Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

24.09.2006 – 25. Sonntag im Jahreskreis / 15. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Gal 5, 25-26; 6, 1-3.7-10

Weish 2, 1a.12.17-20

Jak 3, 16 - 4, 3

Mk 9, 30-37

 

Der Verfasser betrachtet den Text der ev. Reihe IV und den der kath. Leseordnung zur 2. Lesung. Stichworte (e): Gutes tun für Mensch und Mitwelt, (k): Gerechtigkeit und Frieden und ihre Relation, intergenerationelle Gerechtigkeit

Stellung im Kirchenjahr

Im kirchlichen Kalender 2006 ist der 24. September von zwei Daten umgeben, die den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ins Blickfeld rücken. Am folgenden Sonntag thematisiert das Erntedankfest den vielfältigen Reichtum der Schöpfung, für dessen Erhalt der Mensch Verantwortung trägt. In die vorausgehende Woche fällt der 21. September, der 2001 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Friedens und der Gewaltlosigkeit erklärt wurde. Seit 2004 ruft der Ökumenische Rat der Kirchen dazu auf, den 21. September als Internationalen Gebetstag für den Frieden zu begehen und an diesem Datum oder dem folgenden bzw. vorangehenden Sonntag in besonderer Weise für den Frieden zu beten. (Materialien können im Internet heruntergeladen werden unter www.gewaltueberwinden.org.)

Gal 5, 25-26; 6, 1-3.7-10

Exegetische Überlegungen

Die christliche Gemeinde in Galatien ist Paulus nicht unbekannt, schließlich hat er selbst im Zuge seiner Missionsreisen maßgeblich zu ihrer Gründung beigetragen und sich bei einem Visitationsbesuch noch einmal von den dortigen Zuständen ein Bild gemacht. Umso beunruhigter ist der Apostel, als er von Entwicklungen erfährt, die im Widerspruch zu den zentralen Anliegen seiner Verkündigung stehen. Im Galaterbrief bezieht Paulus Stellung gegen ein „anderes Evangelium“, das versucht, den Christusglauben mit jüdischer und heidnischer Gesetzlichkeit zu verbinden. Er betont die Freiheit des Evangeliums, die es als Freiheit zum Dienst der Liebe durchzuhalten gilt gegen die Gefahr eines Rückfalls unter das Gesetz.

Gestalt und Gehalt des Predigttextes werden geprägt durch die innere Spannung der Kontrastbegriffe „Geist“ und „Fleisch“. Während die glaubende Hinwendung zum Geist Christi nachhaltig Liebe, Friede, Güte wirkt (5, 22), steht die Chiffre „Fleisch“ für eine Orientierung an der Welt, die sich der Eigengesetzlichkeit ihrer Lebens- und Herrschaftsmilieus unterordnet. Wer sein Leben durch den Geist Christi bestimmen lässt, wird aus Konkurrenzzwängen herausgeführt (5, 26); er ist der Herrschaft des Gesetzes nicht länger unterworfen und zum Tun des Guten an jedermann befreit (6, 10).

Assoziationen / ökologische Bezüge

1. Zum Tun-Ergehen-Zusammenhang (Gal 6,7)

„Was der Mensch sät, das wird er ernten.“ (Gal 6, 7) Ausgehend vom Denkmuster des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, das im Bereich alttestamentlicher Vorstellungen weit verbreitet ist, entfaltet Paulus die Aussage: Die Orientierung an Christi Geist der Sanftmut und Liebe führt zum Leben, das bleibt. Eine gedeihliche Zukunft wird dagegen „verdorben“, wo das Gesetz des Stärkeren regiert und die Sicherung von politischen oder ökonomischen Eigeninteressen rücksichtslos durchgesetzt wird. Unter dem Blickwinkel von Globalisierung und vernetztem Denken erhält die scheinbar selbstverständliche Bauernregel von der Saat, die die Ernte bestimmt, eine neue Dimension. Jedes Handeln zu Lasten der Mitwelt fällt auf den Menschen zurück: Die Pestizide, die exportiert werden, weil sie den hier geltenden Umweltschutzbestimmungen nicht genügen, kommen über schadstoffbelastete Lebensmittel aus Drittländern zu uns zurück. Eine Fleischproduktion, die Tiere zu beliebigen Objekten der Gewinnmaximierung macht, erhöht deren Anfälligkeit für Epidemien, die schließlich auch den Menschen bedrohen... Für eine bestandsfähige Zukunft steht demgegenüber ein sanfter Umgang mit der Mitwelt, der ihren Eigenwert respektiert.

2. Gutes tun für Mensch und Mitwelt (Gal 6, 9-10)

Gal 6, 10 wird gelegentlich als Empfehlung missverstanden, Taten der Güte und Hilfsbereitschaft sollten sich vorrangig an Angehörige der eigenen sozialen oder weltanschaulichen Bezugsgruppe richten. Gegen diese Engführung spricht, dass der Nachsatz „allermeist aber an des Glaubens Genossen“ seinen Sinn nicht als Einschränkung, sondern als Konkretisierung des zuvor Gesagten entfaltet: Die Aufforderung, an jedermann Gutes zu tun, wird erst dann zum glaubwürdigen Kennzeichen christlicher Lebenspraxis, wenn sie schon vor der eigenen Haustür, im eigenen Nahbereich Gestalt annimmt. Politisch gesprochen: So wichtig ein global zukunftsfähiges Engagement unserer Regierungsvertreter auf internationaler Ebene ist, so unverzichtbar bleibt zugleich unser sozial- und umweltfreundliches Handeln im eigenen Land. Zum Nutzen von „jedermann“ müssen beide Handlungsfelder einander entsprechen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Mit der Maxime „Gutes tun an jedermann“ greift Paulus den auch für Jesus wesentlichen (und gerade nicht auf „Glaubensgenossen“ beschränkten!) Grundsatz der Goldenen Regel auf: „Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Mt 7, 12 par Lk 6, 31) Albert Schweitzer hat den Bezugsrahmen diese Leitsatzes erweitert, indem er über die Mitmenschen hinaus die Mitwelt in den Blick nimmt: „Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt … Ehrfurcht vor dem Leben, die ich meinem Dasein entgegenbringe, und Ehrfurcht vor dem Leben, in der ich mich hingebend zu anderm Dasein verhalte, greifen ineinander über.“ (Kultur und Ethik, 1923)

Im Kontext der Schöpfungsbewahrung bleibt nicht nur der paulinische Appell gültig, Gutes zu tun an jedermann (einschließlich seiner Mitwelt, mit der wir alle vernetzt sind). Auch die befristete Perspektive, „solange wir noch Zeit haben“, hat in unserer Gegenwart eine neue Aktualität gewonnen. Als ökologisch-nachhaltige Entfaltung von Gal 6, 10 ist der Imperativ des Überlebens bedenkenswert, den wir dem Philosophen Hans Jonas verdanken: „Handle so, dass die Folgen deines Tuns mit künftigem menschenwürdigem Leben und Zusammenleben sowohl miteinander als auch mit der Mitwelt vereinbar sind!“ (zitiert nach: W. Bender / U. Gerber, Die selbstgestrickte Schöpfung, Stuttgart 1990)

Quellen:

Willi Marxsen, Einleitung in das Neue Testament, Gütersloh 1963

Horst Nitschke (Hg.), Gottesdienstpraxis 4. Perikopenreihe Band 4: Ergänzungsband Exegesen, Gütersloh 1987

