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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Sabine Hofmeister

Institut für Umweltstrategien, Universität Lüneburg

 

Frauen – Räume: (K)ein nachhaltiges Verhältnis?

 

Einleitung

Ich möchte mein Referat zum Thema „Frauen-Räume“ mit zwei Zitaten beginnen:

Das erste stammt aus der Feder der wohl am häufigsten zitierten Frau, wenn es um Frauen-Räume geht: der englischen Autorin Virginia Woolf. Sie trägt am 5. September 1926 folgen­den Satz in ihr Tagebuch ein: „Ich habe gern Raum, um meinen Geist entfalten zu können.“ – ein Gedanke, der zentral werden sollte für ihre Abhandlung über Frauen und Literatur, die sie mit ihrem Buch „A Room of One’s Own“ („Ein Zimmer für sich allein“) 1929 veröffent­lichte: „Eine Frau muss (...) ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können.“ war hier die zentrale These der berühmten Schriftstellerin.

Das zweite Zitat stammt von meiner Kollegin Christine Bauhardt aus dem Jahr 1998. Wir hatten sie als feministische Raumwissenschaftlerin gebeten, im Rahmen der Arbeit der Enquete-Kommission „Zukunftsfähiges Berlin“ zur nachhaltigen Entwicklung der Stadtregion Stellung zu nehmen: Sie antwortete damals auf die Frage, was sie selbst unter einer nach­haltigen Region verstünde, mit folgendem Satz, den ich hier etwas abgewandelt wiedergebe: „Eine zukunftsfähige (Region), ist eine (Region), in der es sich gut leben lässt.“

Beide Zitate scheinen auf den ersten Blick darauf hin zu deuten, dass Frauen offenbar ein  recht nutzenorientiertes Verhältnis zu „ihren Räumen“ haben: Was Christine Bauhardt und Virginia Woolf beide zum Ausdruck bringen ist, dass wir (eigenen) Raum brauchen, um uns zu entfalten – ja, um „gut zu leben“. Bauhardt geht gar noch darüber hinaus, indem sie „Gut-Leben-Können“ als das Merkmal für die Nachhaltigkeit einer Region einführt.

Beide verbindet also die Idee von Raum als einer grundlegenden Voraussetzung für eigene Lebens- und Entfaltungschancen, als Bedingung für die Realisierung eigener Wünsche und Interessen. Tatsächlich stand zu Beginn der geschlechterorientierten Raumwissenschaft in den 1970er Jahren die Forderung nach gleicher Teilhabe der Frauen an der Nutzung des Raumes deutlich im Vordergrund: dies sowohl in der Architektur und Wohnungspolitik als auch für die Stadt- und Freiraumentwicklung. Hintergrund war die Tatsache, dass gleicher Zugang und gleiche Teilhabe an der Ressource Raum für Frauen und Männer – weder im öffentlichen noch im privaten Bereich – eine Selbstverständlichkeit war (und ist).

Doch ging es dabei nicht nur um gleichberechtigte Teilhabe an Raum in einem quantitativen Sinne, also dem Umfang nach, sondern immer auch schon um spezifische Qualitäten von Wohnungen, Stadtteilen, Grünanlagen, Städten und Regionen. Im Mittelpunkt geschlechter­orientierter Raumplanung stand eine bedürfnisgerechte, gebrauchswertorientierte Gestaltung der den Frauen „eigenen Räume“. Genau an dieser Stelle können wir, meine ich, ansetzen, wenn wir hier die Frage nach der Nachhaltigen Regionalentwicklung aufwerfen. Hieran wird Nachhaltigkeit messbar: Die konzeptionellen und gestalterischen Ideen von Architektinnen und Planerinnen, die z.T. weit zurückliegen, werden heute nicht zufällig unter dem Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“ als universelle Forderungen neu aufgelegt.

Ich werde mir diese Schnittfläche zwischen Nachhaltiger Raumentwicklung und Gender-Planning hier selbstverständlich zu Nutze machen, um mich der Frage nach den „Frauen­räumen“ und ihrer Verbindung zu Nachhaltigkeitszielen zu nähern. Dazu bedarf es jedoch zunächst einer kurzen Klärung der Begriffe von Nachhaltigkeit einerseits und der Kategorie Geschlecht, wie sie raumbezogen entwickelt worden ist, andererseits. Ich werde mich dem Thema „Frauen-Räume“ in der Nachhaltigen Raumentwicklung entlang von fünf Fragen nähern:

1.    Was bedeutet Nachhaltige Raumentwicklung?

2.    Welche Bedeutung hat das Geschlecht und das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit im Kontext einer nachhaltigen Regionalentwicklung?

3.    Welche neue Perspektive öffnet sich ausgehend von der Kategorie Geschlecht auf Fragen der Regionalentwicklung?

4.    Wie kann auf dem Hintergrund aktueller Transformationsprozesse - sowohl der Raum­strukturen als auch der Geschlechterverhältnisse - der aus geschlechterbezogener Perspektive offenkundig werdende „neue Blick“ für eine nachhaltige Regional­entwicklung nutzbar werden?

5.    Wie lässt sich der spezifische Beitrag geschlechtersensibler Konzeptionen und Strate­gien zu Nachhaltigkeitsprozessen beschreiben und bewerten?

