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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

10.09.06 - 23. Sonntag im Jahreskreis / 13. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

1. Mose 4, 1-16a

Jes 35, 4-7a

Jak 2, 1-5

Mk 7, 31-37

 

Betrachtet werden der Text der ev. Reihe IV und alle drei Texte des katholischen Lesejahrs „B“ - dabei besonders das Evangelium! Stichworte (e): auch Andersdenkende, Schwächere (= weniger Mächtige) sind Brüder und Schwestern, wir haben Verantwortung (k): soziale Gerechtigkeit, Wahrnehmen von Armut, Kirche des Mittelstands, Heilen als Eingliederung in die Gemeinschaft, „to heal“ – „to cure“

Der Sonntag liegt in der festlosen Zeit des Kirchenjahres. Für das Lebensgefühl vieler Menschen, auch in unseren Gemeinden, ist bestimmend, dass in den meisten Bundesländern die Sommerpause - die großen Ferien - vorbei ist; man plant und organisiert für das kommende (Halb-)Jahr: Wie können wir einladende, Gottes Liebe bezeugende, missionierende Gemeinde sein?

Der Predigttext der evangelischen Reihe IV: Genesis 4, 1-16

Kains Brudermord

Die Geschichte von Kain und Abel kennt (fast) jeder, und zahlreich sind ihre Auslegungen. Mit vielen sehe ich in dieser Erzählung eine potenzierte Sündenfallgeschichte: Es geht auch hier um die Beziehung des Menschen zu Gott. Kain will sein wie Gott, allein deutend, allein erklärend, allein bestimmend, allein entscheidend. Unter Geschwistern gibt es Differenzen und Schwierigkeiten, das ist normal. Und diese Konflikte sind nicht nur Folge menschlichen Versagens, sondern haben ihren Grund auch in unterschiedlichen Begabungen und Interessen.

Kain und Abel - zwei Brüder, die zwei Welten repräsentieren:

Kain, der Ackerbauer: Zupackend, Welt gestaltend, Kultur bildend, selbstbewusst, ein tatkräftiger Mann. Abel dagegen, der Hirte, steht im Schatten des großen Bruders. Der Name wird nicht erklärt, doch es gibt ein gleich lautendes Wort, das „Hauch“, „Nichtigkeit“ bedeutet: Abel, ohne große Chancen, fast logisch, dass er zum Opfer wird.

Die Geschichte spiegelt den „Sieg“ der Agrarkultur, der Kultur der Sesshaften, über das Nomadentum.

Hier - auch wenn es nicht das theologische Herzstück dieser Perikope ist - sehe ich eine Parallele zu unserer Zeit: Die dynamische Kultur der Europäer und Amerikaner mit ihrer technisch-wissenschaftlichen Welt-Bemächtigung, macht die Kulturen anderer Völker einfach platt - im Namen einer alles dominierenden Zivilisation und ihrer Wirtschaftskraft.

Wo ist dein Bruder Abel? Die Frage betrifft jeden. Wir sind - ohne unseren Willen - verflochten in Prozesse, in denen die heute lebenden Abel beiseite geräumt, enteignet, umgebracht werden.

Beispiel: Auftragsmorde an Sprechern der Landlosen-Bewegung in Brasilien, Nachhaltige Zerstörung von Regenwäldern für das Profitinteresse global agierender Papier- und Holzkonzerne, Ausbeutung von Bodenschätzen ohne Rücksicht auf Wasser, Luft und Erde.

Beispiel Biopiraterie: Wirtschaftsunternehmen der Industriestaaten enteignen indigene Völker und lassen Gen-Sequenzen, pflanzliche Wirkstoffe (Neembaum in Indien), ja sogar Kulturpflanzen (Reissorten) „patentieren“. Schriftlose Volksstämme gelten als „Nichtse“, Völker, die grundbuchgesichertes Privateigentum nicht kennen, werden kaltschnäuzig über den Tisch gezogen und enteignet.

Wo ist dein Bruder Abel? Eine rotzige Antwort, wie sie Kain gibt: „Soll ich etwa den Hirten hüten?“ geben auch die Vertreter mächtiger Konzerne: „Wir haben mit dem und dem Stamm / Volk / Stammeshäuptling einen Nutzungsvertrag geschlossen“ Hier ist er! (Denn wir bestimmen, was recht und billig ist.)

Wir müssen Verantwortung übernehmen - für Abel. Verantwortlich sind wir auch gegenüber der Schöpfung als Ganzes. Uns wird immer deutlicher, wie gefährdend und zerstörerisch unsere Kainskultur, unsere Habenwollen-Kultur ist.

Wo ist deine Schwester Erde? Wo ist dein Bruder Wasser? Wir sind verantwortlich für die Umweltzerstörung, die in ihrem Ausmaß die Folge unserer Zivilisation und unseres Lebensstils ist - letztlich auch unseres Wissens und Besserwissens (Die Geschichte von Kain und Abel ist eine Fortsetzung der Sündenfallgeschichte: Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.) Wie immer die Schuld Kains zu erklären ist (als Wille zur Macht, als Nicht-Teilen-wollen, als Sein-wollen-wie-Gott), er muss die Verantwortung übernehmen und tragen (=Kainszeichen).

In diesem Text ist die soziale Dimension der Sünde im Blick: Menschen sind Geschwister und Rivalen. Das sind konfliktträchtige Beziehungen, an denen wir arbeiten und sozialverträgliche Lösungen finden müssen.

Konkret und aktuell: Wir sind für die Integration der Kinder von Einwanderer-Familien verantwortlich: Es gehört zu unseren Aufgaben, den Immigranten „geschwisterliche“ Personen an die Seite zu stellen, mit denen sie die Spielregeln unseres gesellschaftlichen Umgangs lernen können. Wir müssen auch für Räume sorgen, in denen sich junge Menschen entfalten können, und diese auch befähigen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen: Ich bin verantwortlich für mich und mein Leben, für den Lebensbereich, in dem ich agiere und leide und hoffe.

Wir sind verantwortlich für das, was wir den Brüdern und Schwestern antun, und müssen die Folgen tragen. (s. a. Nachtrag J. Zink unten)

Die erste Lesung: Jesaja 35, 4-7a

Im 20. Jahrhundert haben Futurologen und Ideologen uns vor Augen gestellt, dass wir Menschen des wissenschaftlich-technischen Zeitalters Träger und Produzenten einer „schönen neuen Welt“ sein können. Und wir haben tatsächlich große Fortschritte hin zu einem besseren, leidärmeren Leben gemacht. Das will ich nicht madig machen - auch wenn heute manche Errungenschaft durchaus ambivalent zu sehen ist. Aber: Was sollen wir heute mit diesem Wort des Propheten Jesaja und seinen apokalyptischen Ansagen machen?

Die darin vorgestellte „schöne neue Welt“ ist verbunden mit dem Erscheinen Gottes, seiner Rache und seinem vergeltendem Gericht - für viele Hörer nicht nur eine irritierende Nachricht, sondern auch eher ein Verweis in eine ferne Zukunft: „am Ende der Geschichte“, „am Jüngsten Tag“ - Das macht die Frage noch schwieriger.

Was haben wir Prediger als Hoffnung den Mutlosen zu sagen? Sollen wir - mit Jesaja - die Menschen ermuntern, ihren Alltag an den Verheißungen Gottes aufzurichten?

Jeder kennt Menschen in seiner Gemeinde, die zermürbt und isoliert sind durch persönliche Schicksalsschläge, durch Krankheit und Arbeitslosigkeit. Andere fühlen sich ohnmächtig und ausgeliefert den entfesselten Kräften einer globalisierten Wirtschaft und ihrer hemmungslosen Zerstörung der Natur und unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Noch einmal: Was bedeuten uns die Verheißungen des Jesaja? Auch wenn alle unsere Bemühungen für eine bessere Welt „im Sand verlaufen“, werden Gottes Verheißungen nicht hinfällig: „Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen.“ (V. 7) An dieses starke Bild will ich mich halten, denn ich sehe keine Alternative - außer einer Haltung des Nihilismus oder Zynismus.

