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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

22. Jan. 06 – 3. Sonntag im Jahreskreis / 3. Sonntag nach Epiphanias

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

2. Kön 5, (1-8).
9-15.(16-18).19a

Jona 3, 1 - 5.10

1 Kor 7, 29-31

Mk 1, 14-20

Der Verfasser geht auf alle vier Perikopen ein. Gedanken zur Nachhaltigkeit werden jeweils ausgearbeitet, im Falle der Perikope aus 2. Kön mit dem Hinweis, diesen Bezug nicht überzubewerten.

2. Könige 5, 1 – 19

Die Geschichte von Naemans Aussatz, der Wundertat Elisas (wie etlicher weiterer davor und danach) und der darin enthaltenen dialogischen Aspekte lässt es zu, den Schwerpunkt einer Predigt auf unterschiedlichen Ebenen zu wählen. Mehr historisch ausgerichtet kommen wir in den Sagenkranz des Elia-Elisa-Komplexes, den die Auseinandersetzung des monotheistischen Jahweglaubens mit dem Baalskult und seinen Spielarten kennzeichnet. Auf der Ebene von „Zeichen und Wundern“ reizt manche Parallele zu neutestamentlichen Schilderungen.

Eine existenzialtheologische Interpretation wird die Anknüpfungspunkte für heutiges Hören in den Haltungen und Verhaltensweisen der beteiligten Personen zu finden wissen. Problematisch erscheint es mir, künstlich Aspekte unserer Zukunftsfähigkeit mit solchen aus der (historisierenden) Legende zu verknüpfen. Allenfalls Abstrahierungen des Verlaufs lassen sich als Muster schildern, nach denen auch heute ähnliche Erfahrungen gemacht werden können, etwa:

  • in einer wundersamen Geschichte soll das Wunder der Same sein, damit der Glaube an den einen Gott (in Israel, im Gottesvolk, in der Menschheitsfamilie) wachsen kann. Magische Praktiken (im Kult und in der Politik) helfen nicht weiter.
  • Wer genau zu wissen meint, wo und wie die Lösung der Probleme methodisch vor sich geht und zu erwarten ist, wird heilsam enttäuscht. In einfachen Zeichen und Handlungen wird die Kraft Gottes sichtbar und wirksam (Untertauchen / Taufe / Wiederholung des Schilfmeer-Wunders).
  • Was man für Geld nicht kaufen und mit Reichtum nicht bezahlen kann: Gesundheit des Leibes und der Seele. Nicht die Leistung des Propheten (des Verkündigers) bringt es, sondern das Erfassen im Glauben.


Jona 3, 1-5.10

Die Jonageschichte insgesamt ist eine wundervolle kompakte Prophetie-Erfahrungs-Geschichte. Auftrag und Flucht, Bußpredigt und Umkehr, Beleidigtsein und Belehrung liefern eine Dynamik, die spannungsvoll, abwechslungsreich, farbenfroh und für alle Beteiligten horizontüberschreitend ist. Sollte sich die Gelegenheit bieten, die Jonageschichte im Zusammenhang zum Gegenstand eines Gottesdienstes zu machen, wären die Fragen an uns Zeitgenossen plausibel ableitbar:

· Worin liegt unsere Sünde (im Sinne von Schöpfungsunverträglichkeit), welche unserer Gewohnheiten und Gedankenlosigkeiten müssten uns in Sack und Asche gehen lassen, damit wir wieder Zukunft gewinnen würden? Wo verlassen wir uns auf unser Besserwissen, anstatt von der gnädigen Zuwendung Gottes auszugehen?

Nun ist die Perikope 3, 1-5.10 leider nur ein Ausschnitt aus dem Drama. Und es ist am vorgesehenen Sonntag noch nicht einmal Vorfastenzeit. Erliegen wir der Versuchung, selbst als Verkünder des Evangeliums in die Rolle des Bußpredigers zu schlüpfen, der mit abgesichertem Einkommen der gottesdienstlichen Gemeinde ein schlechtes Gewissen macht, indem er die Sünden der Gegenwart in allen Schattierungen ausmalt?

Der Ruf zur Umkehr ist, wenn man so will, immer begründet. Aber es kommt darauf an, aus welcher Perspektive er erschallt.

Im Perikopentext bewirkt die Bußfertigkeit von König und Volk die Reue Gottes (zum Ärger Jonas). In Markus 1 (Evangelium in der katholischen Leseordnung) bewirkt das Anbrechen des Gottesreiches den Ruf zu Buße und Glauben.

In Summa: Wer an diesem Sonntag Buße predigen will, nehme sich Markus 1 zu Herzen.


1. Korinther 7, 29 – 31

Einerseits, was für ein wunderbarer Text. Wasser auf die Mühlen derer, die wie ich karg und sparsam erzogen wurden und wiederum erzogen haben, diszipliniert jeder Mode abhold, jeder Verschwendung abgeneigt. Dem Haben grundsätzlich das Vertrauen entzogen – als hätte man nicht. Die Vorläufigkeit sehen bei allem, was vor das prüfende Auge gerät: Schule und Studium, Beruf und Familie, Geld und Kultur. Alles ist uneigentlich, alles ist nicht das auf Dauer Gültige. Keinem Ding wird eine zu große Bedeutung beigemessen, kein Projekt für unaufgebbar gehalten.

Haben, als hätte man nicht – das scheint die souveräne Haltung aller Konsumverweigerer zu sein, die Unabhängigkeit der Affluenza-Kritiker. Und zugleich ist es ein heikler Text, den Paulus hier der Gemeinde in Korinth zumutet. Die Anfrage war vielleicht, wie sich Verlobte verhalten sollen: Lohnt es sich vor dem nahenden Weltende noch zu heiraten? Ist sexuelle Enthaltsamkeit nicht eine naheliegende Forderung, um so unbelastet wie möglich dem Gericht entgegenzusehen? Ist wirtschaftlich vernünftiges Verhalten noch angemessen? Kann der Staat noch loyales Untertänigsein erwarten? Einerseits muss Paulus den Hochengagierten Recht geben: Die Wiederkunft Christi ist nahe. Demnächst gelten alle bisherigen weltlichen Wertsetzungen nicht mehr. Andererseits muss er vermeiden, dass die zugesprochene Freiheit in zügelloses Verhalten und Chaos des Zusammenlebens umkippt. Derweilen windet er sich: Haben, als hätte man nicht.

Wenn die Welt demnächst untergeht, lohnt es sich dann noch, Regeln einzuhalten, die auf die Erhaltung der Lebensgrundlagen abzielen? Bewahrung der Schöpfung, wenn sie an ihr Ende gekommen ist und ein neuer Himmel und eine neue Erde anstehen? Es kommt sehr darauf an, wie man die Frage stellt. Es kommt sehr darauf an, von welcher Grundlage aus man die Zukunftsperspektive entwickelt.

Eine paulinische Naherwartungstheologie, die den Umschwung vom gegenwärtigen Zeitalter (aion houtos) in das kommende (aion mellon) zur Folge hat, steht uns nicht zu Gebote.

Paulus selbst, vermute ich, würde andere Bilder und (Denk-)Figuren wählen, wollte er heute, am Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends, seine Theologie des kommenden Christus entwickeln. Aber eine Diastase würde er nicht aufgeben: Die kritische Unterscheidung zwischen der Macht des Gegenwärtigen, dem Moloch des Habenmüssens, dem Besessensein im Blick auf materiellen Besitz auf der einen Seite und der Freiheit davon auf der anderen, die von der Zukunft die Erfüllung erwartet, die im Glauben, im Vertrauen, in der Zuversicht ihren Anker hat.

Und zugleich müsste er bei aller kritischen Differenz einen Begriff und ein Bild finden, wie dieses Leben unter Vorbehalt dennoch ein authentisches Leben sein kann.

Das Wesen der Welt vergeht, ganz recht. Vergänglichkeit ist ein Wesensmerkmal des Lebendigen. Aber wie gelingt es mir, mit Lust einen Apfelbaum zu pflanzen, von dem meine Enkel noch ernten sollen, wenn alles um mich herum so merkwürdig uneigentlich ist? Nein, lieber Paulus, auf unsere Herausforderungen geben deine Vorstellungen vom nahen Weltende und der Wiederkunft Christi nicht die plausiblen Antworten. Konsumkritisches Christenbewusstsein lässt sich mit deinen Zitaten vordergründig stützen. Aber angesichts des menschengemachten Klimawandels musst du für uns erst noch einen anderen Status beschreiben: Wie wir aufrecht und vorausschauend, frei und verantwortungsbewusst dem kommenden Christus entgegengehen und als Mitarbeiter in Gottes guter Schöpfung unseren Mann und unsere Frau stehen, verheiratet oder nicht.


Markus 1, 14 - 20

Das älteste Evangelium schildert vergleichsweise kurz und knapp. Vor allem die „Notizen“, die biografischen Charakter haben, stellen sich als Spurenelemente dessen dar, was im Laufe der Überlieferung ausgeschmückter, farbiger, detaillierter wurde. Kurz vor der Perikope, um die es hier geht, wird die „Versuchung“ mit einem Halbsatz bedacht, während Matthäus und Lukas eine dreigliedrige Langfassung vorlegen. Jesu Predigt V. 15 enthält bei Markus erstens die Ansage des Zeitpunktes (die Zeit ist erfüllt), zweitens die Ansage qualitativer Art, dass die Herrschaft Gottes beginne, drittens den Ruf zur Buße und schließlich den Appell, an das Evangelium zu glauben. Im synoptischen Vergleich fällt auf, dass Matthäus auf den Bußruf und die Nähe des Himmelsreiches reduziert, während Lukas, quasi zur Begründung, der „Erfüllung der Zeit“ den Schriftbeweis mit Hilfe von Jesaja 61 antritt. Damit wird die gute Nachricht in allen ihren heilenden und befreienden Dimensionen erschlossen.

Markus belässt es beim Begriff des Evangeliums, der ja titelgebend für die Gattung wurde. Die befreiende Kraft, die in der elementaren Rückbesinnung auf den Inhalt der neutestamentlichen Christusbezeugung liegt, bewog die Protestanten der Reformationszeit, diese offene und wegweisende Richtungsbeschreibung als kennzeichnend für sich selbst anzunehmen.

Um die Distanz zur römisch-katholischen Zeitkultur des 16. Jahrhunderts zu begreifen, müsste man die Kennzeichen benennen, die dem heilenden und befreienden Wesen des Christusgeschehens damals wie heute entgegenstehen. Das Ergebnis wäre nicht eine konfessionelle Trennung, wie wir sie kennen, sondern die Infragestellung hierarchischer, verkrusteter, unlebendiger, dogmatischer Denk- und Kirchenstrukturen einerseits und die Frage nach dem, „was Christum treibet“ (Luther) andererseits. So verstanden können katholische Christen „evangelisch“ sein und Protestanten mit Bezug auf das Heil des Ganzen „katholisch“ predigen.

Gerade dazu fordert der Bußruf Jesu bei Markus auf: Stellt infrage, was euch eben noch geordnet erschien. Überprüft euer Denkschema, euer Beurteilungsmuster von den Zusammenhängen des Weltgeschehens, indem ihr die Signatur der Herrschaft Gottes als Maßstab nehmt. Verletzungen werden geheilt, Gegensätze versöhnt, Gebundenheit gelöst und Armut entstigmatisiert. Lasst euch einladen, euer Leben mit den Augen Gottes zu betrachten. Er kommt euch ganz nah, will heilen und befreien. Der Zeitpunkt ist da.

Kein Wunder, dass im Fortgang der Erzählung die ersten Jünger gerade so aufbrechen zur Nachfolge im Wortsinn, als gäbe es da nichts mehr zu überlegen. Ihr Jüngerweg im brüderlichen Zweierpack wird so geschildert, dass Alternativen keinen Raum mehr haben. Wirkung der Predigt Jesu? Ergriffenheit angesichts Jesu Heilungstaten und seines Auftretens in Vollmacht?

Eines ist gewiss: es handelt sich um radikale Veränderung des (gewohnten) Lebens. Ihr Weg als Gefolgsleute Jesu kann nur gegangen werden, wenn alles Davorliegende keine Geltung mehr hat.

Und das ist die Botschaft für uns: Ob im Glauben das Heil ergriffen werden oder im Diskurs das Richtige gedacht werden soll, nur eine freigemachte Unabhängigkeit kann das Neue erfassen und die gute Nachricht von der Hingabe Gottes glauben.

Jeder Bezug auf Weltverantwortung und Zukunftsfähigkeit, jede Anwendung evangelischer, christusbezogener Freiheit hat hier anzusetzen. Ohne Infragestellung des Wirtschaftssystems wie des Alltagsverhaltens, der religiösen Vorstellungen wie kultureller Leitmotive ist das Leben nicht an Gottes Zukunft orientiert – radikale Buße heißt, den Tisch total freiräumen für ein gänzlich neues Spiel mit neuen Regeln: die Herrschaft Gottes.

Wilhelm Wegner, Frankfurt

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