 

1. Was bedeutet Nachhaltige Raumentwicklung?

Nun, wie wir es in der aktuellen Diskussion immer wieder erleben, ist „Nachhaltigkeit“ ein äußerst schillernder, ein deutungsoffener Begriff. Für die Annäherung ist es hilfreich, zunächst einmal kurz zurückzublicken auf die Wurzeln des Konzepts: Denn so widerständig das deutsche  Wort „Nachhaltigkeit“ auch daher kommen mag, es hat immerhin den Vorzug, dass es an eine lange Tradition anknüpft: Nachhaltiges Wirtschaften spielt seit dem 17. Jh. in der Wald- und Forstwirtschaft eine wichtige Rolle. Der Begründer der Nachhaltigkeitsidee war Hans Carl von Carlowitz  - Oberberghauptmann in Sachsen. Der Wald in Sachsen war seinerzeit besonders stark von Raubbau betroffen. Das gibt Aufschluss über den Hintergrund der Nachhaltigkeitsidee: Durch Erzabbau (bzw. durch den damit verbundenen Energiebedarf) waren die Wälder stark übernutzt. Die zu jener Zeit wichtigste Ressource - das Holz - war in ihrem Bestand unmittelbar bedroht. Kurz vor seinem Tod veröffentlichte der Ober­berghauptmann 1713 ein Buch mit dem (schönen) Titel „Sylviacultura Oeconomica. Naturmäßige Anweisung der Wilden Baum-Zucht“. Als Erster formulierte er hierin die Grundsätze der Nachhaltigkeit: Er kritisierte die allein aufs „Geld lösen“ gerichtete, kurzsichtige Ökonomie und forderte eine an der „Wohlfahrt“ des Gemeinwesens orientierte, voraus­schauende und vorsorgende Wirtschaftsweise. Diese sei, so von Carlowitz, einem schonenden Umgang mit der „gütigen Natur“ verpflichtet und sie beruhe auf der Erkenntnis, dass in dem „bloßen und unansehnlichen Erdreich so ein wundernswürdiger ernährender Lebensgeist wirkt“. Der Mensch müsse erforschen, „wie die Natur spielet und mit ihr agieren, nicht wider sie.“ (von Carlowitz zit. nach Grober)

Mit „Nachhaltigkeit“ war ursprünglich also ein ökonomisches  Prinzip gemeint, und die Idee der Nachhaltigkeit entstand auf dem Hintergrund einer wirtschaftlichen Krise: einer akuten und tiefgreifenden Bedrohung der existenziell wichtigen Holzwirtschaft. Das Nachhaltig­keitsprinzip in der Forstökonomie formulierte sich entlang einer Kritik an dem abstrakten, allein auf Geldgrößen reduzierten Begriff von Wirtschaften – es bezeichnete ein Verständnis von Wirtschaftlichkeit, aus dem sowohl in quantitativer wie auch in qualitativer  Hinsicht normative Aussagen zur Wirtschaftsweise abgeleitet worden sind.

Diese normative Dimension findet sich im modernen Diskurs zu Nachhaltiger Entwicklung nicht nur wider. Sie ist hier sogar so dominant geworden, dass der ökonomische Kern der Nachhaltigkeitsidee – besser: die hierin enthaltene Kritik an einer einseitigen, abstrakt verfassten Ökonomie – oft vergessen wird. Das Verständnis von Nachhaltigkeit heute ist an zwei Gerechtigkeitsgebote geknüpft. Zum einen sind gerechte Verhältnisse herzustellen zwischen den heute lebenden Menschen – bspw. zwischen den Menschen in den reichen Industrieländern und jenen in den armen Ländern des Südens, aber selbstverständlich auch zwischen Männern und Frauen. Diesem Gebot der intragenerationalen Gerechtigkeit steht das der Generationengerechtigkeit zur Seite. Es besagt, dass künftige Generationen die gleichen Chancen für ihre Entwicklung haben müssen wie sie heute bestehen.

Mit dieser Verpflichtung auf Generationengerechtigkeit haben wir uns die Zeitlichkeit wieder in die Gestaltung unserer Entwicklung hineingeholt. Das scheint mir entscheidend zu sein: Denn im Entwicklungsverständnis der Industriemoderne – das sich kristallisiert in dem Begriff „Fortschritt“ – war Zeit gewissermaßen zu einer dimensions- und qualitätslosen Kategorie geworden: „Fortschritt“ kennt nur die Richtung, weiß aber nichts  von dem Ziel einer lebendigen Zukunft. Holen wir also jetzt die Menschen, die künftig einmal die Erde bewohnen werden, in unser Denken und Handeln hinein, so entfaltet sich viel mehr als nur eine Langfristperspektive: Zukunftsfähigkeit mit Blick auf die Vielfalt des Lebendigen zu deuten, heißt immer auch, dass die vielfältigen Zeitmuster miteinander zu vermitteln sind. Das ist keine ganz anspruchslose Aufgabe: So sind beispielsweise die den sozialen und ökono­mischen Prozessen zugrundliegenden Zeitregimes in Einklang zu bringen mit den rhythmisch organisierten Zeiten ökologischer Prozesse. Davon war im 17. Jh. für die Waldwirtschaft schon die Rede gewesen, als die Regenerationszeiten des Waldes zum Maßstab für seine Bewirtschaftung gesetzt worden waren. Davon ist auch im modernen Nachhaltigkeitsdiskurs immer wieder die Rede dort, wo es um den Umgang mit Naturressourcen geht. Vermittlung der Zeiten bedeutet aber auch, dass „Frauen- und Männerzeiten“ zu koordinieren wären. Dies hat wichtige Konsequenzen gerade für die Raumentwicklung. Eine zukunftsfähige, dauerhafte Entwicklung ist also gebunden an die Pflicht, verschiedene Zeiten synchron und konsistent zueinander zu gestalten. Die Schwierigkeit hierbei liegt vor allem darin begründet, dass durch die Industriemoderne hindurch getrennt worden war zwischen den ökonomisch organisierten Zeitregimes der Herstellung und den Zeiten der Wiederherstellung – der Erneuerung und Regeneration. Dieser Riss, den die Industrie­gesellschaft in ihrer Entwicklung angelegt hatte, zieht sich auch durch die Gesellschaft hindurch – wesentlich durch das gesellschaftliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Produktive und „reproduktive“ Tätigkeiten sind hier geschlechtspezifisch zugewiesen – und eben gerade nicht synchron und konsistent aufeinander abgestimmt.