Jak 3, 16 – 4, 3

Exegetische Überlegungen

Der Stellenwert des Jakobusbriefes im Kanon der neutestamentlichen Schriften ist immer wieder kontrovers beurteilt worden. In Luthers Augen etwa erschien der Brief als „stroherne Epistel“, die, statt zentrale Inhalte des christlichen Glaubens zu entfalten, einer Ethisierung des Evangeliums Vorschub leistet. Herder dagegen sah „in dem Stroh viel starke, feste, nahrhafte, nur unausgelegte unaufgetretene Frucht“. Ähnlich wie in den zurückliegenden Jahrzehnten die Theologie der Befreiung als Korrektiv einer sozial indifferenten Rechtgläubigkeit den Grundsatz des rechten Handelns (Orthopraxie) neu betonte, rief der Verfasser des Jakobusbriefes seine Zeitgenossen dazu auf, „Täter des Wortes“ zu sein (vgl. Kap. 1, 22). Er „will darauf hinweisen, dass christlicher Glaube lebendiger, tätiger, schaffender Glaube sein muss.“ (W. Marxsen) Eindringlich ermahnt er seine Leser, „in Solidarität die kirchliche und soziale Realität der anderen nicht aus den Augen zu verlieren“. (W. Schrage)

Der literarischen Eigenart des Briefes entspricht es, dass konkrete Angaben zum Schreibanlass und zur Lage der Adressaten unterbleiben. Als mahnende Lehrschrift (Paränese) aus der Spätzeit des Urchristentums bezieht der Jakobusbrief seine Empfehlungen und Appelle auf allgemein typische Bewährungs- und Konfliktsituationen, die die Glaubwürdigkeit von Christinnen und Christen herausfordern. Der Brief wird geprägt durch eine assoziative Aneinanderreihung von Mahnungen und Warnungen, die jeweils für sich stehen, ohne ein übergeordnetes Strukturprinzip erkennen zu lassen. Um möglichst viele Leser für ein tätiges Christentum zu gewinnen, greift der Verfasser in „ökumenischer“ Weite auf jüdische Weisheitstraditionen, synoptische Evangelientexte und griechisch-hellenistisches Gedankengut zurück.

Aus der Text- und Traditionsgeschichte des Jakobusbriefes bleibt festzuhalten:

· Ebenso wenig wie Gerechtigkeit und Frieden dürfen Dogmatik und Ethik gegen einander ausgespielt werden. Das „Eigentliche“ des christlichen Glaubens umfasst sowohl die theologische Reflexion als auch die aus ihr erwachsende soziale Praxis.

· Um die „Weisheit von oben“ Gestalt annehmen zu lassen, bedarf es einer weiten ökumenischen Perspektive, die Denkmodelle einer verantwortlichen Lebensgestaltung über die Grenzen der eigenen Tradition hinaus respektiert und fördert.

Assoziationen

1. Zum Verhältnis von Gerechtigkeit und Frieden

In der biblischen Überlieferung beschreiben zwei unterschiedlich akzentuierte Vorstellungen das Verhältnis von Gerechtigkeit und Frieden. Zum einen finden wir die Aussage: „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein.“ (Jes 31, 17; in der Luther-Übersetzung ist von „der Gerechtigkeit Frucht“ die Rede) Der Frieden wird hier als Folge von Gerechtigkeit verstanden, er erscheint in nachgeordneter Position. Im Bereich der internationalen Politik treffen wir dieses Denkmodell oft in einer Form an, die besagt: In schweren Konfliktfällen müssen zuerst einmal Gerechtigkeit und Menschenrechte wieder hergestellt werden, notfalls mit kriegerischer Gewalt. Um die Entwicklung friedlicher Verhältnisse muss es dann in einem zweiten Schritt gehen … In deutlichem Kontrast zu dieser Sicht der Dinge steht das Bild, das der 85. (86.) Psalm entwirft. Die Vorstellung, dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen (V. 11), macht deutlich: Gerechtigkeit und Friede dürfen nicht getrennt werden, denn sie stehen zueinander in einer engen Beziehung, die auf Nähe und Synergie statt Abgrenzung und Konkurrenz beruht. Leitende Perspektive bei der Verhütung und Bewältigung von Konflikten muss es demnach sein, Gerechtigkeit und Frieden zusammen in den Blick zu nehmen und gemeinsam zu entwickeln.

Ähnlich wie der Psalmist gibt auch der Verfasser des Jakobusbriefes dem Motto „Erst Gerechtigkeit, dann Frieden“ keinen Raum. Er betont die Interdependenz von Frieden und Gerechtigkeit: Beide hängen wechselseitig von einander ab und bedingen sich gegenseitig. Die Saat der Gerechtigkeit braucht friedliche Wachstumsbedingungen (Jak 3, 18). Gerechtigkeit und Frieden können dauerhaft nur durch Mittel vorangebracht werden, die mit den angestrebten Zielen im Einklang stehen. So ist denn auch Gottes „Weisheit, die von oben kommt“ friedlich, freundlich, voll Erbarmen (V. 17) – sie wirkt nachhaltig nicht-destruktiv. Wer sich der „Weisheit von oben“ verschließt und stattdessen der Eigendynamik zerstörerischer Handlungsformen und Impulse Raum gibt, wird am Ende scheitern und „nichts erreichen“ (Jak 4, 2) – persönlich wie politisch.

Zitat: „… wir werden niemals Frieden in der Welt haben, bevor die Menschen überall anerkennen, dass Mittel und Zweck nicht voneinander zu trennen sind; denn die Mittel verkörpern das Ideal im Werden, das Ziel im Entstehen, und schließlich kann man gute Zwecke nicht durch böse Mittel erreichen, weil die Mittel den Samen und der Zweck den Baum darstellen … Wir müssen friedliche Zwecke mit friedlichen Mitteln verfolgen.“ (Martin Luther King, Eine Weihnachtspredigt für den Frieden)

2. Gerechtigkeit und Frieden für die Welt der kommenden Generationen

Die Frucht der Gerechtigkeit in Frieden zu säen (vgl. Jak 3, 18 Luther-Version) ist eine Aufgabe, die sich nicht zuletzt im Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel stellt. Welche Welt und welche Lebensmöglichkeiten werden wir den kommenden Generationen hinterlassen? Als Handlungsleitlinien, die helfen, die Gerechtigkeit zwischen den Generationen zukunftsorientiert zu fördern, nennt der Tübinger Philosophieprofessor Otfried Höffe drei notwendige Formen des Sparens:

Da geht es zum einen um ein „konservierendes Aufsparen“, das soziale, kulturelle und ökologische Errungenschaften bewahrt. Hinzu kommt ein „investives Ansparen“, das nicht die Schuldenlast unseres heutigen Lebensstils ungemindert den nach uns Lebenden aufbürdet. Schließlich sind wir zu einem „präventiven Ersparen“ verpflichtet, das Kriege, ökologische Katastrophen, wirtschaftliche oder soziale Zusammenbrüche verhindert.

Das Engagement für eine zukunftsfähige Welt der Generationen nach uns steht unter der Verheißung, dass Gottes lebensfreundliche „Weisheit von oben“ „reich an guten Früchten“ ist. (V. 17)

Zitat: „Eine Generation wird auch daran gemessen, was sie ihren Kindern und Enkeln hinterlässt – eine Welt voller Scherben oder eine Welt, in der sie atmen, das Wasser trinken und die Früchte der Erde ohne Furcht essen können; eine Welt, in der man weiß, was Recht und Unrecht ist und in der man den Namen Gottes kennt. Vieles ist verzeihlich. Unverzeihlich ist, wenn wir unseren Nachkommen nicht mehr hinterlassen als die Leere unseres eigenen Geistes und die Trümmer unseres gewaltsamen Umgangs mit der Welt.“ (Fulbert Steffensky, Schwarzbrot-Spiritualität, Stuttgart 2005)

Quellen:

Willi Marxsen, Einleitung in das Neue Testament, Gütersloh 1963

Horst Balz / Wolfgang Schrage, Die Katholischen Briefe, NTD 10, Göttingen 1973

Otfried Höffe, Gerechtigkeit, München 2004 (2. Aufl.)

Friedhelm Schneider, Speyer

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz