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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

11.12.05 – 3. Advent

ev. Reihe IV

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Röm 15, (4).5-13 Jes 61, 1-2a.10-11 1 Thess 5, 16-24  Joh 1, 6-8.19-28

Stellung im Kirchenjahr:

Die Adventszeit als eine der verbliebenen geprägten Zeiten im Kirchenjahr ist dazu da, Vorbereitung mit Einkehr zu verbinden, traditionell angereichert durch Fasten und Buße (!). So wurde in der alten Kirche in der Adventszeit mittwochs und freitags gefastet. Im Advent stellen die Texte des evangelischen und katholischen Kirchenjahres wiederholt eindrucksvolle alttestamentliche Gerechtigkeitspredigten vor. Dem 3. Advent hat die Liturgie einen eigenen Namen gegeben: „Gaudete“! (Freuet euch!) Er ist von der 2. Lesung (1 Thessalonicher 5, 16) abgeleitet, die mit dem Aufruf beginnt: „Semper gaudete!“ (Freuet euch allezeit!) Nicht umsonst stellt die katholische Leseordnung in der vergangenen und in dieser Woche, was das Evangelium angeht, zudem zwei Perikopen hintereinander, die dem Asketen Johannes dem Täufer gewidmet sind, einem schillernden Bußprediger, der in äußerst zugespitzter Form alles hinter sich lässt, was die Sicht auf Gott verstellen und den Menschen in falscher religiöser Sicherheit wiegen oder - heute wohl noch eher – in grassierender Indifferenz in Bezug auf Gott „einlullen“ kann.

Exegetische Hinweise:

Der katholische Evangeliumstext führt in gewaltiger alttestamentlich-prophetischer Sprechweise den Asketen und (eschatologischen) Bußprediger Johannes ein. Sein Beiname ist „der Täufer“. Von ihm, der aus der Wüste kommt, dem Ort von Einkehr und Sammlung für klare Erkenntnis und große Taten, heisst es an anderer Stelle, er sei der Größte unter den Menschen gewesen. Historisch bekannt ist, dass es, selbst nach dem Auftreten Jesu, und zwar bis ins 2. Jahrhundert hinein, außerhalb der christlichen Kirche stehende Johannes-Jünger gegeben hat. So ist es dem Evangelisten (wie auch schon den ältesten erreichbaren Quellen der Urgemeinde) wichtig, ihn als Wegbereiter und Diener (Lösen der Schuhriemen, V. 27), vor allem aber als Zeugen vor dem offiziellen Judentum für denjenigen einzuführen, der nach ihm kommen wird, den „die Welt“ aber – ganz johanneisch – „nicht (er)kennt“ (V. 26). Seine Taufe mit Wasser, der sich auch Jesus selbst unterziehen wird, ist in johanneischer Diktion Vorläufer für die Taufe mit und im Geist, die durch Jesus in die Welt kommt. (siehe Nikodemus-Gespräch)

Der evangelische Predigttext stellt das Prinzip der Einmütigkeit in Christus in den Mittelpunkt. Diese „Lebenskunst“, wie wir heute sagen würden, umfasst Juden (V. 8 und 9a) und Heiden und hebt sie auf die Stufe einer umfassenderen höheren Einheit der christlichen Gemeinde. Der Sache nach geht es darum, einander „bis an die Grenzen der Erde“ in Liebe anzunehmen und zu dienen, um den Aufbau des Werkes Gottes zu erfüllen, der unter „allen Heiden und allen Völkern“ (V. 11) geradezu natürlich aus einer in Christus auferbauten Gemeinschaft mit Gott und untereinander emporkommt. Zitate aus allen Teilen der hebräischen Bibel (Gesetz, Propheten und Psalmen) belegen dies. (V. 9b – 12) Das ganze gewaltige Lehr- und Lerngebäude der Kirche würde in sich zusammenstürzen, würde der Wärmestrahl der göttlichen Liebe, sein Erbarmen (V. 9), seine Geduld und sein Trost, der aus der Schrift spricht, (V. 4) nicht mehr spürbar sein. So aber kulminiert alles in einem kraftvollen Leben, das im Heiligen Geist ständigen Zugang zur Freude und zum Frieden hat, die im Glauben in Christus eröffnet sind. (V. 13)

