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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Der Gott der Europäer

Eine Expedition aus dem Hinterland des Amazonas hat sich auf den Weg nach Europa gemacht. Wie ehedem die europäischen Forscher starten die dortigen Indianer eine Forschungsexpedition nur in umgekehrter Richtung. Ihr Hauptaugenmerk legen Sie auf die Erforschung der Kultur und der Religion der Europäer. Woran glauben diese Menschen? Was verehren sie? Wem bringen sie ihre Gebet und Opfer dar?

Hören wir, was sie in ihrem Dorf nach ihrer Rückkehr von der Suche nach der Religion Europas zu berichten haben:

„Wir sind in Frankfurt einer großen modernen Stadt angekommen. Dort feierte man gerade ein großes Fest. Abends waren die dunklen Straßen und Häuser mit sehr vielen Lichtern geschmückt. Auch in den Bäume hingen Lichterketten. Alles erstrahlte in festlichem Glanz. Alle waren in freudiger Erwartung. Überall sah man Bilder oder Figuren eines alten Mann mit einem weißem Bart und einem rotem Mantel.

Die Weißen nennen ihn Weihnachtsmann und die Zeit nach ihm Weihnachtszeit. Wir dachten den Schlüssel zum Gott der Europäer gefunden zu haben. Man erzählte uns zwar, dass das Weihnachtsfest auf eine Religion zurückgehe, bei dem die Geburt ihres Gottes als Kind gefeiert werde, trotzdem dachten wir: Das muss er sein, der Weihnachtsmann ist der Gott der Weißen. Auf unser Nachfragen hin erfuhren wir auch, warum, trotz der Kälte und des unfreundlichen Wetters, so viele Menschen mit vollgepackten Taschen und Tüten unterwegs waren. „Wir kaufen für Weihnachten ein.“ Da wussten wir: Die Menschen bringen die Opfergaben für ihren Gott Weihnachtsmann nach Hause. Überall an den Bilderwänden gibt es zu Beginn des Hochfestes des Weihnachtsmannes Aufforderungen zur Verehrung Gottes zu lesen. Die Zeitungen sind dann voll mit Aufforderungen, Gott zu verehren: „Frohe Preisbotschaft – so macht das Schenken Spaß. Gute Auswahl, gute Preise frohes Fest.“ Uns wurde klar, dass die Europäer eine Religion der Waren hatten. Sie verehren die Waren.

Beim Fest selber gehen die Europäer in Tempel, die sie Kirchen nennen und beten dort erstaunlicherweise einen ganz anderen Gott an als den Weihnachtsmann, den sie auf ihren Straßen und in den Geschäften verehren. Offensichtlich haben die Menschen ihre Religion vermischt. In fast allem Orten gibt es noch diese Tempel von der alten Religion. Aber nur am Hochfest des Hauptgottes Weihnachtsmann sind diese Tempel der früheren Religion gut besucht. Das ganze übrige Jahr über sind sie aber leer. Nein, diese Kirchen sind nicht die Tempel der Religion.

Wie verehren die Weißen aber ihren Gott? Gefeiert wird an einem Abend in den Familien. Man wünscht sich ein frohes Fest und tauscht dabei die Waren aus, die man zuvor gekauft hat. In den Familien wir das ganze Jahr über nie gesungen, wohl aber am Weihnachtsfest. Den Kindern sagt man, dass die Geschenke vom Weihnachtsmann kommen. Kaufen und Schenken ist für die Menschen etwas ganz Heiliges. Gefeiert wird dadurch, dass man Geschenke austauscht. Wer etwas bekommt, der muss auch etwas geben. Wenn die Waren weitergegeben sind, ist das Fest vorbei. Die Weißen opfern also ihrem Gott Geschenke, die man sich gegenseitig gibt.

Erstaunlich ist, die Menschen wissen wenig oder sogar überhaupt nichts von ihrer Religion. Die Religion der Europäer ist wie eine Geheimreligion. Viele sagen, dass sie an keinen Gott glauben – auch wenn sie den Weihnachtsmann verehren. Der Gott Weihnachtsmann wird auch nur wenige Wochen lang bis zum Hauptfest offen gezeigt und dann wieder verborgen. Doch die Verehrung mit den Waren selber dauert das ganze Jahr über an. Manche Befragten sagten uns , dass der Weihnachtsmann auf einen heiligen Mann, einen sogenannten Bischof namens Nikolaus, der früher einmal gelebt haben soll, zurückgehe. Doch diese Erklärung ist höchst unwahrscheinlich. Unsere Forschungen haben ergeben, dass der Weihnachtsmann eine Werbefigur von Coca Cola aus dem Jahr 1931 ist. Die Weißen verehren also eine Werbefigur. Offensichtlich stehen die Opfergaben für den Weihnachtsmann im Mittelpunkt der Religion.

Die Religion der Europäer ist sehr streng. Schon früh morgens bei aller Dunkelheit stehen sie auf, fahren in die Städte, oder in Fabriken, wo sie entweder die Opfergaben herstellen oder Geld verdienen, mit denen sie die Opfergaben kaufen können. Erstaunlich ist, dass dabei sogar die Familien getrennt werden. Die Kinder werden schon ganz früh weggebracht, damit die Eltern Zeit haben, die Opfergaben herzustellen.

Wenn die Menschen nicht mehr soviel Geld für die Opfergaben haben, befürchten sie den Zorn ihres Obergottes. Die Gläubigen werden in der Sprache der Religion der Weißen ‚Kunden’ genannt. Die Zeitungen beklagen die mangelnde Frömmigkeit der Gläubigen: ‚Der Einzelhandel klagt über die Konsumzurückhaltung und das miserabelste Jahr seit Kriegende. Ihre Häuptlinge, die Herren der Arbeits- und Verkaufshallen und andere Propheten des Weihnachtsmannes machen sich dann Sorgen, wenn nicht mehr genug geopfert wird. Dann werden die Menschen zur Strafe aus den Arbeits- und Verkaufshallen entlassen. Sie dürfen dann keine Opfergaben mehr herstellen. Diese Menschen fühlen sind dann oft nutz- und wertlos.

Die Arbeitshallen, in denen möglichst viele Opfergaben von möglichst wenigen Arbeitern hergestellt werden sind ein Ideal dieser Religion.

Ja, der Gott der Europäer ist ein unersättlicher Wachstumsgott. Es kann nie genug Opfergaben für ihn geben. Wenn es einmal weniger Opfergaben gibt, sprechen die Menschen vom schlimmsten, vom Ausbleiben des Wirtschaftswachstums. Dann befürchten alle den Zorn ihres Gottes.

Viele der Religionsgelehrten prophezeien dann, dass das Wirtschaftswachstum bald wieder kommen könne, doch nur wenn als Opfer die Löhne und Gehälter oder die soziale Unterstützung für die Armen und Kranken gesenkt würden. Die Europäer opfern ihrem Gott also auch dann, wenn sie keine Waren als Opfergaben haben.

Abends im Fernsehen erfahren die Menschen in den Nachrichten, ob ihr Gott wohlgesonnen ist. Der Wachstumsgott ist ein strafender Gott, der böse und zornig werden kann. Gott offenbart sich an der Börse. Dort ist zu sehen, ob er friedlich, lebhaft oder am Boden liegt. Manchmal ist er auch launisch, dann sind sogar die Religionsgelehrten ratlos. Doch, wenn die Produktion der Opfergaben wächst, dann ist Gott wieder freundlich gesonnen.

Wer genau ist aber der Gott in dieser Religion der Waren? Wo sind seine Tempel und wie verehrten die Europäer ihren Gott?

Gerade in der zuerst von uns besuchten Stadt mit Namen Frankfurt ist uns aufgefallen, dass dort nicht mehr die Tempel der früheren Religion die höchsten Türme haben. Andere Gebäude fallen auf, weit höher als die Kirchen, aber von ähnlicher Architektur. Sie glitzerten in der Sonne. Innen sind sie mit Marmor ausgelegt. Geschäftige Menschen fast alle gleich angezogen strömen morgens in Prozessionen in die Türme und kommen nachmittags wieder heraus. Das müssen die Tempel mit den Priestern sein.

In der Nähe dieser Priesterkastentürme entdeckten wir dann den eigentlichen Haupttempel, den sie Börse nennen. Vor dem Gebäude ist ein Stier zu sehen, wohl auch eine Gottheit. Im Gebäude herrscht ein reges Treiben. Die Menschen starren immer wieder auf Bildschirme, brechen in Jubel aus oder blicken erschrocken auf eine Kurve, die ganz groß an der Wand zu sehen ist. Diese Kurve zeigt an, ob Gott erzürnt oder ob er besänftigt werden kann. An der Wand sind Uhren zu sehen, die die Uhrzeiten auf der ganzen Welt anzeigen. Vermutlich befinden wir uns hier im Allerheiligsten einer Weltreligion!

Die Religion der Europäer ist nach unserer Überzeugung eine Art Geheimreligion. Zur Tarnung nennen sie ihre zumeist leeren Tempel aus der früheren Religion Kirchen, täuschen dort die Verehrung eines Gottes vor, damit der tatsächliche Ort, an dem der Gott Weihnachtsmann das ganze Jahr über verehrt wird, nicht offenbart wird, die Börse.

Um ihren unersättlichen Gott mit Opfergaben zu besänftigen, gehen die Weißen als Missionare in alle Welt, auch bis zu uns zum Amazonas. Sie holzen die Wälder ab. Bauen Straßen für den Abtransport der Bäume. Suchen alles ab nach Gold, Weihrauch und Myrrhe, um es ihrem Gott opfern.

Zurück bleibt uns eine Wüste, wo vorher Papageien sangen, Affen in den Bäumen kletterten und der Wald uns beschützte. Unser Land ist abgebrannt, die Flüsse vergiftet, die Luft verpestet. Der unersättliche Gott der Europäer nimmt uns das Leben. Wir müssen uns dagegen zur Wehr setzen.“

Mit freundlicher Genehmigung
Prof. Dr. Franz Segbers, Referent für Ethik und Sozialpolitik, Diakonisches Werk in Hessen und Nassau

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