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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

5.02.06 – 5. Sonntag im Jahreskreis / letzter Sonntag nach Epiphanias ´

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Offb 1, 9-18

Ijob 7, 1-4.6-7

1 Kor 9, 16-19.22-23

Mk 1, 29-39

 

Betrachtet werden der Text der ev. Reihe IV und der Text der kath. 2. Lesung; Stichworte (e): die ganze Schöpfung / der ganze Kosmos ist Wirklichkeit des Auferstandenen, Christus als Majestät in der Ganzheit der Schöpfung, (k): Was überzeugt / behindert, eingefahrene Wege zu verlassen und neue zu beschreiten? Wie läßt sich freudiges Engagement bei anderen auslösen?

Der Predigttext der evangelischen Reihe IV: Offb. 1, 9-18

Die Berufungsvision des Johannes

Die Berufungsvision des Johannes, in der uns der auferstandene Christus als kosmische Gestalt begegnet, will deutlich machen, dass Christus die ganze überwältigende Majestät, Macht und Herrlichkeit Gottes teilt und deshalb als Sieger über den Tod und als endzeitlicher Richter auch der Retter für seine bedrohten und verfolgten Gemeinden sein wird.

Die eigentliche Vision des kosmischen Christus in 1, 12-18 wirkt auf uns heute fremd und wird überhaupt erst verständlich, wenn wir ihre Symbolik entschlüsseln, denn die Bilder erschließen sich uns nicht mehr von selbst. Für die Leserinnen und Leser damals klang hier Vieles an, was sich aus der apokalyptischen Tradition oder auch aus der mediteranen Astrologie und Kosmologie ergab.

Ein paar Anklänge und Hintergründe seien kurz erklärt:

Die laute Stimme wie eine Posaune (oder auch ein Schofar) lässt die Sinaitradition anklingen, sie ist ein altes Motiv der unmittelbaren Nähe Gottes. das hier auf Christus übertragen wird.

Die Erscheinung des Menschensohnähnlichen verbindet verschiedene Traditionen.

Das lange Gewand und das goldene Band um die Brust erinnert an die Kleidung des Hohenpriesters (Ex 28), lässt ihn damit als endzeitlich-himmlischen Hohenpriester erscheinen.

Die Haare weiß wie Wolle, ja Schnee, die wie Feuer glühenden Augen und die Füße, die wie glühendes Metall schimmern und die Stimme wie das Rauschen vieler Wasser begegnen uns als Attribute Gottes (der Hochbetagte in Daniel 7, 9 ff.) oder als typische Erscheinungsmerkmale eines Engels (Daniel 10, 4-6) und lassen Christus als Gott selbst unmittelbar verpräsentierenden Richter erscheinen.

Die weiße Farbe ist Kennzeichen göttlicher Majestät, die feurigen Augen durchschauen die Menschen (Offb. 2, 18 f.) und sind hier ein Zeichen des endzeitlichen Richters, ebenso wie das zweischneidige Schwert.

Dass seine Stimme braust wie das Rauschen vieler Wasser ist das typische Geräusch der Erscheinung Gottes wobei auch das Tosen einer Volksmenge (Dan 10, 6) oder die Brandung des Meeres (Hes. 43, 2) dieses Rauschen umschreiben kann.

Das sonnenhell leuchtende Gesicht steht begegnet uns als Zeichen der unmittelbaren Nähe Gottes immer wieder (vgl. die Verklärung Jesu Matth. 17, 2 oder Dan 10, 6).

Die ganze Begegnung mit dem Auferstandenen ist außerdem durch die sieben goldenen Leuchter und die sieben Sterne in seiner rechten Hand von besonderer kosmischer Bedeutung. Die sieben Leuchter erinnern an den Tempel und die Menora.

Im hellenistischen Judentum wurde die kultische Tradition aber längst auch kosmologisch gedeutet. Der Sinn des jüdischen Kultus wurde universal verstanden, als Abbildung der ganzen Schöpfung Gottes, wobei die sieben Leuchter die sieben Planeten und damit den gesamten Kosmos repräsentieren.

Die sieben Sterne in der Hand des kosmischen Christus kennzeichnen ihn als Herrn über den gesamten Kosmos, denn in der antiken Kosmologie stehen sie für das Sternbild des kleinen Bären über dem Nordpol (an der Spitze des Himmels). Wer aber den Pol regiert bestimmt damit gleichzeitig die Veränderung des Universums. Denn der Pol wurde nicht als Schnittpunkt der Erdachse mit der Erdoberfläche verstanden, sondern als zentraler Dreh- und Angelpunkt des gesamten kosmischen Geschehens, der den ganzen Himmel um die Erde rotieren ließ.

Die Verbindung mit Sternen und Planeten in die Christus hier gebracht wird, um ihn als Herrn über die Sterne zu kennzeichnen, war in der Antike weit verbreitet, wenn himmlische Wesen beschrieben wurden (vgl. die Beschreibung der 72 Astralgottheiten im astrologischen Handbuch Salmeschoniniaka, das aus der Zeit vor 150 v. Chr. stammt). Dahinter stand die Überzeugung, dass Sternbilder Macht über die Bereiche der Erde haben, über die sie hinwegziehen. Solange sie am Himmel stehen, haben sie einen unmittelbaren Einfluss auf das, was unter ihnen geschieht. Ist Christus aber der Herr der entscheidenden Sterne und damit des Himmels, dann bestimmt er damit zugleich das Geschehen auf der ganzen Erde. Die Deutung der sieben Sterne und der sieben Leuchter auf die sieben Gemeinden und ihre Engel ist eine spätere Interpretation dieser urspünglich nicht allegorisch gemeinten Darstellung des kosmischen Christus.


Übertragung auf unsere Gegenwart

Uns sind dies ungewohnte, unvertraute Bilder. Während der Auferstandene als strahlender Weltherrscher, als Pantokrator in der orthodoxen Frömmigkeit immer eine ganz wichtige Rolle gespielt hat, ist uns in unserer evangelischen Tradition der Gekreuzigte, der mit uns und für uns leidende Christus viel näher. Nicht der richtende und herrschende, sondern der menschlich nahe, dienende, mit uns leidende und gerade durch diese Nähe auch heilende Christus.

Demgegenüber wirkt dieser kosmische Christus als himmlischer Herrscher und endzeitlicher Richter mit seinen gewaltigen, aber auch einschüchternden Erscheinungsattributen eher fremd und unnahbar, ja für uns auch sonderbar.

Das hängt sicher damit zusammen, dass sich im Zeitalter der Weltraumsonden das All für uns weitgehend entsakralisiert hat. Es ist für uns eigentlich kein Raum der Nähe Gottes. Wir spüren ihn dort nirgendwo. Und wenn wir ihn als Urenergie und strukturierende Kraft unseres ganzen Alls zu verstehen versuchen, rückt er eher lichtjahreweit von uns fort.

Auch dass Gott uns durch die wechselnden Sternbilder unmittelbar begleitet oder zukünftige Ereignisse auf diesem Weg mitteilen kann und will, ist uns trotz des Sterns von Bethlehem doch eine fremde Vorstellung. Trotzdem bleibt das Anliegen des Johannes ja wichtig: Wirklich die ganze Schöpfung, den ganzen Kosmos als Wirklichkeit des Auferstandenen zu begreifen.

Vielleicht würde Johannes heute andere Bilder wählen, um deutlich zu machen, dass der Auferstandene mit der ganzen Kraft, Herrlichkeit und Liebe Gottes unmittelbar verbunden ist. Vielleicht wären es eher solche Bilder, in denen sich Gottes lebensschaffende und lebens-bewahrende, seine segnende Kraft für uns spiegelt. Dazu gibt es ja viele Bemühungen, die Schöpfung und ihre Elemente wieder tiefer und lebendiger in unser Erleben Gottes einzubeziehen, Gott wirklich „in allen Dingen“ zu spüren und zu begegnen.

Von der wiederentdeckten franziskanischen Schöpfungsspiritualistät bis zu den vielen neuen Versuchen, Glaubenserfahrung und Schöpfungssegen miteinander neu zu verbinden (ob Matthew Fox mit seiner „Vision vom kosmischen Christus“, ob Paul Winters Missa Gaia, Jörg Zinks Bücher oder viele Lieder und Gottesdienste auf den Kirchentagen und in unseren Gemeinden) sind wir hier auf einem guten Weg. Allzu oft bleibt Christus dabei aber „außen vor“. Johannes macht uns deutlich, wie wichtig es ist, ihn auch mit zu sehen, mit zu hören, mit zu spüren, wenn wir vom strahlenden Glanz der Sonne, dem Rauschen des Wassers oder der Wälder, dem Segen der Erde, dem leisen Wehen eines Windes (Elia) oder auch von der Schönheit eines Sternenhimmels tief berührt werden.


Zum Text der 2. Lesung: 1. Korintherbrief 9, 16-19 und 22 f.:

Zum Text:

Andere Menschen für das Evangelium zu gewinnen, das ist das Thema dieses 9. Kapitels.

Paulus nimmt in den Versen 1-15 einen langen Anlauf und erklärt mit vielen Beispielen, wie sehr es doch sein gutes Recht sei, sich für seine Verkündigung auch bezahlen, zumindest aber ernähren zu lassen. Er verzichtet aber freiwillig auf dieses Recht, um der Verkündigung keine Hindernisse in den Weg zu legen, um jedes vielleicht skeptisch betrachtete Nebeninteresse deutlich auszuschließen (9, 12). In diesem Verzicht sieht er eine besondere Chance, andere zu überzeugen. Der Predigt des Evangeliums selbst kann er sich dabei gar nicht entziehen. Sie ergibt sich zwingend aus seinen eigenen, befreienden Erfahrungen (9, 16-18).

Außerdem versucht er, Menschen für das Evangelium auch dadurch zu gewinnen, dass er ihnen in ihren Überzeugungen und ihrer Lebensweise entgegenkommt, obwohl er sich ihren Bindungen und Bindungslosigkeiten gegenüber eigentlich frei fühlt. Um wenigstens einige zu überzeugen und zu retten, geht er immer wieder auf ihre Ausgangssituation ein, um – von ihrem zunächst schwachen Glauben ausgehend – vorsichtig zu Schritten in die Freiheit des Evangeliums zu verlocken.

Bezug zu heute:

Wenn wir heute andere Menschen gewinnen wollen, z. B. für ein Leben, das vom Vertrauen in Gottes Liebe bestimmt ist, aber auch für ein christliches Engagement in Sachen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, stehen wir wie Paulus vor der Frage:

Wie lassen sich Menschen zu einem anderen Leben bewegen?

Was hält sie fest in alten Strukturen, Sicherheiten und Gewohnheiten?

Und warum entziehen sich manche lieber jeder Verantwortung und moralischen Verpflichtung?

Ganz besonders die Frage nach einem nachhaltigen Lebensstil ist eigentlich allgegenwärtig und konfliktträchtig, da sie alle Bereiche des täglichen Lebens tangiert. Von der Energiesparlampe im Flur bis zur Öko-Obstkiste, vom Recyclingpapier bis zur Nachfülltinte im Drucker, vom Radfahren bis zum sanften Urlaub oder zur ökologisch vorbildlichen Jugendfreizeit: Auf Schritt und Tritt begehen wir Umweltsünden oder leisten unseren Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung.

Dabei gehen die persönlichen Entscheidungen quer durch Familie, Freundeskreise und Belegschaften. Jeder kennt auch Mahnerinnen und Mahner in diesen Lebensstilfragen, die wirklich nerven können. Weil ihre Konsequenz auch zwanghafte, verbissene und manchmal verbitterte Züge trägt und nichts Gewinnendes an sich hat. Von ungemütlich kalten Räumen über große Komplikationen bei gemeinsamen Mahlzeiten bis hin zu unerwünschten Belehrungen zum falschen Zeitpunkt. Und umgekehrt können uns andere Menschen auch richtig nerven mit ihrer fröhlichen Verantwortungslosigkeit und Gedankenlosigkeit, mit der sie (Flug-) Benzin vergeuden und wirklich nur auf günstige Preise gucken. Ohne zu fragen, welche Menschen und welche Tiere dafür mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben bezahlen müssen. Es bleibt immer eine schwierige Balance zwischen zu viel und zu wenig Kritik und Ermahnung. Auch den eigenen Kindern oder Eltern gegenüber.

Paulus wirkt hier erstaunlich flexibel und locker. Mal hält er sich den Juden zuliebe an die mosaischen Gesetze, mal achtet er anderen zuliebe gar nicht auf sie. Darin steckt ein großes Entgegenkommen, auch eine große Sympathie und vor allem dieser Wunsch, andere zu gewinnen und zu begeistern.

Dass dieses Gewinnende, Zugewandte den Ton angibt, ist sicher auch das Geheimnis jeder guten Ökopädagogik, Friedensarbeit oder Flüchtlingssolidarität. Wirklich einladend und überzeugend ist oft besonders die eigene Freude, die eigene Begeisterung, die das Engagement mit sich bringt. Spürbarer Spaß am Radeln, fröhliches Energiesparen, lebendige Tierliebe hinter sparsamem Fleischgenuss, deutliche Sympathie für ökologische Landwirtschaft – vielleicht auch gesundheitlich positive Auswirkungen des eigenen Lebensstils: Das macht neugierig und gewinnt andere ohne Moralpredigten.

Auch Flüchtlings- und Friedensarbeit lebt mehr von Begegnungen, die kostbar und wirklich bewegend sind und von gelebter Gemeinschaft und von der Gewissheit, sich hier für etwas unbedingt Wichtiges einzusetzen, als von ständigen Appellen an das Gewissen der Unberührten und Ungerührten.

Paulus gelingt sein flexibles, gewinnendes Engagement aus seiner eigenen Erfahrung von Befreiung und aus seiner eigenen beglückenden Geborgenheit in der Liebe Jesu Christi heraus (Römer 8, 31 ff.).

„Du kannst nur das beschützen, was du liebst“ ist ein Leitsatz im Umweltschutz.

Jedes gewinnende Engagement zur Bewahrung der Schöpfung wurzelt daher letztlich in unserer eigenen Liebe zur Natur, zu Landschaften, Wäldern und Seen, Meeren und Flüssen, Tieren und Pflanzen und zu all den Menschen, die wie wir selbst von diesem Wunder der Schöpfung jeden Tag leben. Wenn unser eigener Lebensstil zu allererst dieses Beschenktwerden atmet, wenn er eigene Schöpfungsspiritualität zur Grundlage hat, dann brauchen wir nicht mit einer gewissen Verbissenheit demonstrieren, dass wir doch richtiger, solidarischer oder gesünder leben als andere. Sondern wir können dann auch Grillwurst und Lagerfeuer, eine Flugreise und ein schönes Feuerwerk genießen, ohne im Stillen gleich die Öko-Minuspunkte zu notieren.

Wir können gewinnend bleiben, weil wir einen nachhaltigen und solidarischen Lebensstil selbst als großen Gewinn für uns erleben.

Als so großen Gewinn, dass wir ihn nicht für uns behalten können. Weil er ein Teil des Evangeliums ist.

Joachim Kegel, Oberhausen

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