auch aus der Musik bekannte Freudenruf „Juble, Tochter Zion!“ (3, 14) Und die Botschaft, die damit eingeleitet wird, ist in der Tat eine ‚Frohe Botschaft’, weil sie das Ende des Unheils und den Beginn der Rettung verkündet. Dies wird möglich, weil Gott als Retter zur Mitte des erneuerten Jerusalems wird. Diese auf den ersten Blick so harmlos und erbaulich klingende ‚Frohe Botschaft’ enthält aber eine außerordentliche Brisanz, wenn sie in ihrem textlichen und politischen Kontext gehört wird. Ohne diesen Kontext wird der Grund des Jubels kaum fassbar. Damit droht er zu einer Art banaler Lebensfreude zu verkommen. Leider lässt die auf die Verse 14-17 beschränkte Textauswahl den Grund des Jubels nicht erkennen. Deshalb wäre es umso wichtiger, die Kontexte des Jubels deutlich zu machen.

 

 

 

Textlicher Kontext

 

 

 

Der für das Verständnis unbedingt notwendige weitere textliche Zusammenhang ist 3, 9-20. Gleich fünfmal taucht hier das Leitmotiv des Jubels auf: Gott ist in eurer Mitte. Was das für das Leben der Menschen bedeutet, macht der Text deutlich: Mit Gott wird Gerechtigkeit zur Mitte der Stadt (3, 5). Die „überheblichen Prahler“ werden „aus deiner Mitte“ entfernt (3, 11). Und „in deiner Mitte“ bleibt „übrig ein demütiges und armes Volk“ (3, 20). Nach dieser Veränderung der Mitte – oder auch in der ‚Mitte der Gesellschaft’ – ist „das Urteil“ gegen Israel „aufgehoben“ (3, 15). „Rettung“ kann Wirklichkeit werden (3, 17).

 

 

 

Voraussetzung der Rettung ist die Veränderung der Beziehung von Rand und Mitte. Solange die „Fürsten“ als „brüllende Löwen“ und die „Richter“ als „Wölfe der Steppe“ (3, 3) die Mitte der Stadt bilden, beherrschen Unrecht und Gewalt die Stadt. Dann werden die Armen und Gedemütigten an den Rand gedrängt. Wenn aber Gott zur Mitte der Stadt wird, ändern sich die Verhältnisse. Mit ihm werden die Ränder zur Mitte. Mit Gott tritt ein „demütiges und armes Volk“ in die Mitte (3, 12), und Täter von Unrecht und Gewalt werden entfernt. Mit dieser befreienden Umkehrung der Verhältnisse von Rand und Mitte beginnt die Rettung. Und genau das ist Grund zum Jubel.

 

 

Gesellschaftlicher Kontext

 

 

 

Der Prophet Zefanja wirkt vor dem Untergang Jerusalems. Seine Kritik zielt auf die Jerusalemer Oberschicht. Ihr wirft er Unterdrückung und Ausbeutung der Armen sowie die Hinwendung zu fremden Kulten vor. Beides kritisiert er als Abwendung vom Gott Israels. Die Folge kann nur das Gericht Gottes über sein eigenes Volk sein. Nur durch Umkehr zu einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Gewalt kann der Zusammenbruch verhindert werden.

 

 

 

Da die Umkehr ausbleibt, wird der Zusammenbruch mit der Zerstörung Jerusalems und der Deportation der Oberschicht nach Babylon Wirklichkeit; sie wird zum Tag des Zorns Gottes, zum dies irae. Die redaktionelle Bearbeitung der Texte Zefanjas im Exil oder kurz nach dem Exil macht nun deutlich: Die Ausbeutungs- und Machtpolitik der Oberschicht hat das Volk in den Ruin getrieben. Gott aber rettet den „Rest von Israel“ (3, 13). Dieser Rest ist „ein demütiges und armes Volk“ (3, 12). Die Rettung Israels ist nur möglich, wenn die Armen zur Mitte Jerusalems werden und sie als Lehrer von Recht und Gerechtigkeit Anerkennung finden. „Entgegen der verbreiteten Tendenz, ‚die Armen’ des Zefanjabuches als primär religiöse Kategorie (‚Armenfrömmigkeit’: die sich arm und demütig vor Gott fühlen) zu interpretieren, ist festzuhalten, dass hier die ökonomisch und gesellschaftlich Armen gemeint sind.“[1]

 

 

 

Rettung geschieht durch eine „machtpolitische Umkehrung ersten Ranges“[2]. Ränder und Mitte verändern sich. Die Mitte ist nicht mehr von denen beherrscht, die durch ihre Politik der Ausbeutung und Unterdrückung die Armen an den Rand drängen. Sie werden aus der Mitte entfernt. Statt ihrer rücken die an den Rand gedrängten und mit ihnen Gott in die Mitte. Jetzt ist Jerusalem „nicht mehr die Stadt, die von Gewalt, Unterdrückung, Lüge und Ausbeutung charakterisiert ist, sondern eine Stadt, in der Gott und seine Gerechtigkeit wohnen“[3]. Diese Veränderung ist der Grund des überschwänglichen Jubels und der Freude. Aus dem Tag des Zorns ist durch eine grundlegende Veränderung ‚in der Mitte’ der Gesellschaft ein Tag des Jubels geworden. Gaudete!

