Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

5.03.06 – 1. Fastensonntag

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

2. Kor 6, 1-10

Gen 9, 8-15

1 Petr 3, 18-22

Mk 1, 12-15

  Der Verfasser betrachtet den Text der 1. Lesung. Stichworte: Christentum und Naturkatastrophen, göttliche Warnung und Ignoranz; Macht des Geldes im Einsatz gegen die Vernunft und gegen die göttliche Weisung, auf sicheren Grund zu bauen; Verantwortung / soziale Gerechtigkeit

Gen 9, 8-15: Woran denken wir eigentlich heutzutage, wenn wir einen Regenbogen am Himmel sehen?

Leider ist es nicht möglich hierbei auf die Ergebniss einer unabhängigen Studie zurückzugreifen, ich mutmaße jedoch, dass die allermeisten von dem Naturschauspiel beeindruckt sind. Vielleicht kommen dem einen oder der anderen auch noch die physikalischen Zusammenhänge in den Sinn, oder man denkt an das Töpfchen Gold, das am Ende des Bogens auf den Finder harrt- aber an den Bund Gottes mit den Menschen, wie wir es gerade in der ersten Lesung hörten, werden doch wohl die wenigsten denken.

Und doch, nach einer entsetzlichen Naturkatastrophe, der Sintflut, der, nach biblischen Angaben fast alle Menschen zum Opfer fielen, setzt Gott den Regenbogen als Zeichen an den Himmel, dass es nie wieder zu solch einer Katastrophe kommen wird.

Die Vorgeschichte, wie es zu dieser Sintflut kam, kennen wir: Die Menschen sündigten, sie kümmerten sich immer weniger um Gottes Gebote und ließen ihn so „einen guten Mann sein“. Gott sah diesem Treiben eine Weile zu, doch dann wurde es ihm zu bunt - er plante eine Flut, die dem ganzen Treiben ein Ende bereiten soll. So weit so schlecht.

Gott läßt die Menschen aber nicht unvorbereitet in Ihr Unglück rennen, er warnt sie und macht ihnen ein Rettungsangebot. Noah tritt hier auf. Er baut ein gigantisches Schiff - die Arche - und lädt alle ein sich auf diese Arche zu retten, auf Gottes Warnung zu hören und so dem drohenden Unglück zu entgehen - doch keiner hört auf die Warnung, keiner läßt sich auf diesen sonderbaren Narren ein, der mitten auf dem Trockenen ein Schiff baut.

Im Kindermusical „Noah unterm Regenbogen“ lassen Rolf Krenzer und Peter Janssens die Menschen singen: „... und mitten auf dem Land, das ist doch hirnverbrannt .... Der soll mal zum Psychater gehen“

Und dann kommt sie doch, die Flut, die die meisten doch nur für ein Hirngespinnst eines durchgeknallten Frömmlers hielten, und spülte alles weg - bis auf das, was in der Arche saß.

So weit die Erzählung aus dem Buch Genesis.

Und wie sieht es in der Realität aus?

Dezember 2004: Tsunami in Südostasien
August 2005: New Orleans wird überflutet
Dezember 2005 Hochwasser in Südthailand

(kann durch aktuelle Ereignisse ergänzt werden)

Was ist passiert??

Hat Gott seinen Regenbogen vergessen??

Oder müssen wir den Umkehrschluß ziehen, dass wir als Menschheit nicht mehr gläubig genug sind (liegt vielleicht an den vielen Kirchenaustritten?!?), sodass wir wieder mal eine Sintflut brauchen? (Wer ist dann aber Noah und wo steht seine Arche???) Können wir uns das wirklich so einfach machen: Glaube contra Flut? Entweder wir glauben intensiver oder wir gehen unter????

Wie kann Gott denn solches nur zulassen? (Sie kennen alle die Schlagzeilen, die uns aus den einschlägigen Presseerzeugnissen entgegen leuchten - meist noch mit traurigen Kinderaugen „garniert“.)

Ja - wie kann Gott denn solches Unheil zulassen? Hat er denn nicht gesagt, dass sein Bogen am Himmel das Zeichen sein soll, dass er keine Flut mehr senden wolle?

Gut, dass wir da so ganz schnell einen Schuldigen bei der Hand habe: Gott hätte es nicht zulassen dürfen! Aus fertig, gehen wir zur Tagesordnung über - oder können sie sich noch wirklich an den Tsunami Dezember 2004 erinnern? Hätte es da nicht irgendwelche Konsequenzen geben sollen? So ein Frühwarnsystem etwa? Naja, aus der Presse - aus dem Sinn, die nächste Katastrophe wartet schon.

Mir geht das etwas zu schnell. Stehlen wir uns da nicht aus der Verantwortung, wenn wir die Schuldfrage so schnell und vor allem so fern von uns beantworten.

Im Vers 11 der gehörten Stelle aus dem Buch Genesis steht: „Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“

Es heißt hier nicht, dass es keine Flut mehr geben wird, sondern dass Gott keine mehr senden wird, um alle Wesen aus Fleisch auszurotten. Dass die Erde in Bewegung ist, dass auf dieser Erde Naturkräfte am Wirken sind, die der Mensch nicht kontrollieren kann, ist auch den Autoren der Genesis bekannt - es sind für sie aber keine Strafen Gottes, es fordert heraus im Einklang mit der Natur, mit Gottes Schöpfung zu leben - sein Haus eben nicht auf schlüpfrigen Sand, sondern auf sicheren Felsen zu bauen.

Nun ja, auf dem Felsen gebaut sind aber nicht die traumhaften Sandstrände mit den faszinierenden Palmen vor der im Meer versinkenden scheinbar rotglühenden Sonne, wo von Eingeborenen servierte Cocktails besonders gut schmecken. Was liegt also näher, gerade dort, auf den Sand, Hotelkomplexe ausländischer Investoren und wuchernde Siedlungen für die Angestellten zu errichten - gerade dort, wo Generationen von Ortsansässigen niemals auch nur eine Blätterhütte gebaut hätten? Paradies all inclusive - auch des Risikos.

Und mit dem Druck der Armut wird dieses Risiko auch den Einheimischen aufgebürdet.

Die Flut allein ist erst einmal nur Wasser. Wenn in diesem Wasser jedoch Menschen ihr Leben lassen, wird diese Flut zur Katastrophe. Und dann sollte sich die Frage nach den Ursachen der Katastrophe stellen.

  • Die Frage danach, warum, wie bei der Tsunami-Katastrophe 2004, Menschen in Regionen leben müssen, die zweifelsohne zu den schönsten Stränden der Welt zählen, für Ihre Vorfahren aber als unbewohnbar galten.
  • Die Frage auch, warum gerade arme Menschen in gefährdete Regionen eines Landes abgedrängt wurden, in denen die Reicheren noch nicht einmal ihr Auto abstellen würden.
  • Aber auch, warum Tourismus solche Risiken in Kauf nimmt und diese Gefahr auch den Einheimischen aufbürdet.

Natürlich ist es einfacher die Schuld Gott in die Schuhe zu schieben. Schließlich scheint er weit weg und anscheinend wehrt er sich auch nicht. Viel einfacher, als sich der eigenen Verantwortung für die Katastrophe - nicht für die Flut, sondern die Katastrophe - zu stellen. Als Stichworte mögen hier nur genannt sein:

  • ausbeuterischer Schnäppchentourismus
  • die finanzielle Ausbeutung der ärmsten Länder und der daraus resultierende Druck, das Land dem Massentourismus preis zu geben
  • Preisschlacht am Last-minute-Himmel
  • Geltungsdrang der Fernurlaubssüchtigen (oder umgekehrt?: Fernurlaubsdrang der Geltungssüchtigen)

So stellt sich die Frage nach Schuld noch einmal ganz anders. So sind wir mit unserem Handeln plötzlich auch in die Verantwortung genommen und können uns nicht mit einem billigen „Gott ist schuld“ aus dieser stehlen.

Wenn wir den Regenbogen am Himmel sehen, sollten wir nicht meinen, Gott an seinen Bund mit den Menschen erinnern zu müssen, wir sollten uns eher unserer Verantwortung für die uns anvertraute Erde - auch und gerade im Urlaub - übernehmen.

Alexander Rudolf, Dreieich

 

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz