Nachhaltige Entwicklung. Geschichte und Herausforderungen.
Aus: Katalog Dokumenta 10.
Originaltext (Französisch)
Mein Interesse für das, was man allgemein als »Lebensumstände« bezeichnet, was später dann zur »Umwelt« geworden ist, ist sehr alt. Es ist ein berufliches Interesse: Ich bin Ingenieur für Straßen- und Brückenbau, verantwortlich für die Raumplanung, beauftragt mit der Zähmung einer bestimmten räumlichen Umwelt im Dienste der Menschen. Wenn heute von Ökologie gesprochen wird, dann hat man stark den Eindruck, als ginge es darum, Blumen und kleine
Vögel gegen die Aktivitäten der Menschen zu schützen. Die Dinge sind aber viel komplizierter: Ist ein Landschaftsarchitekt jemand, der die Natur attackiert oder degradiert? Die älteste französische 'Ökologen'-Zeitschrift, die sich zum Zeitpunkt ihrer Gründung Revue des voies et chemins (Zeitschrift für Wege und Straßen) nannte und heute Environment magazine (Umweltmagazin) heißt, feiert gerade ihr 50jähriges Bestehen: Es ist eine Zeitschrift von Ingenieuren des öffentlichen, staatlichen Bausektors, eine wirklich professionelle Zeitschrift von Raum- und Stadtplanern. Kurzum, Ökologie ist ein sehr alter Aspekt staatlicher Politik, und sie nimmt auch nicht nur den Schutz der unberührten Natur gegen eine rücksichtslose Menschheit in Anspruch. Was also ist Ökologie oder besser, was ist das Verhältnis zwischen Ökologie als Naturwissenschaft angewandt auf die menschliche Spezies, und dem, was man heute »politische Ökologie« nennt? Und was versteht man dabei unter dem, was das Ideal sowohl für die wissenschaftliche Ökologie als auch die politischen Ökologen zu sein scheint: 'nachhaltige Entwicklung'? Dies sind die ersten Fragen, die wir zu beantworten versuchen. Wir werden dann einen kurzen Blick auf die Geschichte der nachhaltigen Entwicklungen der menschlichen Gattung werfen, auf ihre Krisen und ihre Probleme, bevor wir uns die großen Herausforderungen des 21.Jahrhunderts vor Augen führen, in dem die politische Ökologie ohne Zweifel die Idee des Fortschritts verkörpert.
Von der Ökologie zur nachhaltigen Entwicklung
Die wissenschaftliche Ökologie ist die Wissenschaft des dreiseitigen Verhältnisses zwischen einer Spezies (und den Individuen dieser Spezies), ihrer Aktivität und der Umwelt dieser Aktivität. Die Umwelt ist dabei zugleich das Produkt und die Bedingung dieser Aktivität wie des Überlebens dieser Spezies - das Dreieck ist geschlossen. Typischerweise stellt das Problem der Jagd eines der klassischen Probleme der Ökologie dar: Wie viele Quadratkilometer Gelände sind nötig, damit zehn Füchse existieren können? Und wie hoch muß die Dichte der Kaninchen innerhalb dieses Gebietes sein, damit sich die Füchse reproduzieren können? Offensichtlich wird sich die Anzahl der Kaninchen in dem Maße verringern, wie die Füchse die Kaninchen fressen, aber die Population der vom Aushungern bedrohten Füchse wird ihrerseits ebenfalls geringer, was ein Wiederanwachsen der Kaninchenpopulation hervorruft und so weiter.
Betrachten wir nun die sozialen Spezies. Sozial werden alle jene Spezies genannt, in denen es eine soziale Arbeitsverteilung gibt (zum Beispiel Ameisen, Termiten, Biber). Die Spezies selbst wird so zu einem Teil der Umwelt jedes einzelnen Individuums, und die Ethologie, das heißt die Verhältnisse von Individuen derselben Spezies untereinander werden genau Teil der Ökologie.
Berücksichtigen wir darüber hinaus, daß diese Spezies politisch ist, daß sie also nicht rein genetisch zum Leben in Horden, Stämmen in Clans oder ähnlichen bestimmt ist, sondern daß diese Horden, Stämme und Clans sich auch noch in Gemeinwesen organisieren: Die Individuen dieser Spezies bestimmen also ihre Verhaltensweisen und ihre Aktivitäten durch Beratung. Sie entscheiden gemeinsam darüber, was gut und was böse ist. Aus diesem Grunde sind sie auch verantwortlich für ihre Handlungen, für die Auswirkungen ihrer Aktivität auf das Territorium und für die Art und Weise, wie sie Generation für Generation die Möglichkeit gewährleisten, ihr Leben auf dem gleichen Territorium und im gleichen Stil fortzuführen. Mit anderen Worten, aus der besonderen Natur der menschlichen Spezies als einziger sozialer und politischer Spezies resultiert eine besondere Ökologie, eine politische Ökologie. Die politische Ökologie ist die Wissenschaft dieser besonderen, der menschlichen Spezies.