Ökologische Relevanz / Nachhaltigkeit

Ist die Grunderfahrung, welche die Texte des heutigen Sonntags beschreiben, heute noch erreichbar? Bei der Lektüre eines viel beachteten Buches des argentinischen Kirchengeschichtlers, Philosophen und Befreiungstheologen Enrique Dussel stellen sich ernste Zweifel daran ein. Seit den Zeiten der „Mutter Erde“ der Inkas oder Azteken, der Andenvölker, aber auch noch der römischen Vorstellung von der „Terra mater“ wurde die Erde von vielen Völkern als Mutter des Lebens, fruchtbare Quelle von Nahrung und Heim angesehen. Heute existiert die Erde im privatistischen Bewusstsein vieler Menschen, die in westlichen Industrieländern aufgewachsen sind, eher als passiver Ort, von dem man sich nimmt, zu dem aber keine bedeutsame Beziehung gepflegt wird. Schließlich ist die Erde im öffentlichen Raum weitgehend zur reinen Materie geworden, die man relativ ungehindert zur Steigerung der Profitrate ausbeuten kann; jedenfalls solange es rentabel ist und man die Kosten ungehindert externalisieren kann. Im gegenwärtigen Stadium transnationaler kapitalistischer Reorganisation scheint der aggressive Umgang mit Sozial- und Ökosystemen geradezu zu einem inneren Moment des Prozesses menschlichen Herrschaftshandelns geworden zu sein. Die fortschreitende Erderwärmung, zahlreiche Konflikte um die knapper werdenden Süßwasser-Reserven der Erde, das Fortschreiten der Wüstenbildung, sowie ungebremste Bodenversiegelung und soziale Polarisierung innerhalb der Reichtumsinseln der Erde sprechen hier eine deutliche Sprache. Statistisch gesehen kann jede Stunde eine Tier- oder Pflanzenspezies dem Druck nicht mehr standhalten – und stirbt unwiederbringlich aus. Die Sünde der wirtschaftlichen und politischen Ungerechtigkeit der Herrschaft über den Menschen trägt in sich die Logik des Todes der Natur, der Grundlage allen Lebens. Ein solcher Status quo fällt signifikant hinter die in Christus eröffneten und auf alle und alles auszudehnenden Gottesbeziehung zurück. Der Hauptgrund dafür scheint zu sein, dass Bußpredigt, Gottesfreude und Gotteslob in westlichen Volkskirchen in der Regel allenfalls auf den Bereich des Privaten angewendet wird. Herrschaft von Menschen über Menschen kulminiert demgegenüber derzeit in zunehmend globalisierten Wertschöpfungsketten in der Herrschaft über natürliche Ressourcen, billige Arbeitskräfte, beherrschte Klassen und in Schuldknechtschaft gehaltene Länder der Peripherie.

Auf welcher Basis kann „Befreiung der Armen als Grundlage eines neuen Mensch-Natur-Verhältnisses“ (E. Dussel) in den „Kältezonen des Religiösen“ (Peter L. Berger) dennoch stattfinden, so dass der göttliche Wärmestrom in diese Welt wieder sichtbarer, greifbarer, begreifbarer wird? Es bedarf offenkundig eines starken, zu Gemeinschaftsbildung, Widerstandskraft und Kreativität führenden Anstosses: Die biblischen Texte des heutigen Sonntags künden davon: „Gaudete onmes!“ Lasst euch mitnehmen und fortreißen in eine neue Zeit! Aus der Entfremdung (dem Getrennt-sein von Gott bzw. vom Heil- und Ganzsein der Gotteskinder) kann nur Gott selbst herausrufen. Wenn dies gehört und ihm – unter Einsatz von Herz und Verstand, wie es der Abschnitt aus dem 2. Thessalonicher-Brief beschreibt - mit unseren Seelenkräften entsprochen wird, kommt indes eine alles übersteigende Freude auf. Dann kommt in der Tat eine Ethik christlicher Gemeinschaft in den Blick, die das eigene Selbst aufrichtet und so stark und seelenvoll macht, dass persönliche Kraft, gemeinschaftliche Einmütigkeit und soziale Fantasie entstehen, um einen Lebensstil / eine Lebenskunst zu entwickeln, der / die nichts und niemanden mehr ausgrenzen muss. In den Worten Jesajas: Sein, meines Herrn, Geist ist auf mir ... Glücksmär zu bringen den Demütigen, zu verbinden die gebrochenen Herzens, zuzurufen Gefangenen: Loskauf! Eingekerkerten: Auferhellung! Zuzurufen ein Jahr Seiner Gnade ... Entzücken will ich mich, entzücken an IHM, um meinen Gott will meine Seele jubeln, denn er kleidet mich in Gewänder der Freiheit, schlägt mich ein in den Mantel der Bewahrheitung, wie ein Bräutigam priestergleich prangt, wie eine Braut anlegt ihr Geschmeide ...“ (Übersetzung: Buber-Rosenzweig)

Predigthinweise in der Gemeinde

Alles persönliche zum Glauben kommen ist bei näherem Hinsehen auf Zeugnisse anderer gestellt, die verlässlichen Anhalt und Stütze bieten, die eigene Entscheidung jedoch nicht abnehmen. So kommt vieles, wenn nicht alles, darauf an, zu wecken und zu stützen. Dabei entspricht auf geheimnisvolle Weise dem göttlichen Senden ein menschliches (Entgegen-)Kommen. Es gehört unabdingbar Bereitung dazu (in die Wüste gehen), um zu einem Mahner, ja mehr noch zu einem fruchtbaren Wegbereiter in Sachen Neuanfang und ganzheitlicher Befreiung zu einem Ganzsein und Heilwerden in der Nachfolge Christi (ganz in der expliziten Tradition der Rede Jesajas vom „Gnadenjahr des Herrn“) zu werden. Indes gelingt solches nicht aus uns selbst heraus, sondern erst im Hinblick auf „das wahre Licht“, das alle Menschen erleuchten möchte.

