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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Christel Buchinger

 

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Impulse - Initiative für Regionalentwicklung, Gries

  

Arbeit gibt es genug - Modelle zur Förderung der Frauenerwerbstätigkeit in strukturschwachen Regionen am Beispiel der Westpfalz

  

1.  Struktur der Frauenerwerbstätigkeit in der Westpfalz

Die Westpfalz zeichnet sich durch eine traditionell hohe Frauenerwerbsquote aus. Ein wesentlicher Grund dafür liegt sicherlich in den eher niedrigen Männerlöhnen in den Bereichen Textil- und Lederverarbeitung, die hier bis vor 15 Jahren ein großen Anteil an Arbeitsplätzen stellten.

In den vergangenen 10 Jahren hat der Strukturwandel, insbesondere im Bereich der Textil- und Lederindustrie zusammen mit dem Arbeitsplatzabbau bei den amerikanischen Streitkräften, zu einem enormen Arbeitsplatzverlust geführt. So ist beispielsweise im Arbeitsamtsbezirk Pirmasens die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den letzten 10 Jahren insgesamt um fast 15 % gesunken.

Die Frauen konnten, trotz eines Verlusts an Stellen auch bei ihnen, ihren Anteil an den Stellen erhöhen. Dies kommt - wie überall sonst auch - durch die gestiegene Zahl der Teilzeitstellen zustande, die trotz Stellenabbaus zugenommen haben und die zum überwiegenden Teil von Frauen wahrgenommen werden.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen zeigt dabei auch bei uns die gleichen strukturellen Probleme wie überall:

4    die Konzentration auf wenige Berufe, die als Frauenberufe schlechter bezahlt sind – auch im Ausbildungsverhalten der Mädchen (nur 10 % der Auszubildenden in den IT-Berufen waren 2002 in der Westpfalz Mädchen und in den technikorientierten IT-Berufen waren es 5 Prozent).
Die im Rahmen des Strukturwandels neu gegründeten oder ausgebauten Hochschulen an den Standorten Kaiserslautern, Zweibrücken und Pirmasens haben größte Schwierigkeiten, Mädchen und junge Frauen für naturwissenschaftliche, technische und Ingenieurstudiengänge zu interessieren. Hier setzen allerdings sehr interessante Mentorinnen-Projekte an, die allerdings noch viel zu selten und nicht systematisch auf den Bereich der Ausbildungsberufe ausgedehnt werden.

4    eine weit über die gemeldeten Arbeitslosen hinaus gehende Zahl von Frauen kann ihre Erwerbswünsche nicht realisieren oder nur in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen ohne soziale Absicherung oder auf dem grauen und schwarzen Markt. Dies trifft insbesondere Alleinerziehende, Dorfbewohnerinnen, gering Qualifizierte und Frauen aus fremden Kulturen – bei uns vor allem Spätaussiedlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion.

4    Berufsunterbrechung durch Kinder oder Pflege führen zu Dequalifikation; Teilzeitbeschäftigung verhindert oder erschwert den Aufstieg.

Hinzu kommt:

4    die Verdrängung von Frauen aus den anspruchsvollen kaufmännischen Berufen

4    die Konzentration auf die unteren Hierarchiestufen

4    die Lohndifferenz von 1/3 gegenüber Männern und - eine Besonderheit im Arbeitsamtsbezirk Pirmasens - der überdurchschnittlich hohe Anteil von arbeitslosen Frauen ohne abgeschlossene Berufsausbildung – auch das eine Auswirkung der Textil- und Lederindustrie, die eine große Zahl von einfachen Tätigkeiten anbot.

4    der durchschnittlich längere Verbleib in der Arbeitslosigkeit

4    Weibliche Selbständige verdienen weniger als männliche, bekommen schwerer Kredite, oft arbeiten sie als Freiberuflerinnen; die Arbeit ist oft bestenfalls gerade existenzsichernd.

2.  Beispiele: Förderung der Frauenerwerbstätigkeit als Teil regionaler Entwicklung

Ich schicke vorweg: Die Frage der Arbeitslosigkeit wird in Deutschland und auch auf europäischer Ebene gegenwärtig heftig diskutiert. Was dabei auffällt, ist, dass die Frage der Frauenerwerbstätigkeit auf europäischer Ebene ein wichtiger Diskussionspunkt ist und auch in den Empfehlungen der Kommission an Deutschland noch einmal warnend erwähnt wird, aber bei uns spielt sie nur höchstens eine Nebenrolle.

Zurück zur Westpfalz: Der Titel meines Vortrags suggeriert vielleicht, dass in dem Wunderland Westpfalz Modelle nachhaltiger, integrierter Entwicklung erprobt wurden, in denen die Förderung der Frauenbeschäftigung eine wesentliche Rolle spielte. Leider muss ich Sie da enttäuschen. Trotzdem gibt es Bespiele von gezielter Berücksichtigung von Fraueninteressen und von Frauenförderung. Es gibt auch Fälle, bei denen im Rückblick die Versäumnisse und die Benachteiligung von Fraueninteressen sehr deutlich werden.

2.1 Entwicklung der IT-Standorte in der Westpfalz

In die Westpfalz flossen und fließen nicht unerhebliche Mittel aus den Europäischen Fonds, aus dem Bundes- und Landeshaushalt, die der Meisterung des Strukturwandels dienen sollten. Die Region hat dabei stark auf die Entwicklung der IT-Branche gesetzt. Es wurde eine Fachhochschule mit drei Standorten auf den verlassenen US-Army-Liegenschaften neu gegründet. Diesen wurden Technologie-Parks angegliedert.

Hier sind hochqualifizierte, gut bezahlte Arbeitsplätze entstanden. Nur leider sind in der IT-Branche Frauen unterrepräsentiert, folglich entstanden auch verhältnismäßig wenig hochqualifizierte Frauenarbeitsplätze, sondern eher Verwaltungsjobs. An den Hochschulen ist ebenso die Zahl der weiblichen Studierenden niedrig. Das viele Geld, das investiert wurde, kam also zu 80 Prozent Männern zu gute, indirekt und in geringerem Umfang auch Frauen natürlich.

Nun konnte die IT-Branche ihren Bedarf an Arbeitskräften aber nicht mit Hochschulabgängern und auch nicht durch Auszubildende decken. QuereinsteigerInnen hatten also eine Chance. Genau hier setzten Landesregierung und Arbeitsämter auf die Weiterbildung. Multimedia mit seiner Verbindung aus Technik und Kreativität galt als besonders geeignet für Frauen und für den Quereinstieg. Reine Frauenmaßnahmen wurden eingerichtet. Die Vermittlungsquoten lagen im Bereich von 100 Prozent.

Hier wird die Wirkungsweise traditioneller Frauenpolitik sehr deutlich. Die Hauptaktionen kommen der männlich geprägten Wirtschaft zugute. Also werden schnell ein paar spezielle Frauenfördermaßnahmen eingerichtet, damit die Frauen auch etwas abbekommen.

Als unerwartet schnell die Krise der IT-Branche einsetzte, wurden aber in erster Linie die QuereinsteigerInnen arbeitslos, die Vermittlungsquoten der Weiterbildungsmaßnahmen sanken dramatisch. Das Arbeitsamt Kaiserslautern hat sehr schnell die reine Frauenmaßnahme aus seinem Programm genommen. Ich will nicht verhehlen, dass das möglicherweise auch personellen Veränderungen im Amt gezollt war, aber deutlich wurde, dass die Frauenförderung kein Argument mehr war. Die neue Meßlatte – die Vermittlungsquote nach der Maßnahme muss mindestens 70 % betragen – benachteiligt gerade in technologielastigen Bereichen strukturell Frauenmaßnahmen – in einem Bereich, wo es eigentlich unumstritten ist, dass ohne eine besondere Förderung der Frauenanteil nicht zu erhöhen ist.

Ich will noch ein weiteres Problem ansprechen: Das Arbeitsamt Kaiserslautern hat Teilnehmerinnen für eine Maßnahme "Multimedia Design" nur zugewiesen, wenn diese glaubhaft versichert haben, dass sie bereit sind für einen Arbeitsplatz die Westpfalz zu verlassen und bundesweit mobil sind. Darin stecken mehrere Probleme:

4    Wenn Mobilität zur Voraussetzung der Förderung gemacht wird, dann kommt die Förderung möglicherweise nur noch denjenigen zugute, die gut ohne sie auskämen.

4    Auch von Männern wird bei solchen Maßnahmen verlangt, dass sie mobil sind. Aber von Frauen wird nicht nur einfach eine Erklärung erwartet – die kann frau ja einfach mal abgeben – sondern eine Beteuerung, quasi ein Beweis. Kinder und Mann sind schon ein Gegenbeweis, so dass in diesem Falle eine wortreiche Erklärung abgegeben werden muss, wie das bewerkstelligt wird. Männern gegenüber wird dieses Mißtrauen nicht aufgebracht. So findet in der vermeintlichen Förderung eine strukturelle Benachteiligung statt.

4    Mit dem Zwang zur Mobilität wird durch die Arbeitsverwaltung die Abwanderung aus strukturschwachen Gebieten gefördert. Ganz besonders drastisch ist das in den neuen Bundesländern der Fall. Diese Regionen bluten regelrecht aus. Die Humanressourcen als wichtigstes Entwicklungspotenzial  werden geschwächt.

2.2 Förderung der Existenzgründung – Gründer-Zentren

Die Förderung der Existenzgründung ist leider weder in ein Konzept regionaler Entwicklung eingebunden, noch sind die diversen Aktivitäten der verschiedenen Akteure aufeinander abgestimmt, oft weiß sogar die eine Hand nicht, was die andere tut. Wenn es dann um die Zielgruppe Frauen geht, kommt nichts zusammen, um eine spürbare Förderung zu ermöglichen.

Ganz deutlich wird das, wenn ein Maßnahmeträger (BIC) versucht, staatliche Fördergelder für die Förderung der Existenzgründung von Frauen zu akquirieren. Es stehen zwar nicht unbedeutende Mittel aus dem ESF und dem EFRE zur Verfügung. Da aber die Förderung eine Beteiligung von mindestens 55 Prozent durch sog. Nationale Zuwendungsgeber fordert, geht der Träger auf die Suche nach diesen Mitteln und stellt fest, dass nirgendwo ein ausreichend großes Volumen existiert, um eine Förderung zu ermöglichen.

Zweites Beispiel: In Pirmasens gibt es das Grips – ein Gründerinnenzentrum. Es ist in den ehemaligen Kasernen der US-Streitkräfte angesiedelt, finanziert aus dem Konversionsprogramm. Dieser Standort ist für Existenzgründerinnen aber nicht sehr interessant, weil die Verkehrsanbindung schlecht ist, das heißt, es ist für Gründerinnen und Kundinnen nicht gut erreichbar, und es gibt im Umfeld wenig Infrastruktur (Einkaufen, zum Arzt gehen, Schule) – alles ist weit entfernt, nichts läßt sich mal nebenbei erledigen.

Ganz offensichtlich stand zuerst das Problem der Vermarktung der Immobilien auf der Tagesordnung und die Frage war, was kann man unterbringen. Die Förderung der Existenzgründung von Frauen wurde also der Vermarktung der Immobilen untergeordnet. Bei der sonstigen Ansiedlungspolitik mag das weniger Probleme bringen, es siedelt sich halt nur das an, wofür der Standort geeignet ist. Aber bei Gründungen von Frauen spielen andere Faktoren eine Rolle, wie oben angeführt. Dies ist gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, wie harte Entwicklungspolitik (Flächenmanagement und Ansiedlungspolitik, Autobahnanbindung) der soften (öffentlicher Nahverkehr, Kinderbetreuungsmöglichkeiten, soziale Infrastruktur) untergeordnet ist.

2.3 Alleinerziehende Frauen – das Projekt EVA  Einstieg – Vermittlung – Arbeit

Ein Beispiel, das die Wichtigkeit von weichen Entwicklungsfaktoren belegt: Alleinerziehende Frauen haben besondere Schwierigkeiten ihren Erwerbswunsch zu realisieren – auf dem flachen Land gilt das in verschärftem Maße, weil die Betreuungsmöglichkeiten schlechter sind und Mobilitätsprobleme durch den schlechten Ausbau des Nahverkehrs hinzu kommen. Für viele Frauen bedeutet das, in die Sozialhilfe zu rutschen.

Durch das Projekt EVA wurde eine intensive und integrierte Beratung gesichert, die persönliche Beratung, Arbeitsmarktberatung, Beratung zu Kinderbetreuung und Mobilitätsberatung verband. Ein Großteil der Frauen konnte einen Schritt auf den Arbeitsmarkt machen, sei es zur Arbeitsaufnahme, sei es in eine Weiterbildungs- oder Beschäftigungsmaßnahme. Interessant bei dem Projekt war, dass die Mobilitätsberatung eine wichtige Rolle spielte und allein durch Beratung schon Mobilitätsprobleme gelöst werden konnten.

2.4 Zivile Nutzung des Flugplatzes Hahn

In einem Modellprojekt im Landkreis Birkenfeld sollte die "stärkere Berücksichtigung von Fraueninteressen in der Regionalplanung und –politik" beispielhaft – unter Einbeziehung aller relevanten Akteurinnen - erprobt werden. In diesem Zusammenhang spielte auch das Projekt "Zivile Nutzung des Flugplatzes Hahn" eine Rolle. Dessen Ausbau sollte nach Aussagen der Planer auch der Förderung des Fremdenverkehrs in der Region dienen. Die Frauenarbeitskreise haben eine Menge Ideen gesammelt, wie die Tourismusförderung dann auch Frauen zugute kommen könnte. Von den Projekte wurde sicherlich einiges realisiert; dies wäre aber sicher auch ohne den Flugplatz Hahn möglich gewesen. Ich bezweifele nämlich stark dessen Nutzen für den regionalen Fremdenverkehr – im Gegenteil denke ich, dass er diesem schadet. Er bringt nicht Touristen in die Region sondern verfrachtet sie aus der Region (Shopping in London, Mailand und Venedig...Kurzurlaube in Reggio und Bergamo...). In erster Linie wird mit Milliardenbeträgen die auf Hochtouren konkurrierende Luftfahrt subventioniert. Das Geld hätte anders eingesetzt zu einem Vielfachen an Nutzen auch für Arbeitsplätze geführt. Der Fluglärm nimmt rasant und eklatant zu. Damit wird ein Wettbewerbsvorteil des heimischen Tourismus', nämlich die Verbindung von schöner Natur und Ruhe, zunichte gemacht.

Hier zeigt sich deutlich, dass es ausschlaggebend ist, zu welchen Zeitpunkt der Planung Fraueninteressen eingebracht werden – und übrigens auch regionale Interessen überhaupt. Die Eckpunkte waren von der männlich dominierten Politik gesetzt und nicht mehr diskutierbar, Frauen haben aber auch keinen Ansatz gemacht, sie in Frage zu stellen.

3.  Gender Mainstreaming in der regionalen Entwicklung

Gender Mainstreaming ist "von Peking über Amsterdam in der Westpfalz" angekommen. So haben es die Gleichstellungsbeauftragten in der Westpfalz in ihrer Broschüre formuliert. Gender Mainstreaming ermöglicht es der Frauenpolitik aus ihrer Ecke der Benachteiligten hervorzutreten und ihre Ansprüche an den Mainstream zu formulieren – und – der Mainstream ist verpflichtet, sich damit auseinander zu setzen.

3.1. Was ist Gender Mainstreaming?

Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen.
Sie leisten fast 70 Prozent aller notwendigen Arbeit,
erzielen dafür weniger als 1/4 des Einkommens
und verfügen über weniger als 1% des Weltvermögens

Diese Feststellung auf der Weltfrauenkonferenz von Nairobi stimmt auch heute noch. Auch wenn sich die Lebenslage von Frauen im reichen Norden von denen im bitterarmen Süden unterscheidet - in der grundsätzlichen Benachteiligung und Nichtbeteiligung gibt es Parallelitäten. Und diese Nichtbeteiligung und Benachteiligung wird zunehmend ein Entwicklungshemmnis - hier wie überall. Und so kommt – ähnlich wie die neuen Konzepte innovativer, nachhaltiger Entwicklung – auch das Konzept des Gender Mainstreaming aus den benachteiligten Gebieten der Welt, die wir gerne die Dritte nennen oder die Entwicklungsländer.

Mit dem Amsterdamer Vertrag ist Gender Mainstreaming nun Gesetz in der Europäischen Union und auch für die regionale Entwicklung zwingend. Es trägt der Tatsache Rechnung, dass die Nichteinbeziehung von Frauen kein Frauenproblem ist und auch nicht durch Förderprogramme gelöst werden kann. Und: es ist bedeutet eine Kulturrevolution.

Die Strategie beinhaltet, alle Vorhaben (Gesetze, Regelungen, Initiativen, Programme usw.) darauf hin zu überprüfen, ob und wie sie geeignet sind, ein mehr an Chancengleichheit für Frauen und Männer herzustellen, ob und wie sie geeignet sind, Geschlechterstereotype zu durchbrechen und Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen und Männer zu erschließen, die bisher verschlossen waren.

Dabei geht es nicht nur um Gleichstellung sondern auch darum, Gleichwertigkeit von männlichen und weiblichen Kompetenzen und Lebensmustern anzuerkennen, das heißt auch vorherrschende Vorstellungen von Qualifikation und Kompetenzen, Karrieremustern und Kommunikation zu hinterfragen. Es gilt zu hinterfragen, was die Ursachen für die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind und welche gesellschaftlichen Strukturen ihnen zu Grunde liegen, durch welche Mechanismen sie fort geschrieben werden und welche Konsequenzen sie für Frauen und Männer haben. Gender Mainstreaming beinhaltet deshalb eine strategische  Perspektive, die auf Veränderung der Strukturen zielt, die Ungleichheit immer wieder reproduzieren.

Durch Gender Mainstreaming haben Frauen und Männer etwas zu gewinnen, aber ich verhehle auch nicht, dass beide etwas abgeben müssen und lieb gewonnen Bequemlichkeiten und Marotten ablegen müssen. Mit Gender Mainstreaming kommen nicht nur Frauen ins Blickfeld der Politik sondern – und das halte ich für revolutionär! –Frauen und Männer und damit Menschen überhaupt! Dabei ist es von Anfang an wichtig, dass die Geschlechter nicht nur als Humanressourcen Eingang in die Politik finden, sondern als Subjekte, die ihre umfassenden Lebensinteressen wahrnehmen.

Ebenso wichtig ist es, nicht irgendwo im  Verlauf der Umsetzung mit Gender Mainstreaming zu beginnen sondern bei den grundlegenden politischen Überlegungen und Entscheidungen. Die Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Regionalentwicklung oder auch sonstwo nötigt uns deshalb einen Blick über den Tellerrand ab: Wir müssen neben dem Standortwettbewerb die Dynamik der Globalisierung als Ganzes wahrnehmen, die weltweit sinkenden Wachstumsraten, auf die unsere nationalen Regierungen wie die EU mit Deregulierung vor allem des Arbeitsmarktes, die Unternehmen mit Rationalisierungsinvestitionen und Preiskampf, der wiederum Lohndruck nach sich zieht, reagieren.

(Gegenwärtig frißt der Stabilitätspakt seine Kinder!)

Wir müssen wahrnehmen, dass unsere Industriegesellschaften sich zur globalen Wissensgesellschaft hin entwickeln und immer weitere Bereiche unseres Lebens virtualisiert werden. Der größte Teil des Geldes ist bereits virtualisiert. Die Geldwirtschaft ist in einem hohen Maße globalisiert. Die Spekulation floriert, weil alle Informationen über alle Märkte überall sofort verfügbar sind und Geld auf Datenautobahnen in Bruchteilen von Sekunden überall hin transferiert werden kann.

Diese Entwicklungen mögen uns Angst machen, und wenn wir der Politik glauben, dann gibt es kaum noch Reaktionsmöglichkeiten. Aber von einer anderen Perspektive aus betrachtet gibt es enorme Handlungszwänge: die humane Gestaltung der globalen Wissensgesellschaft – nicht weniger!

Ich will damit jetzt nicht aufhören, obwohl das formal ein schöner Schlußsatz geworden wäre. Erwarten Sie keine Rezepte von mir, aber Ansatzpunkte kann ich nennen, an denen eine grundlegend andere Politik ansetzen müsste.

4.  Ansatzpunkte

Meines Erachtens muß ein Paradigmenwechsel stattfinden. Auch unsere Regionalpolitik ist noch eine Politik der Industriegesellschaft. Investitionen in Autobahnen, Ansiedlungsflächen und Flughäfen geht vor der Investition in die Menschen.

