Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

23.04.06 - 2. Sonntag der Osterzeit / 1. Sonntag nach Ostern

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Kol 2, 12-15

Apg 4, 32-35

1 Joh 5, 1-6

Joh 20, 19-29

Kol 2, 12-15 und 1. Joh 5, 1-6: Die Energie Gottes

Der Sonntag nach Ostern, im katholischen Bereich der „weiße Sonntag“, trägt den schönen Namen Quasimodogeniti: „Wie die Neugeborenen“, - ein Hinweis, dass gerade dieser Sonntag behutsam, aufmerksam, zärtlich und voll Freude zu feiern ist. In der Alten Kirche war Ostern der bevorzugte Tauftermin. Die Täuflinge erhielten weiße Taufkleider und trugen sie dann eine Woche lang. Nach acht Tagen legten sie sie feierlich ab und wurden nunmehr – als geistlich Neugeborene – in den Kreis der Gemeinde aufgenommen. Sie hatten symbolisch den Tod des „alten Adam“ vollzogen und waren „in Christus“ auferstanden.

Nun begann ein neues Leben, ein Leben in Freiheit von den „Mächten und Gewalten“ der Welt. Diese hat Gott am Kreuz Jesu „öffentlich zur Schau gestellt“ und entwaffnet. Sie können - und müssen - stets aktuell benannt werden: etwa als Gier des großen Kapitals, das die Erde plündert und um der Rendite willen Völker hungern lässt oder als Wahn, den Frieden mit militärischer Gewalt und in den Trümmern der eroberten und besetzten Ländern „herstellen“ zu können. Egoistisches Gieren nach Rohstoffen und Reichtum, selbstherrliche Teilung der Welt in gut und böse und Antwort auf den Terror durch Einschränkung der Bürgerrechte, mit Folter und rechtsfreien Zonen (Guantanamo) – durch die „Kraft Gottes“ tauchen die Getauften quasi modo geniti, wie neugeboren, aus diesen Finsternissen der Verblendung, der Gewalt und des Todes auf.

Eine andere Energie als die des Todes bestimmt nun ihr Leben: die „Energie Gottes“ (Kol 2, 12), sichtbar, spürbar, greifbar in Christus. Es ist die Energie der Liebe. Sie befreit von den Götzen des Wohlstands, der Sicherheit, der kalten Berechnung. Die in Christus Getauften verstehen sich als Dienerinnen und Diener dieser Lebensenergie. Durch sie beflügelt können sie Gottes Gebote erfüllen (1 Joh 5, 2 f.), - nicht als fromme Paragrafenreiter und Zuchtmeister einer lebensfeindlichen Moral, sondern als Lehrlinge des Lebens und der Liebe. Liebe ist die Energie ihres Widerstandes gegen die „Mächte und Gewalten“, gegen die Besessenheit der Herren und Machthaber über die Welt und ihre Geschöpfe.

Allerdings: das ist keine Liebe zum Niedrigpreis! Es ist die Liebe des Kreuzes. Denn das Wasser der Taufe verbindet mit dem Tod Jesu, also dem Kreuz. Jesus kommt „durch Wasser und Blut“, den Elementen des Lebens und des Todes, sagt 1 Joh (5, 6). Christliche Liebe kennzeichnet, mit Ernst Bloch gesagt, eine „Bewegungsumkehr“: „Die antike Liebe war Eros zu dem Schönen, Glänzenden, die christliche wendet sich statt dessen nicht bloß dem Gedrückten und Verlorenen, sondern darin dem Unscheinbaren zu.“ (E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 3 S. 1488) Diese Liebe im Zeichen des Kreuzes muss mit dem Scheitern rechnen. Und es auf sich nehmen! Doch auch und gerade Ohnmacht und Niederlage werden zu Medien des Sieges. Denn sie offenbaren, wie mörderisch, wie absurd die „Mächte und Gewalten“ in Wahrheit sind. Von diesem Sieg zeugt „der Geist“, der die Wahrheit selbst ist (1 Joh 5, 6). Er inszeniert die öffentliche Schaustellung der „Mächte und Gewalten“ (Kol 2, 15) und reißt ihnen die Masken der Ehrbarkeit und scheinbar ehernen Notwendigkeit vom Gesicht. Nach und durch Ostern beginnt damit für die „Kinder Gottes“ (1 Joh 5, 2) das Leben.

Apg 4, 32-37: Sie hatten alles gemeinsam

Seit vor rund hundert Jahren Ernst Troeltsch vom „Liebeskommunismus“ der Urgemeinde sprach, wird dieser schöne, aber auch missverständliche Begriff immer wieder zitiert, so z. B. von Ernst Bloch mit Bezug auf 4, 32: „Ein einziger Satz der Apostelgeschichte hat über Jahrhunderte hinweg ... Liebeskommunismus propagiert“ (E. Bloch, Atheismus im Christentum, S. 186). Etwas neutraler sprechen die Kommentare und die Überschriften der Bibelausgaben von der „Gütergemeinschaft“ der ersten Christen.

Allerdings muss man genau hinsehen, um Lukas zu verstehen, wenn er die erste Jerusalemer Gemeinde auf diese Weise charakterisiert. Im Abstand einiger Jahrzehnte blickt er zurück auf die Anfänge. Damals wurden einfache, klare Maßstäbe für das christliche Leben gesetzt: „Sie waren ein Herz und eine Seele ... und hatten alles gemeinsam.“ Diese Worte sind bis heute gültig, sind aber in der konfessionell zerspaltenen Christenheit alles andere als in vorbildlicher Lebenspraxis verwirklicht. Für Lukas jedenfalls „ist die Gütergemeinschaft der Urgemeinde in Jerusalem trotz der nicht zu leugnenden idealisierenden Sprache durchaus ein paränetisches Vorbild und somit verbindliche sozialethische Mahnung wie Forderung an die Kirche aller Zeiten, Privatbesitz als Almosen für die Bedürftigen zu verwenden."(Siegfried Schulz, Neutestamentliche Ethik, S. 481 f.)

Sehr bald hatte sich in Jerusalem eine in sich gemischte Gemeinde aus Hellenisten, d. h. griechisch sprechenden Diasporajuden und den einheimischen, aramäischen sprechenden Hebräern gebildet. Spätere Spannungen waren angelegt, doch zunächst betont Lukas die ursprüngliche und grundlegende Einheit. Die Gemeinde war von Armut geprägt. Etwas später berichtet Lukas von der Wahl der sieben Armenpfleger (Apg 6, 1-7), und von Paulus erfahren wir, dass er eine Kollekte für die Not leidenden Jerusalemer organisierte (2 Kor 8+9) – Zeichen einer weitgespannten Solidarität.

Zeitlich noch dicht an den Erfahrungen der ursprünglichen Jüngerinnen und Jünger, die seine Lebenspraxis geteilt und seine Botschaft gehört hatten, setzten die Mitglieder der Gemeinde die kritische Haltung Jesu zu Geld und Eigentum in ihrer Situation um. Dabei ist zu beachten, dass sie im Zeichen des in nächster Zukunft erwarteten Weltendes und der Wiederkehr Jesu handelten! Welche Rolle konnten Geld und Gut in einer untergehenden Welt noch spielen? Ernst Bloch: „Diese Gemeinde, liebeskommunistisch aufgebaut, will keine Reichen, doch auch keine Armen im erzwungen-entbehrenden Sinn. ‚Keiner sagte von seinen Gütern, dass sie seine wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.‘ (Apostelgesch. 4, 32), und die Güter sind aus Spenden gesammelt, ausreichend für die kurze Frist, die Jesus der alten Erde noch übrigließ. Der Satz von den Lilien auf dem Felde, den Vögeln unter den Himmeln ist keineswegs wirtschaftlich naiv, er ist vielmehr schwärmerisch überlegt. Denn wenn die Füße derer, die die Welt und ihre Sorge begraben, vor der Tür stehen, wird wirtschaftliche Vorsorge für übermorgen dumm.“ (E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 3, S. 1488)

So konnte der tägliche Unterhalt der Gemeinschaft durch Vermögensverkäufe bestritten werden. Soziale Unterschiede waren damit hinfällig. Damit konnte die Forderung der Thora erfüllt werden: „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein“. (5 Mose 15, 4) „Andere wieder stellten ihr Haus der Gemeinde als Versammlungsort zur Verfügung. ... Die Organisation blieb auf ein Minimum beschränkt, eine weiterblickende Vorsorge musste bei der intensiven Erwartung der Wiederkunft Jesu völlig fehlen.“ (Martin Hengel, Eigentum und Reichtum in der frühen Kirche, S. 41 f.) - Der Begriff „Liebeskommunismus“ führt also insofern in die Irre, als es bei Lukas keineswegs um neue, gemeinschaftliche Produktionsverhältnisse ging, sondern vielmehr um eine Konsumgemeinschaft auf Zeit, - freilich mit hohem, geistlichen Anspruch. - Nach dem Ende der Naherwartung, in wechselnden Zeitläuften und unter verschiedensten sozialen und ökonomischen Bedingungen, bleibt praktizierte Solidarität verbindlich. Andernfalls kann nicht glaubwürdig von Nachfolge Jesu gesprochen werden und nicht von einem christlichen Glauben.

