Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

22.10.06 - 29. Sonntag im Jahreskreis / 19. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Jak 5, 13-16

Jes 53, 10-11

Hebr 4, 14-16

Mk 10, 35-45 oder kurz
Mk 10, 42-45

 

Der Verfasser geht nur auf den Text der ev. Reihe IV ein, die einführenden Worte unter „1.“ sind daher für katholische Predigende vielleicht ungewohnt. Stichworte (e): Kranke und Krankheit, Gentechnik, Einheit von Geist, Körper und Seele, soziale Ungerechtigkeit, Lebensstil; (k): trotz der Versuchung nicht sündigen (Hebr.), Rolle des Herrschers als falsches Ziel (Mk)

 

1.

Der Gottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis kreist um die Themen Krankheit und Gesundheit, Heil und Heilung. So auch der Wochenspruch: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“(Jer. 17, 14) und der Leitvers: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“(2.Kor.6,3).

Die Perikope bildet den Abschluss einer Zusammenstellung weisheitlich geprägter, paränetischer Texte. (In ihrer Mitte die bekannte Verbindung von Glaube und Werk, die den Brief für Luther unter den Verdacht der Werkgerechtigkeit fallen und zur „strohernen Epistel“ werden ließ).

2.

Im Zentrum steht der Umgang mit Kranken in der Gemeinde. Gebet und Salbung durch die Ältesten spiegeln urchristliche Praxis (sonst nur noch in Mk. 6, 13, wo die ausgesandten Jünger durch Krankensalbung heilen). In jesuanischer Tradition wird Krankheit nicht als Strafe Gottes verstanden. Sündenvergebung ist nicht notwendiger Weise Voraussetzung von Gesundung. Wenn auch klar ist, dass Sünde krankmachen kann. Ausdrücklich beten vielmehr „Gesunde“ und „Kranke“ um Vergebung (Vers 16).

Der „Gebetsoptimismus“ gipfelt in Vers 16b: „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“

3.

Die Wiederentdeckung des ganzheitlichen Aspekts von Gesundheit und Krankheit widerspricht einer mechanistisch-technischen Sicht des menschlichen Körpers, der bei „Fehlfunktionen“ medikamentös und operativ, unter Verwendung eines immer besser sortierten – auch gentechnisch ergänzten – Ersatzteillagers ungestraft repariert werden könne. Die perverse Zuspitzung: Die Vision eines geklonten Substitutes gibt dem (Alb-)Traum von Unsterblichkeit neue Nahrung.

Die Vorstellung von Einheit von Geist, Seele und Körper dagegen hilft, auch tiefere Dimensionen von Krankheit, Unwohlsein, „sich-schlecht-fühlen“ besser zu verstehen. Insbesondere, da Menschen in gesundheitlichen Krisen oft existenzielle Bedrohung erleben, erneut Lebens- und Sterbensfragen und damit auch religiöse Fragen viel stärker empfinden. (Viele Gemeinden beantworten ein stärker gewordenes Bedürfnis nach ganzheitlich erfahrbarem „Heil“ mit Segnungs-, Heilungs- und Salbungsgottesdiensten).

4.

Eine Predigt wird sicherlich individuellem Leid seelsorglich begegnen. In der urchristlichen Gebets- und Salbungspraxis schimmert aber auch die soziale Dimension des Umgangs mit Krankheit mit. Krankheit war keine Privatsache. Wenn Kranke – nicht nur summarisch, sondern namentlich – auch mit ins gottesdienstliche Gebet aufgenommen werden, dann werden die ausgrenzenden und isolierenden Folgen von Krankheit aufgehoben, Gebet konkret und Verantwortung füreinander geweckt.

5.

Die Kehrseite eines Lebenstils der bodybuilding-gestylten Fitness- und Wellness-Astralkörper, der magersüchtigen und schönheitschirurgisch veredelten Popikonen, der jugendliche Spannkraft und fortwährende Leistungsfähigkeit im rasanten Wettbewerb flotter Sprüche und innovativer Ideen fordert, ist eine krankmachende Gesellschaft, in der Menschen und Mitwelt allzu oft auf der Strecke bleiben. Ist eine Gesellschaft nicht krank, die einerseits die Leistungsfähigkeit derer, die Arbeit „besitzen“ auslaugt bis sie dann krank werden, aber andererseits mit unverhohlenem Zynismus bekundet, das Millionen Arbeitslosengeld-II-Bezieher mehr oder weniger nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar und also überflüssig sind? Und das angesichts der Tatsache, dass die privaten Vermögen derer auf der Sonnenseite des Lebens ins Astronomische steigen.

6.

Krisen sind Chancen auf sein / ihr Inneres zu hören. Zu entdecken, dass wir mehr sind als die Summe bio-chemischer Prozesse und hirnorganischer Funktionen. Wir sind Leib, Körper und Seele. Und wir sind Teil einer Schöpfung, ein Teil im Gewebe des Lebens. Deswegen macht es Sinn auch gegen einen als übermächtig empfundenen – die Erde und Menschen krankmachenden – Lebensstil anzubeten und anzukämpfen, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln, der Hoffnung wachsen lässt und Mut macht. Gebet ist ein Anfang für Hoffnung, Gebet ist Klage über Unrecht, Gebet lässt Wut heraus, Gebet ringt mit Gott, auch mit seinem Schweigen. Gebet lässt auch die Schwester des Glaubens, den Zweifel, zu Wort kommen. Gebet macht lebendig. Es hilft uns, Heil zu erleben auch in einem gebrochenen Leben, Krankheit und Tod nicht auszuschließen, sondern als dazugehörig zu empfinden. Es öffnet uns für die Ganzheit des Lebens.

Hartmut Schneider, Solingen

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz