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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

2. Fastensonntag / 12.3.06

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Jes 5, 1-7

Gen 22, 1-2.9a.10-13.15-18

Röm 8, 31b-34

Mk 9, 2-10

Die Autorin geht auf den Text der ev. Reihe IV und den ersten Lesungstext der kath. Leseordnung ein. Stichworte (e): soziale (Un-)Gerechtigkeit, ökologische Rechtlosigkeit und Hilfeschreie, Gerechtigkeit als Kategorie von Nachhaltigkeit, Erinnerung an Gottes Liebe; (k): Thema "schwere Entscheidungen" - z.B. im Umweltschutz

Jesaja 5,1-7

Beobachtungen zum Text

Am Anfang eines Themenkomplexes mit der Bezeichnung prophetische Sozialkritik (Jes 5,1-24.10,1-4) steht eine Komposition von herausragender poetischer Schönheit: Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg (Lutherbibel).

I. V 1-2: Eine kurze Ankündigung, mit der sich ein Sänger Aufmerksamkeit verschaffen will, nimmt den Hörer in eine Gasse des lärmenden, möglicherweise gar feiernden Jerusalem hinein. Mit der intim-erotischen Semantik „mein Freund/Geliebter“ (dodi , Hld. 1,13f.16 u.ö.) und seiner Braut als „Weinberg“ (käräm, Hld. 8,12) wird den HörerInnen ein Liebeslied versprochen (V 1,1a). Die idealen Voraussetzungen und die Zuneigung des Liebenden im Bild eines Weinbauern lassen eine glückliche Beziehung erwarten. Umso herber ist die Enttäuschung über den ausbleibenden Ertrag.

II. V 3-4: In unvermittelter Gerichtssprache (schiftun-na) werden die HörerInnen zur eigenen Urteilsbildung aufgefordert, die nun der Kläger selbst in 1.Sg. durch drängendes Fragen auf die eigene Schuldlosigkeit hin zu erleichtern sucht.

III. V 5-6: Die Konsequenzen des Klägers als Richter dürften gewiss ihre Zustimmung gefunden haben: Der Weingärtner reißt Zaun und Mauer nieder, wendet sich von seinem Weinberg ab und gibt ihn so der vernichtenden Verwilderung preis. Nun ahnen die HörerInnen bereits, dass der prophetische Sänger ein Gleichnis vorgetragen hat:

IV. V 7: Der Liebende (als Weingärtner) ist der Herr Zebaoth selbst, die Geliebte (als Pflanzung) sind die Judäer und – sicher später ergänzt – das (Herrscher-) Haus Israel. In einem eingängigen Merkreim, dem Kern der prophetischen Anklage sozialer Missstände, treibt das Gleichnis auf seine ethische Pointe zu: Statt dem erwarteten Rechtsspruch (mishpat) herrschte Rechtsbruch (mispach); statt Gerechtigkeit (zedaka) Schreien um Hilfe (ze’aka).

Deutung des Textes

Möglich ist einerseits eine psychologisch-existentiale Deutung im Horizont der Liebeserfahrung. Der liebende Gott zeigt sich dann ganz menschlich enttäuscht und verletzt: Warum konnte mein geliebtes Volk meine Zuneigung so verachten? Warum nur die unerklärliche soziale Ungerechtigkeit und Not? „Aus einer Theodizee wird so etwas wie eine Antropodizee“ (J. Dembeck, PrSt IV 1, 1987/88, 160) mit der atemberaubenden Pointe, dass die Ethik im Zentrum der Gottesbeziehung steht. Allerdings schwächt dieses Verstehen die Einsicht des Textes in die ethische Tragweite: Zwar gehört zur Liebe auch Schmerz und Enttäuschung über Unrecht, aber dies alles in der grundsätzlichen, unerschütterlichen Zugewandtheit Gottes trotz zeitweiligen Liebesentzugs.

Ganz anders das Bild, wenn man den pädagogischen Text in eine kollektive Perspektive bringt: Das Fehlverhalten hat das endgültige Abwenden Gottes zur Folge, an die Stelle der Liebe tritt Verachtung und Hass. Gott lässt seinen Weinberg aus Interesselosigkeit fahren, nicht einmal die Zerstörung ist ihm der Weinberg wert. Diese Deutung nimmt die Erfahrung weitaus ernster, dass Missachtung von Recht und Gerechtigkeit lebenszerstörende Gottesverborgenheit mit sich führt. Die rational nicht lösbare theologische Spannung ist dabei evident: Man muss nicht erst die christliche Tradition bemühen („Gott ist die Liebe“, 1Joh 4,16), denn die geschichtliche Erfahrung Israels selbst führt gegen das Gottesbild des Textes die grenzenlose Liebe Gottes vor Augen.