Christlicher Optimismus plustert sich nicht frech auf beim Bekennen christlicher Grund-Sätze und -Hoffnungen; sondern christlicher Optimismus ist verbunden mit Bescheidenheit und Zurücknahme, ist getragen von humilitas, Demut. (In einem Gespräch über Naziterror und Judenverfolgung fragte man einen Rabbi: „Wie kannst du nach dem, was an uns geschehen ist, noch an Gott glauben?“ Die Antwort des frommen, in der Spruchweisheit des Alten Testaments und in der chassidischen Mystik aufgewachsenen Weisen bestand aus der Gegenfrage: „Wie kannst du nicht an Gott glauben nach dem, was geschehen ist?“ [abgedruckt bei Josef Sudbrack, Beten ist menschlich, Freiburg/ Basel/ Wien 1981, S.15])

Hoffnung, die uns trägt, muss über unsere alltägliche Realität hinausgreifen.

Die Vision von einer schönen neuen Welt rechnet mit dem Erscheinen Gottes. Deshalb beten wir im Vaterunser: ... Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. ...“ (s. a. Nachtrag „weltlicher Handlungsauftrag“)

Die zweite Lesung: Jakobus 2, 1-5

Der Textabschnitt aus dem Jakobusbrief bietet keinen pointierten Bezug zur „Nachhaltigkeit“, auch wenn das Thema „soziale Gerechtigkeit“ eine zentrale Rolle spielt. Deshalb nur ein paar Stichworte:

Der Glaube an Jesus ist unvereinbar mit Diskriminierung der Armen. Denn Gott hat die Armen erwählt - das ist das Grunddatum des Evangeliums. Aber das wiederum bedeutet auch nicht ansatzweise eine Glorifizierung der Armut. Armut riecht nicht gut. Armut lässt Menschen verkommen, zersetzt ihre Moral, ihr Selbstwertgefühl, ihre Würde. Die Kirchen in Deutschland sind - trotz anders lautenden Beteuerungen - Gruppierungen des Mittelstands. Materielle Armut ist den meisten Gemeindegliedern persönlich fremd, auch wenn die älteste Generation sich noch an das Elend der letzten Kriegsjahre und der ersten Zeit danach erinnert.

Andere Definitionen von Armsein sind allen Gemeindegliedern verständlicher und näher: „Arm dran“ ist, wer durch negative Vorurteile belastet ist. Arm ist, wer das Stigma des Absonderlichen trägt. Arm ist, wer behindert ist.

Woher stammt unsere Neigung, auszugrenzen, unsere Tendenz zur Diskriminierung von Armen? Woher stammen unsere Vorurteile?

Wir neigen dazu, das Prestige, die Würde eines Menschen von seinen materiellen Erfolgen, von seiner psychischen Gesundheit und von seiner gesellschaftlichen Position abzuleiten.

Aber: Wir verdanken alle unsere Würde dem Ja Gottes!

Zu unserem Menschsein gehört die Endlichkeit. Sie wahrzunehmen, kann mich traurig machen. Aber ich kann auch lernen, mich als Teil des Lebensstromes zu begreifen - und mich zu bemühen, im Leben anderer Menschen vorzukommen, als Freund, als Genosse (mit dem ich zusammen genieße!) als jemand, der Rat braucht und Unterstützung.

Evangeliumslesung: Markus 7, 31-37 (Heilung eines Taubstummen)

Das Heilungswunder, von dem hier erzählt wird, zeigt in seiner Textgestalt das klassische Schema synoptischer Heilungsgeschichten: Nach der Begegnung mit dem Kranken und einer Bemerkung über Art und Schwere der Erkrankung folgen die Heilung durch eine Manipulation und ein Wort Jesu. Die Perikope stellt Jesus als den Heiland heraus: V. 37: „Er hat alles gut gemacht.“

Das Heilungswunder selbst ist wenig spektakulär - verglichen mit dem, was von Wundertätern z. Zt. Jesu erzählt wird, als auch, was die moderne Medizin heute an wunderbaren Heilungen zu leisten vermag. Interessant aber ist bei der Heilungsgeschichte die Frage: Was ist das Besondere an dem Heilshandeln Jesu und dem Heilwerden des Taubstummen? Bzw.: Was will Markus über das Heilen Jesu vermitteln?

Jesus nimmt den Behinderten beiseite, wendet sich ihm unter vier Augen zu. Manches Heilwerden ist ein intimer Prozess; manche Therapien funktionieren nicht vor Zuschauern. Jesus will den Ausgesonderten wieder in die Schöpfung, in die Gemeinschaft einordnen, ihn wieder kommunikationsfähig zu machen - zum Lobe Gottes. Heilwerden ist nicht in erster Linie ein medizinisches Problem, eine physische oder psychische Instandsetzung, sondern hat eine zutiefst soziale und spirituelle Dimension.

Für Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika ist es selbstverständlich, dass für Gesundheit und jede Form von Heilung die Gemeinschaft wichtig ist; und für sie ist es ebenso selbstverständlich, dass Heilung und Gesundheit eine spirituelle Dimension haben.

Während sich in den USA Wissenschaftler mit der Frage beschäftigen, welchen (positiven) Einfluss Religiosität und Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft auf die Gesundheit haben, sind wir in Europa diesbezüglich sehr zurückhaltend. Unsere Skepsis wurzelt vor allem in unserem naturwissenschaftlich geprägten Denken: Wir beschränken uns darauf, Heilung in erster Linie zu verstehen als Beseitigung und Aufhebung körperlicher und seelischer Defizite. Im englischsprachigen Raum dagegen unterscheidet man zwischen „to heal“ und „to cure“. To heal ist mehr als das Beseitigen von Gebrechen.

„Heilung - im erweiterten Sinne - geschieht zum Beispiel gerade auch dann, wenn es durch die Erfahrung eines tragenden Netzes der Gemeinschaft und des Gebets von Mitmenschen einem medizinisch unheilbar kranken Menschen möglich ist, sich mit seiner Krankheit, mit seinen Mitmenschen und mit Gott auszusöhnen.“ (aus: Beate Jakob, Kirche als heilende Gemeinschaft, in: Ökumenische Rundschau 2, 2005, abgedruckt in einer Beilage der Mitteilungen des DIFÄM, Deutsches Institut für Ärztliche Mission)

Und noch ein Gesichtspunkt scheint mir wichtig zu sein: In der biomedizinischen Forschung und Therapie gibt es Tendenzen zur Maßlosigkeit, und ich frage mich, welchen Sinn dieses Treiben hat: Zwei Beispiele:

Eine Bekannte erzählte mir, dass ihr Sohn, ein begabter Biophysiker, hoch bezahlt an einer Universität in Asien forsche. Er arbeite in einem Team, das herausfinden solle, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln unser menschliches Leben verlängert werden könne. Meinem Einwand, dass ich das - ehrlich gesagt - für pervers hielte, widersprach sie zwar nicht, fügte aber hinzu: Für solche Forschungsvorhaben stünden immense Mittel zur Verfügung. Ein Teil der biochemischen Forschung zielt auf eine ganz neue Schöpfung: Gen-Manipulation etc., beseelt von dem Glauben: Wir wollen alles noch viel besser machen und können auch vieles viel besser. Und die Geldgeber bestimmen die Forschungsinhalte - entsprechend ihren Interessen.

Das andere Beispiel: Eine 92-jährige fromme Frau, die krebskrank ist und zu Hause von ihrer Tochter liebevoll und umsichtig betreut wird, wünscht sich einen gnädigen Tod. Sie erleidet einen schweren Schlaganfall. Trotz der dringenden Bitte der Tochter, an der Mutter keine Maximaltherapie zu exekutieren, tun die Ärzte alles, um die Frau zu retten. Die alte Frau lebt dann noch zwei Jahre - halbseitig gelähmt und völlig ans Bett gefesselt in einem Pflegeheim.

Natürlich soll hier der Tod nicht als „Erlösung“ schön geredet werden, aber die immer noch häufige entschlossene Ausgrenzung des Sterbens aus dem Bewusstsein und Handeln der Ärzte und deren Unfähigkeit zur Sterbebegleitung ist ein Ärgernis. (In der gegenwärtigen Ausbildung der Mediziner scheint dieses Tabu endlich aufgebrochen zu werden.) Statt des Lobpreises Jesu „Er hat alles gut gemacht“ haben wir die Tendenz: Wir wollen es besser machen. Und gewiss gehört es zu den großen Erfolgen der Medizin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass sie exzellente Schmerzmittel bereitstellen kann. Aber die Bedeutung, die der Krankheit und ihrer Bekämpfung in heutiger Zeit zugemessen wird, ist nach wie vor fast ausschließlich auf das „to cure“ - auf das Beheben von Defiziten - fokussiert, das Vertrauen in das „to heal“ durch Wort und Sakrament und durch Integration in die Gemeinschaft müssen wir wohl noch mehr einüben. Das Sakrament der Krankensalbung gehört hier her, und auch die Hospizbewegung ist dazu ein Anfang. Wir sollten als Prediger grundsätzlich im Blick behalten, was der Theologe Eugen Biser so formuliert: „Empfänglich für die christliche Botschaft ist heute nicht mehr der Mensch in seinem Sündenbewusstsein, sondern der Mensch in der Heillosigkeit seiner ganzen Existenz mit seinem intensiven Bedürfnis nach Heilung.“ (abgedruckt in der o. a. Beilage des DIFÄM)

H. Jürgen Döllscher, Leverkusen

Nachtrag zu Kain und Abel

Frage: Wie kann der Gedanke abgewehrt werden, daß die Zeit eben weiter geht, das Seßhafte das Nomadentum "evolutionsgemäß" verdrängt? Woraus leitet sich das Recht Adams aus der Bibel ab, sich gegen den Trend zu stellen? Antwort: Jörg Zink entfaltet in einer Meditation seines Büchleins „Zwölf Nächte, Was Weihnachten bedeutet“ (Herder Verlag, Freiburg / Basel / Wien, 8.Aufl. 2000, S. 60-62) die Geschichte und theologische Differenz zwischen Sesshaftigkeit und Unterwegssein:

„Jahrtausende hindurch zogen die Völker des südwestlichen Asiens in unendlichen Wellen von Land zu Land, von Weideplatz zu Weideplatz. Sie zähmten ihre Weidetiere, sie erfanden ihre Werkzeuge, sie bauten die ersten Siedlungen, säten das erste Getreide, gruben Kanäle in die trockene Erde der großen Flußtäler des Euphrat oder des Nil, gründeten die ersten Städte, errichteten ihre Heiligtümer auf Terrassen oder Stufentürmen, bildeten ihre ersten Erfahrungen mit Gott in den Gestalten ihrer Götter und Göttinnen ab, überlieferten die Geschichte ihrer Helden und ihrer Ahnfrauen an ihre Kinder und gewannen die Höhe erster großer Kulturen.

Der entscheidende Einschnitt im Hin und Her der wandernden Völker war der Augenblick, in dem sie begannen, Getreide anzusäen und zu ernten. Sie nahmen Boden in Besitz und sperrten ihn ab gegen andere Sippen. Sie bauten Dörfer, schließlich Städte, gründeten Staaten, stellten stehende Heere auf. Es entstand die Lebensform des Bauern neben der Lebensform des Nomaden, der mit seinen Tieren von Land zu Land zog. Und es entstand der große Gegensatz, der darin lag. Was den wandernden Hirten unvorstellbar war: Der fruchtbare Boden war plötzlich nicht mehr frei zugänglich. Er war gesperrt. Dort saßen Leute, die den Weidesuchenden zurückwiesen, wenn er aus der Wüste kam. Kain, der Ackerbauer, und Abel, der schafzüchtende Nomade, traten einander gegenüber. Nicht der Böse und der Gute, sondern der seßhafte und der wandernde Mensch. Und Kain schlug seinen Bruder Abel tot.

Im Laufe der Jahrtausende lernten die beiden miteinander zu leben. Bis zum heutigen Tag gilt das uralte Gesetz des Weidewechsels. Im Herbst, wenn die Regenzeit kommt und die Randgebiete der Wüste blühen, pendeln die Hirten in die Wüste, und die Bauern säen ihr Getreide. Im Frühjahr, wenn die Hitze und die Trockenheit kommen, ernten die Bauern ihre Felder ab, und die Hirten pendeln ins Ackerland, weiden die abgeernteten Felder vollends ab, und die Herden düngen die Felder. Das System galt schon Jahrtausende vor Abraham, und es hat sich bis heute bewährt. Denn es verhindert den Mord des Kain an Abel.

Kain wird Abel gegenüber immer der Stärkere sein. Die Bauern leben in Dörfern oder Städten zu Tausenden. Die Nomadenfamilien bestehen in der Regel aus wenigen Dutzend Leuten, denn die Wüste gibt immer nur Wenigen Gras und Wasser. Wenn also Abel hereinpendelt ins Kulturland, hat er keine Chance, sich gegen Kain, den Bauern, zu behaupten. Und wenn es dann geschieht, wie unsere Geschichte sagt, daß sie miteinander auf dem Felde sind, dann erhebt sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlägt ihn tot, und das ist gewiß unendlich oft geschehen.

Die Geschichte hat ihre Bedeutung durch die Jahrtausende behalten. Es gehört zu den Grundlagen der biblischen Gottesvorstellung, daß Gott nicht auf der Seite der Mächtigen sei, sondern der Wehrlosen. Nicht auf Seiten der Seßhaften, sondern derer, die unterwegs sind. Die Urfigur unter den Vorfahren Israels war der wandernde Abraham, das Grundsymbol für das ganze Volk war die vierzigjährige Wanderung durch die Wüste. Die Propheten wiesen das seßhafte Volk immer und immer wieder auf seine nomadische Zeit hin, die eigentliche Zeit seines Glaubens.“

Nachtrag Jesaia 35

Frage: Wie stehen Ihre Gedanken in Bezug zu einem weltlichen Handlungsauftrag im Sinne von Nachhaltigkeit? Antwort: Ich kann weder rational begründen noch plausibel erklären, dass die Zukunftsansage Jesajas realistisch ist. Der christliche Glaube versucht, die Welt, die Wirklichkeit im Licht des prophetischen (Gottes-)Wortes zu sehen. Er traut dieser - transsubjektiven, durch unsere Väter und Mütter im Glauben bezeugten - Bestimmung der Wirklichkeit. Es gilt: "Der christliche Glaube ist seinem ganzen Wesen nach der Welt verbunden, in der die Vernunft sich orientiert. Das schließt ein Ja zu dieser Welt ein, und mit diesem Ja steht der christliche Glaube im Gegensatz zu allen Tendenzen der Mythisierung und Remythisierung der Welt oder zu gnostischer Weltflucht." (Prof. Johannes Fischer, Thesen zur Christologie, Vorlesung Wintersemester 1994/95, Universität Basel). Denn diese Welt ist und bleibt Gottes Schöpfung, die Er nicht fallen lässt. Ich denke, im Glauben die Balance zu halten zwischen Mythisierung von "Mutter Erde" und gnostischer Geringschätung der "Materie", das ist unsere tägliche Aufgabe.]

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