Hiermit komme ich von der Zeit zum Raum:

Für die aktuelle Diskussion um Nachhaltigkeit ist zentral, dass die einzelnen Dimensionen von Entwicklung – als wirtschaftliche, sozial-kulturelle und ökologische – integrativ auf­einander bezogen werden sollen. Mit Blick auf den Raum bedeutet dies, dass der zunächst einmal so zu betrachten wäre: Die Region ist als eine Einheit von Wirtschafts-, sozial-kulturellem Lebensraum  und Naturraum zu begreifen. Es geht also gerade nicht mehr darum, Ziele zur ökonomischen, sozialen und ökologischen Entwicklung von Regionen auszuweisen, um sie dann additiv zueinander in Beziehung zu setzen, sondern um eine integrative Per­spektive – eine Perspektive, die es erforderlich macht, jede Dimension neu zu denken.

Was bspw. unter einer wünschenswerten ökonomischen Entwicklung verstanden werden kann, ist nicht mehr selbstverständlich: Wenn die Gestaltung der Region als Wirtschaftsraum vermittelt sein soll mit sozialer Gerechtigkeit und mit ökologischen Zielen sowie im Blick auf die Bedürfnisse künftiger Generationen erfolgen soll, reichen quantitative, an abstrakten Wachstumszielen ausgerichtete Maßstäbe nicht mehr aus. Ökonomische Leitbilder und Qualitätsziele sind sozial, kulturell und ökologisch zu kontextualisieren.

Dies bedeutet auch, den Raum, die Region als eine „Ressource“ neu zu denken: Denn so weit das Regionale einerseits Kontext und Grundlage sozialen Handelns und Ort von Interaktionen ist – ja, jene Prozesse situiert und mithin soziale Identitäten konstruiert -, ist es auf der anderen Seite zugleich auch Resultat sozialen Handelns. Als solches ist es vorläufig – ein in stetiger Erneuerung begriffenes Produkt dessen, was Menschen tun (oder nicht tun). Mit Blick auf das Gebot der Generationengerechtigkeit bedeutet dies, dass wir uns bei der Herstellung von „Region“ als physisch-materiellem Resultat unseres wirtschaftlichen und sozialen Handelns nicht anders zu verhalten hätten wie in Bezug auf den Umgang mit anderen Ressourcen auch: Es gilt auch hier Herstellung mit Wiederherstellung und Erneuerung zu verbinden – die Gestaltung des Raumes im Blick auf die Erhaltung seiner besonderen Qualitäten vorsorgend zu organisieren: Die Region als Produkt ist mit dem Ziel zu gestalten, dass die ihr eigene, besondere Produktivität für künftige Generationen erhalten und (wenn möglich) verbessert werden kann. Nicht mehr und nicht weniger wird von uns erwartet werden, wenn wir das Prinzip der Nachhaltigen Raumentwicklung ernst nehmen und reali­sieren wollen.

 

2. Welche Bedeutung hat die Kategorie Geschlecht und das Ziel Geschlechter­gerechtigkeit im Kontext einer nachhaltigen Regionalentwicklung?

Auf der Basis meiner bisherigen Ausführungen zu Nachhaltigkeit könnte ich mir die Antwort auf diese Frage jetzt leicht machen. Ich könnte argumentieren, dass die Gerechtigkeitsgebote – insbesondere das Gebot der intragenerationalen Gerechtigkeit Geschlechtergerechtigkeit verlangt. Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist als zentrales Ziel nachhaltiger Entwicklung in der Agenda 21 verankert und müsste entsprechend für die Raumentwicklung operationalisiert werden.

Ja. Tatsächlich ist Geschlechtergerechtigkeit auch oder sogar in den wohlhabenden Industrie­ländern bislang (noch) nicht realisiert.

Beispiel Deutschland: Frauen partizipieren weniger an der Erwerbsarbeit, dafür aber stärker an Erwerbsarbeitslosigkeit und Armut. Frauen erzielen – wenn sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen – ein deutlich geringeres Einkommen als Männer: aktuell etwa 75% dessen, was ihre männlichen Kollegen erzielen. Dementsprechend ungleich ist ihre Teilhabe an gesell­schaftlicher Anerkennung und sozialer Absicherung. Umgekehrt aber partizipieren Frauen stärker an Teilzeiterwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit. Dies ist insbesondere auch mit der Zeitbudgetstudie des deutschen Statistischen Bundesamtes nachgewiesen worden.

Doch hieran wird auch deutlich, dass es nicht ausreicht, auf die oben aufgeworfene Frage nach der Bedeutung von Geschlechtergerechtigkeit für eine nachhaltige Regionalentwicklung allein mit dem Argument der Verteilungsungerechtigkeit zu antworten. Diese Antwort greift zu kurz, weil die Hintergründe – die unterschiedlichen Lebensmodelle von Männern und Frauen - darin unsichtbar bleiben.

Abb. 1: Durchschnittliche tägliche Zeitverwendung für unbezahlte Arbeit von Personen nach Geschlecht und Altersklassen (Schwarz 1996, 76)

 

Die Grafik zeigt dies deutlich: Die Schere der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung geht biografisch dort auseinander, wo die Familienphase beginnt. Und hier liegt die wichtigste Ursache der noch immer existierenden Verteilungsunterschiede zwischen den Geschlechtern: Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung realisiert sich in Deutschland wie in anderen Industrie­ländern und den Ländern des Südens auch entlang der Trennung zwischen einer männlich dominierten Erwerbsarbeits- und einer weiblich zugewiesenen versorgungs- oder Reproduk­tionsarbeitssphäre.

Hier liegen die Wurzeln geschlechtsspezifischer Unterschiede in den Biografien, Lebens­modellen, Alltagswirklichkeiten von Männern und Frauen, die sich ganz entscheidend aus­wirken auch auf unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche an den Raum - an Freiraum­qualitäten, Infrastrukturausstattung u.a.