 

 

Verbindung zu den übrigen Texten des Sonntags

 

 

 

Die Ermutigung „Freuet euch!“ (Phil 4, 4) ist bei Paulus nicht Ausdruck erbaulich-vorweihnachtlicher Stimmung. Seinen Brief an die Philipper schreibt er nämlich aus einem römischen Gefängnis. Dort wartet er auf seinen Prozess, von dem er nicht weiß, wie er ausgehen wird. Dennoch erfährt er Freude als Befreiung. Diese Freude kennzeichnet er als „Freude im Herrn“ (4, 4). Wer „im Herrn“ ist, wer die Ankunft des Herrn erwartet, für den ist trotz aller Bedrängnis und Gefahr das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn mit seiner Ankunft wird die neue Welt Gottes Wirklichkeit, der Christen jetzt schon entgegengehen. Deshalb beten sie „Dein Reich komme.“ (Mt 6, 10) und „Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22, 20).

 

 

 

Auch die Predigt des Johannes (Lk 3, 10-18) will dem Herrn den Weg bereiten (Lk 3, 4). Alle Umkehrappelle sind Versuche, in einer aktuellen Situation zu konkretisieren, was es heißt, dem Reich Gottes entgegenzugehen. Wer umkehrt, findet sich mit der Welt, wie ist, nicht ab, sondern sucht nach neuen und rettenden Wegen – in der Hoffnung auf Gottes Alternative zu einer Welt der Ausbeutung, der Ausgrenzung und Zerstörung.

 

 

 

In diese Tonlage gehört auch Jes 40, 1-8. Der Trost wendet sich an die nach Babylon Verschleppten. Für sie ist die Geschichte des Volkes mit seinem Gott zu Ende. Alle Hoffnungen sind gescheitert. Aber wer einmal mit diesem Gott ‚im Bund’ war, hat offensichtlich ‚Ressourcen’, die ihm helfen, sich nicht einfach abzufinden und zu fügen. Er ahnt, dass es mit diesem Gott neuen Aufbruch und neue Befreiung geben kann.

 

 

Bedeutung für Ökologie und Nachhaltigkeit

 

 

 

Unsere Texte nehmen nicht ausdrücklich zu ökologischen Fragen Stellung. Es gibt aber untrennbare Zusammenhänge zwischen Armut und der Zerstörung der Schöpfung bzw. zwischen Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Armut kann z. B. durch Abholzung von Wäldern zu ökologischer Zerstörung führen. Gravierender aber ist der umgekehrte Zusammenhang. Wo Land durch großflächige und Unmengen an Wasser verschlingende industrialisierte Landwirtschaft zerstört wird, werden Armen der Raum und die Grundlage zum Leben genommen. Einer der wesentlichen Fluchtgründe sind ökologische Zerstörungen. Wo in der Stadt bzw. auf dem Globus Unrecht und Gewalt die Mitte bilden, wo die Produktion von Reichtum für Wenige und um seiner selbst Willen zur Mitte des Lebens werden, da werden Arme an den Rand gedrängt und gleichzeitig die Schöpfung zerstört. Wo im Interesse unkontrollierten Wachstums die Klimakatastrophe billigend in Kauf genommen wird, werden die Armen, die in den vom steigenden Wasser gefährdeten Gebieten leben, als erste in die Flucht getrieben oder schlicht überflutet. Wo es um die Vermehrung des Reichtums um seiner selbst willen und ohne Rücksicht auf Verluste geht, sind das Leben und die Grundlagen des Lebens bedroht.

 

 

 

Die Veränderungen zwischen Rand und Mitte, die Zefanja bejubelt, könnten sich auch für die sich zuspitzenden Probleme von Armut und Zerstörung der Schöpfung als rettende Perspektiven erweisen. Die Mitte einer Gesellschaft kann nicht die Produktion des Reichtums um seiner selbst willen sein, sondern eine Produktion im Dienst des Lebens. Dies wäre eine Produktion, die im Dienste menschlicher Bedürfnisse steht. Da kommen diejenigen, die Bedarf an überlebenswichtigen Gütern haben, zuerst. Wo das Leben im Mittelpunkt steht, wird selbstverständlich auch darauf geachtet, dass die Grundlagen des Lebens - auch die kommender Generationen - nicht zerstört werden. Und theologisch gilt: Wo Armut und Unrecht überwunden werden, wird Gott zur Mitte der menschlichen Gemeinschaft. Wo Arme zu Lehrern der Gerechtigkeit und der Bewahrung des Lebens werden, können rettende Wege der Umkehr und der Umkehrung von Rand und Mitte gegangen werden – dem kommenden Gott entgegen.

 

 

 

Und nicht zuletzt: Die im Advent gestärkte Hoffnung auf das Reich Gottes kann uns lehren, uns nicht einfach abzufinden und anzupassen. Die Welt muss nicht bleiben, wie sie ist. Das bezeugen Jesaja und Zefanja ebenso wie Paulus und Johannes. Sich darin bestärken zu lassen, ist Trost und Freude zugleich.

 

Herbert Böttcher, Koblenz

 

 

[1] Erich Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart/Berlin/Köln 2/1996, 422.

 

[2] Ebd.

 

[3] Ulrike Bail, Das Buch Zefanja oder: Das dreifache Jerusalem, in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker, (Hg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 359-365, 363.

 

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