Zu bedenken ist nun allerdings, dass Gütergemeinschaft, keine urchristliche Erfindung, sondern eine in der spätantiken Welt verbreitete Forderung, aber auch Praxis war. Das gilt sowohl für den griechischen Raum, etwa in der Staatslehre Platos oder in der Popularphilosophie, als auch für die jüdische Welt. Hier ist beispielsweise die von Jesus geteilte Kritik am „ungerechten Mammon“ sowie die straff organisierte Gütergemeinschaft der Essener zu nennen. (Einzelheiten bei Hengel aaO. S. 16 ff. und 40) Die scharfe Kritik der Kirchenväter am ungerechten Reichtum, die verschiedenen Armutsbewegungen – erinnert sei Franziskus -, das monastische Ideal der Besitzlosigkeit, der religiöse Sozialismus des 20. Jahrhunderts und der aktuelle Protest gegen die globalisierte neoliberale Weltwirtschaft, etwa durch attac, haben auch hier ihre Wurzeln.

Ein praktisches Beispiel ist oikocredit. 2005 konnte diese ökumenische Entwicklungsgenossenschaft auf dreißig Jahre erfolgreicher Entwicklungsfinanzierung zurück blicken. Getragen von regionalen Förderkreisen in vielen Ländern verwaltet die Genossenschaft die Einlagen von Kirchen, Gemeinden und vielen Einzelpersonen. Ein Anteil kostet derzeit 200,- EURO und ist also leicht einzubringen. Aus dem Anteilskapital von inzwischen über 200 Millionen Euro (2004) werden weltweit Kredite an die Ärmsten der Armen vergeben – und in aller Regel zurück gezahlt, sodass regelmäßig eine Rendite erwirtschaftet wird. Vor allem die Vergabe von Mikrokrediten hat sich als Erfolgsmodell erwiesen.

Zurück zu Lukas. Das Schlüsselwort seines Textes finden wir in 4, 33, wo es heißt „und große Gnade war bei ihnen allen.“ Ein Ausleger übersetzt, auf den ersten Blick eher befremdlich, an dieser Stelle anstelle von „Gnade“ mit „Solidarität“. (G. Jankowski, Und sie werden hören. Die Apostelgeschichte des Lukas, S. 92) Allerdings gibt unser deutsches Wort „Gnade“ den Bedeutungsreichtum weder des griechischen charis noch des hebräischen chessed angemessen wieder.

chessed hat die Grundbedeutung von Zuneigung, Zuwendung, Huld. ... Es ist ein Wort, das das Verhältnis Gottes zu seinem Volk und das Verhältnis der Menschen zueinander in diesem Volk markiert.“ (Jankowski ebd.) Gnade bezeichnet also nicht nur das unverdient von Gott geschenkte Heil; es ist auch irdische Lebenspraxis: als freundliche, selbstlose, solidarische Zuwendung der Menschen. Die spirituelle Dimension (Zuwendung Gottes) begründet keinen exklusiven geistlichen Besitz der Begnadeten, sondern erfüllt sich in der sozialen Dimension als gegenseitige Zuwendung und Fürsorge.

Im griechischen charis verschränken sich die spirituelle und die soziale Dimension auf die gleiche Wiese. Dazu Klaus Berger: „Schon der pagane Begriff bezeichnet sowohl das ‚Sich-Herabneigen‘ des einen als auch den ‚Dank‘, aber auch ‚Anmut‘ und ‚Schönheit‘ – also das freie, unerzwingbare, glückhaft geschenkte Offensein füreinander, daher im Verhältnis zu Gott das von ihm geschenkte ‚Heil‘ und den ‚Dank‘ des Menschen zugleich.“ (K. Berger, χάρίς, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. 3, Sp. 1096) Welcher Griechenlandreisende, der nicht gelernt hätte, dass „efcharisto“ „Dankeschön“ heißt? Und wie nah ist es von daher zum Verständnis der „Eucharistie“: eine Danksagung für die Hingabe Jesu. - Auch das lateinische gratia vereinigt diese Bedeutungsfülle – von der Anmut der Grazien über den Dank bis zum „gratis“, dem „umsonst“ der Gottesgnade.

