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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

30.12.05 Fest der Heiligen Familie

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)
oder Gen 15, 1-6; 21, 1-3
Kol 3, 12-21 oder
Hebr 11, 8.11-12.17-19
Lk 2, 22-40 oder
kurz Lk 2, 22.39-40

Das Fest der Heiligen Familie.

Heilige Familie - ein unzeitgemäßes Relikt?!?

Wenn wir von diesem Fest hören und es heute feiern, kommen uns direkt nach Weihnachten sicher zunächst die Bilder der Krippe in den Sinn, mit Maria, Josef und dem kleinen Jesusknaben in trauter Eintracht und ländlicher Umgebung. Als dieses Fest im 19. Jahrhundert eingeführt worden ist, war dies Assoziation spießiger Kleinburgerlichkeit auch beabsichtigt. In den Umbrüchen der Industrialisierung und dem daraus resultierenden Zusammenbruch traditioneller Familienstrukturen sollte die Heilige Familie vorbildhaft die Bedeutung und den Stellenwert des familiären Zusammenhaltes demonstrieren.

Die Künstler griffen dieses Thema bereits viel früher auf. Nahezu jede Kunst-und Stilepoche nahm sich dieses Themas gerne an und stellte in Altar- und Andachtsbildern, Gemälden und Zeichnungen die Heilige Familie dar. Als gläubige Menschen des 21. Jahrhunderts erscheinen uns einige dieser Oeuvre eher abschreckend kitschig, als für Besinnung und Andacht geeignet.

Die Betrachtung der Kunstwerke erweckt jedoch im Betrachter mitunter den Eindruck, dass hier eine Ein-Kind-Familie besondere Verehrung erfährt, dass mit diesem Fest der Heiligen Familie das Rollenverständnis einer Ein-Kind-Familie als Vorbild in Glaube und Frömmigkeit vorgestellt werden soll. Die Darstellungen unterstreichen und verstärken diesen Eindruck noch mit einer stets demütigen Maria, einem immer fleißigen Josef und einem durchgängig braven Jesukind.

Schon damals, als das Fest entstand und in noch stärkerem Maße heute, stellt man bei der Beobachtung und Analyse wirklicher Familien die Diskrepanz zwischen dem Bild der Heiligen Familie und der tatsächlichen familiären Situationen fest. Familie ist anders als es uns die Vorstellungen - gerade auch des 19. Jahrhunderts - glauben machen wollen. Gerade jetzt um die Weihnachtszeit tauchen diese Vorstellungen in Form kitschiger Postkarten wieder auf und zeigen uns leuchtende Kinderaugen um einen Weihnachtsbaum unter dem gestrengen Blick des pfeiferauchenden Übervaters, während die umtriebige Mutter einen schier unerschöpflichen Vorrat an Weihnachtsplätzchen verwaltet.

Familie als reale Herausforderung

In ein derart starres und überkommenes Schema kann Familie nicht gepresst werden und - sieht man von dieser Kitschpostkartenzeit einmal ab - konnte es auch nie. Familie ist und war in der gesamten Menschheitsgeschichte, also auch zur Zeit Jesu, Garant des Überlebens - in vielerlei Hinsicht. Ob wirtschaftlich, oder gesellschaftlich, ob religiös oder ethisch, ob kulturell oder biologisch, Familien sahen sich Herausforderungen gegenübergestellt, denen sie begegnen mussten und sie meistern mussten.

Wenn wir dann wieder das oben beschriebene Bild der Heiligen Familie in Blick nehmen, erscheint uns dieses eher als Gegensatz zu dem, wie wir Familie erleben oder aus der Geschichte der Menschheit erschließen. Dieser Gegensatz erscheint noch gravierender, wenn wir auch die ganze Vielzahl von Familienformen in Blick nehmen, die nicht diesem Heile-Familien Bild entsprechen:

Kinderreiche Familien, Patchworkfamilien, Ein-Elternteil-Familien, Familien ohne Kinder, Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, Familien, die den Verlust von Kindern betrauern müssen, Familien, in denen es gewalttätig zugeht - ob physisch oder psychisch, Familien unter Generationendruck,...
die Liste läßt sich noch eine ganze Weile fortführen.

Ist dann das Fest der Heiligen Familie das Fest einer Vorbildfamilie, der wir gar nicht entsprechen können - oder es auch gar nicht wollen? Soll uns ein Ideal vorgestellt werden, dem wir entweder schmerzlich als unerreichbar oder trotzig als nicht annehmbar gegenüber stehen?

Die Darstellungen der Heiligen Familie zeigen meist nur die Familie mit einem Jesus im Knabenalter. Familie endet aber nicht - besonders auch nicht im jüdischen Denken der Zeit Jesu - mit dem Flügge-werden der Kinder. Ganz im Gegenteil: Gerade danach muss sich Tragfähigkeit und Konfliktfähigkeit von Familie erweisen. Daher können wir in Anbetracht wirklicher Familiensituationen die Grundlagen dieses Festes auch nicht auf die Kindheitserzählungen der Evangelien beschränken, sondern müssen aus dem Ganzen der Evangelien die Chance der Neuorientierung von Familiendenken in Blick nehmen.

Exkurs: biblische Betrachtung

Die liturgisch vorgesehen Evangelien für dieses Fest legen auch eine Betrachtung über das Kindesalter Jesus hinaus nahe: Mt 2, 13‑15.19‑23 (Lesejahr A), Lk 2, 22‑40 (Lesejahr B), Lk 2, 41‑52 (Lesejahr C).

Heilige Familie - dynamisches Vorbild

Dabei relativiert sich dieses einseitige Bild der Heiligen Familie sehr rasch. Josef ist dann eben nicht der fleißige, aber vor allem stille und farblose (Stief-)Vater, sondern ein Mann, der auch gegen Konventionen Entscheidungen zu treffen vermag und diese auch durchlebt. Für den Familie ein dynamisches Geschehen ist, in dem nicht vor allem aus der Geschichte, sondern aus der gegenwärtigen Anforderung gehandelt werden muß. Der es wagt, einen Traum umzusetzen und zu leben und damit den Traum des Heiles der Welt verhilft Wirklichkeit zu werden.

Maria: Eine junge Frau, die frei und offen der Gegenwart Gottes begegnet und ihm antwortet - aber auch bereit ist, die Konsequenzen standhaft und unbeugsam zu leben.

Besonders aber bei dem Bild Jesu erkennen wir, dass sich die Vorstellung eines braven Knäbleins im Licht der Evangelien nicht durchhalten läßt und die daraus entstandene Vorstellung der Heiligen Ein-Kind-Familie im Licht des Evangeliums nicht stehenbleiben kann. Jesus macht klar, dass Familie für ihn nicht auf Stammeszugehörigkeit und gemeinsame biologische Abstammung beruht, sondern in ihm und durch ihn eine innige, vertraute und vor allem familiäre Gemeinschaft entsteht unter denen, die den Willen des Vaters tun (vgl. Mt 12, 46 ff.).

Heilige Familie - Schwestern und Brüder Christi

So betrachtet kann das Fest der Heiligen Familie keinesfalls ein Fest sein, das ein vom 19. Jahrhundert geprägtes Familienbild zum Inhalt hat, sondern aus den Evangelien gespeist die Offenheit von Familie in die Welt bezeugt. Es ist ein Fest der Familie Jesu Christi, ein Fest aller, die als Kinder Gottes auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft sind. Der Gegensatz zwischen der Heiligen Familie und den Familien, in denen wir leben und denen wir begegnen wird dann zu einem scheinbaren. Heilige Familie bildet dann die Klammer, in der wir mit unseren Familien Raum finden, leben können und Heimat finden können, trotz aller Schwierigkeiten und Krisen.

Wenn wir jetzt in der Eucharistie Brot und Wein als Leib und Blut Jesu Christi, unseres Bruders teilen und damit innige Gemeinschaft mit ihm haben werden, dürfen wir uns als Teil der Heiligen Familie, als Mitglied dieser Familie sehen, uns aber auch unserer Verantwortung für das Wohl der ganzen Familie nicht entziehen.

Ein Fest der Heiligen Familie wird so zu einem Heiligen Familienfest. Einem Fest, bei dem wir als Mitglieder der Familie der Christen feiern. Dieses Familienfest sollte ein Fest der Solidarität unter allen Familienmitgliedern sein.

Nachhaltigkeit - Gerechtigkeit und Frieden:

Familie als Solidargemeinschaft

Diese Solidarität kann dann aber nicht an Grenzen haltmachen, die wir Menschen willkürlich setzen. Weder Landesgrenzen noch Klassenunterschiede, weder die Zugehörigkeit zur sogenannten ersten oder dritten Welt, weder Reichtum noch Armut dürften diese Solidarität einschränken können. Als Schwestern und Brüder dürfen wir nicht an christlichen Lippenbekenntnissen hängen bleiben, sondern sind aufgefordert auch als Schwestern und Brüder Jesu Christi zu handeln. Solches Handeln, solches ökologisches Handeln, ein Handeln, welches das Wohl des ganzen Hauses (so der Wortsinn des Begriffes Ökologie) und seiner Bewohner im Sinn hat, muß in der Welt spürbar sein.

Im Jahr 1990 hat der ökumenische Rat der Kirchen eine Weltversammlung in Seoul (Korea) für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einberufen. Allein schon der Titel dieser Weltversammlung macht deutlich, worum es geht, wenn wir von christlichem solidarischem Handeln sprechen.

Von der Umsetzung dieses Titels sind wir, wie uns die Medien Tag für Tag deutlich vor Augen führen, noch weit entfernt. Die Ungerechtigkeiten in der Welt schreien zum Himmel!

„Nach dem zweiten Weltkrieg gab es insgesamt nur 26 Tage ohne Krieg auf der Erde. All diese Tage entfielen auf den Monat September 1945; am zweiten Tag dieses Monats war der zweite Weltkrieg beendet worden...“ (Zitat nach

Und schließlich es ist nicht möglich, dass wir ernsthaft davon sprechen, die Schöpfung Gottes zu bewahren.

Werden wir Familie Christi!

Alexander Rudolf, Dreieich


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