Hinweise zur Predigt

Für ökologische Fragen sensiblen PredigthörerInnen erschließt sich das Bild der Perikope so eingängig, dass ich keinen anderen Einstieg wählen würde. Die Enttäuschung des liebevollen Weinbauern über die fehlende soziale Gerechtigkeit wird brisant, wenn man ökologische Rechtlosigkeit und Hilfeschreie m.E. legitim einbezieht, ohne die Metaphorik überzustrapazieren. Ihre Tiefendimension gewinnt die ökologische Ausrichtung durch die Einsicht, dass Recht und Gerechtigkeit Kategorien der Nachhaltigkeit sind. Die verzweifelte Ratlosigkeit angesichts der sinnlosen Zerstörung liebenswerter Schöpfung zeigt sich dabei ebenso wenig rational lösbar, wie das Handeln Gottes als enttäuschter Liebhaber der Offenbarung Gottes als grenzenlos Liebender schroff gegenüber steht. Eine Perspektive aus dem Dilemma eröffnet das Thema des Sonntags Reminiszere: Erinnere dich der Liebe Gottes! Diese Perspektive des Glaubens vermag tröstend aus der Verzweiflung zu führen und leitet zur pädagogischen Zielrichtung des Textes an: Tut Recht und Gerechtigkeit, denn darin verwirklicht sich die Liebe Gottes!

Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18

Rüdiger Lux macht (Pastoraltheologie/GPM 94 2005/2) exegetisch zwei homiletische Weichenstellungen plausibel: erstens, dass die Geschichte nicht aus dem erzählerischen Zusammenhang der Erzelternerzählung gelöst werden kann und sich zweitens in dieser Geschichte die Leidens- und Rettungserfahrung des Volkes Israel abbildet und theologisch reflektiert. Diese Einsicht bringt überraschend Klarheit über den merkwürdigen, entschlossenen Gehorsam des Abraham und den unentschlossenen, sich selber ins Wort fallenden Gott. Vor diesem Hintergrund greife ich einen Aspekt heraus: Sohnesliebe oder Gottesliebe?

Es ist von alles entscheidender Bedeutung, dass die Geschichte mit „…Gott versuchte Abraham…“ überschrieben ist. Im Hebräischen wie im Deutschen schwingt in „versuchen“ (nisah, Pi) der Aspekt „jem. vor eine Wahl stellen“ mit (Ex 25,15). Dadurch weiß nicht nur jede/r HörerIn mehr als Abraham - nämlich dass alles folgende nur! eine Probe darstellt -, sondern kunstvoll wird er/sie ab nun im Laufe der Geschichte selbst in die Situation der Entscheidung gebracht.

Der Text versucht keineswegs, Abraham als blinden religiösen Fanatiker erscheinen zu lassen, sondern als einen, der in inniger Liebe zu seinem Sohn eine schwere, unmenschliche Entscheidung fällt.

Sören Kierkegaard hat in seiner Auslegung zu Gen 22 (Mit Furcht und Zittern) eine „Suspension des Ethischen“ konstatiert, wenn in außergewöhnlichen Lagen unser Normgefüge von Gut und Böse außer Kraft kommt. Eine solche Situation hat der Physiker Max Planck erfahren, als sein Sohn als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten verhaftet wurde. „Die Nazis boten dem Vater die Freilassung des Sohnes an, wenn er zugleich eine Ergebenheitsadresse an das Regime veröffentlichte. Der Vater verhielt sich wie Abraham.“ (D. Sölle, Leiden, Stuttgart ²1973, 40)

Hinweise zur Predigt

Wenn die Wahl des Predigtthemas auf „Entscheidung“ fällt, lassen sich Situationen benennen, in denen es im ökologischen Bereich zu schweren Entscheidungen kommen muss. Arbeitsplatzverluste vs. Schutz der Umwelt (in einem konkreten Fall?) Weitergehende Analogien zur Entscheidung des Abraham liegen nicht ohne weiteres auf der Hand. Sie müssen deshalb sehr sorgfältig geprüft werden.

Carolin Kalbhenn, Gießen

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