Ob Liebeskommunismus, ob Gütergemeinschaft – Gnade/Dank/Solidarität ist der einzig angemessene Ausdruck für christliche Lebenspraxis, darin ist sich Lukas mit seinen Apostelkollegen einig.

(Ich schreibe diesen Text im November 2005, während in Paris die Vororte brennen: Seit Jahrzehnten von Staat und Gesellschaft vernachlässigte und frustrierte Kinder der in Sozialwohnungen ghettoisierten Einwanderer lassen ihrer angestauten Wut in kriminellen Zerstörungsorgien freien Lauf. Während dem wird in den Verhandlungen zur Bildung einer großen Koalition in Berlin über die Einführung einer „Reichen-Steuer“ gestritten, und in Kaschmir drohen die Überlebenden der Erdbebenkatastrophe im hereinbrechenden Winter zu erfrieren. – Drei Exempel zur Notwendigkeit des Teilens in Situationen der Benachteilung und teilweise extremer Ungleichheit.)

Joh 20, 19-29: Die produktive Kraft des Zweifels

Beide Konfessionen haben das gleiche Sonntagsevangelium. Es wird gern als Geschichte vom „ungläubigen Thomas“ bezeichnet. Das ist eine diskriminierende Bezeichnung! Es empfiehlt sich, vom zweifelnden Thomas zu sprechen. Dass im Jüngerkreis Zweifel an dem unfassbaren Ereignis der Auferstehung Jesu herrschte, ist erstens vollkommen verständlich und wird zweitens auch von den übrigen Evangelisten ausdrücklich erwähnt (Mt 28, 17; Mk 16, 13, Lk 24, 11). Von Anfang an ist der Zweifel für den Glauben konstitutiv und unverzichtbar.

Zunächst werden wir Zeugen einer sehr knapp gehaltenen johanneischen Pfingstgeschichte. Sie steht im Zeichen des Friedens. Jesu shalom alechem („Friede sei mit euch“) ist nicht nur eine Begrüßungsfloskel, sondern durch seine betonte Wiederholung das Vorzeichen zur Sendung des Jüngerkreises in die Welt. Unter diesem Vorzeichen gewinnt ihr Auftrag einen weiten Horizont: Sündenvergebung. Aber was heißt das? „Sünde“ ist Ausdruck tiefen inneren und äußeren Unfriedens. Anders gesagt: „Sünde“ bezeichnet das zerrüttete Verhältnis zu Gott und – als Folge – zwischen den Menschen sowie zwischen Mensch und Schöpfung. „Sünde“ ist ein Wort für den Sieg der Chaosmächte, von deren Entmachtung und Bloßstellung Kol 2, 12-15 spricht.

Friede/Shalom im Sinne der biblischen Überlieferung heißt Heilung und Befreiung in einem sehr konkreten Sinn: von Krankheiten und körperlichen Gebrechen, von Besessenheit und Wahn aller Art, von falschen, verderblichen Gottesvorstellungen, von Egoismus und Machtgier, von Hass und Aggression zwischen Einzelnen, Gruppen und Völkern. Jesus erinnert an seinen Weg in der Welt des Unfriedens. Seine Sendung zur Heilung und Befreiung von „Sünde“ wird zum Maßstab der Beauftragung der Jüngerinnen und Jünger. (Joh 20, 19) Und ihrer Nachfolgerinnen und Nachfolger! Denn der damals begonnene Prozess ist noch längst nicht ans Ziel gekommen.

Die Kraft zur Sündenvergebung, zur Heilung und Befreiung von den Todesmächten, entspringt der Gegenwart des Gekreuzigten. Anders gesagt: Mit Jesu „Auferstehung von den Toten“ beginnt der Weg des Shalom in die Welt. „Ostern“ ist damit Befreiung und Verpflichtung in einem. Was das konkret bedeutet, versteht sich freilich nicht von selbst. Denn was war das, was die Frauen und die Jünger nach der Hinrichtung Jesu erfuhren? Jedenfalls keine Reanimation des Toten. Auch kein Abklatsch der damals bekannten antiken Göttergeschichten vom Abstieg des göttlichen Helden in die Unterwelt und seinem glücklichen Wiederaufstieg. Der Zweifel des Thomas wischt solche Erklärungen beiseite und legt etwas anderes frei. Modern gesprochen: eine Gotteserfahrung. Die Einmaligkeit dieser Erfahrung besteht darin, dass ihnen Gott in Gestalt des Gekreuzigten begegnete. Bisher hatten sie ihn als, wenn außergewöhnlichen, Menschen gekannt. Thomas aber spricht angesichts der Wundmale Jesu die revolutionären Worte: „Mein Herr und mein Gott!“ Jesus als Gott – dieses Bekenntnis ist die Frucht des produktiven Zweifels. Mit ihm beginnt der lange Weg der christlichen Kirchen durch die Zeiten.

Thomas wurde Didymus, Zwilling, genannt; und der Zweifel ist der Zwilling des Glaubens. Er ist das Instrument der Wahrheit, stellt die notwendigen Fragen und befreit von Trugbildern und falschen Ansprüchen. Ohne die produktive Kraft des Zweifels verkommt der Glaube der Kirchen zu Rechthaberei und Überheblichkeit, wird zu einem Zwangssystem und führt in geistige Erstarrung. Durch den Zweifel werden politische und ökonomische Machtverhältnisse immer wieder demokratisiert, bleibt vorläufig, was sich den Anschein des Ewigen verleihen möchte und bleibt korrigierbar, was bisher geleistet wurde. Alternative Bewegungen – die Frauenbewegung, die Schwulen- und Lesbenbewegung, die Vielfalt der ökologischen Bewegung, Befreiungsbewegungen usw. – leben aus den Energien des Zweifels: Ist es wahr, was die herrschende Meinung behauptet? Gibt es wirklich keine Alternativen? Könnten wir das Bestehende nicht noch verbessern?

Bertold Brecht hat das wunderbare Gedicht „Der Zweifler“ geschrieben. „Immer wenn uns / Die Antwort auf eine Frage gefunden schien / Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten / Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiel und / Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der / So sehr zweifelte.“ Der Zweifler fragt nach dem Wert der gesagten Worte. Er fragt, ob das Gesagte vielleicht vieldeutig ist: „Für jeden möglichen Irrtum / Tragt ihr die Schuld.“ Er fragt aber auch, ob das Gesagte vielleicht zu eindeutig ist, ob also der „Widerspruch aus den Dingen“ entfernt wurde. Denn dann sind sie unbrauchbar und leblos. „Und vor allem: wie handelt man / Wenn man euch glaubt, was ihr sagt?“ (Sagte nicht auch Jesus „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“?) Brechts Gedicht schließt: „Wir rollten zusammen den zweifelnden / Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und / Begannen von vorne.“

Von vorne beginnen - das heißt aus den Ursprüngen leben: in der Gegenwart des Gekreuzigten und mit der produktiven Kraft des Zweifels.

Dr. Wolfgang Herrmann, Geilnau

Literatur

Klaus Berger, Artikel χάρίς. Exegetisches Wörterbuch zum neuen Testament, Bd. 3, 1983, Sp. 1095-1102

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 3, 1959; ders. Atheismus im Christentum, 1968

Bertold Brecht, Werke, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 14, 1993, S. 376-377

Martin Hengel, Eigentum und Reichtum in der Kirche. Aspekte einer frühchristlichen Sozialgeschichte, 1973

Gerhard Jankowski, Und sie werden hören. Die Apostelgeschichte des Lukas. Erster Teil. Texte & Kontexte Nr. 91/92 (24. Jg. 3-4/2001)

Jacob Jervell, Die Apostelgeschichte. Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Bd. 3, 17. Aufl. 1998)

Wolfgang Schrage, Ethik des Neuen Testaments, NTD Ergänzungsreihe 4, 1982

Siegfried Schulz, Neutestamentliche Ethik, 1987

Hinweise: Ende 2005 erschien, vorgelegt von 26 kirchlichen Herausgebern, das „Jahrbuch Gerechtigkeit. Armes reiches Deutschland“ (Frankfurt am Main: Frankfurter Rundschau / Publik-Forum)

Informationen zu oikocredit: Oikocredit Förderkreis Hessen-Pfalz c/o Ökumenische Werkstatt, Querallee 50, 34119 Kassel, www.oikocredit.org/sa/hpf

 

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz