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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

 

4.06.06 - Pfingstsonntag

 

 

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

1. Kor 2, 12-16

Gen 11, 1-9 / Ex 19, 3-8a.16-20b/
Ez 37, 1-14
/ Joel 3, 1-5 wahlw.

Röm 8, 22-27

Joh 7, 37-39


Der Autor geht ausführlich auf den ersten Text der kath. Leseordnung – Gen 11, 1-9 – und kurz auf den Text zur 2. Lesung ein. Stichworte: Erkennen von Grenzen, Gelingen von Kommunikation, Gentechnik, Nanotechnologie, Biodiversität

 

 

 

Plädoyer für Diversität

 

Vorbemerkung

 

Für die Thematik der Reihe, Nachhaltigkeit, ist vor allem der Text Gen 11, 1-9 geeignet. Direkte Bezüge zur Thematik nachhaltiger Entwicklung können auch über Ex 19, 3-8a.16-20 sowie Rö 8, 22-27 hergestellt werden.

 

 

 


Der Kasus

 

Pfingsten gilt als „der Geburtstag der Kirche“, dritter Höhepunkt im Kirchenjahr nach Weihnachten und Ostern. Während das mit zahlreichen regional verankerten Bräuchen verbundene Fest sich großer Beliebtheit als frühsommerliche Ausflugsgelegenheit erfreut, verstummt die Klage der Predigtliteratur über die Unanschaulichkeit des Geistfestes und die relative Unbekanntheit der theologischen Zusammenhänge auch bei Gemeindegliedern nicht.

 

Kein niedlich-niedriges Kind in der Krippe, kein Jesus am Kreuz, der als Auferstandener Christus begegnet – nein, durchsichtiger Geist, Hauch, „ruach“, wie es in der hebräischen Bibel lautmalerisch heißt. „Nur“ symbolisch machen Kunst und Vorstellungskraft das Unanschauliche sichtbar, als Taube, als Flamme, als Feuer. Kein leichtes Fest also …

 

Und doch wachsen ausgerechnet Pfingstgemeinden weltweit, die Berufung auf den Geist ermöglicht die subjektive Erfahrung einer Gottunmittelbarkeit, die an Ordnungen und (Bibel-)Texten orientierten volkskirchlichen Gemeinden vielfach zu fehlen scheint. Unter der Flagge geistlicher Unmittelbarkeit allerdings finden sich die unterschiedlichsten Ausprägungen von Ordnung, Moral, Ethik und Glauben: Von politisch scharf rechtsgestrickten autoritären Gemeindeleitern über sexualfeindlichen Rigorismus bis hin zu vielen lateinamerikanischen Pfingstgemeinden, in denen Campesinos Aufbruchsgemeinschaften aus Unterdrückung finden. Form, Moral und Ethik entziehen sich den Kriterien, die wir in mitteleuropäischen Volkskirchen anzulegen pflegen.

 

Das Glaubenserleben pfingstlerisch geprägter Gemeinden ist nicht unsere Welt, und dennoch erwarten Gemeinden zu Recht auch an Pfingsten 2006 frohe Botschaft, „Pfingstliches“, das zum Leben verhilft. Was können wir aus unseren Traditionen weitergeben?

 

 

 


Wes Geistes Kinder wir sind – systematisch-theologische Überlegungen

 

In Rö 8 beschreibt Paulus geradezu mit Engelszungen die Wirkungen, die der Geist an uns hat: Er macht uns zu Kindern Gottes, er setzt uns mit Christus selbst sozusagen in die Familie Gottes ein (vgl. v. a. Rö 8, 14-17). An nicht mehr und nicht weniger als den Wirkungen des Geistes lässt der Geist selber sich erkennen: Er lässt uns teilhaben an Gott, die Geschöpfe werden trotz und gerade in ihrer Unterschiedenheit zum Schöpfer in Gott selbst und seine Lebensmacht hineingeholt: „… denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Rö 8, 21).

 

Das entscheidend Besondere am Christentum ist sein Versuch, Gott trinitarisch zu verstehen – ein in seinen Konsequenzen in Gemeinde und sogar Theologie noch vielfach unverstandenes Projekt, an dem schon die Substanzontologie der Kirchenväter letztlich gescheitert ist. Deshalb bleiben unsere Versuche ein Stammeln, ob sie nicäno-konstantinopolitianisch daherkommen oder sich „modernerer“ Methoden bedienen, das kaum Fassliche auszudrücken.

 

Aber es bleibt dabei, dass diese stammelnden Versuche etwas Besonderes sind, dem an Pfingsten nachzuspüren sich lohnt. Was heißt es, wenn wir in den Wirkungen des Geistes dem Wirken Gottes selbst begegnen? Dietrich Bonhoeffer, dessen Geburtstag sich am 4. Februar 2006 jährt, hat dieses Verständnis m. E. am weitesten vorangetrieben, indem er die Formel von „Christus als Gemeinde existierend“ prägte – es ist die Wirkung des Geistes, die die Gläubigen in der Sozialform der Gemeinde zusammenschließt und sie in das Weichbild Christi einzeichnet. Es ist der Geist, der dann ein Heiliger Geist ist, durch den wir nicht nur von „Gottes Wirkungen“ erfahren, sondern Anteil an Gott selbst haben.

 

So wird der Schalom Gottes zu dem Einflussfeld, innerhalb dessen Christinnen und Christen leben, in dem sie glauben und handeln. Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung finden in der Denk- und Glaubensfigur des Geistes ein unauflösliches Band zwischen Gott selbst und den Lebensmöglichkeiten des Menschen. Dabei bleibt, bei aller Selbständigkeit und „Autonomie“ des Menschen, Gott selbst als dreieiniger Gott unbedingtes Subjekt. Um seine Wirkungen geht es an Pfingsten, auch in volkskirchlich geprägten Gemeinden.

 

 

 


Gen 11, 1-9

 

Exegetisches

 

Die Erzählung vom „Turmbau zu Babel“ lebte in Israel zunächst in mündlicher Tradition. Die jetzige Textgestalt bietet eine stark überarbeitete, mit Reflexionen durchsetzte Umgestaltung einer älteren, einfacheren Fassung. Gen 11 versetzt uns in urgeschichtliche Zeit und bildet im Schwerpunkt eine Ätiologie der Vielsprachigkeit der Menschheit aus. Die Erzählung vom „Urgeschehen“, deren Subjekt „die Menschen“ sind, lässt uns wissen: Der gegenwärtige Zustand reicht so weit wie menschliche Erinnerung überhaupt. Dabei finden sich mehrere Motive: Turmbau, Stadtbau, Sprachverwirrung und Zerstreuung der Menschheit. Alle diese Motive haben einzeln oder in wechselnden Kombinationen Parallelen in den Ursprungsmythen der Völker; so findet sich das Motiv von der Zerstreuung der Menschheit z. B. in der indischen Sage, bei den Basken, den Iren, in Mexiko, in Kolumbien usw., Turmbauerzählungen in Afrika und in Indien. In der vedischen Sage nimmt die Gottheit aus einem Turm, der auch mit Ziegeln erbaut wird, einen Ziegel heraus, so dass der Turm einstürzt.

 

Wichtiger aber ist das Motiv der Sprachverwirrung, das – nach Westermann (Westermann, Claus: Genesis. 1. Teilband. Genesis 1-11, Neukirchen 1974, S. 707-740) – vom Jahwisten mit dem Zerstreuungsmotiv gekoppelt wird. Auffällig ist eine Entsprechung von Anfang und Schluss der Erzählung: Alle Welt hatte eine Sprache – Jahwe hat die Sprache aller Welt verwirrt. Es handelt sich um eine Ätiologie, aber nicht um eine Ätiologie des Turmbaues, sondern der Sprachverwirrung und der Zerstreuung der Menschen. Die Vielheit der Sprachen und der Völker gehören zusammen; in dieser Hinsicht schließt Gen 11 an die Völkertafel von Gen 10 an.

 

Der Nominalsatz Gen 11, 1 beschreibt den Zustand der Einheitlichkeit der Sprache, 11, 2 führt sozusagen im schwebenden Übergang in die Zeit des Geschichtlichen und schildert das Suchen und Finden eines Siedlungsortes durch eine wandernde Menschengruppe in der Ebene der späteren Großstadt Babylon. Nach dieser Exposition beginnt die eigentliche Turmbauerzählung, die allerdings auf einen Bericht von der Ausführung des Bauwerkes verzichtet. Das Schwergewicht der Erzählung ist vom Geschehen in die das Geschehen leitenden Motive verlegt worden. Die Handlung ist nicht von einfachen Fakten, sondern von der Reflexion über Fakten bestimmt.

 

Während die Verse 2-4 vom Menschen und seinem Tun handeln, geht es in den Versen 5-9 um das Eingreifen Jahwes. Diese Verse enthalten sehr wenig Handlung, umso mehr Reflexion nach dem Grundriss: Gott sieht – erwägt – entschließt sich – greift ein, es folgt Schilderung der Wirkung des Eingreifens.

 

Traditionell wurde die Geschichte als eine der technischen Hybris des Menschen und des Strafgerichts Gottes als Reaktion darauf gedeutet. Eine genauere Betrachtung ergibt aber einen anderen Befund: Der Wunsch bzw. die Tat, Stadt und Turm zu bauen, ja, eine Großstadt, die sogar einen Turm hat, verweist in der Tat gerade in der Kombination der Motive auf den Willen zur Größe („Migdal“). Jedoch gilt dies alleine noch nicht als kritikwürdig (vgl. Westermann 729), sondern erst die Folgen, die aus dieser Haltung erwachsen könnten: „… und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun“ (V. 6).

 

Die Überlieferung ist offensichtlich sehr genau über die innovative Technik des Turmbaus informiert, denn anders als in Palästina, das in keiner Periode Asphalt als Bindemittel benutzt, sondern Steine und Mörtel, ist hier eine Bautechnik beschrieben, die in Palästina nicht bekannt war. Erst diese Technik, die auch im Enuma elisch beschrieben wird, machte das Bauen großer Städte und Monumente möglich, weil es die Errichter von der Zugänglichkeit des gerade örtlich gegebenen Baumaterials entband. „Mit dem Ziegel beginnt die Kultur, die Menschenmassen zusammenführt“ (aus B. Jacob, Kommentar zur Stelle; zitiert nach Westermann 727). Fasziniertes Staunen ist die Haltung, in der der Schreiber diesem Bauwerk virtuell gegenübersteht.

 

Schließlich wird nichts über die Zerstörung des Bauwerkes erzählt, sondern alles Interesse – Jahwes wie des Erzählers – liegt auf der Sprache: Die Einheit der Sprache ist Grund für das Eingreifen Jahwes, die Folge ist die allgemeine Sprachverwirrung.

 

 

 

Deutung und Anregungen für die Predigt

 

In doppelter Weise geht es in der Erzählung um das Überschreiten von Grenzen, die bei Strafe des Untergangs nicht überschritten werden dürfen: Es geht in religiöser Chiffrierung um die Grenze von Schöpfer und Geschöpf, von Gott und Mensch; und es geht in ethisch-kommunikativer Hinsicht um die Überschreitung der Grenzen jeweiliger Besonderheit auf eine Einheit hin, die ebenfalls bei Strafe des Untergangs nicht überschritten werden darf. Beide Grenzüberschreitungen – und ihre bewahrende Verhinderung durch Gott – bleiben aber ambivalent und lassen sich nicht in einfache Ja-Nein-Schemata pressen.

 

Diversität und gegenseitige Anerkennung

 

Das Kernmotiv für das Eingreifen des zunächst räsonierenden Gottes ist der Blick auf die Zukunft der Menschheit: „Fortan wird ihnen nichts verwehrt werden können, was sie zu tun vorhaben“. Die Begrenztheit des Menschen wäre damit in Frage gestellt, die doch für ihn als Geschöpf konstitutiv ist. Es ist nicht die Technik in diesem Fall des Turmbaus oder das Bauen und Leben in der Großstadt, nicht die „Hybris“ der Technik als solcher, die den Zorn Gottes heraufbeschwören würden. Es ist vielmehr die Gefahr, dass ein sich selbst überschätzender Mensch sein wollen könnte wie Gott, es ist die Gefahr des falschen Bewusstseins (= Ideologie), das Geschaffensein im Gegenüber zum Schöpfer und damit das Begrenztsein leugnen zu wollen. „Da aber die Menschheit ihre Existenz nur in ihrer Geschöpflichkeit hat, ist ihr Bestand durch die drohende Autonomie gefährdet“ (Westermann 733). Wem fallen bei diesen Sätzen nicht die Möglichkeiten der Gentechnik ein, der Nanotechnologie oder der von Supermächten auf marodierende Banden übergehende Möglichkeit vielfachen Overkills in Gestalt von Massenvernichtungswaffen usw.?

 

„Nichts wird ihnen unmöglich sein, was sie sich zu tun vornehmen“ – das ist eine einzigartige Parallele zu Hiob 42, 2. So beginnt an herausgehobener Stelle die Antwort Hiobs auf die Gottesrede: „Ich habe erkannt, dass du alles vermagst; nichts, was du vorhast, ist dir unmöglich (verwehrt, unzugänglich).“ Gott hat Hiob an seinen Ort verwiesen und nun erkennt Hiob Gott in seinem Gottsein an und erweist sich gerade darin als der Gerechte. Dies ist der entscheidende Angelpunkt der theologischen Argumentation auch des urgeschichtlichen Turmbautextes. Die Auseinandersetzung des Umgangs mit Grenzen beschäftigt die Menschheit hinfort – des Überschreitens von willkürlich errichteten Grenzen angemaßter Herrschaft wie des Einhaltens von Grenzen, die die Grundlagen des Lebens bilden. Beides voneinander zu unterscheiden ist die Kunst jeder Ethik.

 

Die Geschichte Gottes mit den Menschen – oder: das Thema der Theologie – ist die des wechselseitigen Überschreitens und Einhaltens von Grenzen. Um den Faden der eingangs bemühten Trinitätstheologie noch einmal aufzunehmen: Es ist die Selbstunterscheidung Jesu vom „Vater“, die ihn „Sohn“ sein lässt. Es ist der Verzicht auf das Seinwollen wie Gott, der den Christus zum Christus macht: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an…“ (Phil 2, 6 f.). Gott überschreitet die fundamentale Grenze zur Geschöpflichkeit (Symbol der Menschwerdung, Weihnachten), doch obwohl er Herr über die Grenze ist (Überwindung des Todes, Ostern), erkennt er sie an und erweist sich gerade darin als Gott. In dieser Wahrheit und mehrfachen Verschränkung lebt die Gemeinde, dieses lebenserhaltende Wissen ist im Geist präsent (Pfingsten). In dieser Geschichte Gottes mit den Menschen ist die lebenschaffende Anerkennung des Verschiedenseins wie die gegenseitige Achtung in eben dieser Verschiedenheit beschlossen.

 

Folgen für die Deutung der Erzählung

 

Offensichtlich ist der Bau von Stadt und Turm ein faszinierender Vorgang. Wir werden aber daran erinnert, dass Dinge und Technik, „Mach-Werke“, immer dann in die Irre führen, wenn durch sie der Weg zum Segen gebahnt werden soll. Segen liegt einzig und allein auf Beziehungen gegenseitiger Anerkennung – auf gerechten Beziehungen, die wechselseitig Freiheit ermöglichen. Wo einseitig Dominanz ausgelebt und Lebensformen oktroyiert werden, kippt Segen zum Fluch um. Dies gilt unmittelbar für das Verhältnis von Menschen untereinander, für Partnerschaft, für Gerechtigkeit und Frieden.

 

Mindestens Sensibilität ist gefragt im Umgang mit der Natur, auch wenn hier immer gilt, dass Leben von anderem Leben lebt. Schuldlos und unbefleckt kommt der Mensch aus dieser Beziehung nicht heraus. Sorgsames und achtungsvolles Abwägen der Eingriffe in die Natur ist das Mindeste, was wir der Schöpfung und einander schuldig sind: Von der täglichen Nahrungsaufnahme über die Mobilität bis hin zu den großen Makro- und Mikroprojekten der Technik.

 

Anders als vielfach in der Tradition kann die Turmbaugeschichte als eine weitere Segensgeschichte zwischen Noah und Abraham gelesen und muss keineswegs als Strafgericht verstanden werden: Gott schützt den Menschen davor, dass er den Folgen seines Tuns ausgesetzt wird. Er verhindert ein grenzenloses Uniformitätsprojekt, indem er Sprach- und Völkergrenzen erneut aufrichtet. In den älteren Erzählungen richtet sich das Eingreifen Gottes gegen das Bauwerk selbst. In der uns vorliegenden Fassung ist der Vorgang reflektierter. „J denkt das alte Motiv der Völkerzerstreuung weiter und sieht in weltgeschichtlicher Perspektive die Gefährdung des Menschen durch eine Einheitlichkeit, die zur Entmenschlichung führen kann. So verstanden ist Gottes Eingreifen nicht eigentlich Strafe, sondern ein Akt der Bewahrung der Menschen vor der Gefährdung, die in 6b nur angedeutet ist“ (Westermann 739). Die Existenz der Menschheit in der Vielheit der Völker über die ganze Erde hin mit der Fülle unterschiedlicher Entwicklungsmöglichkeiten gilt als die dem Menschen angemessene und zu bewahrende Existenzweise. Die Vielheit der Sprachen gehört notwendig dazu. Insofern ist das Handeln Gottes nicht als Strafe, sondern als Form der Bewahrung zu verstehen.

 

Segen ist unter diesen Bedingungen eine religiöse Chiffre für Nachhaltigkeit. Nachhaltig, gesegnet ist danach ein Leben und Handeln, das Vielgestaltigkeit („Diversität“) auf allen Ebenen nicht nur als notwendiges Übel zulässt, sondern als eine menschen- und schöpfungsgemäße Lebensform pflegt. Der Modus des Umgangs mit dieser Diversität ist der der Achtung und Anerkennung, des Schutzes und der Bewahrung.

 

Das heißt aber im Umkehrschluss: Uniformität und Dominanz ist die das Leben im Kern bedrohende Gefahr. Wenn Vielheit, Diversität in gegenseitiger Anerkennung die Grundlage des Lebens bildet, der Gott durch sein bewahrendes Handeln zu ihrem Recht verhilft, dann bleibt es der Predigerin oder dem Prediger überlassen, auf welches Themenfeld im Blick auf Nachhaltigkeit sie oder er diese Einsicht beziehen möchte. An vielen aktuellen oder grundsätzlichen Themen kann die pfingstliche Freude neu entdeckt werden, dass gerechte, verständnis- und liebevolle Beziehungen zwischen Verschiedenen und Verschiedenem nicht nur möglich sind, sondern dass durch sie sich das Leben entfaltet – „veni creator spiritus“!

 

 

 

Weitere Textstellen

 

Auch wenn Apg 2, 1-18 für diesen Sonntag 2006 nicht vorgesehen ist, fällt für unseren Zusammenhang doch die Erkenntnis ab, dass das von Lukas geschilderte Pfingstwunder die Sprach- und Völkergrenzen gerade nicht aufhebt, sondern Verstehen über diese Grenzen hinweg und trotz ihres weiteren Bestehens ermöglicht (vgl. v. a. Verse 9-11). Das Pfingstfest wurde auf den Tag des jüdischen Wochenfestes Schawuot gelegt, das mit der Erinnerung an die Übergabe der Tora ein Fest der Kommunikation Gottes mit den Menschen feiert. Davon handelt die Textstelle Ex 19, 3-8a.16-20.

 

Vielfach wird das Pfingstereignis als „Verheißung gelingender Kommunikation“ im Gegensatz zur Turmbaugeschichte ausgelegt; eine plurale Kirche und ein evangelisch-katholisches Miteinander in versöhnter Verschiedenheit folgt als Konsequenz (so z. B. Evelina Volkmann, in: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2003/2004, Perikopenreihe II – Zweiter Halbband). Gerade der Bezug zur Turmbaugeschichte macht deutlich, dass eine Auslegung der Texte allein auf Kirche hin zu eng ausfällt: Der Charakter der Turmbaugeschichte als Urgeschichte, die die Situation des Menschen schlechthin beleuchtet, macht aber deutlich, dass es hier eben nicht nur um die Gestalt von Kirche und Glauben geht, sondern um Konstitutiva des Menschseins überhaupt.

 

Rö 8, 22-27 schlägt eine deutliche Brücke zum Schöpfungsbezug: Mit Pfingsten geht es nicht nur um gelingende menschliche Kommunikation, sondern die ganze Schöpfung hat Anteil an diesem Geschehen. Die Bewahrung der Schöpfung im Sinne des Schutzes von Biodiversität legt sich von diesem Text unter den Bedingungen des zuvor ausgearbeiteten Verständnisses nahe.

 

 

 

Weitere Konkretisierungen im Blick auf „Nachhaltigkeit“

 

  • Vielfalt, Biodiversität als Grundlage jeglichen Lebens
  • Globalisierung als uniforme und uniformierende Herrschaft, Globalisierung der Herren gegen die Menschen; Globalismus im Unterschied zu einer Ökumene der befreiten Kinder Gottes
  • Kommunikation (vgl. Schulz von Thun, Literaturhinweis im Beitrag von Sibylle Brand) Mediation und Konfliktmanagement als methodengeleitete Chance, mit Konflikten / Unterschiedlichkeit produktiv umzugehen
  • Umgang mit Diversität als Managementmethode zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit: R. Roosevelt Thomas: Management of Diversity. Neue Personalstrategien für Unternehmen. Wie passen Giraffe und Elefant in ein Haus? Wiesbaden 2001
  • Technikfolgenabschätzung – weitere Hinweise s. unter http://de.wikipedia.org/wiki/Technikfolgenabschätzung

 

 

 

Dr. Thomas Posern, Mainz

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