Der Abschnitt des Römerbriefes enthält die Erfahrung: Wo die geschwisterliche Liebe erkaltet und nicht mehr an Jesus, als dem verlässlichen Künder vom Herzen des Vaters, Maß genommen wird, versiegt auch der Lobpreis zur Ehre Gottes. Diesen Wärmestrom aber braucht die Welt. Es ist das unvertretbare Zeugnis der Christen im Blick darauf, in Einmütigkeit alle zu Gott ziehen zu wollen. (vgl. besonders auch die joh. Abschiedsreden); damit auch in den entlegenen Zonen des Menschseins, in denen relative und absolute Armut, Einsamkeit und Entfremdung herrschen und die Schöpfung seufzt und ächzt, etwas von dem neuen Geist sichtbar wird, der mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist.

Die allgemeine Erklärung der Umweltrechte, die sog. Erd-Charta, die in den kommenden Jahren zu einem verbindlichen Vertrag der Völker auf der ganzen Welt ausgebaut werden soll, bringt dies in ihrer Präambel aus dem Jahr 2000 in ganz ähnlicher Weise als visionäre Sehnsucht, aber auch als zu konkretisierende Zielbeschreibung auf den Punkt: „Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte. ... Wollen wir vorankommen, müssen wir anerkennen, dass wir trotz und gerade in der großartigen Vielfalt von Kulturen und Lebensformen, eine einzige menschliche Familie sind. ... Wir müssen uns zusammentun, um eine nachhaltige Weltgesellschaft zu schaffen, die sich auf Achtung gegenüber der Natur, die allgemeinen Menschenrechte, wirtschaftliche Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens gründet ... Die Lebensfähigkeit, Vielfalt und Schönheit der Erde zu schützen, ist eine heilige Pflicht.“ In dieser Situation müssen es sich „die Christen herausnehmen, neue Lebensformen zu entwickeln, von unten her beginnend, mit kleinen Gruppen. Es braucht Menschen, die es wagen, aus dem Glauben heraus anders zu leben als die Vielen.“ (P. Kolvenbach SJ, Pater General der Jesuiten seit 1983). In diesem Sinn sind Kinder, Bedürftige, Arme, Fremde und Schutzlose und die gesamte kreatürliche Welt nicht um das christliche Gotteszeugnis zu betrügen.

Konkretisierungen / Schritte im Blick auf Ökologische Umkehr und Umweltgerechtigkeit:

  • Verändert euer Verhalten in der Gemeinschaft und bei der Arbeit: Schafft eine respektvolle und geschwisterliche Beziehung zu allen Menschen und Dingen, die euch umgeben. Fangt dabei mit den MigrantInnen, Illegalen, Arbeitslosen in der eigenen Gemeinde an! Kauft Nahrungsmittel, deren Vorprodukte keine „ökologischen Rucksäcke“ andernorts in der Welt hinterlassen, vermeidet genmanipulierte Nahrung, kauft vielmehr Nahrungsmittel, die keine todbringenden, umweltverschmutzenden oder giftigen Stoffe enthalten!
  • Feiert in der Liturgie auch die ökologische und kosmische Dimension des Lebens! Preist den Schöpfer und die Geschöpfe und die Ganzheit der gesamten Schöpfung als Werk eines Ursprungs, der göttlich ist – und in dessen Kraftfeld ihr euch auch heute noch hineinstellen könnt!
  • Nehmt Initiativen in die christlichen Bildungsprogramme auf, die bewusst machen, dass öko-faire Beschaffung als erster Schritt für den Schutz und die Achtung des Lebens in seiner Vielfalt und Ganzheit wichtig ist - und unseres aktiven Eintretens bedarf!

Peter Schönhöffer, Ingelheim

Weiterführende Literatur:
- Der Herr gebe Dir den Frieden. Eine Neue Welt ist möglich. Handreichung zur Umsetzung der Vorschläge des Generalkapitels der Franziskaner 2003 zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. ( = Tauwetter August /2005)

- Enrique Dussel, Ethik der Gemeinschaft. Die Befreiung in der Geschichte, Düsseldorf 1988 (original: Petrópolis 1986)

- www.earthcharter.org (Deutsche Übersetzung vom 8.5.2001)

- Ökologische Theologie und Ethik, bearbeitet von Hans Halter und Wilfried Lochbühler, Graz 1999

- Schnackenburg, Rudolf, Das Johannesevangelium, 1. Teil, Frei­burg 1965 (= Herders Theologischer Kommentar zum NT, Bd. 4)

 

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