Sie werden mir vielleicht entgegenhalten, daß die politische Ökologie vielmehr die Ökologie derjenigen ist, die die Ökologie in Politik transformieren. Die ist in der Tat fast das gleiche. Vor 25 Jahren sagte man: »Wenn Du Dich nicht um die Politik kümmerst, kümmert sich die Politik um Dich.« Und heute nach der gleichen Manier: »Wenn man sich nicht um die Ökologie, die Politik kümmert, wird sich die politische Ökologie der Wirklichkeit um uns kümmern.« Wenn die Städtebaupolitik, die Umweltpolitik, die Agrarpolitik, die Arbeitspolitik, die internationale Politik sich nicht um die ökologischen Probleme - also um die dreiseitigen Beziehungen zwischen Spezies, deren Aktivitäten und ihrer Umwelt - kümmert, dann wird diese Politik perverse Auswirkungen haben. Auswirkungen, die sich bald für ihr Fortbestehen als »unnachhaltig« erweisen. Und »unnachhaltige« Politik bedroht irgendwann auch das Überleben des Spezies. Man merkt hier, wie eines der möglichen Objekte jeglicher Politik die Frage der nachhaltigen Entwicklung ist. Und in der Tat sind die Menschen nicht dazu verpflichtet, für eine nachhaltige Entwicklung einzutreten: Die Entscheidung zwischen Gut und Böse stellt sich ihnen immer wieder neu, wie bereits Sophokles feststellte. Aber die Entscheidung für das Leben und das Überleben der Menschen ist eine Entscheidung für eine nachhaltige Entwicklung.
Was genau bedeutet dieses Adjektiv »nachhaltig«? »Nachhaltig« hat eine doppelte Dimension: synchronisch, im Raum (damit ein Entwicklungsmodell nachhaltig sein kann, muß es auf der ganzen Welt dazu geeignet sein, die Bedürfnisse aller zu befriedigen) und diachronisch, in der Zeit (das Entwicklungsmodell muß auf Dauer möglich sein). Zum Beispiel verfolgten die entwickelten Länder nach 1945 ein Entwicklungsmodell, das ihre Kaufkraft sehr schnell, parallel zum Rhythmus der Produktivität ansteigen ließ (was die Vollbeschäftigung und den Anstieg materiellen Reichtums pro Kopf garantierte). Aber es war ein unnachhaltiges Entwicklungsmodell. Wenn man so weitergemacht hätte, wenn man dieses Entwicklungsmodell auf die ganze Menschheit ausgedehnt hätte, so hätte man sämtliche Ressourcen der Erde erschöpft und hätte beispielsweise die Sättigung der Atmosphäre mit Kohlenstoffen extrem zugenommen.
Die Definition eines nachhaltigen Entwicklungsmodells, die künftig von allen Instanzen der UNO angenommen wird, lautet folgendermaßen: »ein Entwicklungsmodell, das die Befriedigung aller Bedürfnisse einer Generation gestattet, ohne die Möglichkeit für die folgenden Generationen aufs Spiel zu setzen, die ihren zu befriedigen«. Offensichtlich ist die Formulierung »die Bedürfnisse aller Menschen befriedigen« extrem doppeldeutig, denn Reiche und Arme beanspruchen nicht die Befriedigung der gleichen Bedürfnisse - die gegenwärtige Welt ist durch schreiende Ungleichheiten zwischen den Menschen zerrissen. Darüber hinaus beinhaltet die Definition eine Gewichtung: »die Bedürfnisse aller Individuen befriedigen, angefangen bei den Mittellosen«. In der englischen Fassung wird es noch deutlicher: da wird von den Ärmsten gesprochen. Das Kriterium ist das Kriterium der Mindestgerechtigkeit, was nicht unbedingt meines ist, doch das von John Rawls, wie er es in seiner Theorie der Gerechtigkeit entwickelt. Das vorrangige Problem sei nicht, die Ungleichheiten genau zu erkennen: Gewisse Ungleichheiten sind akzeptierbar, wenn sie es gestatten, die Verhältnisse der am meisten Benachteiligten zu verbessern. Anders gesagt, entscheidend für den Vergleich zwischen zwei Verhältnissen ist, daß man das Niveau derjenigen miteinander vergleicht, die am wenigsten profitieren. Diese Definition hat in der UNO Einstimmigkeit erzielt, offensichtlich deshalb, weil es selbst die Reichsten zufriedenstellte.
Dies ist also die offizielle Definition der nachhaltigen Entwicklung, wie sie in den Korpus der Menschenrechte bei den großen internationalen Konferenzen aufgenommen wurde, die im letzten Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends nach Jesus Christus auf sich aufmerksam gemacht haben: Rio, Kopenhagen, Kairo, Peking... Man sieht: Diese Definition ist ein Minimalkonsens, sie ist extrem formalistisch und abstrakt und stellt einen Rückschritt hinter die Dichte dessen dar, was die Pioniere der 70er Jahre damals »ökologische Entwicklung« nannten.
Die einfache Idee der ökologischen Entwicklung ging von der Feststellung aus, daß das Entwicklungsmodell der 70er Jahre zu viele Rohstoffe verbrauchte und zu viele Abfälle produzierte. Die erste große Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm 1972 setzte auf eine ökologische Entwicklung, bei der die lokalen Gemeinschaften darauf achten sollten, daß diese beiden Fehler nicht mehr begangen werden. Der Ausdruck »ökologische Entwicklung« gestattete dabei ohne weiteres, die Dynamik des ökonomischen Liberalismus mit einer zwingenden Kritik zu konnotieren. Doch diese erste Konferenz hatte keineswegs die Ambition, Verpflichtung irgendeiner Art zu erlassen. Darauf folgte die zweite große Konferenz, die 1992 in Rio stattfand und von einer Reihe von Zusammenkünften vorbereitet wurde. Dieses Mal ging es darum, feste Vereinbarungen zu treffen. Eines dieser Vorbereitungstreffen wurde von der Umweltkommission der Vereinten Nationen durchgeführt, der die sozialdemokratische Premierministerin von Norwegen, Frau Brundtland, vorsaß. Sie war es auch, die in ziemlich schroffer Opposition zu den USA die Rede vom ökologischen Wachstum zurückwies. Es sei vielmehr richtig, davon zu reden, daß die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation ohne Beeinträchtigung derjenigen der künftigen befriedigt werden müssen, und diese Forderung als »nachhaltig« zu kennzeichnen. Doch dieser Begriff »ökologische Entwicklung« war tabu, soweit dieser das Ende des wilden Freihandels, das Verbot der Ausbeutung eines Landes durch ein anderes und ähnliches implizierte. Im Grunde ist die »nachhaltige Entwicklung« der politisch korrekte Euphemismus der »ökologischen Entwicklung«.
Indem sie heuchlerisch die frühen Mängel in Tugendhaftigkeit verwandelt, gestattet diese Beschönigung nun, das Problem der Nachhaltigkeit anzugehen, ohne sich dabei groß um Lösungswege (ökologische Entwicklung) Sorgen zu machen. Wie ich bereits gesagt habe, verpflichtet nichts die Menschen dazu, für eine nachhaltige Entwicklung einzutreten. In der Tat werden zahlreiche Länder durch Eliten regiert, die eine unnachhaltige Entwicklung bevorzugen - unnachhaltig für ihr eigenes Volk, unnachhaltig für andere Völker oder unnachhaltig für nachfolgende Generationen. Malaysia ist beispielsweise ein Land, das sich dadurch entwickelt, daß es seine indigenen Völker massakriert und seine Wälder zerstört, und obendrein auch noch die Forderung erhebt, für weitere 150 Jahre so weiterzumachen, indem es die Umtriebe der USA und Europas zum Präzendenzfall erhebt. Eine nachhaltige Entwicklung zu verfolgen, heißt nicht, eine »ausgewogene Interessensregelung« zu finden, sondern ist ein kategorischer Imperativ, der gerade dabei ist, sich im Prozeß der offiziellen internationalen Debatten zu behaupten aber noch nicht mit der Kraft (alles ist relativ) des »Du sollst nicht töten!« anerkannt ist.
Davon ausgehend ergibt sich tatsächlich eine rein politische beziehungsweise ideologische Definition der Verteidiger der politischen Ökologie, derjenigen, die sich in der Politik für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen. Es ist eine von der Anfangsdefinition abgeleitete Definition: Wir sind Teil der Frage dessen, was Ökologie für irgendeine Spezies bedeutet und haben gesehen, warum eine soziale und politische Spezies eine nachhaltige Entwicklung verfolgen muß, wenn sie vom Gesichtspunkt ihres langfristigen Interesses als Spezies aus vernünftig ist. Auf politischem Feld sind es die politischen Ökologen, die sich für die Durchsetzung einer nachhaltigen Entwicklung einsetzen. Sie kämpfen im Namen einer bestimmten Konzeption des menschlichen Allgemeininteresses gegen die politischen und sozialen Kräfte, die sich nicht darum kümmern. Warum konnten sich die Eliten aus Malaysia auf der Rio-Konferenz vehement gegen die Imperative der nachhaltigen Entwicklung aussprechen? Aus den gleichen Gründen, die den französischen Adel des »Ancien Regime « und Ludwig XV. sagen ließen: »Nach uns die Sintflut!«. Im Bemühen, die Tragweite der Konferenz von Rio zu minimieren, verbündete sich George Bush faktisch mit Malaysia, wenn er damals seinerseits erklärte: »Unser Entwicklungsmodell ist nicht übertragbar«.
Und in der Tat: Wenn die Gesellschaft der Menschen in der Zukunft genauso ungleich bleibt wie heute, dann werden nicht alle Individuen ein Bedürfnis nach nachhaltiger Entwicklung haben - wenn die Lebensbedingungen gut sind. Und die Generation von heute wird kein Interesse daran haben, daß nachfolgende Generationen ihre Bedürfnisse befriedigen können. Doch die Mehrheit der Menschen hofft seit Generationen auf eine nachhaltige Entwicklung. Diesen Konflikt gibt es deshalb, weil sich bei einer politischen und sozialen Spezies soziale Verhältnisse entwickeln: Geschlechterverhältnisse, Klassenverhältnisse, Bürgerverhältnisse. Einige dieser sozialen Verhältnisse sind widersprüchlich: Die Interessen der einen sind nicht die Interessen der anderen. Und selbst wenn man davon ausginge, daß alle menschlichen Gruppierungen an einer Verständigung interessiert wären, so ist der individuelle Lebenshorizont doch begrenzt, so daß ein Individuum weiterhin zum Schluß kommen könnte: »Nach mir die Sintflut!«. Daraus ergibt sich, daß die sozialen Verhältnisse, die die Art und Weise bilden, in der eine Spezies ihre Aktivität organisiert, und die determinierten, wie sich diese Spezies derart organisiert ihre Umwelt aneignet (die selbst das Produkt früherer Arbeit ist), daß diese sozialen Verhältnisse folglich auf strukturelle Weise die menschliche Ökologie gestalten. Anders gesagt hängen die ökologischen Probleme von den sozialen Verhältnissen ab: die ökologischen Krisen einer Epoche sind die Krisen der sozialen Verhältnisse dieser Epoche.
Für eine Geschichte der ökologischen Krisen
Nehmen wir die Gesellschaft vor der neolithischen (jungsteinzeitlichen) Revolution. In diesem Prozeß, der 12000 Jahre dauerte, lernten die menschlichen Wesen Pflanzenanbau, Viehzucht, Schreiben und Städtebau. Die Gesellschaften der Vorjungsteinzeit waren bereits Gesellschaften des Jagens und Sammelns. Die Menschen betrachteten ihre Umwelt als etwas Äußerliches, das ihnen potentielle Ernährung bot, und sie mußten kämpfen, um etwas von dieser natürlichen Umwelt zu bekommen, das sie essen und als Kleidung verwenden konnten. Ihre Situation unterschied sich also nicht wesentlich von den Füchsen im Verhältnis zu den Kaninchen. Ihre Ökologie gehorchte dem gleichen Gesetz von «Räuber und Beute«: es war eine Ökologie, die von der Belastbarkeit des betreffenden Territoriums abhängt, das heißt von der Anzahl der Menschen, die ein Territorium bei gegebenen Jagd- und Sammeltechniken ernähren kann. Bringen sie viel heim, sinkt die Belastbarkeit des Territoriums - sei es, daß die gezwungen sind auszuwandern, sei es, daß sie durch Hunger dezimiert werden. Die Verbesserung der Jagdtechniken erlaubt eine Annäherung an die Belastungsgrenze des Territoriums seitens der Menschen, allerdings mit dem Risiko der Überschreitung, denn sie erhöhen nicht die Anzahl des Hochwilds in diesem Gebiet. Daraus ergibt sich für diese Völker die Notwendigkeit, Normaden zu sein.
Das Beispiel der vorjungsteinzeitlichen Gesellschaft zeigt auf sehr einfache Weise, wie der Typ einer ökologischen Krise einer bestimmten gesellschaftlichen Organisation entspricht. In einer solchen Gesellschaft verdankt sich die Hungersnot der Tatsache, daß es nicht genügend Wild zu jagen und Früchte zu sammeln gibt, so daß die Migration auf der Suche nach anderen Territorien eine Lösung bietet. Wie alle menschliche Organisation in sozialen Verhältnissen strukturiert ist, so regelt sich diese sehr spezifische politische Ökologie durch Krisen. Krise meint dabei eine Situation, in der es nicht mehr möglich ist, so weiterzumachen wie bisher, in der man aber auch noch nicht die Lösung kennt - also das, was Gramsci auf eine schöne Formel bringt: »das Alte stirbt und das Neue kann noch nicht zur Welt kommen«.1 Jede Organisation regelt sich entweder durch kleine Krisen (das Alte stirbt, doch ist man dem Neuen schon sehr nahe und der Ausweg aus der Krise ist bekannt; in unserem Beispiel genügt die Migration) oder durch große Krisen: das Neue ist völlig unvorhersehbar. Die großen Krisen sind zerstörerischer, aber auch interessanter, weil sie nur durch das Mittel der Erfindung zu lösen sind.
In der Folge gab es eine Reihe von immer größer werdenden Krisen, die den Übergang zum Neolithikum bewirkten. Anbau von Pflanzen und Aufzucht von Haustieren waren die beiden Speerspitzen des Neolithikums. Sie bedeuteten den Übergang von der Vorstellung, das bloße »Einbringen der Umwelt« reiche aus, zu der Vorstellung, man müsse die »Umwelt verbessern« - und zwar auf eine Weise, daß sie produktiver wird: Verbesserung des Viehs, damit es mehr Milch gibt und seinen Nachwuchs in Herden aufzieht; Verbesserung der Pflanzen, damit sie ertragreicher werden. Es ging also um die Belastbarkeit des Territoriums selbst, die es zu stärken galt.
Überdies verstärkte diese Revolution die Fähigkeit der menschlichen Gesellschaft, sich zu differenzieren, und erlaubte die Ausweitung des Städtischen, das Zutagetreten von Untereinheiten der menschlichen Gemeinschaft, wo Leute sich anderen Tätigkeiten widmen als dem Ackerbau: Rechnen, Anordnen, Opfer darbringen und ähnliches. Diese soziale Differenzierung unterscheidet sich von derjenigen der Vorjungsteinzeit (in der derjenige das Oberhaupt war, der der Beste bei der Jagd war). Bestimmte Klassen, die von der Produktionstätigkeit befreit waren, konnten von den Produkten fremder Arbeit leben, im Austausch gegen häufig wirkliche Dienste (der Staat tauchte auf, weil er der Gesellschaft Leistungen zur Verfügung stellte: Verteilen von Wasser, Einrichten von Katastern und ähnlichem), die aber diesen Klassen Rechte verliehen, die oftmals eine eher mißbräuchliche Aneignung von Produkten der Gemeinschaft einschlossen. Infolgedessen entwickelte sich ein zweiter Typ ökologischer Probleme, der nicht mehr von der Belastbarkeit eines Territoriums abhing (die dank neuer Techniken gesteigert werden konnte), sondern der sich aus der steigenden (und diese Belastbarkeit beeinträchtigenden) Entnahme für diejenigen Leute herleitet, die nichts herstellen.
Die ökologischen Krisen werden also komplexer. Typisch dafür ist die »Große Europäische Krise«, die um 1340 in Europa ausbrach und 200 Jahre dauerte. Diese Krise setzte ein mit der Großen Pestepidemie, genau zu dem Augenblick, als Europa die Grenze seiner Belastbarkeit erreicht hatte - unter Berücksichtigung der verfügbaren Agrartechniken und der Abgaben für die Nicht-Arbeitenden (in unserem Fall derjenigen Herren, die ihre Zeit mit Kriegführen verbrachten). Diese Große Pest traf eine Bauernschaft, die durch physische Grenzen sehr geschwächt und einer hohen Abgabenlast an ihre Herren unterworfen war. In dieser Zeit verlor Europa mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung und es brauchte zwei Jahrhunderte, um das Bevölkerungsniveau von 1340 wieder zu erreichen. Dies ist ein Beispiel für eine ökonomisch-ökologisch-demographische Krise. Für die gegebenen Produktionsverhältnisse (Feudalismus mit seiner Naturalrente und Lehnarbeit), für die bekannten Techniken (Schwingpflug, Brandkultur) war die Belastbarkeit der Äcker überschritten - mit dem Ergebnis, daß sie extrem geschwächte menschliche Spezies unter dem Effekt der Aggressionen einer anderen Spezies (der Pestbakterie) zusammenbrach. Sterben ist im übrigen eine schreckliche Form der Reaktion auf die Krise: die Bevölkerung nimmt bis zu dem Punkt ab, an dem sich die Pest nicht weiter ausweiten kann und an dem man mit der Belastbarkeit der Böden Europas wieder auskommt.
Diese Große Krise hat die Produktionstechniken und die sozialen Verhältnisse grundlegend verändert: Die Dreifelderwirtschaft, der Zusammenhang zwischen Mischkultur und Aufzucht (die Abfälle vom Vieh dienten als Dünger für das Getreide) ebenso wie die beträchtlichen Fortschritte, die sich in der Form der Arbeit niederschlagen, die zur Verbesserung des Bodens selbst aufgewandt wurde. Ein Teil der zur »Verbesserung« der Umwelt aufgewandten Arbeit beziehungsweise das Verhältnis von Arbeit und Umwelt ist »nachhaltiger« geworden. Aber die Entwicklung dieser Techniken, die eine Art neolithischer Revolution zweiten Grades darstellt (Arbeit wird verausgabt zugunsten des Bodens), setzt voraus, daß die Bauern sicher sein können, daß die erbrachte Arbeit ihnen in einer anderen Form zugute kommt: daß sie einen größeren Anteil der Produktion konsumieren oder kaufen können. Das aber impliziert eine Begrenzung der Abgaben an die Herren. Und in der Tat impliziert die Revolution der Renaissance den Übergang von der Naturalrente und der Lehnarbeit zur Pacht, den Übergang von der Teilpacht hin zur Pachtwirtschaft. Dies ist das Phänomen, das den kontinuierlichen Fortschrittsprozeß bis ins 19. Jahrhundert in Gang setzt: die »Agrarrevolution« der Neuzeit.
Ich wollte Ihnen jedoch nicht nur die Sonnenseite dieser Dinge vorführen: die Vorderseite dieser Revolution, die sich gegen die Lehnsherren, gegen die Zehnträuber richtete. Oft vergißt man, daß sie sich auch gegen die Bauern selbst richtete. Denn die Bauern der feudalen Epoche bearbeiteten zwei Arten von Böden: die Böden der Lehnsherren und die Böden der Dorfgemeinschaft (Allmende). Nun ist es klar, daß Bauern, die zu einer Verbesserung des Bodens bereit sind, nach einigen Jahren fordern, auch diejenigen zu sein, die das Land bebauen. Von daher war es nötig, mit der Idee des Gemeindelandes zu brechen. Die Bauern, die die Agrarrevolution der Neuzeit machten, waren jene Leute, die dafür kämpften, das Gemeindeland abzuschaffen und »einzufrieden«. Offenbar sind es die Reichsten, die die Mittel zur Verbesserung des Bodens haben und die das Gemeindeland zu ihren Gunsten einfrieden wollen. Was die anderen betrifft, so dürfen diese anfangs bei den reichen Bauern arbeiten gehen: Das ist die Bildung der »Landarbeiterschaft«. Doch je mehr sich die Produktivität der Landarbeit entwickelte, desto weniger Landarbeiter brauchten die Pächter, um ihr Land zu bearbeiten. Es entwickelte sich also nicht nur ein ländliches, sondern auch ein städtisches Proletariat. Die Händler und Handwerker begannen, »Proletarier« anzustellen, die nichts anderes zu verkaufen hatten als ihre Arbeitskraft: sie hatten weder Land noch Webstuhl, doch konnte man über sie verfügen. Die Art und Weise, in der diese 200 Jahre dauernde große europäische Krise, diese große ökologische Krise gelöst wurde, hat Europa ein neues Schicksal eingebracht, nämlich das der »kapitalistischen Revolution«, zuerst in der Landwirtschaft, später in der Industrie (hier zunächst in der Textilindustrie und in der Bauwirtschaft).
Kapitalismus konstituiert sich durch komplexe soziale Verhältnisse. Die Unternehmer haben das Geld, mit Hilfe dessen sie die Proletarier anstellen können. Also tauschen sie ihr Geld gegen Arbeit ein und übernehmen überdies den Verkauf der Produkte. Der Unternehmer garantiert die Vermittlung zwischen den unmittelbaren Produzenten und den Kunden. Er übernimmt das Risiko des Verkaufs beziehungsweise des Nichtkaufs, beansprucht im Gegenzug dazu aber das Recht, den Lohn festzusetzen und die Arbeit zu organisieren. Der Kapitalismus ist demzufolge zu noch schnelleren und aufsehenerregenden Evolutionen imstande als der Feudalismus. Wie wir gesehen haben hat der Feudalismus mehrere Etappen durchgemacht: den Frondienst, die Naturalrente, die Pacht. Der Kapitalismus kannte jedoch in zwei Jahrhunderten je nach Land und Phase weit mehr und unterschiedlichere Entwicklungsmodelle.
Zu Anfang sind die Verhältnisse immer gleich: die Reichen ziehen die völlig Mittellosen an, die sie in ihre Dienste nehmen. Dies entspricht der ursprünglichen Akkumulation, bei der die mächtigen Händler und Handwerker die beschäftigten Proletarier schamlos ausbeuten können. Wenn es ein Überangebot an Arbeit gibt - das die Ökonomen der Dritten Welt in Würdigung des Theoretikers Arthur Lewis »lewisianisch« nennen - das heißt ein schier unendliches Angebot an Handarbeitern, wird der Lohn zum Kauf dieser Arbeitskraft eine lächerliche Größe. Der erste Typus ökologischer Krise, die die menschliche Spezies unter der Regie des Frühkapitalismus erlebte, bestand darin, daß der Lohn für die meisten Lohnabhängigen nicht ausreichte, um sich menschenwürdig reproduzieren zu können. Überdies waren die ersten, die den Kapitalismus anklagten, nicht diese Arbeiter (die das gar nicht konnten), sondern die Rekrutierungsoffiziere in England. Sie wiesen darauf hin, daß in manchem Bezirk der Druck der Unternehmen auf den Arbeitsmarkt so groß sei, daß - um das Bild der Belastbarkeit der Jäger gegenüber den Tierherden wieder aufzunehmen - die jungen Burschen von 17 oder 18 Jahren nicht in der Lage seien, die Waffen zu tragen. Der Kapitalismus gefährde also die Möglichkeit, eine effiziente englische Armee zu rekrutieren! Recht schnell, nämlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurden die Rekrutierungsoffiziere mit den Militärärzten zusammengeführt, die das Erste der Überausbeutung, vor allem die der Kinder in den Kohlebergwerken sowie die Wiederherstellung der Familienbande verlangten. In gewisser Weise wurden diese philanthropischen Ärzte und »Hygieniker« zu den ersten Aktivisten der Arbeiterbewegung, waren sie die »Ökologen« der ersten industriellen Revolution. Es gibt hier einen sehr interessanten Punkt, auf den ich heute wieder in der Dritten Welt stoße: Wenn ich mich als »Ökologe« einem Bürgermeister einer Stadt in Mexico, Peru oder Brasilien vorstelle, dann ist dieser oftmals ein Arzt und sein Gemeinderat ist vorwiegend aus Gewerkschaftern zusammengesetzt.
Wenn also der Kapitalismus auf diese Weise zur dominanten Produktionsweise wird, stößt er auf eine sehr spezifische Krise: Er hat es unterlassen, sich Regeln aufzuerlegen, die den Unternehmer verpflichten, mindestens soviel an seine Beschäftigten zu zahlen, daß sie sich und ihrer Familie reproduzieren können. Angesichts dieser Krise greift die Gesellschaft ein: Man beginnt, das Recht auf Kinderarbeit zu begrenzen, und zwar so, daß die Unternehmer gezwungen werden, die Eltern ausreichend zu bezahlen, bis die Kinder herangewachsen sind. Das ist eindeutig ein Kampf von Kapitalisten, die nach Nachhaltigkeit des Kapitalismus streben, und von Gewerkschaften, die die Nachhaltigkeit der Beschäftigten erreichen wollen.
Im Zuge der Kämpfe führte diese Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Entwicklungsmodell, das man »Fordismus« nennt. Diese Gesellschaft ist ein außergewöhnlicher Fall, wo man infolge der gewerkschaftlichen Kämpfe und der sehr klugen Reflexionen von Kapitalisten, Industriellen und Bankiers (Ford, Keynes) schließlich doch begriffen hat, daß man, um das Hauptziel in der kapitalistischen Logik zu erreichen, nämlich Waren zu verkaufen, eine möglichst große Anzahl von Kunden schaffen muß. Oder nach den Worten von Henri Ford: »Wenn die Arbeiterklasse zahlenmäßig die größte Klasse ist, dann ist es notwendig, daß sie zu einer wohlhabenden Klasse wird, die uns den Abfluß unserer Massenproduktion gestattet«. Fords Idee, die natürlich von Gewerkschaftern breit geteilt wird, war, daß die Löhne der Arbeiter erhöht werden müßten. Es ist diese systematische Erhöhung der Kaufkraft der Lohnabhängigen, die die Entwicklung der Nachkriegszeit hervorrief.
Die ökologischen Krisen unserer Zeit
Aus diesen Grunde kam es zu einer neuen großen Krise. Dank der Allianz der Hygieniker mit den Gewerkschaftern setzte sich mit dem Verbot der Kinderarbeit und allgemeiner noch mit der Begrenzung der Arbeitszeit die physische Nachhaltigkeit der Lohnarbeiterschaft und der Kampf gegen die ungesunden Elendsquartiere durch - die beiden großen Kampflinien zwischen 1840 und 1920 in Europa. In den Jahren zwischen 1930 und 1950 ging es um die Garantie des Staates, nicht nur überleben zu können, sondern auch gut zu leben, wobei das »gute Leben« auf »viel konsumieren« reduziert wurde. Dieses »gut leben« ist möglicherweise ein »schlecht leben«: es impliziert eine Zerstörung der populären Gemeinschaften, wie sie das Kino der »realistischen Poetik« rühmt, die Destruktion jeglicher Arbeiterkultur, in der man »nicht so schlecht« lebte. Doch dank der »sozialen Errungenschaften« der Nachkriegszeit sind die Zeiten der Tanzsäle durch die Zeiten des Fernsehens ersetzt. Es ist zur Gewohnheit geworden, die Steigerung der Kaufkraft zum Maßstab des guten Lebens zu nehmen. Diese neue Revolution erlaubt es, eines der grundlegenden Probleme des Kapitalismus zu lösen, das des Verbrauchers, da nun an die kapitalistische Produktion im wesentlichen an die lohnabhängig Beschäftigten verkauft wird.
Doch mündet diese große Revolution in einen neuen Typus der ökologischen Krisen: die Krisen der Überkonsumtion, dessen Symbole der Verkehrsstau und die Zerstörung der Umwelt sind. Dieser Diskurs der »Umwelt«, der von anderen Leuten als den Gewerkschaftern geführt wird, ist ein neuer Diskurs. Am Anfang des Kapitalismus bildeten Fachleute für Hygiene und Gewerkschafter ein natürliches Bündnis. Sobald ein Mindestmaß erreicht ist (Verbot der Kinderarbeit, Abschaffung der Elendsviertel) und sobald die Entscheidung immer deutlicher zwischen »weniger arbeiten« und »mehr verdienen« zwischen »weniger riskieren« und »eine Risikoprämie kassieren« und ähnlichem fällt, desto mehr trennen sie sich: auf der einen Seite die Ärzte, die Hygieniker, die Ökologen, auf der anderen ein bestimmter Typus der Gewerkschaftsbewegung - ein »Syndikalismus der Lohnabrechnung« dazu bereit, im Austausch gegen ein Mehr an Kaufkraft einen Rückschritt in der Lebensqualität in Kauf zu nehmen. Dies ist auch der Grund, warum sich um 1970, mit dem Höhepunkt der fordistischen Epoche, nicht nur unabhängig von der Arbeiterbewegung, sondern oftmals auch gegen sie, eine politische Ökologie entwickelt. In der Vereinigten Staaten, in Westdeutschland, in Frankreich, in Italien entwickelt sich eine bedeutsame Differenz zwischen denen, die für eine bessere Entlohnung kämpften, und jenen, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, zwischen denen, die »Arbeit egal zu welchem Preis« fordern, und jenen, die eine umweltzerstörende Fabrik ablehnen.
Diese Divergenz ist sehr interessant, weil sie es im Gegensatz zu den gemeinsamen Kämpfen der Hygieniker und der Gewerkschafter ermöglicht, die beiden Aspekte der Nachhaltigkeit zu unterscheiden. Man beginnt, sich der Tatsache bewußt zu werden, daß eine Gesellschaft, die ihre Bedürfnisse unmittelbar und berechtigterweise befriedigt, gefährlich sein kann, weil sie ihr Grundwasser vergiftet, weil sie das Wachstum der Städte nicht aufhalten kann, weil sie innerhalb weniger Generationen das Überleben von kostbaren Spezies unmöglich macht, weil sie das Schicksal der Menschen in Tausenden Kilometern Entfernung mit Füßen tritt. Diese ökologischen Krisen der Überkonsumtion haben vor allem lokale Auswirkungen (Verkehrsstaus, Luftverschmutzung, Lärm und ähnliches), gegen die die politische Ökologie als soziale Bewegung bereits seit den 60er Jahren mobil macht. In den 80er Jahren traten dann »globale« Krisen ins Bewußtsein: Zerstörung der Ozonschicht, die auf den Treibhauseffekt zurückgeht. In diesen globalen Krisen leben die »Verantwortlichen« eines unnachhaltigen Entwicklungsmodells in der einen Gesellschaft (in Europa und den USA am Ende des 20. Jahrhunderts), während die »Opfer« in einer anderen leben (in Bangladesh in der Mitte des 21. Jahrhunderts).
