"Wir brauchen eine ökologische Ethik" so Franz Alt in einem Interview über die Zukunft des Menschen, aus dem nachfolgend Ausschnitte wiedergegeben werden. Mehr Informationen finden Sie auf der Internetseite von Franz Alt: www.sonnenseite.com
In seinen Büchern warnt Franz Alt eindringlich vor drohenden Katastrophen. Trotzdem ist Alt ein lebensfroher Mensch geblieben, findet "Esotera" Autorin Elisabeth Hussendörfer. Ihm liegen vor allem längerfristige Themen am Herzen, die "zwar im ersten Moment vielleicht nicht so spannend klingen, die uns aber alle angehen, weil sie über unser Leben und das Leben der kommenden Generationen entscheiden". Alt plädiert für eine Energiewende ,ein "ökologisches Wirtschaftswunder und einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung, ohne den die nötigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht möglich seien.
-esotera: Müssen die Menschen immer erst in Krisensituationen geraten, um umzudenken, sich weiter zu entwickeln?
-Franz Alt: Ich glaube schon. Die BSE-Krise hat das ja ziemlich deutlich gezeigt: Seitdem ist die Bereitschaft der Leute, Geld für ökologisch erzeugte Produkte auszugeben, deutlich höher. Doch es muss wohl noch einiges passieren, bis die Menschen wirklich wach werden. ...
-esotera: Ihrer Überzeugung nach sind die Katastrophen und Probleme um uns Ausdruck der Katastrophen und Probleme in uns...
-Franz Alt: ... Irgendwann wurde mir klar, dass Technik uns nicht retten kann. Sondern, dass wir eine neue Spiritualität brauchen. Ich nenne das eine ökologische Spiritualität oder ökologische Ethik. Wenn wir nicht begreifen, dass die Umweltkrise eine Innenweltkrise ist, werden wir mit Sicherheit eine der letzten Generationen der Menschheit sein.
-esotera: Das klingt erschreckend.
-Franz Alt: Aber wahr. Ich habe eine Vortragsreise durch Australien gemacht. Und wurde nach jedem Vortrag darauf angesprochen, dass ich in einem Land sei, in dem jedes Jahr 140.000 Menschen an Hautkrebs -erkranken. ... Und der Klimawandel wird noch ganz andere Probleme mit sich bringen. Mein Freund Klaus Töpfer, der frühere Bundesumweltminister und heutige Direktor des UNO-Umweltprogramms, erzählte mir dass die Afrikaner davon ausgehen, dass ein Drittel aller Menschen dort, wo sie heute leben, in 50 bis 60 Jahren nicht mehr werden leben können.
Etwa 30 Prozent aller Afrikaner wohnen in Küstengebieten und die wird es wegen des Anstiegs des Meeresspiegels nicht mehr geben. Da darf man dreimal raten, was diese Menschen tun werden. Dieser Klimawandel, eine Folge unterlassener politischer Entscheidungen, wird eine Völkerwanderung in Gang setzen, deren Ausmaß wir uns im Moment noch nicht mal ansatzweise vorstellen können. Und kein Mensch der Welt, auch keine Bundeswehr, wird irgendetwas daran ändern können.
-esotera: Was können wir tun, um die Katastrophe abzuwenden?
-Franz Alt: Wir verbrauchen heute an einem Tag so viel Kohle, Gas und Öl, wie die Natur in 500 000 Tagen produziert hat. Der Weltenergierat hat festgestellt, dass es bei gleich bleibendem Verbrauch in 42 Jahren kein Erdöl, in 46 Jahren kein Erdgas, in 60 Jahren kein Uran und in rund hundert Jahren keine Kohle mehr geben wird. Und was dann? Ich sage: Die Lösung steht am Himmel Die Sonne schickt uns jeden Tag 10.000 bis 15.000 mal mehr Energie, als zurzeit alle Menschenscheu verbrauchen. Das macht sie kostenlos, umweltfreundlich und noch rund 4,5 Milliarden Jahre nutzbar.
Hinzu kommen umweltfreundliche Energien aus Wind- und Wasserkraft, grüne Energie aus Pflanzen und Bäumen sowie land- und forstwirtschaftlichen Reststoffen, Energie aus Biogas, Erdwärme, solarem Wasserstoff sowie Energie aus Gezeiten? und Wellenkraft der Ozeane. Die Natur stellt uns alles zur Verfügung, was wir brauchen. Auf dieser Erde muss künftig kein Kind verhungern, wenn wir uns endlich auf das Angebot der Natur einlassen. Dass wir das nicht tun, scheint auch psychologische Ursachen zu haben: Ein von Materialismus geprägter Mensch tut sich schwer mit nicht anfassbaren Energien wie Wind oder Sonne.
-esotera: Einige Klimaforscher behaupten neuerdings, die Katastrophe sei längst nicht so schlimm wie vorhergesagt.
-Franz Alt: (Lacht) Ja, kaum ist der Herr Bush Präsident von Amerika tauchen in der wissenschaftlichen Diskussion merkwürdige, angeblich brandneue Erkenntnisse auf. Beispielsweise seien die Sonnenwinde bei bisherigen Klimamodellen nicht berücksichtigt worden. In Wirklichkeit würden diese Winde, nicht wir mit unserem Energieverhalten, die Zerstörung der Ozonschicht bewirken.
Fakt ist jedoch: Schon vor zwölf Jahren haben deutsche Forscher die Sonnenwinde bei all ihren Berechnungen berücksichtigt. Aber wenn man weiß, wer den Herrn Bush zum Präsidenten gemacht, seinen Wahlkampf finanziert hat, nämlich die Öl-, Gas- und Kohlelobby, dann wundert einen nichts mehr. Schon gar nicht, dass von interessierte Seite kurz vor der nächsten Klimakonferenz Thesen aufgestellt werden wie "Ist doch alles halb so schlimm".
-esotera: Vielleicht wollen die Menschen das hören? Die jüngere Generation zum Beispiel: Waldsterben? Ozonloch? Unwichtig! Sie will jetzt leben und Spaß haben.
-Franz Alt: Das ist durchaus verständlich. Wenn diese Generation nicht verdrängen würde, könnte sie sich ja gleich die Kugel geben. Verdrängung ist ein Schutzmechanismus, kann etwas sehr Hilfreiches sein. Das Problem ist aber: Wenn wir immerzu verdrängen, können wir genauso wenig überleben.
-esotera: Wie schaffen Sie es, sich permanent mit Krisen und Katastrophen zu beschäftigen und trotzdem optimistisch zu sein?
-Franz Alt: Ich würde es nicht optimistisch nennen. Ich spreche lieber von Realismus, würde mich als Realisten bezeichnen. Ich versuche, die Fakten zu sehen, aber über diese Fakten nicht in Verzweiflung zu geraten. Wichtig ist, dass man den Fokus nicht nur auf die Probleme und Risiken richtet, sondern immer auch auf die Chancen. Und zu Ihrer Frage: Ein lebensfroher, lebenslustiger Mensch bin ich in der Tat. Sie glauben gar nicht, wie viel bei uns zu Hause gelacht wird! Ich habe eine sehr kluge Frau, die mich immer wieder inspiriert, mir Kraft gibt. Und natürlich schöpfe ich Kraft aus meiner eigenen Mitte, die ich durch Meditation, Rückzug in die Stille oder Spaziergänge finde. Außerdem beschäftige ich mich nach wie vor mit meinen Träumen. Seit meiner Therapie habe ich über zweitausend Träume aufgeschrieben.
-esotera: Würden Sie sich als spirituellen Menschen bezeichnen...
-Franz Alt: Ich hoffe, dass ich mich als einen solchen bezeichnen kann. Ich bin aber kein Esoteriker. Zu vielen Themen habe ich einen sehr rationalen Zugang, was natürlich mit meiner Arbeit als Journalist zusammenhängt. Trotzdem achte ich darauf, dass ich meinen Verstand nicht einseitig einsetze. Ich halte es für wichtig, dass politische Diskussionen leidenschaftlich und mit Herz geführt werden. Die Öko-Diskussion in Deutschland wurde jahrelang völlig verbittert geführt. Das erklärt auch, weshalb die Umweltbewegung der 80er heute tot ist.
-esotera: Weil mit dem erhobenen Zeigefinger argumentiert wurde?
-Franz Alt: Weil es stets darum ging, was wir alles falsch machen und was man alles nicht tun darf. Diese Anti-Haltung ist typisch deutsch. Viel wichtiger wäre, darüber zu reden, was man besser machen könnte. Ganz wichtig sind Visionen. Visionen können begeistern, die Menschen mitreißen. In Begeisterung steckt nicht zufällig das Wort "Geist".
- esotera: Aber wen interessiert die Klimakatastrophe? Bei Meinungsumfragen haben Rente und Arbeitslosigkeit Priorität, erst viel weiter hinten wird die Umwelt genannt.
-Franz Alt: Die Menschen haben ein größeres Umweltbewußtsein als oft behauptet wird. Das wird klar, wenn Meinungsforschungsinstitute mal anders fragen. Nicht: Welches halten Sie jetzt, im Augenblick, für das drängendste Problem. Sondern: Welche Probleme halten Sie mittel- und langfristig für drängend? Ich habe einmal fünf Institute gebeten, der zweiten Frage nachzugehen. Das Ergebnis: Die Umwelt stand bei über 80 Prozent der Befragten auf Platz eins. Erst viel weiter hinten kamen Arbeit, Rente, Löhne, Wirtschaft. Im Unterbewusstsein der Leute ist die Zerstörung unseres Planeten ein großes Thema.
Aktuell geht es jedoch meist um Dinge, die mich heute, morgen und übermorgen betreffen, nicht erst in zehn oder fünfzig Jahren. Das liegt natürlich auch an uns zukunftsvergessenden Journalisten. Wir tun so, als gäbe es nichts Wichtigeres als nach brandaktuellen Skandalen zu suchen, jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf zu jagen. Das prägt die Menschen und die Politik. Wir sind alle miteinander blind geworden für die Zukunft. In Deutschland gibt es 1560 Institute zur Erforschung der deutschen Vergangenheit, aber nur sechs Institute zur Erforschung der Zukunft. Wir sind zukunftsvergessen und vergangenheitsbesessen. Das heißt: Wir sind die erste Generation und die einzige Spezies, die ihren Brutinstinkt verloren hat.
-esotera: Irgendwie ist das doch schizophren: Der Mensch weiß, dass er dringend sein Verhalten andern müsste...
-Franz Alt: Im Kopf, mental, sind die meisten Leute schon recht weit. Nur: Sie tun nicht, was sie wissen. Nehmen wir ruhig noch mal das Beispiel BSE. Als die Medien zeigten, wie die Tiere in den Agrarfabriken gehalten werden, was für eine Qual sie erleiden müssen, ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung: Das wussten wir ja gar nicht, dass die so wenig Platz haben. Dabei ist seit zwanzig Jahren bekannt, wie Massentierhaltung funktioniert. In meinem neuen Buch "Agrarwende jetzt - Gesunde Lebensmittel für alle" zitiere ich eine Umfrage, die ergab: 90 Prozent der Leute sagen, sie würden niemals Eier von Hühnern aus Käfighaltung kaufen. Wenn man jedoch nachfragt, wie viel Prozent wirklich Eier von glücklichen Hühnern aus Freilandhaltung kaufen, kommt man gerade mal auf zehn Prozent. Durch die aktuelle BSE-Krise scheint sich die Situation etwas zu verändern, die Bioläden vermelden steigende Umsätze.
Aus "Esotera" 8/01 http://www.sonnenseite.com