Besonders anschaulich wird dies mit Blick auf unterschiedliche Ansprüche an Mobilität: Die von der Verbindung zwischen Erwerbs- und Versorgungstätigkeiten geprägten „Frauenwege“ sind weitaus vielfältiger und komplexer, als es ausgehend von einem von Versorgungs­aufgaben frei gestellten Alltag vorstellbar ist. Die von Planerinnen seit den 1980er Jahren formulierten Forderungen, z.B. nach Nutzungsmischung, „Stadt der kurzen Wege“, Verkehrs­vermeidung, sind durchweg geprägt von diesem Erfahrungshintergrund. Doch ist hierbei zu bedenken, dass es die Lebensrealität der Frauen nicht gibt: Wie es auf der Einladung zu unse­rer Tagung hier so schön ausgedrückt ist: Frauen sind Mütter und Partnerinnen, Kranken­pflegerinnen, Psychologinnen und Wirtschaftlerinnen – sie sind eben Managerinnen sehr ver­schiedener Alltagswirklichkeiten. Die ganze Wirklichkeit der Lebenswelt macht Wegeketten, wie sie als „Frauenwege“ beschrieben werden, nötig – unabhängig davon, wer (Mann oder Frau) diese Alltagswirklichkeit lebt. Nicht die individuelle Geschlechtszugehörigkeit also entscheidet über das soziale Geschlecht (gender). Es sind gesellschaftliche Herrschafts­beziehungen, die sich geschlechtsspezifisch auswirken und in Form von geschlechtlichen Arbeitsteilungen realisieren.

Diesen Gedanken nimmt die Raumplanerin Christine Grüger auf, wenn sie die Aufgabe einer geschlechtergerechten Raumgestaltung folgendermaßen beschreibt:

„Ziel einer geschlechtergerechten Planung ist die Sicherung und Stärkung der von Frauen gelebten Vielfalt an Lebensformen als ein Beitrag auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die sich emanzipiert hat von einer engen geschlechtsspezifischen Rollenzuweisung.“ (Grüger 2000, 34)

Und genau dies scheint mir zentral zu sein für unsere Gespräche heute und morgen: Es kann und darf auch (aus meiner Sicht) nicht darum gehen, regionale Entwicklungsziele entlang von Fraueninteressen und Frauenbedürfnissen zu bestimmen. Vielmehr ist die Perspektive auf die Vielfalt der Lebensformen zu richten und auf jene Anforderungen an Raumqualitäten, die aus einer vollständigen, „ganzen“ Lebens- und Alltagswirklichkeit resultieren. Dies kann der Ausgangspunkt für unser Nachdenken über eine nachhaltige Regionalentwicklung sein. Geleitet von den im Nachhaltigkeitskonzept verankerten Gerechtigkeitsgeboten ist es das Ziel, geschlechtspezifische Strukturunterschiede in der Trennung zwischen einer „produktiv“ vs. „reproduktiv“ organisierten Arbeitsteilung zu überwinden.

Die Erfahrungen der raumbezogenen Geschlechterforschung haben es gezeigt: Wie schnell ist aus dem Bemühen der Planerinnen, Räume potentieller Gewaltanwendung in den Städten zu vermeiden die „Angstraum-Debatte“ in der Stadtplanung geworden: Nicht die Gewalt gegen Frauen wurde thematisiert, sondern die Angst der Frauen. Auch die uralte Forderung nach dem „Zimmer für sich allein“, wie Virginia Woolf sie formuliert hatte, wurde durch die feministische Planungsdebatte hindurch sehr rasch auf Forderungen nach größeren Kinder­zimmern und Küchen reduziert. Der Missbrauch feministischer Konzepte besteht darin, dass unsere Ideen aufgegriffen und zugleich in tradierte Weiblichkeitsbilder „rückübersetzt“ werden. Auf diese Weise werden alte, diskriminierende Strukturen gefestigt und erneuert.

Um dies zu vermeiden, plädiere ich für eine Erweiterung der unseren Gesprächen zugrunde­liegende Fragestellung um das „Geschlecht“ als eine soziale Kategorie – eine Kategorie, die sich loslöst von individuell zugewiesenen Frauen- und Männerbildern. Es gibt keine der Genusgruppe „Frau“ universell anhaftenden Bedürfnisse und Eigenschaften. Sondern die Bedeutung des sozialen Geschlechts beruht gerade auf der Vielfältigkeit und Differenziertheit weiblicher Lebensentwürfe. Dies könnte gewissermaßen die Folie unseres Nachdenkens über die Rolle von Frauen (und Männern) in der nachhaltigen Regionalentwicklung sein.  Mein Vorschlag ist, „Geschlecht“ als eine Strukturkategorie aufzufassen, womit gemeint ist,

„ ... daß die Geschlechtszugehörigkeit kein zufälliges Merkmal individueller Personen dar­stellt, sondern daß die gesellschaftliche Verteilung von ökonomischen, politischen und räum­lichen Ressourcen entlang dieser Kategorie erfolgt. Soziale Differenzierungen, die sich als unterschiedliche Lebensstile ausprägen, sind ohne die Berücksichtigung des Geschlechts als sozialem Platzanweiser kaum angemessen zu interpretieren.“ (Bauhardt 1999, 12 f.)

Was Christine Bauhardt hiermit einfordert – Geschlecht konsequent als Analyse- und Planungskategorie zu behandeln – ist mit Blick auf die Entwicklung von Visionen künftiger Raumgestalten von zentraler Bedeutung: Statt der Festschreibung und Reproduktion tradierter Vorstellungen von „Frau“ kommt es darauf an, jene bewusst und gezielt aufzubrechen. Dies geschieht, indem sozial weibliche Lebensformen als Lebensmodelle für Männer und Frauen vorausgesetzt und regionale Entwicklungsziele aus der Perspektive der ganzen Lebenswelt formuliert heraus und realisiert werden. Das Ausleuchten der „blinden Flecke“ durch die Planerinnen-Bewegung hat längst schon dazu geführt, dass das „ausgeblendete Ganze“ frei­gelegt worden ist. Dies ist der Grundstein für eine nachhaltige Raumentwicklung. Ich komme damit zu meiner dritten Frage:

 

3. Welche neuen Perspektiven öffnen sich ausgehend von der Kategorie Geschlecht auf Fragen der Regionalentwicklung?

Wir haben gesehen:

Die neue Perspektive auf die Region ist die Perspektive auf das „Ganze“: der Blick auf die ganze Alltagsrealität in ihrer Vielfalt und auf die ganze Palette der Lebensstile und -bedürf­nisse wird zur Prämisse für die Regionalentwicklung.

Dabei kommt es insbesondere darauf an, die Trennung der sog. „reproduktiven“  Tätigkeiten von den produktiven und (damit verbunden) die Trennung zwischen Wirtschafts- Lebens- und Naturraum in der Regionalentwicklung zu überwinden.

Mit diesem neuen Verständnis einher geht ein neuer umfassenderer Begriff von Wirtschaften: Denn ausgehend von den sog. reproduktiven Bereichen wird sichtbar, dass der „Wirtschafts­raum“ viel größer ist als jener, in dem marktkoordiniert und vermittelt über das Medium Geld gehandelt wird. Der Blick auf das „Ganze des Wirtschaftens“ – ein Blick, der die bestehende geschlechterhierarchische Strukturierung des Ökonomischen zu überwinden sucht  –, richtet sich gerade nicht mehr nur auf marktwirtschaftliche Prozesse, sondern auch und vor allem auf die Versorgungsökonomie.

Genau dies ist die Ausgangsthese des Frauen-Netzwerks „Vorsorgendes Wirtschaftens“: Mit diesem Konzept, das aufbauend auf die Kritik an den „blinden Flecken“ der Nachhaltigkeits­debatte entwickelt worden ist, stellen wir drei Handlungsprinzipien in den Vordergrund – Prinzipien, die den versorgungsökonomischen Raum prägen, jedoch weit über diesen hinaus wegweisend werden können für eine Nachhaltige Entwicklung:

·        Vorsorge (statt Nachsorge)

·        Orientierung am für das gute Leben Notwendigen (statt Orientierung am abstrakten Geld­wert)

·        Kooperation (statt Konkurrenz).

Barbara Zibell (1999) hat diese drei Prinzipien in Bezug auf ihre Bedeutung als „Prüfsteine“ für eine nachhaltige Raumentwicklung untersucht:

So ist das Prinzip der Vorsorge – das heißt, das vorausschauende, auf die Zukunftsfähigkeit baulich-räumlicher Strukturen gerichtete Handeln – im Grunde eine klassische Aufgabe räumlicher Planung. Es muss nicht etwa „neu erfunden“ werden. Doch hinkt die Planungs­praxis diesem (ihrem eigenen) Anspruch hinterher: Vorsorge bedeutet nicht allein Langfrist­planung, sondern schließt ein Um-Sich-, Vor-Sich- und Hinter-Sich-Schauen in der Entwick­lung räumlicher Strukturen mit ein. Mit Zibell (1999, 27) ließe sich also sagen, dass eine am Prinzip der Vorsorge orientierte Raumentwicklung konsequenterweise Nutzungen als „Vornutzungen“ auszugestalten hätte. Bislang wird die Gestaltung von Räumen durch das bestimmt, was sich gegenwärtig artikuliert und im politischen Raum durchzusetzen vermag. Eine vorsorgende Planung müsste dagegen daran gemessen werden, ob und wie weit durch die Realisierung einer Maßnahme künftige Entwicklungen nicht verstellt werden. Der „Optionswert“ – die „Fehlerfreundlichkeit“ und „Reversibilität“ - würde zum zentralen Prüf­kriterium in der planerischen Entscheidung.

Würde zweitens das Prinzip „Orientierung am für das gute Leben Notwendigen“ grundlegend für die räumliche Planung, so hieße das, sie konsequent an den Alltagsbedürfnissen der Menschen in der Region auszurichten. Für die Siedlungsentwicklung beispielsweise wäre das Gebot der Nutzungsmischung, der „kurzen Wege“ zwingend: Wenn die sog. „Frauenwege“ handlungsleitend für die Entwicklung von baulichen und Verkehrsinfrastrukturen würden, hätten Maßnahmen der Verkehrsvermeidung Vorrang im  Entscheidungsprozess. Doch auch dies muss nicht „neu erfunden“ werden. Seit den 1980er Jahren sind das die Prämissen femi­nistischer Ansätze zur Raumentwicklung.

Auch das dritte Prinzip Kooperation wird im Diskurs um ein neues, nachhaltigkeits­orientiertes Selbstverständnis von politischer Planung gerade neu entdeckt, obwohl es im Bereich des Gender-Planning schon eine sehr lange Tradition hat: Hier ist die Forderung nach einer umfassenden Partizipation der Nutzer/innen – nach einer „akteurszentrierten Planung“, wie es heute heißt – nicht Neues.

 

Ausgehend von den drei Handlungsprinzipien des Vorsorgenden Wirtschaftens – erweitert als „Prüfsteine“ für eine nachhaltige Regionalentwicklung –  kann ich mich jetzt heranwagen an die Beantwortung der Frage, die meinem Beitrag zugrunde liegt: Frauen (und) Räume: ein (oder kein) nachhaltiges Verhältnis?

Deutlich geworden ist, dass sich aus der Perspektive von Frauen – besser: aus einer Perspek­tive, die die Kategorie Geschlecht als raumstrukturierend begreift – ein Verhältnis zum Raum (zur Region, zum Stadtteil oder Wohnumfeld) herausbildet, dass wesentlich sein mag für die Konkretisierung von Nachhaltigkeitszielen: die Gestalten nachhaltiger Räume und die Gestaltung derjenigen Prozesse, die eine Nachhaltige Entwicklung begünstigen, nimmt damit Formen an.

Doch wende ich die Frage anders herum und gehe davon aus, dass sowohl Raumstrukturen als auch gesellschaftliche Geschlechter- und Naturverhältnisse aktuell in einem dramatischen Prozess der Veränderung begriffen sind, so ist das Verhältnis von Frauen zu (ihren) Räumen sicher kein Verhältnis, das nachhaltig in der Bedeutung von „dauerhaft“ genannt werden kann. Beides unterliegt einem tiefgreifenden Wandel: Geschlechterverhältnisse und Raum­strukturen.

Ich komme damit zu meiner vierten Frage: Wie kann in dieser Situation des Wandels der aus der Geschlechterperspektive gewonnene ‚neue Blick’ wirksam werden?

 

4. Wie kann auf dem Hintergrund aktueller Transforma­tions­prozesse - sowohl der Raumstrukturen als auch der Geschlechter­verhältnisse - der aus geschlechterbezogener Perspektive offen­kundig werdende ‚neue Blick’ für eine nachhaltige Regional­ent­wicklung nutzbar werden?

Im Verhältnis zwischen den sozialen Geschlechtern „Mann“ und „Frau“ brechen die tradierten Trennungen auf: die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist brüchig geworden – mindestens an ihrem einen Ende. Die Zuweisung reproduktiver, versorgungswirtschaftlicher Tätigkeiten in den Bereich der Frauenarbeit funktioniert dann nicht mehr widerspruchsfrei, wenn Frauen ihre gleichberechtigte Teilhabe an Erwerbsarbeit, Einkommen, sozialer Sicherung und Anerkennung einfordern. Und dies geschieht. Zugleich jedoch wird die im versorgungswirtschaftlichen Bereich zutage tretende Lücke nicht etwa ausgefüllt durch ein entsprechendes neues Engagement von Männern. Reproduktionsarbeit wird zu einer „knappen Ressource“. Marianne Rodenstein spricht in diesem Zusammenhang von einer „Krise der Reproduktionsarbeit“, die sich auch in räumlich-baulichen Strukturen wider­spiegelt. (Denken wir z.B. an die für Reproduktionsarbeiter/innen kontraproduktiven Tendenzen in der Siedlungsentwicklung.)

Und damit komme ich zur Transformation von Räumen. Auch hier brechen „alte“ Trennungen auf: Dies gilt vor allem für die Gegensätze zwischen öffentlichen und privaten oder zwischen urbanen und ländlichen Räumen.

Philipp Oswalt und Klaus Overmeyer (2001) sprechen mit Blick auf diese Entwicklungen vom „Porös-Werden“ der Städte und der Landschaften – ja, von einer „Perforation“ des Raumes:  Dabei bricht auch das „uralte“, dem Industriesystem vorgelagerte Gegensatz­verhältnis von Kultur vs. Natur immer mehr auf. Die Wirklichkeit unserer Räume lässt sich in den alten Gegensätzen nicht mehr abbilden: „halböffentliche Räume“,  „Zwischenstädte“ oder „Stadtlandschaften“ und „Kultur-Natur-Räume“ prägen die räumlichen Strukturen.

Dem zu beobachtenden Raumwandel hinkt die Entwicklung neuer Konzeptionen für die Raumentwicklung allerdings erheblich hinterher. Noch zeigt sich die formelle Planung recht resistent, auf diese Tendenzen angemessen zu reagieren.

Auf der Ebene einer informellen Raumplanung differenzieren sich demgegenüber konzeptio­nelle und methodische Ansätze vergleichsweise rasch aus. Dies zeigt sich nicht zufällig auch und vor allem im Bereich des Gender-Planning (einem Bereich, der sich gewissermaßen „naturwüchsig“ auf der informellen Seite verankert und entwickelt hat). Die Ausbildung und Differenzierung der Kategorie Geschlecht in der Planerinnenbewegung hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich bei der Realisierung geschlechterorientierter (oder feministischer) Projekte in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung abzeichnet. Diese Entwick­lung wird aktuell gestärkt und beschleunigt durch die einsetzende Nachhaltigkeitsdebatte in den raumbezogenen Fachdisziplinen.

Anhand von Beispielen lässt sich dies zeigen:

So deutet sich eine Veränderung in Bezug auf Planungsinhalte an - die substantielle Dimen­sion der Regionalentwicklung ist in einem grundlegenden Wandel begriffen: „Frauen-Pro­jekte“ konzentrieren sich schon lange nicht mehr ausschließlich auf das Absenken der Bord­steine und das Einrichten von Frauen-Parkplätzen. Zugleich aber wird „Gender-Planning“ von Seiten der männlichen Kollegen jetzt ausgerechnet von dieser Seite stark gemacht – ja, sogar häufig auf jene ersten Ansätze einer aus Frauensicht veränderten Raumplanung redu­ziert. Auf diese Weise werden geschlechterorientierte Planungsansätze wieder marginalisiert. Die ebenso ausgereiften und frühzeitig von Planerinnen entwickelten Konzepte, z.B. zur Nutzungsmischung und Verkehrsvermeidung, werden demgegenüber unter den mainstream der „Nachhaltigen Raumentwicklung“ subsumiert und damit um ihren geschlechterbezogenen und -kritischen Gehalt gebracht.

Dagegen gehen Stadt- und Regionalplanerinnen – gemeinsam mit den Akteurinnen in Nach­haltigkeitsprozessen – längst schon andere Wege: So geht es hier nicht mehr nur um die Ver­meidung von potentiellen Gewalträumen, sondern schon um die umfassende Gestaltung z.B. von Wohn- und Gewerbegebieten entlang sozial weiblicher Kriterien. Dies ist z.B. im Rahmen der IBA Emscher Park in verschiedenen Projekten realisiert worden. Es geht aber auch um die Entfaltung und Weiterentwicklung der Kriterien Alltagstauglichkeit und Gebrauchswertorientierung entlang von sozial weiblichen Qualitätsanforderungen, die nicht mehr universell, sondern differenziert gesehen werden. Ein Beispiel aus dem ländlichen Raum ist die Dorfentwicklung in Glaisin, die im Rahmen der EXPO 2000 von den Dorf­bewohnerinnen initiiert und darüber hinaus getragen und weiterentwickelt wird.

Was auf substanzieller Ebene deutlich wird – die Verschiebung und Akzentuierung von Planungs- und Entwicklungsinhalten – lässt sich auch in Bezug auf die Steuerungs- und Gestaltungsprozesse beobachten: Auch die prozessuale Dimension der Regionalentwicklung unterliegt aktuell einem deutlichem Wandel: So wird auf der einen Seite die „alte“ feminis­tische Forderung nach umfassender Beteiligung aller Akteure/innen unter dem Etikett „strate­gische Planung“ als allgemeingültige Prämisse der räumlichen Planung neu entdeckt. Im Rahmen von Diskursen zur Regionalentwicklung aus Geschlechterperspektive ist dies schon lange selbstverständlich. Hier wird aktuell eine ganz andere Frage aufgeworfen: die Frage nach der Entscheidungs- und Gestaltungsmacht, in der sich geschlechterhierarchisierende Strukturen abbilden und erneuern. So ist das sich z.Zt. ausbildende „duale System“ von formeller und informelle Planung deutlich geschlechtsspezifisch organisiert: Auf der in­formellen Ebene, z.B. im Rahmen von Lokalen-Agenda 21-Prozessen, sind es mehrheitlich Frauen, die Prozesse zur nachhaltigen Dorf-, Stadt- oder Regionalentwicklung initiieren, Kriterien und Vorschläge ausarbeiten, Vermittlungs- und Partizipationsprozesse organisieren. Zugleich finden sich in der politisch-programmatischen Steuerung von Entwicklungs­prozessen und auf formeller Entscheidungsebene vorwiegend männliche Akteure. So kommt es leider nicht nur ausnahmsweise vor, dass Akteurinnen Kriterienkataloge zur Nachhaltigen Stadtentwicklung aus Frauensicht erarbeiten, die auf die Planungspraxis der Stadt­verwaltungen keinerlei Einfluss haben. Oder dass, wie das Beispiel Berlin zeigt, Frauen in den Lokalen-Agenda 21-Prozessen der Bezirke wichtige Akteurinnen sind, jedoch auf der Ebene der Landespolitik zur Zukunftsfähigen Entwicklung Berlins kaum Gehör finden. Dort, wo sie angehört worden sind, schlagen sich ihre Positionen in den politischen Programmen nicht oder nicht umfassend nieder. 

Der „blinde Fleck“ von Konzepten der Nachhaltigen Regionalentwicklung bestünde, so formulierte es Christine Bauhardt (1999, 9), „ ... in der An­nahme, sämtliche AkteurInnen, Wissensbestände und Interessen verfügten über eine annähernd gleiche Definitionsmacht zur Problem­identifizierung und Durchsetzungsmacht zur Problemlösung.“ Es wird also künftig darauf ankommen, diesen „blinden Fleck“ in Nachhaltig­keits­prozes­sen immer wieder beharr­lich auszuleuchten. Es müssen Be­dingungen geschaffen werden, die eine Transformation informeller Pro­zesse in formelle Entscheidungen ermöglichen – es müssen Strukturen ent­wickelt werden, die die Balance zwischen „informell“ und „formell“ her­stellen und sichern. Dies ist in einigen Fällen bereits durch bewusstes und zielgerichtetes Engagement der Akteu­rinnen gelungen: so z.B. im Rahmen der IBA Emscher Park oder auch im Rahmen des Regio­nal­planungs­ver­fahrens in der Region Stuttgart, an dem das Bürgerinnen- und Planerinnen-Netzwerk „Frauen-Ratschlag“ nicht nur informell beteiligt gewesen war, sondern auch eigene Positionen in Form von Gutachten in den formellen Planungsprozess einspeisen konnte (Grüger 2000, 133 ff.). Der Beitrag einer geschlechterorientierten Per­spektive auf die prozessuale Dimension von Regionalentwicklung lässt sich aufgrund der schon vorhandenen Erfahrungen zusammenfassend beschreiben als ein Beitrag zur Schaffung und Etablierung neuer Dialog- und Kooperationskulturen.

Damit bin ich schon bei meiner fünften und letzten Frage:

5. Wie lässt sich der spezifische Beitrag geschlechtersensibler Konzeptionen und Stra­tegien zu Nachhaltigkeitsprozessen beschreiben und bewerten?

Als Katja Königsstein mich Anfang des Jahres angefragt hatte, im Rahmen der Gaytaler Gespräche 2003 ein Referat zu übernehmen, hatte sie mich gebeten, etwas zu dem Beitrag der Frauen auf dem Weg in eine Nachhaltige Regionalentwicklung zu sagen. Ich muss jetzt wohl eingestehen, dass ich diese Frage im Grunde nicht beantwortet habe: Nicht die Frauen selbst, sondern ein spezifischer – mit sozial weiblichen Alltagserfahrungen verknüpfter – Blick­winkel ist es, von dem ein zentraler Beitrag zur Nachhaltigen Regionalentwicklung erwartet werden kann. Dass es tatsächlich (noch) häufiger Frauen sind, die diesen besonderen Blick auf die Aufgaben räumlicher Entwicklung mit- und in die Prozesse zur regionalen Gestaltung einbringen, mag vorläufig so sein. Die sich hierin kristallisierenden Wahrnehmungs­fähigkeiten und Handlungskompetenzen sind auf einem spezifischen sozialen Hintergrund entstanden, den es in Hinblick auf einseitige geschlechtliche Zuweisungen perspektivisch zu überwinden gilt.

Die sozial weibliche Perspektive auf die Vielfalt der Nutzungsansprüche an Raum und auf die Differenziertheit der Lebensformen ermöglicht die Vision von einer nachhaltigen Region, als einer Region, „in der es sich gut leben lässt“ (Christine Bauhardt). Voraussetzung dafür, dass diese Vision Wirklichkeit wird, ist in der (noch) existierenden spezifisch-historischen Konstellation sozialer Geschlechterverhältnisse sicher der „eigene Raum“ - „The Room of One’s Own“ (Virginia Woolf). Überall dort, wo Frauen beginnen, ihren „eigenen Raum“ zu nehmen, wo sie die Raumentwicklung ausgehend von ihren eigenen Alltagserfahrungen gestalten, haben nachhaltige Entwicklungswege, wie ich meine, eine gute Chance.



