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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Camille Gira

Bürgermeister der Gemeinde Beckerich

 

 

Chancengleichheit und Nachhaltigkeit

Erfahrungen aus Beckerich, Luxemburg

 

 

Die Arbeit der Beckericher Chancengleichheitskommission bewegt sich natürlich nicht im luftleeren Raum, sondern ist Bestandteil einer allgemeinen Politik, welche versucht den allgemeinen Begriff der Nachhaltigkeit mit konkreten Inhalten zu füllen.

Wenn in Beckerich eine aktive Chancengleichheitspolitik betrieben wird, so hat das also nicht nur damit zu tun, dass die Verantwortlichen der Überzeugung sind, dass es das fundamentale Recht der Frauen ist, in “gleichberechtigter Weise am privaten, beruflichen und öffentlichen Leben teilzunehmen“, sondern auch damit, dass wir der Meinung sind, dass ohne den Beitrag der Frauen der Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft nicht möglich sein wird.

Wie kam es zu dieser Überzeugung?

Seit über 25 Jahren ist unsere Gemeinde in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess, welcher sich von der Dorferneuerung in den 70er, über die Dorfentwicklung in den 80er hin zum Aufbau einer nachhaltigen Dorfgemeinschaft seit den 90er Jahren gewandelt hat. Im Laufe dieses Prozesses wurde es immer klarer: Intensive Bürgerbeteiligung ist das A und O einer nachhaltigen Dorferneuerung und einer ganzheitlichen Entwicklung.

Dafür gibt es mindestens 4 gute Gründe und innerhalb dieser Gründe gibt es wiederum Argumente, warum Frauen  eine so wichtige Rolle spielen (müssen):

 

1)   Es geht um einen fundamentalen Wertewandel

 

Dieser führt

·        weg vom Haben

·        hin zum Sein

·        weg von dominierenden Eigenschaften wie Schnelligkeit, Lieblosigkeit, Nüchternheit und rationellem Denken,

·        hin zu mehr Gemächlichkeit, Lebensfreude, Phantasie und Kreativität.

·        Wer anders als die Frauen soll uns Männern helfen diesen Wandel zu vollziehen?

 

 

2)   Die Probleme sind heute zu kompliziert, um sie allein Politikern und Technokraten zu überlassen

 

Die soziologische Zusammensetzung der Landbevölkerung insgesamt, besonders aber diejenige der Frauen, hat sich in den letzten Jahrzehnten fundamental geändert. Dies wurde mir letzthin  bei einem Blick auf die in unserer Gemeinde vertretenen Berufe bewusst:

Von der  Architektin über die Gymnasiallehrerin, von der Buchhalterin über die Forstexpertin bis hin zur Erzieherin, um nur einige zu nennen, findet sich eine bis dahin nicht gekannte Vielzahl an gut ausgebildeten Frauen wieder. Und auch die jüngeren Hausfrauen haben meistens eine ausgezeichnete Ausbildung, ja öfters sogar eine bessere als ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen.

Es wäre dramatisch, wenn dieses menschliche Potential nur in der Stadt bei bezahlter Arbeit zum Tragen käme, oder aber hinter Herd und Waschmaschine entschlummern würde.

Es heißt mit allen Mitteln diese Menschen, diese Frauen für die Lösung der vorhandenen Probleme zu gewinnen und sie beim Entwerfen von Zukunftsvisionen einzubinden.

Um ihnen dabei zu helfen, investieren wir  verstärkt in die in Beckerich lebenden Menschen.

Seit einigen Jahren bieten wir vor Ort Weiterbildung an: für die Mitglieder der beratenden Kommissionen, für die Vereinsverantwortlichen, für jede Bürgerin und jeden Bürger .

Besondere Angebote für Frauen (Rhetorikkurse, Theaterkurse, Informatikkurse) sind auf reges Interesse bei unserem Zielpublikum gestoßen, haben uns aber auch klargemacht wie groß das ungenutzte  menschliche Potential  noch ist.

 

3)   Um verantwortungsvolle Bürger zu “erziehen”

 

Viele männliche Verantwortliche beschweren sich über grassierende Politikverdrossenheit und mangelndes Engagement der Bevölkerung im Allgemeinen, und der Frauen im Besonderen. Meine Diagnose dazu ist klar:

Wenn man jahrelang den politischen Aktionsradius der Bürgerinnen und Bürger auf deren Vorgarten beschränkt, braucht man sich nicht zu wundern , wenn diese eine Vorgartenmentalität entwickeln, wenn man systematisch weibliche Beiträge zur Entscheidungsfindung belächelt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn Frauen sich zurückziehen.

 

 

4)   Um das Ohnmachtsgefühl der Leute zu beheben.

 

Viele Menschen haben aufgrund der fortschreitenden Globalisierung den Glauben an positive gesellschaftliche Veränderungen verloren. Wenn aber Menschen  erlebt haben, dass sie ihren Vorgarten verändert , ihr Wohnumfeld verbessert , in ihrem Dorf Positives bewirkt haben, dann legen sie ihr Ohnmachtsgefühl ab und sind wieder bereit ihre Rolle als aktive Mitglieder der Schicksalsgemeinschaft "Mensch" zu übernehmen. Da oft Frauen im näheren Wohnumfeld tätig sind, kann gerade von ihnen in dieser Hinsicht ein wichtiger Impuls ausgehen.

 

 

Um diese Bürgerbeteiligung zu gewährleisten haben wir 1982 schon unsere beratenden Ausschüsse, welche bis dahin den Gemeinderatsmitgliedern vorbehalten waren, für die Frauen und Männer von der Straße geöffnet. Wir haben dieses System nach und nach erweitert mit dem Resultat, dass heute 12 permanente  Ausschüsse, darunter die erwähnte Chancengleichheitskommission, mit über 80 Mitgliedern existieren. Von diesen 80 Aktiven sind immerhin 30% Frauen, was nicht reicht, aber ein für Luxemburg ansehnliches Resultat darstellt.

 

Diese Ausschüsse sind eine optimale Plattform für Frauen, um sich an der Entscheidungsfindung in der Gemeinde Beckerich zu beteiligen.

Um ihnen aber auch die Möglichkeit zu geben, sich an diesem politischen Leben, aber auch am beruflichen und sonstigen gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, sind natürlich Betreuungsstrukturen für Kinder von eminenter Wichtigkeit.

 

Die Freiheit für Frauen und Männer besteht nicht darin, permanent berufstätig zu sein, sondern permanent die freie Wahl zu haben, berufstätig zu sein oder wieder zu werden.

 

Für die Männer und Frauen in Beckerich ist dies der Fall. Zusammen mit 9 anderen Gemeinden haben wir 1993 den ersten regionalen Kinderhort im ländlichen Raum geschaffen, und für die Beckericher Kindergarten- und Grundschulkinder im Alter von 4 bis 12 Jahren steht unsere kommunale Infrastruktur zur Verfügung.

Wir wissen empirisch, aber auch statistisch wie viel dies gebracht hat. Viele Frauen verkürzen ihre Babypause oder beschränken sie sogar auf den Mutterschafts- und Elternurlaub. Die Frauenerwerbsquote zwischen 15 und 65 Jahren hat einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht: von 45% im Jahre 1995 auf 57% heute. Das ist nicht nur spektakulär, sondern liegt weit über dem Landesdurchschnitt. Die Existenz dieser Betreuungsstrukturen sind zu einem regelrechten Standortvorteil für unsere Gemeinde geworden. Da ganzjährige Angebote in diesem Bereich in Luxemburg noch relativ rar sind, kommen viele junge Paare  bewusst nach Beckerich wohnen. Unser Hort ist aber flexibel ausgelegt, um auch den eher punktuellen Bedürfnissen von Hausfrauen und von denjenigen, welche wieder in den Beruf einsteigen wollen, gerecht zu werden.

Es gibt aber noch andere Auswirkungen. Wir haben im Kindergarten selbst 7 Arbeitsplätze geschaffen, davon sind 6 von Frauen besetzt, die Kaufkraft in der Gemeinde steigt durch die doppelte Berufstätigkeit, was der regionalen Wirtschaft zu gute kommt, und solche Haushalte “outsourcen” einen Teil ihrer früher selbst getätigten Hausarbeit, was wiederum Arbeitsplätze für andere schafft.

 

Wir stehen hier am Anfang eines regelrechten “cercle vertueux”, einem nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Aufbau einer nachhaltigen Dienstleistungsgesellschaft.

 

Die beschriebene Entwicklung und die einzelnen Aktionen sind auch in Beckerich nicht ohne Heulen und Zähneknirschen über die Bühne gegangen. Aber statt zu Auseinandersetzungen und Diskussionen zwischen Männern und Frauen, kam es wie so oft zu Konflikten zwischen Hausfrauen und berufstätigen Frauen, zwischen einheimischer und zugezogener Bevölkerung.

 

Aber dies hat zumindest einen Vorteil: Chancengleichheit ist ein Thema in Beckerich, über Frauenthemen wird öffentlich diskutiert und gestritten. Und das ist wichtig um die Chancengleichheit und damit die Nachhaltigkeit voranzubringen.

Denn ich teile die Meinung von Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger, der gesagt hat: ”In einer Demokratie erreichen die Menschen meistens, was sie fordern, auf jeden Fall wird ihnen nicht zugestanden, was sie nie gefordert haben”.

 

Das gilt auch, ja vor allem für die Frauen.

 

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