Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

13.04.06 – Gründonnerstag

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

1. Kor 10, 16-17

Jes 61, 1-3a.6a.8b-9

Offb 1, 5-8

Lk 4, 16-21

 

Betrachtet wird in erster Linie der (Trito-)Jesaja-Text zur ersten Lesung; dabei wird auf den Evangeliumstext Bezug genommen.
Stichworte: Gnadenjahr, Schwierigkeiten durch Berufung auf den „göttlichen Geist“, Konsequenz, Opportunismus, Eine Welt, Christen als Vorbild

Gedanken zu den Texten:

Verfasser des Textes zur 1. Lesung ist Tritojesaja. Von ihm wissen wir: Er lebte zur Zeit der Rückkehr Israels aus dem babylonischen Exil. Niemand hatte damit gerechnet, das Land der Vorfahren jemals wieder zu sehen. Historische Entwicklungen, die das scheinbar Unmögliche haben Wirklichkeit werden lassen, wurden als Eingreifen Gottes in die Geschichte gedeutet. Die anfängliche Euphorie wurde jedoch rasch enttäuscht. Die Heimkehrer fanden ein heruntergekommenes Land vor, dessen Besitz längst an andere verteilt worden war. Diese waren selbst Heimatvertriebene. Es entstanden Konflikte, für die sich keine Lösungen boten. Die neuen persischen Behörden waren überfordert. Der Wiederaufbau Jerusalems und seines Tempels stockte. Manches daran erinnert an das moderne Nahostproblem in seiner ganzen Ausweglosigkeit. In dieser Lage tritt der dritte Jesajaprophet auf. Er legitimiert sich mit der Autorität des ersten Jesaja. Er verkündigt die Überwindung der Probleme durch neuerliche Zuwendung Gottes: Den Armen wird eine frohe Botschaft angesagt, den Gefesselten Befreiung, wo Stadt und Land noch im Schmutz liegen, soll Neues entstehen. Der alte Anspruch, Gottes gesegnetes Volk zu sein, wird restauriert. All das soll an einem „Tag der Vergeltung Gottes“ bewirkt werden, welcher vorbereitet wird durch die Ausrufung eines göttlichen Gnadenjahres. Man kann an einen religiös motivierten und legitimierten Aufstand denken, welcher die alten Rechtsverhältnisse restaurieren soll, aber auch an göttliche Wunder, die direkt vom Himmel kommend, Wohlstand und Freiheit zurückbringen.

Der dritte Jesaja tritt uns mit einer enormen Begeisterung gegenüber. Als ob die Ausführung des Versprochenen nebensächlich, die Aussichten blendend wären. Wie kommt er dazu? Er beruft sich auf den „Geist Gottes“, der auf ihm ruhe, was durch eine „Salbung“ unterstrichen wird. Geht er da nicht zu weit? Jede/r kennt die Schwierigkeiten mit Menschen, die sich im Besitz absoluter Wahrheiten wähnen. Sie verlieren leicht den Kontakt zur Wirklichkeit. Sie verursachen Widerspruch, ernten Kritik, leiden darunter und setzen anderen zu. Manche gute Initiative ist schon an einem „zu viel“ an guten Absichten gescheitert. Wer sich nicht korrigieren lässt, wird am Ende sehr einsam. Tritojesaja kann sich jedoch auf alte Tradition berufen.

Gottesknechtliedern bei Deuterojesaja war der „Geist Gottes“ Ursache und Folge der Leidensgeschichte des Propheten. Er leidet vor aller Welt und stellvertretend für den Freundeskreis, indem er der Wahrheit treu bleibt und dafür Schmach und Erniedrigung, zuletzt gar den Tod auf sich nimmt. Doch bewirkt sein Heldenmut (über die ehrfürchtige Bewunderung hinaus) zunächst nichts.

Auch bei Jeremia und Ezechiel verursacht eine Beauftragung, die sich vom göttlichen Geist herleitet, schwere Auseinandersetzungen, politische Verwicklungen und persönliches Martyrium. Es charakterisiert geradezu den prophetischen Heldenmut, dass Erfolge sich zu Lebzeiten nicht einstellen. Im Unterschied zu den zeitgenössischen Heilspropheten bewirkt der Prophet Gottes jedoch nachhaltige Veränderungen. Indem er die Wahrheit ansagt und Israel Orientierungsmarken setzt, an denen sich das Gottesvolk ausrichten kann. Diesen Orientierungsmarken verdankt das historische Judentum seine Existenz. Ohne die prophetische Gerichtsankündigung, für die als erster der Prophet mit seiner eigenen Existenz einzustehen hatte, wäre dem alten Israel das gleiche Schicksal widerfahren wie seinen zahlreichen Nachbarn, die sich weder kulturell noch sprachlich, noch religiös sehr unterschieden. Daran muß ich manchmal denken, wenn ich unsere Kinder vorm Fernseher beobachte, wie sie den Superstar suchen und ihren Popidolen mit glühenden Augen in alle Banalitäten eines amerikanischen Prominentenalltags folgen. Wenn ich mir Geburtstags- und Ferienwünsche anhöre, welche in kindlicher Naivität die harmlosen, standardisierten Lebensvorstellungen spiegeln, die gerade in Mode sind. Eine Puppenwelt, so weit weg von unserer wirklichen Welt. Wie ein Spielverderber in der Spaßgesellschaft komme ich mir vor mit meinen sauertöpfischen Warnungen vor Energieverschwendung, Rohstoffkrisen und sozialen Ungleichgewichten. Das paßt so gar nicht in die permanente Festtagsstimmung unserer modernen Zeit. Vor allem nicht in die Familienfeierlaune zu christlichen Festen. Da hat mancher schon seine Konservativen in der Gemeinde murren hören wie einst der königliche Tempelpriester Amazia zum Propheten Amos sprach: „Du, Seher, geh weg und flieh ins Land Juda und iß dort dein Brot und weissage daselbst. Aber weissage nicht mehr in Bethel, denn das ist des Königs Heiligtum und der Tempel des Königs“.

Jesus fügt sich zunächst in diese prophetische Traditionsreihe ein. Auch er fühlt sich im Besitz des göttlichen Geistes. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Nazareth zitiert er den Tritojesaja und stellt sich in seine Wirkungsgeschichte: Im Lukasevangelium des heutigen Tages heißt es: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze“. Dem zeitgenössischen Leser der Evangelien war spätestens hier klar, daß Jesu Rolle nicht die des Triumphators sein würde, sondern eher die des leidenden Zeugen. Doch gerade in ihm erfüllen sich alle Heilszusagen Gottes.

Unser Tritojesaja ist nun allerdings weniger Prophet als vor allem Seelsorger. Seine Ansagen wollen nicht wörtlich genommen werden, sondern sind eher als Versuch zu werten, die alten Verheißungen wieder in Erinnerung zu rufen. Zukunft anzusagen angesichts einer von Niedergeschlagenheit bestimmten Gegenwart. Darum bekräftigt Tritojesaja den erneuerten Bund des Volkes mit seinem Gott: Er spricht vom „ewigen Bund“, um die Dauerhaftigkeit des Gottesverhältnisses zu unterstreichen. Er bezeichnet seine Hörer als „Diener eures Gottes“, „Priester des Herrn“, um ihnen ihre Rolle vor Gott als geschichtsmächtigem Lenker aller Dinge ins Bewusstsein zu rufen. Gott verspricht erneut: „Ich bin treu und gebe ihnen ihren Lohn.“ Dieses erneuerte Gottesverhältnis soll Wunder wirken.

So wird versprochen, was seine Zuhörer vermissen: „Den Armen die frohe Botschaft“, den „Gefangenen die Befreiung“, deren „Herz zerbrochen“ ist, die „Heilung“. Sind diese Wunder glaubwürdig? Seelsorge ist nur hilfreich, wenn sie beim Gegenüber etwas bewirkt. Was wird bewirkt, was unternommen, um Lohn, Heilung und Befreiung zu befördern? Die Verkündigung des dritten Jesaja erscheint hier eigentümlich praxisfern, wenn auch lebensnah. Er greift die Befindlichkeiten auf, lenkt jedoch den Blick allzu schnell wieder auf fern liegende Ziele. Es wird möglicherweise zu viel versprochen. Die Zuhörer werden voraussichtlich diese Spannung nicht durchhalten und in ihre Lethargie zurück sinken.

Übertragung in die Gegenwart:

Wir kennen dies ganz gut. Wie viele Gruppen und Initiativen mit idealistischer Zielsetzung sind am Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit gescheitert? Die rhetorischen Matadoren in den Gesprächszirkeln fehlten meist, wenn es um die Vorbereitung von Büchertischen, um Buchung von Sonderzügen für Friedensdemos, um die Anmietung von Örtlichkeiten für einen Dritte Welt Laden ging. Oft haben die Pragmatiker, die wenig Worte machten, aber eine Bohrmaschine zu handhaben wussten, das Ganze gerettet. Sie sind geblieben und sorgten dafür, daß wenigstens ein Rest von den Ideen umgesetzt wurde. Ihnen verdanken wir, wenn es heute manche Projekte noch gibt: Zeitungen und Stadtteilinitiativen, Amnesty-Gruppen und Naturschutzvereine, Körnerläden und ADFC, Greenpeace, Atomgegner, Energiewende und vieles mehr. Die beredten Alternativphilosophen vom Anfang haben zwischenzeitlich lieber ihre Beamtenlaufbahn weiter verfolgt, sind Abteilungsleiter, Oberstudienräte, Schulleiter geworden. Andere haben ihre Streitlust kultiviert. Wegen Nebensachen wurden Versammlungen lahm gelegt bis keiner mehr hinging. So lähmte sich der Geist von selbst.

Als kleines Wunder empfinde ich die Fälle, wo Projekte bestehen blieben, obwohl seine Initiatoren längst das Weite gesucht hatten. Wenn unerwartet andere aufgetaucht sind, die mit neuer Kraft drangingen und alles weiter trugen. Die hatten keine Ahnung von den „alten Geschichten“, wen interessierte das auch? Verschlungen sind die Wege des Herrn, von der Idee am Alternativstammtisch zum Windpark auf dem Berg im Nachbarort. Vom Frauenärger über Kantinenmachos zur Frauenkabarettgruppe. Wichtig dabei: Das Ziel bleibt bestehen und im Alltag bleibt etwas davon erkennbar. Kränkend mag für manchen die Erkenntnis sein: Menschen sind leichter ersetzbar als eine gute Idee. Daran sieht man, wie wichtig beides ist: Tat und Idee. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Darum: Achten wir auch die praxisfernen Ideengeber.

Unproblematisch sind sie zwar nicht. Weder in der Rolle des Unheilspropheten, noch in der des heilverkündigenden Seelsorgers. Der eine wirkt leicht fanatisch, der andere eher verträumt. Beide stoßen sich hart an der Wirklichkeit. Doch verzichtbar sind sie nicht. Das sei allen gesagt, die den geistig Regsamen mit dem wohlfeilen Spott der „Realisten“ begegnen und dabei den bierseligen Stumpfsinn ihres eigenen ewigen „weiter so“ nicht bemerken. Das Leben wird nicht gewonnen, wenn den Aufwallungen des Geistes mit der Schwerkraft des Arsches begegnet wird. Neue Perspektiven, Glaube an die Veränderbarkeit der Welt, Ermutigung zum Aufbruch, das sind unverzichtbare Werte, ohne welche das Leben nicht human werden kann.

Auch die politischen Parteien unserer Republik haben ständig mit diesem Widerspruch zwischen prophetischer Blickerweiterung und Realitätsprinzip zu kämpfen: Im Wahlkampf druckt man bunte Broschüren, hält blumige Reden, um dem Wahlvolk Perspektiven zu zeigen, damit die Leute wenigstens dieses eine entscheidende Mal noch an die Urnen gehen. Das kommt dem Wunsch vieler entgegen, die gerne Veränderung sehen. Auf der anderen Seite weiß man jedoch nur zu gut, daß die meisten Ankündigungen nicht verwirklicht werden, weil die Globalisierung den Staat arm gemacht und seine Handlungsmöglichkeiten beschränkt hat. Wie hilft man sich heraus? Koalitionen werden geschlossen, dann kann die Enttäuschung auf den Koalitionspartner geschoben werden. Man verweist auf die Fehler der Vorgängerregierung, deren „Erblast“ allzu schwer wiegt. Man gibt dem politischen Gegner die Schuld, der alles blockiert. Auch ändert sich der Sprachstil, sobald der parlamentarische Alltag wieder eingekehrt ist. Man wird zum „Pragmatiker“, sieht die Dinge „nüchtern“, ist „sachorientiert“, das macht Eindruck bei der älteren Generation und bei den eher Konservativen. Mit dieser Doppelstrategie sind in Deutschland immer noch Mehrheiten zu machen und niemand wird sagen können, die Volksparteien hätten damit keine dauerhaften Erfolge erzielt. Doch Probleme werden so nicht gelöst. Sie werden aufgeschoben, bestenfalls Teillösungen zugeführt. Hinter den Parteistrategien wird das Interesse an Machterhalt, an Sicherung von Parteilaufbahnen, an Interessenausgleich mit mächtigen Gruppen erkennbar. Damit erweist sich die politische Elite als konservativ bewahrender Faktor in der Gesellschaft, dem Veränderung und Gestaltung wegen der damit verbundenen Karriererisiken zuwider ist.

Dies gibt kein sinnvolles Modell für eine christliche Gemeinde her. Es hilft auch den zahlreichen Initiativen nicht, die im Raum der Kirchen und nur dort überleben können. Allerdings sind die Aufgabenstellungen idealistischer Vereinigungen vergleichsweise begrenzt. Darin kann eine Chance liegen: Wer sich weise beschränkt, erreicht auf seinem Gebiet mehr. Ihm gelingt der Brückenschlag zwischen Ideal und Handlungsebene besser als jeder politischen Partei. Ob eine Sache gut geworden ist, kann man daran merken, wie zufrieden die Teilnehmenden sind und ob sie weiter machen wollen.

Selbst Tritojesaja bemüht sich im weiteren Verlauf seiner Verkündigung um Konkretion. Er erwähnt ein „Gnadenjahr des Herrn“. Damit spielt er auf das Jubeljahr an, das nach alter Sitte alle 7 mal 7 Jahre auszurufen war. Gejubelt wurde in solchen Jahren von allen Schuldnern, denn ihre Verbindlichkeiten waren zu erlassen. Warum? Weil die Erde des Herrn ist und keiner wegen ihrer Erträge einen anderen in Schuldknechtschaft halten soll. Das Gandenjahr spielt hier auf einen vergleichbaren Vorgang an, den man wohl erhoffte. Einen Termin, zu dem die Eigentumsverhältnisse geregelt, die Konflikte geschlichtet, die Auseinandersetzungen zu Ende geführt sein könnten. Parallel dazu wird ein „Tag der Vergeltung unseres Gottes“ ausgerufen, an dem die „Trauernden getröstet“ werden sollen. Vielleicht eine politische Aktion, vielleicht später eine Art Volkstrauertag, der dem Vergangenen gewidmet sein und den Gegenwärtigen zur Mahnung dienen sollte. Dann jedoch flammt wieder seine Begeisterung auf. Sie reißt den Blick vom Jetzt und schweift in ferne Zeiten, lässt die Nachkommen seiner zeitgenössischen Zuhörer bei allen Völkern der Welt bekannt sein. „Alle sollen erkennen: Das sind die Nachkommen derer, die der Herr gesegnet hat“.

Unvermeidlich hier der Widerspruch bei unseren Pragmatikern. Zu Recht? Wer das Unmögliche nicht denkt, erwartet nicht, was vielleicht möglich ist, führt nicht aus, was sicher möglich ist, bleibt am End zu Hause hocken.

Winfried Anslinger, Homburg

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz