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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

1.10.06 – Erntedankfest / 26. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

1 Tim 4, 4-5

Num 11, 25-29

Jak 5,1-6

Mk 9, 38-43.45.47-48

 

exegetische Hinweise

ev. Predigttext: 1 Tim 4, 4-5

Im ersten Timotheusbrief, aus dem der Predigttext für die evangelischen Kirchen stammt, finden wir eine differenzierte Betrachtungsweise des Themas Reichtum.

Die Frage, die sich durch den ersten Timotheusbrief zieht, lautet: Wie sollen die Christen zu ihrem Reichtum und ihrem Besitz stehen? Wie geht man mit der Tatsache um, dass neue Gemeindeglieder (die Neugetauften) aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen? Wird man den Menschen und der Wirklichkeit, in der sie leben, gerecht, wenn man einfach die Reichen verdammt und die Armen selig preist? Der Timotheusbrief bemüht sich um eine soziale Ethik. Er bemüht sich darum, die soziale Situation aller Gemeindeglieder wahr- und ernstzunehmen. Dabei hat er auch die Gefahren des Reichtums im Blick und benennt die Habsucht als Wurzel aller Übel: “Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet” (1 Tim 6, 10).

Am Ende des 1. Timotheusbriefes wird der Blick auf die Möglichkeiten gelenkt, die Reichtum und Besitz bieten. Die Reichen können mit ihrem Besitz wohltätig sein, Gutes tun und mit anderen teilen: “Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen. Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen” (1 Tim 6, 17 f.).

1 Tim 4, 1-5 wendet sich gegen Irrlehren, die die Heirat (damit verbunden die Sexualität) und den Genuss bestimmter Speisen verbieten (1 Tim 4, 1-3). Dem entgegen bekräftigt 1 Tim 4, 4-5 den Glauben an die gute Schöpfung Gottes. Der Mensch soll die Gaben, die Gott ihm schenkt, in Dankbarkeit annehmen. Nichts von dem, was Gott geschaffen hat, ist verwerflich. “Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet.” Das schließt die Leiblichkeit des Menschen (mit seiner Sexualität) ein.

 

kath. 2. Lesung: Jak 5, 1-6

Der Jakobusbrief ist im Stil alttestamentlicher Weisheitsliteratur geschrieben, d. h. er besteht aus Einzelsprüchen und Spruchsammlungen.

Bereits im ersten Kapitel seines Briefes gibt der Verfasser an, unter welchem Blickwinkel er das christliche Leben sieht. Das Christentum, das er vertritt, ist ein Christentum, bei dem Glaube und Tat Hand in Hand gehen. Das Hören des Wortes Gottes soll im Handeln der Christen seinen Ausdruck finden: “Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst” (1, 22).

Dem Abschnitt Jak 5, 1-6 geht ein Abschnitt voraus, in dem sich der Verfasser mit der weltlichen Gesinnung als Ursache aller Übel auseinandersetzt (4, 1-12). Ab 4, 13 geht er mit den Reichen ins Gericht (mit den Reichen der Gemeinde, die er vor Augen hat!?). An ihnen wird die Weltverhaftung am deutlichsten. Er wirft ihnen Hochmut und unsoziales Verhalten vor (vgl. 2, 5-7; 4, 13 – 5, 6). Sie leben, als ob es Gott nicht gäbe, als ob Jesus in seinem Reden und Handeln nicht die geltenden weltlichen Wertvorstellungen umgekehrt hätte: “Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreichs zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber verachtet den Armen.” (2, 5-6a).

Nach H. Frankemölle geht es in Jak 5, 1-6 “um die trügerische und begrenzte menschliche Autonomie - dargestellt am gefährlichen Leben der reichen Christen ... Denn die Kritisierten verhalten sich nicht nur so, als ob es kein Ende der Zeit für sie gäbe, als ob die Mitmenschen nur für sie und ihren Reichtum zu leben hätten, sondern Jakobus interpretiert dieses selbst-herrliche Verhalten theozentrisch, indem er ihnen vorhält, dass sie leben, als wenn es Gott nicht gäbe” (Frankemölle, H., Der Brief des Jakobus Kapitel 2-5 (ÖTK 17/2) Gütersloh 1994, 665).

 

Assoziationen zum Thema Reichtum / veränderte Haltung dem Reichtum gegenüber:

“Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Fast jeder kennt diese Aussage.) Das große Tier und das winzige Nadelöhr. Manche Auslegungen dieser Bibelstelle wollen das Jesuswort etwas erträglicher gestalten und weisen darauf hin, dass mit dem Nadelöhr vielleicht gar nicht das Öhr einer Nähnadel gemeint war. Sie verweisen auf die Stadttore der damaligen Zeit, die neben dem Haupttor noch kleine Durchgänge hatten, die für Fußgänger waren und die Nadelöhr genannt wurden. Durch diese Tore konnten die Kamele nur schwer durchkommen, aber es war nicht unmöglich. Manchmal wird auch darauf hingewiesen, dass diese Bibelstelle ganz anders übersetzt werden könnte. Nämlich: “Eher geht ein Tau, ein dickes Seil, durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.” Aber die meisten Bibelwissenschaftler bleiben beim Kamel als der zutreffenden Wiedergabe des Jesuswortes. Die Redewendung “Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ...” war zur Zeit Jesu durchaus ein gebräuchliches Bildwort, um darzustellen, dass eine Sache völlig unmöglich ist. Das zeigen auch verwandte Redewendungen, die dann an Stelle des Kamels einen Elefanten setzen.

Ich denke, man braucht eigentlich gar nicht zu versuchen, diese Aussage Jesu abzuschwächen. Jesus sagte diesen Satz ja nicht einfach so als allgemein gültiges Paradigma, das für jeden Menschen gilt, der auch nur ein wenig Besitz hat. Jesus sagte diesen Satz, nachdem ihn ein Mann gefragt hatte, was er tun solle, damit sein Leben gelinge. Dieser Mann hatte eine besondere Berufung. Für diesen Mann galt, dass er sich von seinem Besitz trennen sollte. Aber nicht deshalb, weil etwas zu besitzen allgemein schlecht wäre, sondern weil für diesen Mann der Besitz ein Hindernis zu einem gelungenen Leben war. Jesus hat den Besitz nicht grundsätzlich abgelehnt. Er selbst war kein Asket. Er hatte Freunde, die durchaus reich waren. Jesus wusste um die vielen guten Möglichkeiten von Geld und Reichtum. Jesus wusste aber auch, dass Besitz und Reichtum Fesseln anlegen können. Er wusste, dass die Sehnsucht, etwas zu haben, zur Sucht werden kann. Zur Habsucht. Die Sucht, mehr zu haben und immer mehr, kann den Blick vor den Sorgen der Mitmenschen verschließen. Und sie kann den Blick für das verschließen, was mein Leben wirklich gelingen lässt. Jesus wusste das und darum auch seine fast schon „brutale“ Aussage.

Der Aufruf Jesu zur radikalen Armut ist kein allgemeingültiges Gesetz. Nicht jeder hat diese Berufung. Entscheidend ist, immer wieder zu prüfen, wie sehr das, was ich besitze - und ist es noch so wenig -  mein Denken und Handeln beansprucht und gefangen nimmt. Oder, ob es mir den Blick versperrt, auf das, was in meinem Leben wirklich wichtig ist.

 

Assoziationen zum Thema Dankbarkeit:

Es sind nicht mehr viele Menschen, die in diesem Land beruflich auf die Landwirtschaft angewiesen sind. Aus dem Bereich der Landwirtschaft stammt aber das Erntedankfest. Traditionell dankt man an diesem Tag Gott für die gute Ernte, für Getreide, Gemüse und Obst, die das Land hervorgebracht hat. In unserer Gesellschaft, in der es alles in den Läden zu kaufen gibt, was man zum täglichen Leben braucht, vergisst man schnell, wie wenig selbstverständlich es ist, jeden Tag genug zu essen zu haben. Für die Mehrheit der Menschen bleibt dies aber ein unerfüllbarer Traum.

Das Erntedankfest beinhaltet nicht nur den Dank für die Erntegaben. Das Erntdankfest ist heute mehr ein Fest der Dankbarkeit überhaupt. Es ist ein Tag, an dem eine Besinnung über das, wofür ich dankbar sein kann, stattfinden kann.

 

Wie schnell kann man vergessen, für die Gesundheit zu danken. Es ist nicht weniger angebracht, für eine gute Beziehung zu danken. Wie viele eheliche Beziehungen sind krisenhaft, wie viele Menschen sehnen sich nach jemandem, der sie versteht, und bleiben doch einsam. Wie viele Eltern sind voller Sorgen über den Weg ihrer Kinder, und wie viele vergessen die Dankbarkeit, obwohl ihnen die Kinder keinen Anlass zu großer Sorge geben.

Es ist wohl gar nicht so leicht, die Dinge zu erkennen, für die man danken kann. Im normalen Leben überwiegt schnell die Unzufriedenheit oder der Ärger. Aber gerade weil es so schwer ist, diese Dinge zu erkennen, würde es sich lohnen, über das nachzudenken, wofür man danken kann. Dankbar sein können wir auch für alle technischen Errungenschaften unserer Gesellschaft. Auch wenn es für manche vielleicht banal klingt, für fließendes Wasser, den Strom aus der Steckdose, die Heizung, die uns im Winter nicht frieren lässt.

Dankbarkeit ist eine Haltung, die man einüben kann. Dankbarkeit einüben heißt zum Beispiel, nichts als selbstverständlich zu nehmen, sondern bewusst zu leben. Dankbarkeit einüben heißt, das tägliche Brot ehrfürchtig in den Händen zu halten, Freundschaften zu pflegen und sich um den anderen zu bemühen, denn es ist ganz und gar nicht selbstverständlich, vertraute Menschen zu haben.

Aus dieser alltäglichen Dankbarkeit erwächst Ehrfurcht vor Menschen und Dingen, Liebe zum Leben und zu dem, der alles mit so viel Liebe geschaffen hat. Dankbarkeit für das scheinbar so Selbstverständliche kann unseren Blick auch öffnen für das Leid und die Nöte der Menschen, denen es am Lebensnotwendigen fehlt.

 

Empfänger unbekannt - Retour à l´expediteur

Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse, für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

(Hans Magnus Enzensberger)

 

Predigtidee:

Es gibt in der Botschaft des Neuen Testamentes nicht nur die Verurteilung der Reichen und des Reichtums, wie wir sie aus den bekannten Aussagen der Evangelien kennen. Z. B. Mt 19, 24: “Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt”; oder Lk 6, 24: “Wehe euch, die ihr reich seid.”

Das Gesamt der neutestamentlichen Verkündigung ist weitaus differenzierter. So fordert Jesus nicht pauschal von allen Menschen ihren Reichtum aufzugeben. Nur einzelnen, die eine Berufung zur Armut haben, wird dies gesagt.

Das Thema Dankbarkeit bietet sich bei 1 Tim 4, 4-5 an.

Unter dem Aspekt “nachhaltig predigen” könnte man das Thema Dankbarkeit auch mit der differenzierten Sicht des Themas Reichtum im Timotheusbriefe kombinieren.

Den Predigttext 1 Tim 4, 4-5 würde ich in diesem Fall mit 1 Tim 6, 6-11.17-19 ergänzen.

 

In eine Gesellschaft hinein gesprochen, die so sehr vom Geld abhängig ist, wie unsere (“Geld regiert die Welt”), sind die Worte des Jakobusbriefes ungeheuer hart. Blickt man auf das Ganze des Jakobusbriefes, dann kann man dem Abschnitt etwas von seiner Härte nehmen. Es geht dem Verfasser nicht um eine grundsätzliche Verdammung des Reichtums. Es geht ihm vielmehr um eine veränderte Haltung dem Reichtum gegenüber, vor allem angesichts der herannahenden Endzeit. Worauf kommt es an, wenn wir am Ende auf unser Leben blicken? Reichtum, Besitz, weltliche Güter - wir können sie nicht mit ins Grab nehmen. Gott erwartet von uns Solidarität mit den Armen unserer Welt.

Auch hier bietet sich eine differenzierte Sicht auf das Thema Reichtum an.

Dr. Sabine Gahler, Weiterstadt

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