Virginia Woolf: Leben & Schreiben. Stimmungen und Betrachtungen, Frankfurt am Main, Wien Zürich 2003, 43

Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer, Frankfurt am Main 2001, 7

Im Original heißt es „Stadt“ statt „Region“, vgl. Christine Bauhardt: Zukunftsfähige Stadtentwicklung und Geschlechterverhältnisse. Für eine geschlechtergerechte Veränderung der ziele und Verfahren von Stadtplanung, in: PlanerIn 1. Jg. (1999), H. 4, 9.

zitiert nach Ulrich Grober: Der Erfinder der Nachhaltigkeit, in: DIE ZEIT Nr. 48/1999, 98

 

Vgl. u.a. Sabine Hofmeister, Meike Spitzner (Hg.): Zeitlandschaften. Perspektiven öko-sozialer Zeitpolitik, Stuttgart 1999

Vgl. hierzu ausführlich u.a. Sabine Hofmeister: Zeit der Erneuerung. Zur Verbindung von Zeitpolitik und Stoffökonomie, in: Barbara Adam, Karlheinz A. Geißler, Martin Held (Hg.): Die Nonstop-Gesellschaft und ihr Preis. Vom Zeitmissbrauch zur Zeitkultur, Stuttgart, Leipzig 1998, 185 - 200

Elisabeth List: Leben ist Bewegung – Subjektivität, Raum und Identität, in: Sabine Thabe (Hg.): Räume der Identität – Identität der Räume, Dortmunder Beiträge zur Raumplanung 98, Dortmund 1999, 210 – 219 (hier: 214 f., 218 mit Verweis auf Nigel Thrift 1996)

Vgl. u.a. Christina Klenner: Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 33-34/2002, 17 – 28

Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen & Jugend (Hg.), Zeit im Blickfeld, Stuttgart, Berlin, Köln 1996

 

Norbert Schwarz: Zeit für unbezahlte Arbeit, in: Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen & Jugend (Hg.), Zeit im Blickfeld, Stuttgart, Berlin, Köln 1996, 70 – 91

Christine Grüger: Nachhaltige Raumentwicklung und Gender-Planning. Das Beispiel der Regionalplanung beim Verband Region Stuttgart, Dortmunder Beiträge zur Raumplanung 104, Dortmund 2000

Vgl. hierzu Ruth Becker: Feministische Planungsforschung: Eine Vielzahl offener Fragen, in: PlanerIn, 1. Jg. (1999), 5 - 8

Christine Bauhardt a.a.O., 13

Vgl. Adelheid Biesecker; Maite Mathes; Susanne Schön; Babette Scurrell (Hg.): Vorsorgendes Wirtschaften. Auf dem Weg zu einer Ökonomie des Guten Lebens, Bielefeld 2000 sowie Christiane Busch-Lüty; Maren Jochimsen; Ulrike Knobloch; Irmi Seidel (Hg.): Vorsorgendes Wirtschaften. Frauen auf dem Weg zu einer Ökonomie der Nachhaltigkeit, Politische Ökologie (PÖ 39), Sonderheft 6, 12. Jg. (1994)

Barbara Zibell: Nachhaltige Raumentwicklung – nicht ohne Frauen, in: PlanerIn, 1. Jg. (1999), 2, 25 - 27

Marianne Rodenstein; Stephanie Bock; Susanne Heeg: Reproduktionsarbeitskrise und Stadtstruktur. Zur Entwicklung von Agglomerationsräumen aus feministischer Sicht, in: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) (Hg.): Agglomerationsräume in Deutschland: Ansichten, Einsichten, Aussichten, Forschungs- und Sitzungsberichte 199, Hannover 1996, 26 – 50

 

Klaus Overmeyer, Philipp Oswalt: Neuland. Raumwandel in Sachsen-Anhalt. Ein Beitrag zur IBA Stadt (unveröff. CD-Rom) 2001. Vgl. auch Oswalt, Philipp: Berlin-Stadt ohne Form. Strategien einer anderen Architektur, München, London, New York 2000

Vgl. auch Sabine Hofmeister: Chronotone und Choratone als Spielräume. Annäherung an die Frage nach der Be-Wertung von raumzeitlichen Übergängen, in: Wolfram Elsner, Adelheid Biesecker, Klaus Grenzdörffer, (Hg.): Ökonomische Be-Wertungen in gesellschaftlichen Prozessen: Markt - Macht - Diskurs, Pfaffenweiler 2001, 99 -118

Vgl. u.a. Kerstin Wasgien: IBA Emscher Park: Innovationen! Strategien! Frauen? in: RaumPlanung Nr. 87/1999, 281 – 282; dies. in: PlanerIn 1.Jg. (1999), 35

Laufendes Dissertationsvorhaben Anja Thiem, Universität Lüneburg, Fachbereich Umweltwissenschaften, Umweltplanung; vgl. Anja Thiem: Öffentliche Räume für Frauen im ländlichen Raum. Ein Beitrag zur kulturellen Vielfalt, in: Daniel Hogenmüller, Ulrich Smeddinck, Ralf Tils (Hg.): Landwirtschaft im Spektrum der Umweltwissenschaften, Baden-Baden 2002, 59 – 67; dies.: Zwischen räumlicher Planung und lebensweltlicher Realität: Ländliche Räume im Wandel – Frauen im ländlichen Raum, in: Sabine Hofmeister, Maria-Eleonora Karsten, Tanja Mölders (Hg.): Zwischentöne gestalten. Dialoge zur Verbindung von Geschlechterverhältnissen und Nachhaltigkeit, Bielefeld 2003 (im Erscheinen)

Vgl. hierzu u.a. Bauhardt a.a.O.

Exemplarisch lässt sich die Stadt Lüneburg anführen: Die von Frauen im Rahmen der Lokalen Agenda 21 erarbeiteten ‚Kriterien zur Stadtentwicklung aus Frauensicht’ (2001) sind m.W. bislang nicht eingeflossen in die Konzepte der Stadtplanung.

Vgl. den Bericht der Enquete-Kommission ‚Zukunftsfähiges Berlin’ des Abgeordnetenhauses von Berlin, 13. Wahlperiode, Berlin 1999

Vgl. hierzu Kerstin Wasgien a.a.O.

Vgl. Christine Grüger a.a.O., 133 ff.

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