Nachhaltiger Konsum
Die Bedeutung eines "nachhaltigen Konsums" wird in Deutschland bereits seit Mitte der 90-iger Jahre intensiv diskutiert. Als ein zentrales Dokument in dem nationalen Dialog um nachhaltigen Konsum gilt die sogenannte Tutzinger Erklärung, mit der sich 15 gesellschaftliche Akteure im Jahr 2000 zu ihrer gemeinsamen Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung, auch im Konsum, bekannten. Darunter die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), die Evangelische Kirche, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).Konsum ist Ausdruck des Lebensstils
Der gegenwärtige Konsum insbesondere in den westlichen Industrieländern geht über die Befriedigung existentieller Bedürfnisse hinaus(Wants)und befriedigt neben den Grundbedürfnissen auch Kulturbedürfnisse (www.konsumkultur.de). Er ist Ausdruck des persönlichen Lebensstils und hat so neben dem Gebrauchs- auch einen Symbolwert. Die fatale Macht der Symbole verdeutlicht sich am Beispiel der Offroader oder Sport Utility Vehicls (SUVs), die unter Klimagesichtspunkten eine fatale Modeerscheinung sind, sich aber einer imposanten Nachfrage erfreuen (Zukunftsfähiges Deutschland, S. 589). Viele Luxusartikel werden in Deutschland für notwendig erklärt und erachtet, sobald sie finanzierbar sind (Beispiel Klimaanlagen in Autos oder Wohnungen). Ihr Ressourcenverbrauch aber kompensiert Einsparungen an anderer Stelle schnell über.
Was kennzeichnet Nachhaltigen Konsum
Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten geraten die Produkte und Dienstleistungen in ihrem ganzen Lebenszyklus von der Produktion über die Verarbeitung, den Handel, den Verbrauch und die Entsorgung in den Blick. Aspekte eines nachhaltigen Konsums sind der geringe Energie- und Materialverbrauch in der Herstellung und Nutzung von Produkten wie auch der Entsorgung, ihr hoher Nutzwert und ihre Langlebigkeit. Sie sollen nicht gesundheitsgefährdend und fair gehandelt sein. Es geht, so zeigen die Ergebnisse der Sozial-ökologischen Forschung, dabei also um weit mehr als um den Kauf von Bio- oder Fair-Trade-Produkten. Nachhaltige Konsummuster berücksichtigen nicht nur das individuelle Wohl und den Preis, sondern auch die ökologischen und sozialen Folgen ihrer Kaufentscheidungen, also die gemeinschaftlichen Konsequenzen. Das bedeutet auch, Abstand zu nehmen von der zunehmenden Warenschwemme und selektiv zu konsumieren.
Hinweise für veränderte Konsummuster
Es gibt einige Indizien für sich verändernde Konsummuster. Der Umsatz von ökologischen Bio-Produkten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, ebenso der Anteil der Menschen, die regelmäßig fair gehandelte Produkte kaufen. (Prozentzahlen nennen) Auch haben sich zahlreiche Verbraucherforen gebildet (
), um Alternativen zum bisherigen Geiz-ist-geil-Konsum zu finden, wie dies etwas auf der Internetplattform Utopia zu beobachten ist" (Ahaus/Heidbrink/Schmidt 2009). Die sogenannten Lohas, abgeleitet von Lifestyle of Health and Sustainability,sind ein besonders bekanntes Beispiel des neuen Nachhaltigkeitstypus. Mit ihrer immensen Kaufkraft sind sie in der Lage, Unternehmen zu grundlegenden Änderungen ihrer Produktions- und Vermarktungsmethoden zu bewegen. Ob der treibende Faktor dahinter wirklich ein Gesinnungswandel ist, bleibt zweifelhaft, vor allem war zwar einzelne Verhaltensweisen geändert, viele aber beibehalten werden. Die Vermutung liegt nahe, dass dahinter eher der Kauf eines Guten Gewissens und Abgrenzungsinteressen über den Kauf höherwertiger Güter stehen, mit dem die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe reproduziert wird.
Von breiter Umsetzung weit entfernt
Nachhaltige Konsummuster sind weit von einer breiten Umsetzung entfernt (Antoni-Komar, I., Lehmann-Waffenschmidt, M., Pfriem, R. & Welsch, H. 2010). Zwischen dem Bewusstsein über die Problematik und der Veränderung des eigenen Verhaltens klafft eine große Lücke. Diese Widersprüchlichkeiten lassen sich auch empirisch belegen: Den Konsumenten, die aus persönlicher Überzeugung nachhaltig konsumieren und die 26 Prozent der deutschen Verbraucher ausmachen, stehen 38 Prozent gegenüber, die weder über das Bewusstsein noch über ein entsprechendes Konsumverhalten verfügen. Zwischen diesen beiden Gruppen befindet sich mit 22 Prozent diejenigen, die zwar (gern) über ethischen oder nachhaltigen Konsum reden, aber an der Kasse nicht danach handeln.
Die Ursachen bewegen sich in einem breiten Spektrum:
- aus Geldmangel, Unwissenheit, fehlenden Freiräumen, Bequemlichkeit, mangelnder Motivation , Egoismus.
- Konsumenten schwanken zwischen ihrer neu entdeckten Macht, auf den Markterfolg von Unternehmen Einfluss ausüben zu
können, und dem alten Gefühl der Ohnmacht, letztlich nur kleine Rädchen im Getriebe des globalen Kapitalismus zu sein.
- Überforderung der Konsumenten durch Informationsflut, dem Überangebot an Waren und der Undurchsichtigkeit vieler Labels
und Zertifikate schlechterdings überfordert zu sein. Die Paradoxie der Wahl (Barry Schwarz) führt zu einer steigenden
Wahrscheinlichkeit, dass am Ende keine oder eine zufällige Entscheidung getroffen wird.
- 14 Prozent der Deutschen verhalten sich eher aus zufälligen oder Vorteilsgründen (z.B. Kostenersparnis) nachhaltig.
- Irritationen bei der Auswahl der ökologisch sinnvollsten Produkte und die Aussagekraft von Labeln, z.B. inwieweit profitieren
Erzeuger wirklich von Fair-Trade-Produkten
Zum Weiterlesen:
Der Kompass Nachhaltiger Konsum: Eine Orientierungshilfe, Institut für Umweltkommunikation (INFU), Autor: Daniel Fischer
Björn Ahaus, Ludger Heidbrink, Imke Schmidt: Chancen und Grenzen der Konsumentenverantwortung. Eine Bestandsaufnahme, Working Papers des CRRNr. 6/2009
Sozialwissenschaftliche Analysen zu Veränderungsmöglichkeiten nachhaltiger Konsummuster - Zusammenfassung, 2001
Eine 2004 in Berlin gegründetet Initiative "fo.Kus" will VerbraucherInnen in ihren Produktentscheidungen unterstützen.