4.1 Investition in Bildung

Die Wissensgesellschaft erfordert lebenslanges Lernen. Es sind die Kompetenzen, es ist die Bildung der Menschen, die als erstes ins Visier genommen werden müssen. Das Bildungssystem wird den neuen Anforderungen nicht gerecht. Es ist immer noch ein Bildungssystem des Industriezeitalters und eine putzige Nachbildung des Industriebetriebes. Dem Taylorismus in der Fabrik entspricht der Taylorismus beim Lernen: Zerstückelung des Stoffes in Fächer, (interessant auch: Stoff – wie in der Produktion!), 45 Min.-Einheiten, Jahrespläne, Zusammenfassung der SchülerInnen nach Jahrgängen, Klassenzimmer mit Bankreihen, Hierarchisierung der Schulformen - Undurchlässigkeit, Lernen auf Vorrat wie produzieren auf Halde.

In den Einrichtungen der frühkindlichen Erziehung steht Betreuung und nicht Förderung im Vordergrund. Nach deutscher Ideologie ersetzt die Erzieherin die Mutterliebe. Unsere Ausbildungsordnungen zeichnen sich durch Schwerfälligkeit bei der Angleichung an sich schnell ändernde Bedingungen aus. Die universitäre Bildung steckt in einer tiefen Orientierungskrise. Die strikte Trennung in Fachbereiche, die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften und Technik sind ein Hohn auf die aktuellen und zukünftigen Anforderungen.

Im Bereich der Weiterbildung von einem System zu sprechen, ist stark übertrieben. Volkshochschulen, die über staatliche Förderung verfügen, haben ihren selbst gesetzten Schwerpunkt oft eher bei Makramé-Kursen als im Bereich des Erwerbs von Zukunftskompetenzen. Bei der betrieblichen Weiterbildung wird von der Europäischen Kommission ein eklatanter Rückstand in Deutschland konstatiert. Daneben existiert – noch – die durch die Bundesanstalt für Arbeit geförderte Weiterbildung. Sie wird aktuell gerade auf – ich vermute mal 1/4 des alten Umfangs zurück gestutzt – mit sinkender Tendenz.

Dabei könnte die chronische Unterbeschäftigung für die Bildung genutzt werden, wie das Beispiel Dänemark gezeigt hat. Dort können Beschäftigte bis zu  24 Monaten für Weiterbildung freigestellt werden mit einem Unterhaltsgeld das 90 % des letzten Nettos beträgt. Das bedeutet aber auch, die Arbeit gleichmäßiger zu verteilen, das heißt eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Das Modell Jobrotation ist in Deutschland gescheitert, lese ich. Das Arbeitsamt hat festgestellt, dass es kein I Interesse daran gab. Meine Erfahrung ist, dass das Arbeitsamt abgewimmelt hat, wenn Interesse signalisiert wurde.

Im Rahmen einer regionalen Entwicklungsarbeit müssen Arbeits- und Lernfelder gestaltet werden, die auf den Aufbau stabiler Strukturen zielen und damit eigenständige Regionalentwicklung befördern. Eine Region braucht einen inneren Entwicklungsmotor. In der Wissensgesellschaft muss sie eine lernende Region sein.

4.2 Investition in soziale Infrastruktur sind notwendig

...in qualitativ hochwertige Kinderbetreuung und Ganztagsschulen. Diese entlasten die Familien von Betreuungsarbeit und garantieren eine professionelle, hochwertige Förderung der Kinder und Jugendlichen in allen Lebensphasen. Sie ermöglichen es insbesondere Frauen, ihren Erwerbswünschen nachzugehen. Sie schaffen Arbeitsplätze

....in Mobilität: Der öffentliche Nahverkehr braucht einen kräftigen Entwicklungsschub auch aus ökologischen Gründen. Wenn nur die Subventionen des umweltschädlichen Luftverkehrs umgeleitet würden, wäre er schon finanziert. Die Arbeitslosigkeit in einer ländlichen Region, das ist mittlerweile nachgewiesen, sinkt, wenn der Nahverkehr verbessert wird.

... in Agenturen zur regionalen Entwicklung: Diese Agenturen initiieren und planen regionale Entwicklung, sichern die Einbeziehung der Akteure und der Bevölkerung.

... in einen 2. Arbeitsmarkt: Dieser ist notwendiger denn je und muss durch Steuern und nicht durch die Sozialversicherung finanziert sein. Er ist notwendig für Gering Qualifizierte, Ältere, Behinderte u.a. und vor allem in strukturschwachen Regionen. Er muss durchlässig zum ersten Arbeitsmarkt sein, aber auch eine dauerhafte Beschäftigung für diejenigen bieten, die es nicht schaffen. Arbeit findet sich in der Schaffung sozialer Infrastruktur (Ilona: Initiative ländlicher öffentlicher Nahverkehr, ein Projekt von Frauen zur Verbesserung des Nahverkehrs durch den Einsatz kleiner flexibler Busse), sozialer Dienste, der Umwelt und in der Ökologie.

...in öffentlich finanzierte Beratungsangebote für Familien, Frauen, Männer, Jugendliche, ExistenzgründerInnen, Alte, Behinderte.....Kulturschaffende, chronisch Kranke.

4.3 Beseitigung von Entwicklungshemmnissen für die Erwerbsarbeit von Frauen....

Die Europäische Kommission macht auch die geringe Einbeziehung der Frauen, in die Erwerbsarbeit verantwortlich für Wettbewerbsnachteile gegenüber den USA und Asien.

Frau Diamantopoulou, Generalsekretärin für Soziales und Beschäftigung bei der Europäischen Kommission nennt die Nichtbeteiligung eines großen Teils der Frauen an der Erwerbsarbeit eine gigantische Verschwendung von Ressourcen - der weiblichen und derjenigen Ressourcen, die in ihre Ausbildung investiert wurden.

Abschaffung des Ehegattensplittings: Durch das Ehegattensplitting wird nicht die Familie oder Kindererziehung gefördert und staatlich subventioniert, sondern die Hausfrauenehe, die Nichterwerbstätigkeit oder Zuverdienertätigkeit von Ehefrauen. Die Steuervergünstigung hat der Mann, den Steuernachteil die Frau – und sie trägt, wenn eine Ehe in die Brüche geht oder der Mann früh stirbt, das Armutsrisiko . Bleibt eine Frau zu hause, ist der Steuergewinn für den Alleinverdiener höher als der Steuervorteil eines Paares das voll erwerbstätig ist und zwei Kinder hat!

Individuelle soziale Absicherung: Neben der hohen Arbeitslosigkeit und der Frühverrentung ist die Hausfrauenehe einer der Gründe für die maroden Sozialkassen.

Neubewertung der Tätigkeiten in frauendominierten Berufen: Niedrige Frauenlöhne und hohe Abgaben auch auf geringe Einkommen verleiden den Frauen die Berufstätigkeit. Deshalb muss die Orientierung der EU endlich aufgegriffen und die Unterbewertung der Frauenarbeit bekämpft werden, das heißt  Neubewertung der Tätigkeiten in frauendominierten Berufen und Berücksichtigung in der Tarifpolitik. Dabei müssen Bund, Länder und Kommunen mit gutem Beispiel voraus gehen.

4.4 Last but not Least: allgemeine Arbeitszeitverkürzung

Was den Frauen gelungen ist, die Arbeit gleichmäßiger unter sich zu verteilen, ist auch gesamtgesellschaftlich möglich.

Die Synergieeffekte zwischen den einzelnen Vorschlägen wären beträchtlich, allein die Abschaffung der Hemmnisse für die Frauenarbeit würde zu einem enormen Entwicklungsschub führen. Leider finden sich von alledem in der Agenda 2010 nur höchstens Spuren. Noch letztes Jahr hat Familienministerin Schmidt eine Studie des DIW im Auftrag ihres Hauses vorgestellt, die nachwies, dass der Ausbau von Tageseinrichtungen für Kinder auf mittlere Sicht mehr einbringe als er koste. Bund Länder und Gemeinden sowie die Sozialversicherungen könnten Einnahmen und Einsparungen in Milliardenhöhe erwarten, wenn Mütter arbeiten gehen können, Einkommenssteuer und Sozialabgaben zahlten und keine Sozialhilfe mehr bräuchten.

Meine Damen und Herren, es sieht nicht so aus, dass in der nächsten Zeit diese Vorschläge eine Chance hätten, aber ich habe die Hoffnung, Sie zu einem dissidenteren Denken zu ermutigen, zu einem Blick über den Tellerrand, und – vielleicht – anzustiften, nach neuen Lösungen zu suchen, sie zu finden und zu praktizieren. An den Frauen führt kein Weg mehr vorbei. Nun wird es zeit, dass der Weg von den Frauen mitbestimmt wird.

5.  Literatur

Arbeitskreis "Broschüre Gender Planning: Von Peking über Amsterdam in die Westpfalz, Gender Mainstreaming in der räumlichen Planung – Gender Planning, Kaiserslautern 2002

Bertelsmann Stiftung – Bereich Wirtschaft. Mehr Beschäftigung in Deutschland – Entscheidungen sind überfällig!  Gütersloh 21.01, 2002

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Vereinbarkeit von Familie und Beruf –Benchmarking Deutschland aktuell, Gütersloh 2002

Bertelsmann Stiftung: Wir brauchen eine andere Schule, Download: http//www.bertelsmann-stiftung.de

Brenner, Robert: Schwungvoll auf Talfahrt. Ursachen und Mechanismen der US-amerikanischen Wirtschaftskrise, Lettre International Nr. 60 1/03 Berlin 2003

Buchinger, Christel: 6 Jahre VFBW - Wissensgesellschaft, Globalisierung, Chancen für Frauen in der Westpfalz ; Festrede zum 6-juährigen Bestehen des VFBW e.V. am 24.August 2002, Kaiserslautern 2002

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (A): Handbuch Gender Mainstreaming in der Regionalentwicklung, Wien 2001

Bundesrepublik Deutschland: Agenda 2010, Arbeitsmarkt und Familien und Kinder, 2003

Bundesrepublik Deutschland: Nationaler Beschäftigungspolitischer Aktionsplan 2001

Bundesrepublik Deutschland: Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2001

Dammayer, Manfred: Die Regionen gewinnen an Bedeutung, Europa ohne Grenzen Oktober 1999

Europäische Kommission: Die beschäftigungspolitischen Leitlinien, Empfehlungen an die Staaten, Brüssel 2003

Europäische Kommission: Europäische Kommission verabschiedet ein Instrument für Europäische Economic Governance Brüssel 2003

Europäische Kommission: 10 Gebote der Europäischen Kommission für die Beschäftigungsreform Brüssel 2003.

Friedrich-Ebert-Stiftung:  Mehr Beschäftigung für Frauen durch eine gleichstellungsorientierte Struktur- und Regionalpolitik, Bonn, 1994

Jansen, Mechtild Arbeit neu verteilen, bewerten, schaffen – Frauen für eine andere Ökonomie, Protokoll des Workshops am 6.9.1997 Arbeit neu verteilen, bewerten, schaffen – Frauen für eine demokratische Neugestaltung der Arbeit, Landeshauptstadt Hannover, Agenda-Büro, November 1997

Karl, Helmut: Perspektiven der ländlichen Entwicklung in den neuen Bundesländern; Vortrag zum Seminar des Instituts für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung Halle-Leipzig e.V. "Erfolgreiche Zusammenarbeit in der ländlichen Entwicklung"  am 18. Januar 2001 in Berlin

Kirchhöfer, Dieter: Regionale Lernkulturen als Entwicklungsressource, Universität Potsdam 1999 Online im Internet –
URL: http://www.die-bonn.de/publikationen/online-texte/details.asp?ID=653

Konrad, Kai: Paare in der Steuerfalle, Die Zeit, ???

Lehren und Lernen – Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft, Weißbuch der europäischen Kommission 1995

Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen Rheinland-Pfalz: Für eine stärkere Berücksichtigung von Fraueninteressen in der Regionalentwicklung, Mainz 1995

Memorandum über Lebenslanges Lernen, Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen der Europäischen Kommission, Brüssel 2000

Regierungserklärung von Bundeskanzler Schröder am 14. März 2003 vor dem deutschen Bundestag

Rösgen Anne, Christel Buchinger: Moderne europäische Konzepte von Regionalentwicklung im ländlichen Raum, in: Europa Regional, Dokumentation der Fachtagung im November 1998, Kreis Steinfurt 1999

Senatsamt für die Gleichstellung,  Freie und Hansestadt Hamburg: Frauen in Zukunftsberufen – Chance Multimedia.

Stieglitz, Josef: Die Goldenen Neunziger. Globalisierungsmythen, Wirtschaftshochmut, Doppelmoral, Lettre International Nr. 60 1/03 Berlin 2003

 

 

Christel Buchinger

Gries / Pfalz, 10. Mai 2003

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