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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

30.04.06 – 3. Sonntag der Osterzeit / 2. Sonntag nach Ostern

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

1. Petr 5, 1-4

Apg 3, 12a.13-15.17-19

1 Joh 2, 1-5a

Lk 24, 35-48

Der Verfasser geht auf alle genannten Bibelstellen des Sonntags ein; Stichworte (e): leiten als Vorbild, ohne Vorteilsnahme; Leistungen der Gemeinde, (k): strukturelle Gewalt / strukturelle Sünde; Unwissenheit befreit nicht vor der Notwendigkeit zur Buße; nicht schweigen, sondern für Gerechtigkeit auf Erden sorgen; christlich-authentisch handeln; Teilhabe an den „Strukturen der Räuberei“

1. Petrusbrief, Kap. 5, Verse 1 – 4

Allgemeine Hinweise

Der Apostel Petrus als Verfasser des Briefes lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Als Zeitraum der Abfassung darf die Mitte der 60er-Jahre n. Chr. angenommen werden, Ort ist möglicherweise Rom („Babylon“, 1. Petr. 5, 13). Empfänger des Briefes scheinen Heidenchristen zu sein, die „in der Zerstreuung“ leben. An einigen Stellen finden sich Hinweise auf eine Situation der „Bedrängnis“.


Bezüge zum Thema „Ethik – Verantwortung – Nachhaltigkeit“
Allgemein zu 1. Petr:

Der Brief beschäftigt sich über weite Strecken mit dem Verhalten von Christen in sozialen und ökonomischen Zusammenhängen. Vorherrschendes Stichwort ist dabei die „Unterordnung“. Unterordnung unter den Kaiser und seine Beamten (2, 11-17), Unterordnung des Sklaven unter seinen Herrn (2, 18-25), Unterordnung der Frau unter den Mann (3, 1-7). Dies alles klingt für heutige Ohren befremdlich. Die ersten beiden Anweisungen zur Unterordnung entspringen möglicherweise dem Bestreben, keine Konflikte und damit Verfolgung zu provozieren. 3, 13 – 4, 11 sprechen mehr allgemein vom Verhalten der Christen in der Welt (Zeugnis von der Hoffnung geben, bescheiden und ehrfürchtig sein, Abkehr von den „weltlichen Begierden“, ...). 4, 12-19 behandeln die Ausdauer in der Prüfung.


Zu 1. Petr 5, 1 – 4:

Zunächst einmal ist hier eindeutig die Rede von der Verantwortung der Gemeindeleiter für ihre Gemeinde. Drei Merkmale der Gemeindeleitung werden hervorgehoben: 

  • nicht aus Zwang, sondern freiwillig
  • nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung
  • nicht als Beherrscher, sondern als Vorbilder

Daraus ergeben sich zwei mögliche Perspektiven einer Bezugnahme zum obigen Thema:

  1. Die Gemeindeleitung selbst ist ein „nachhaltiger“ Dienst an der Gemeinde, die „in der Welt“ steht. Die Gemeinde soll Zeugnis ablegen von der Hoffnung, die sie erfüllt (3, 15), sie soll sich dem „Treiben der Welt“ enthalten (4, 2-4) und dem „Teufel Widerstand leisten in der Kraft des Glaubens“ (5, 8-9). In einer gewissen Spannung zum obigen „Unterordnungsschema“ soll die Gemeinde also doch „anders“ (alternativ) sein und dem „Teuflischen“ Widerstand leisten. Gemeindeleitung ist Dienst an diesem Dienst, den die Gemeinde in und an der Welt leistet: Abkehr von den „Begierden“ (4, 3), die heute dazu führen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, Shareholder-Value für wenige Arbeitsplatzverlust für viele nach sich zieht, buchstäblich „Fresserei“ auf Kosten der Hungernden (und, wenn’s ums Fleisch geht, auch der Tiere bzw. ihrer Haltung) betrieben wird. Widerstand leisten, wo der Teufel nicht nur im Detail, sondern auch im System steckt. Wie „teuflisch“ ist die Art und Weise unserer Produktion und unseres Konsums? Kinderarbeit, damit die Turnschuhe möglichst billig sind? Erdbeeren im Winter für uns, dafür keine Grundnahrung in Südamerika? Der Teufel versteckt sich und lockt mit (Sonder-)Angeboten.
  2. Streng bei 1. Petr 5, 1-4 bleibend, aber den Begriff der „Leitung“ etwas dehnend: nicht als „Herrscher“, sondern als Vorbilder, nicht aus „Gewinnsucht“, sondern aus Neigung „leiten“ – ist das nicht eine Handlungsanweisung für alle in führenden Positionen? Seien es Politiker, Manager, Wirtschaftsführer...? Aus Neigung heißt auch: Um der Sache und der Menschen willen, nachhaltig und langfristig denken und handeln – und nicht um Macht durchzusetzen oder um des eigenen oder des eigenen Klientels Vorteils willen.

Apostelgeschichte 3, 12a. 13-15.17-19

Für eine allgemeine Einordnung der Apostelgeschichte sei auf die Einführung in der Einheitsübersetzung verwiesen. Die konkret vorliegenden Verse aus der Rede des Petrus auf dem Tempelplatz stehen im Kontext der Heilung eines Gelähmten (3, 1-10) sowie eines Verhörs durch den Hohen Rat (4, 1-22). Das Tun des Guten und das Nennen der Dinge beim Namen beschwört eine äußerst konfliktgeladene Situation herauf, an der mittel- oder unmittelbar der Geheilte, Petrus und Johannes, der Hohe Rat und „das Volk“ beteiligt sind.

Anregungen zur Auslegung

„Den Urheber des Lebens habt ihr getötet...“ – der Urheber des Lebens wird auch heute noch getötet in den „Geringsten“ seiner Brüder (und Schwestern), durch direkte Gewalt wie auch durch strukturelle Gewalt (oder „strukturelle Sünde“, wie es die politische und die Befreiungstheologie formuliert haben). Analog gilt dies auch für die ganze Schöpfung als Um- und Mitwelt des Menschen. Überall, wo Leben psychisch, sozial, ökonomisch und ökologisch zerstört wird, stoßen wir auf die fortgesetzte Kreuzigung Jesu.

„Ihr habt aus Unwissenheit gehandelt...“ – damit versucht Petrus, eine Brücke zu bauen. – Heute: Was können wir wissen über die Ursachen und Tatsachen der vielfältigen Formen der Zerstörung des Lebens? Wollen wir das wissen? Woher beziehen wir unsere Informationen? Wem glauben wir? „Wir haben doch nichts davon gewusst...“ war eine nach 1945 oft zu hörende Antwort auf die Frage „Warum habt ihr nichts getan?“.

„Also kehrt um und tut Buße...“ – fast könnte man hier kantianisch-aufklärerisch werden! Aufklärung ist nach Kant das Heraustreten des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unwissenheit beseitigen, Informationen beschaffen, die Augen nicht verschließen vor dem Leiden der Menschen und der Schöpfung. Aber Kant fragt nicht nur: „Was kann ich wissen?“, er fragt auch: „Wie soll ich handeln?“ – Umkehren und Buße tun – d. h. Verantwortung übernehmen und zur Verantwortung ziehen (z. B. Politiker), die „Strukturen der Sünde“ (politische und ökonomische), die das Leben beschädigen, erkennen und an ihrer Veränderung mitwirken. Und dann Kants dritte Frage in den Blick nehmen: „Was darf ich hoffen?“. Die Antwort findet sich in Apg 3, 19.20: „...damit eure Sünden getilgt werden und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen lässt und Jesus sendet als den ... Messias.“ Und dann findet vielleicht auch Kants vierte Frage seine Antwort: „Was ist der Mensch?”

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den konfliktiven Kontext der Perikope zurückkommen. Die Führer des „Systems“ erlegen Petrus und Johannes ein Schweigegebot auf. Sie möchten die wahren Verhältnisse totgeschwiegen wissen. Doch die Antwort der Apostel: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4, 20). Im Gotteslob für das Bistum Limburg gibt es ein Lied (837) – den Text hier nur auszugsweise: „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme, erst dann die Herrschaft der Herren, erst dann die Knechtschaft der Knechte, vergessen wäre für immer ...; das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe...; Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden ... und ruft uns jetzt alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren.“ – Immerhin ist heute der dritte Sonntag in der Osterzeit....

1. Johannesbrief 2, 1 – 5a

Zur kurz-exegetischen Einordnung mag hier wieder der Hinweis auf die Einleitung in der Einheitsübersetzung genügen. – Für die Perikopeneinteilung in der liturgischen Leseordnung bleibt mir unverständlich, warum V. 6 als Zusammenfassung und Zuspitzung von 2, 1-5a nicht mit aufgenommen wurde.

Anregungen zur Auslegung:

Ähnlich wie in der vorherigen Lesung aus der Apostelgeschichte geht es auch hier um den Zusammenhang von „Erkennen“ und „Handeln“. Zu meinen, Christus erkannt zu haben, ohne nach seinen Geboten zu handeln, mehr noch: ohne zu leben, wie er gelebt hat (V. 6!!), ist eine Lüge. Der Verfasser des Johannesbriefes treibt es „erkenntnistheoretisch“ auf die Spitze: Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben.“ Die Jesu-praxie ist das Erkenntnismedium der Christo-logie. Die Praxis Jesu aber besteht darin, die Menschen zu Gott, zu sich selbst und zur Gemeinschaft zu befreien – aus allen Zwängen, die sie daran hindern, in der „Freiheit der Kinder Gottes“ zu leben. Christ-sein heute bedeutet Teilhabe an der Praxis dieser Befreiung, die keineswegs „nur“ spirituelle, sondern ebenso politische, soziale, ökonomische und ökologische Implikationen hat. – „Es geht um die Rettung der menschlichen Person, um den rechten Aufbau der menschlichen Gesellschaft.“ (2. Vat. Konzil, Gaudium et Spes, 3) – und, so darf man heute wohl hinzufügen, um den rechten Aufbau unseres Umgangs mit der Schöpfung. – Nur in dieser rettenden und gerechten Praxis ist die Wahrheit in uns und sind wir keine Lügner, wenn wir sagen, dass wir ihn erkannt haben (1. Joh. 2, 4), vgl. auch 1 Joh. 2, 7-11.

Lukas 24, 35 – 48

In der Linie der Überlegungen zu den beiden Lesungen dieses Tages richte ich den Fokus auf den Verkündigungsauftrag V. 47: Umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Es genügt nicht das (Wieder-)Erkennen des Auferstandenen und die Interpretation des Geschehenen anhand von Gesetz, Propheten und Psalmen – hinzukommen muss die Umkehr, damit ihre Sünden vergeben werden. Auch hier geht es wiederum, wie im 1. Johannesbrief, um das Tun, um die Praxis. Auch hier wieder die Abkehr von der „Sünde“ – sicherlich einerseits der persönlichen, aber auch der „strukturellen“. Abkehr von der „strukturellen Sünde“, von der „Strukturen der Räuberei“ (wie Bischof Franz Kamphaus es einmal genannt hat), die sowohl die Menschen ausbeuten als auch die Schöpfung ausplündern. „Persönliche Sünde“ kann in diesem Sinn auch nutznießerische Teilhabe an diesen „Strukturen der Räuberei“ bedeuten. Umkehr bedeutet dann: anders leben, damit andere (und die Schöpfung) überleben können. Jesus zeigt den Jüngern seine Hände und Füße, er hat Fleisch und Knochen. Die Füße, die über die staubigen Straßen Palästinas gezogen sind, die Hände, mit denen er die Menschen berührt und geheilt hat. Auch unser Glaube an den Auferstandenen muss Hand und Fuß bekommen in einer befreienden Praxis, die den ganzen Menschen in seinen vielschichtigen sozialen, ökonomischen und ökologischen Verflechtungen und Verstrickungen angeht. Auferstehung, der Aufstand aus dem „beschädigten Leben“ (Adorno) in seinen vielfältigen Formen, ist kein oder nicht nur „Geist“ (oder gar „Gespenst“), sondern soll und darf mit „Haut und Haaren“ („Fleisch und Knochen“) erfahrbar werden.

Günter Harmeling, Idstein

 

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