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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Gut leben statt viel haben

Angelika Zahrnt hat eine Vision

Ja, ich habe eine Vision - eine, die mich treibt und die mich trägt. Klingt das altmodisch? Üblich ist hier und heute das unreflektierte „Weiter so“: weiter, schneller, mehr. Tauchen Probleme auf, wird sich schon rechtzeitig eine technische Lösung finden - glauben die technikgläubigen Optimisten.
Die Pessimisten (vor allem unter UmweltschützerInnen häufig zu finden) zählen, wann immer jemand den Versuch unternimmt, etwas zu ändern, zu verbessern, die Katastrophen der letzten Monate auf: Überschwemmungen in Bangladesch, Wirbelstürme in Mittelamerika. Und jeder erstarrt im Fatalismus. Denn gegen Hurrikane sind wir alle machtlos.

Dann gibt es noch die Zweifler. Sie sind skeptisch, im Geist der Zeit. Sie fragen, ob denn Visionen überhaupt nötig seien, ob nicht Pragmatismus genügt, ob es nicht reicht, wenn man sagt, wir wollen weniger Armut, weniger Umweltbelastung? Die Zweifler argwöhnen, dass Visionen implizit den Zug zum Diktatorischen in sich tragen, und meinen, diese seien schon viel zu oft politisch missbraucht worden und hätten deshalb ausgedient.
Ich denke anders! Ohne ein Ziel können wir den Kurs nicht bestimmen, gehen wir möglicherweise in die falsche Richtung. Wenn ich das Ziel nicht kenne, wenn ich aus ihm nicht Motivation schöpfen kann, werden die vielen notwendigen, kleinen Schritte noch mühsamer oder unterbleiben vielleicht sogar.

Deshalb pflege ich meine Vision, sorgsam und liebevoll. Denn ich brauche sie - und sie mich. Ich füttere sie auch - mit Fakten, Thesen, Argumenten und viel Arbeit. Meine Vision ist vielschichtig und komplex, sie besteht aus Zahlen und Bildern, und sie hat eine Basis, nämlich eine Studie, die ich initiiert und intensiv begleitet habe. Sie trägt den Titel „Zukunftsfähiges Deutschland“.

Sinn der Studie ist es, die ökologischen Grenzen der Belastbarkeit aufzuzeigen; zu sagen, wieviel wir beim Verbrauch von Energie, von Rohstoffen sparen müssen und wie wir diese Ziele erreichen können. Hinter der Studie steht auch die Vision von einer gerechteren Welt.
Das ist zunächst nichts Neues. Es gibt die Forderung nach weltweiter Solidarität, nach Gerechtigkeit in der Einen Welt schon lange. Insbesondere in den Kirchen ist dieses Bewusstsein in den letzten Jahren weitergetragen worden. Mir geht es jedoch um einen umfassenderen Begriff der Gerechtigkeit, der auch die Umweltgüter (Luft, Wasser, Boden und andere Ressourcen) und die natürliche Mitwelt, nämlich Tiere und Pflanzen, mit einbezieht. Doch damit nicht genug. Ich will eine Gerechtigkeit, die sich nicht nur auf die Gegenwart bezieht, sondern auch auf die Zukunft und auf die Generationen nach uns.
Es ist die Vision von Menschen, die anerkennen, dass wir in einer begrenzten Welt leben, deren Güter wir nur so weit nutzen dürfen, dass die Lebenschancen zukünftiger Generationen erhalten bleiben. Das heißt ganz kurz und etwas plakativ: Wir dürfen nicht mehr Holz einschlagen als nachwächst, nicht mehr Fische fangen als sich reproduzieren. Wir dürfen aber auch nicht mehr Schadstoffe produzieren, als die Erde absorbieren kann, nicht mehr Energie verbrauchen als regenerierbar ist. Mit den Worten nachhaltig, vorsorgend, zukunftsfähig, sustainable bezeichnet man in der wissenschaftlichen Diskussion eine Wirtschaftsform, die sich an der natürlichen Begrenzung der Ressourcen orientiert.

Meine Vision der umfassenden Gerechtigkeit widerspricht der Philosophie, die heute - unausgesprochen - hinter unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung steht. Denn wir alle verhalten uns so, als gäbe es keine Grenzen für das wirtschaftliche Wachstum, für den Verbrauch an materiellen Gütern. Wir tun so, als könnten wir unbegrenzt Rohstoffe nutzen und ohne Beschränkung Schadstoffe und Abfälle produzieren. Wir verhalten uns so, als könnten alle unsere menschlichen Bedürfnisse unendlich weiter wachsen, als bestünde kein Limit für die explodierende Mobilität und auch nicht für die Verbreitung dieses Wohlstandsmodells in alle Teile der Welt. Aber diese heutige, rein wirtschaftlich determinierte Vision gerät zunehmend in Konflikt mit dem Wissen über die ökologischen Konsequenzen dieser Ausbeutung. Wir handeln so, als ob die Welt unbegrenzt sei, und wissen doch im Inneren um ihre Begrenzung. In diesem Zwiespalt zwischen Wissen und Handeln befinden wir uns.
Um Abschied von dieser selbstzerstörerischen Vision des grenzenlosen Wohlstands für alle zu nehmen, brauchen wir aber nicht nur das Wissen, dass unser bisheriger Kurs in die ökologische Katastrophe führt, sondern auch eine neue Vision - von einem Leben in einer begrenzten Welt, in der es Chancen für alle Menschen, für Kinder und Urenkel, Tiere und Pflanzen gibt. Die Vision von einer Welt, in der wir so handeln, als hätten wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen.

Und wir müssen eine Idee haben, wie wir friedlich dorthin gelangen. Ernst Bloch sagte einmal: „Visionen brauchen Fahrpläne.“ Ich möchte diesen Satz ergänzen: Wir brauchen Vorstellungen über das Streckennetz, die Züge und die Tarifsysteme, sonst wird unsere Vision irgendwo in der Ferne bleiben - schön, aber unerreichbar. Unsere gegenwärtige Wirtschafts- und Lebensweise ist nicht zukunftsfähig. Sie führt zu ökologischen Katastrophen, die jedoch vor allem die Länder des Südens treffen werden. Wir im Norden tragen am meisten zur ökologischen Katastrophe bei. Aber vor allem die Staaten im Süden, die sozusagen weniger dafür können, bekommen die Folgen zu spüren. Darüber hinaus haben gerade sie nicht die Mittel, sich zu schützen. Die Holländer können Deiche bauen, die Malediven schaffen das nicht.
Was setze ich gegen den gegenwärtigen Zustand der Welt? Ganz kurz skizziert, könnte „weniger, langsamer, besser, schöner“ das neue Leitbild umschreiben. Wir müssen fragen: Wieviel und welchen Wohlstand verträgt die Erde? Den bisherigen mit Sicherheit nicht. Wie könnte also ein Wohlstand aussehen, der umwelt- und generationenverträglich ist?
Ich habe ein schönes Wort von Dürrenmatt gefunden: „Das Auseinanderklaffen von dem, wie der Mensch lebt und wie er eigentlich leben könnte, wird immer komischer.“ Es wird vielleicht nicht komischer, sondern - wenn man es ökologisch betrachtet - tragischer. Dieser Satz, „wie er eigentlich leben könnte“, dieser Konjunktiv, diese Möglichkeitsform bringt mich zu einer Passage aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Darin folgert der Autor: „Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben.“
So wichtig es ist, dass sich Techniker etwas Neues ausdenken, so wichtig ist es auch, dass wir uns alle die Freiheit lassen, unseren Möglichkeitssinn zu mobilisieren. Er kann uns helfen, nicht bei alten Rezepten stehenzubleiben, sondern uns Neues und Anderes einfallen zu lassen. Für dieses Nachdenken will die erwähnte Studie mit Leitbildern Anregungen geben. Es sind nicht Bilder vom „So soll es sein“, sondern Anstöße zum eigenen Besinnen. Diese Leitbilder sind Alternativen zum gegenwärtigen Trend von Wachstum, Beschleunigung, Zentralisierung, Globalisierung und Kommerzialisierung.

Ein Leitbild lautet etwa „Gut leben statt viel haben“ - eine Formulierung, die mittlerweile in der Umweltdiskussion gängig geworden ist. Was gemeint ist, liegt auf der Hand: Weniger kann so viel mehr sein! In unserer Konsumwelt ist uns oft der Blick fürs Wesentliche verstellt. Das Erleben gemeinsam mit anderen Menschen ist fast immer viel erfüllender als das einsame Konsumieren. Ein Wort wie „Frustkauf“ sagt aus, was ich meine.
Auch die Mehrfachnutzung von Gütern ist hier ein Stichwort, entweder direkt in der Nachbarschaft oder vermittelt über Tauschbörsen. Oder die Weitergabe von nicht mehr Gebrauchtem, aber noch Nutzbarem. Wir sollten etwa Kleidungsstücke, die wir nicht mehr tragen, obwohl sie noch gut erhalten sind, in Secondhandshops bringen, statt sie wegzuschmeißen. Dort können wir aber auch preiswert unsere Garderobe aufstocken. Das nenne ich ökologisch. Dasselbe gilt für Sperrmüllbörsen, weil sie helfen, Waren mehrfach zu nutzen.
Bei den Navajo-Indianern verfügt ein Haushalt über 236 Gegenstände, bei uns über durchschnittlich 10.000. Der Werbung die subversive Frage „Brauche ich das wirklich?“ entgegenzustellen, könnte unser Leben, in dem ein Gutteil unserer Zeit für Kauf, Pflege und Loswerden von Dingen draufgeht, erleichtern. Dazu ein Gedicht von Reiner Kunze. Es heißt „Kinderzeichnung“: „Du hattest ein Viereck gemalt, darüber ein Dreieck, darauf, an die Seite, zwei Striche mit Rauch, fertig war das Haus. Man glaubt gar nicht, was man alles nicht braucht.“
Ich will noch ein neues Leitbild hinzufügen: Gut leben statt viel arbeiten. Das radikale Nachdenken über den Wert bezahlter Arbeit ist in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit zwiespältig. Da leiden Millionen unter ihrer Arbeitslosigkeit, und ich rede von dem schönen Leben mit weniger Arbeit? Ja, denn es ist eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Erwerbsarbeit nötig. Auch heute noch ist die Hälfte aller Arbeit unbezahlt. Unsere Wirtschaft beschränkt sich im wesentlichen auf all das, was über den Markt geht. Das, was außerhalb geschieht, ist für die Nationalökonomie nicht interessant, sehr wohl aber für den oder die einzelne(n). Und für mich als Ökonomin.
Diese Hälfte der heute geleisteten Arbeit wird nicht bezahlt, etwa Kindererziehung oder Pflegeleistungen. Diese Tätigkeiten müssen einen anderen Stellenwert bekommen. Die Fragen heißen: Können wir diese Art der Arbeit nicht stärken, indem wir sie - zumindest teilweise - bezahlen? Und: Wie können soziale Organisationsformen aussehen, in denen es wieder einfacher ist, diese Leistungen zu erbringen - etwa durch veränderte Arbeitszeiten oder neue Wohnformen?

Es geht darum, der Marktökonomie nicht immer mehr Teile unseres Lebens einzuverleiben, sondern bestimmte Güter und Dienstleistungen wieder aus dem Marktgeschehen herauszunehmen und in Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe zu erstellen. Nichtgewinnorientiertes, kooperatives Handeln kann ein Gegengewicht zum weitverbreiteten Egoismus bilden. Deshalb ist es notwendig, über Erwerbsarbeit hinauszudenken, Arbeit als Ganzes zu sehen, in all ihren Formen und Variationen.
Zum Vollzeitarbeitsplatz gibt es heute keine gesellschaftlich anerkannte Alternative. Der Beruf stiftet nicht nur die Identität des einzelnen, er sichert auch die Existenz. Wenn Menschen bereit sein sollen, auf Arbeit zugunsten von Beschäftigungslosen, ehrenamtlichen Tätigkeiten oder musse zu verzichten, muss der Begriff Arbeit neu definiert werden. Wer bestimmt, dass die (Erwerbs-) Arbeitsgesellschaft das Paradigma unserer Kultur bleiben muss? Ich habe die Vision einer Gesellschaft mit Sinn für musse.
Entschleunigung ist noch ein Stichwort für meine Vision. Ich denke nicht allein an die Geschwindigkeit auf den Straßen. Auch das Tempo im Konsumverbrauch sollte reduziert werden im Wechsel von Mode, Möbeln und Mikrochips. Qualität, Langlebigkeit, Baukastensysteme, Ausbaufähigkeit - das sind meine Stichworte für Unternehmer wie Konsumenten.
Zukunftsfähigkeit heißt, verantwortbares Leben in Grenzen neu zu organisieren. Es ist eine Herausforderung an die Technik, unsere Kreativität und Phantasie sowie an die Fähigkeit zur Kooperation. Es ist ein Prozess der Selbstreformation der Gesellschaft, der ökonomischen, technischen und sozialen Wandel bedeutet. Und dieser Wandel kann nicht technokratisch verordnet werden, sondern nur demokratisch gewollt sein.

Schritt für Schritt gilt es, meine Vision umzusetzen. Auf der politischen Ebene kann dies etwa durch nationale Umweltpläne bis hin zu lokalen Agendas geschehen. Im persönlichen Bereich ist jeder einzelne gefragt. Mit kleinen, quasi unscheinbaren Verhaltensänderungen können wir uns dem Ziel einer anderen Gesellschaft nähern. Ich möchte Projekte realisieren helfen, in denen meine Vision durchscheint, die sie lebendig halten. Und ich setze auf die Menschen, die einen ähnlichen Traum wie ich verfolgen, die mit Freude leben und Überzeugungskraft haben.

Soweit zu einigen Puzzleteilen meiner Vision. Sie fügen sich noch nicht so ganz zu einem fertigen Bild, manche müssen ihre Form noch ändern, andere müssen erst noch entworfen werden - Puzzles erfordern eben Ausdauer und Geduld.

Dr. Angelika Zahrnt ist Vorstitzende des größten Deutschen Umweltverbandes „BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V (Dt. Sektion der Friends of the earth)“ und Initiatorin der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“.

Der BUND ist im Internet zu finden unter http://www.bund.net

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