Dieses Bewußtwerden führt uns dazu, den Erfolg der »sozialen Marktwirtschaft« die uns die Christ- und Sozialdemokraten im Europa der Nachkriegszeit versprochen hatten, selbst zu relativieren. Dieses Entwicklungsmodell, diese europäische Variante des Fordismus, war ein »guter« Kompromiß zwischen Kapital und Arbeit, ungeachtet aller Kritiken, die sich auf seinem Höhepunkt gegen ihn richteten. Man könnte meinen, daß er es verdient hätte, nur »verbessert« zu werden, doch erkennt man heute, daß er strenggenommen unhaltbar war. Obwohl es seit einigen Jahren verboten ist FCKW in die Atmosphäre freizusetzen, findet zum Beispiel die Zerstörung der Ozonschicht heute statt; die Moleküle dieses chlorierten Gases haben sich 20 Jahre zuvor vorwiegend in der nördlichen Hemisphäre ausgebreitet. Und was das Gas betrifft, das den Treibhauseffet hervorruft: sein Hauptbestandteil ist Kohlendioxid, es bleibt im Durchschnitt 150 Jahre in der Atmosphäre. Alles Kohlendioxid, das nach der industriellen Revolution emittiert wurde, befindet sich noch dort; das zwischen 1945 und 1975 emittierte Gas wird etwa bis zum Jahr 2100 in der Atmosphäre bleiben. Entscheidend ist aber nicht der Zufluß, sondern der Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre: Die Verdoppelung der Kohlendioxidkonzentration führt zu einer durchschnittlichen Erhöhung der Temperatur von 2 Grad auf dem Planeten und zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 30 bis 60 cm. Beim gegenwärtigen Tempo bedeuten diese beiden Veränderungen, daß das Leben in Bangladesh im Jahre 2050 unmöglich wird. Wenn man weiß, daß Bangladesh dann etwa 200 Millionen Einwohner hat, kann man sich den Umfang einer Evakuierung der Bengalis nach Indien vorstellen. Reden wir erst gar nicht davon, was eine Evakuierung Ägyptens und des Maghreb in Richtung Europa nach der Überschwemmung des Nildetals und dem Verschwinden des nordafrikanischen Küstenstreifens bedeuten würde.
Das also sind die ökologischen Probleme, die in den sozialen und ökonomischen Errungenschaften der Jahre1950-1970 wurzeln. Heute, wo der Kompromiß dieser vergangenen Jahre auf der ganzen Welt in die Krise gekommen ist, versuchen bestimmte Eliten, die Arbeiternehmerschaft wieder in eine Lage zurückzudrängen, in der sie in den 30er Jahren war, ja sogar in Verhältnisse des 19. Jahrhunderts - das, was man eine »Sanduhrgesellschaft« nennt. Aus diesem Grunde werden alle Typen ökologischer Krisen, wie sie seit den Anfängen des Kapitalismus aufeinanderfolgten, reaktiviert: Es summieren sich die globalen ökologischen Krisen (man produziert weiter Treibhausgase, und zwar immer mehr), die lokalen ökologischen Krisen der Überkonsumtion (weil die oberen Gesellschaftsschichten in Brasilien wie in Europa mehr und mehr konsumieren), die Arbeitsunfälle am Anfang des 20. Jahrhunderts und sogar die Krise des Frühkapitalismus. Auf der Bildfläche erscheint wieder der Hunger (in Großbritannien beginnt die Lebenserwartung des ärmsten Drittels zu sinken) und es tauchen wieder jene Krankheiten auf, die mit gesundheitlichen Mißständen zusammenhängen wie die Bleivergiftung in Paris.
Gehen wir also einer neuen Konvergenz zwischen politischer Ökologie und den Bewegungen der Einkommensverteidigung oder gar allgemeiner der »Armen« entgegen? Das ist sehr wahrscheinlich. Wir müssen aber noch ein wenig über die Spaltung nachdenken, die sich zwischen der Arbeiterbewegung und der ökologischen Bewegung entwickelt hat, nachdem sich im Laufe des 20. Jahrhunderts die Arbeiterbewegung ein Minimum an Rechten erkämpft hat, das ihnen Löhne für ein erträgliches Leben und sogar eine Teilnahme am Fortschritt eingebracht hat. Dies ist der Moment, an dem sich eine bestimmte, durch den Kommunismus und die Sozialdemokratie repräsentierte Konzeption der »Fortschrittlichkeit« verfestigt, und an dem die politische Ökologie ihre Autonomie erkämpfen muß.
Die politische Ökologie: Fortschrittsidee des 21. Jahrhunderts?
Weil sie die gleichen Ursprünge haben (den Widerstand gegen die Exzesse des Kapitalismus), ähneln sich die politische Ökologie und der Sozialismus als soziale Bewegungen anfangs. Erstens führen sie beide materialistische Diskurse: »Da ist ein Stand der Produktivkräfte, ein Zustand der menschlichen Produktionsverhältnisse, die sind gegeben und von denen ausgehend stellen wir unsere Überlegungen an«. Genauer gesagt sind sie historische Materialisten: Die Marxisten sind die höchstentwickelten Theoretiker der Arbeiterbewegung und konstruieren eine Geschichte der Produktionsweisen, vergleichbar mit der Freske, die ich hinsichtlich einer Geschichte der Beziehung zwischen den Menschen und der Umwelt kurz skizziert habe. Zweitens sind die ökologischen und marxistischen Diskurse historizistisch: »wenn man in der Lage ist, heute von der einen oder anderen Sache zu sprechen, dann deshalb, weil man einen bestimmten Punkt der Geschichte erreicht hat«. Der Historizismus ist diese außergewöhnliche Tendenz zu glauben - wie Hegel sagt -, daß »die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt«.2 Das bedeutet nur: Ist erst einmal alles vollendet, dann ist es bereits zu spät, das zu begreifen, was gerade passiert ist. Die Arbeiterbewegung und die Ökologie finden sich also in ihren alarmistischen und katastrophischen Tönen zusammen. Doch drittens (und das kompensiert ihren Historizismus) sind diese beiden Diskurse dialektisch: Sie denken in Begriffen der Spannungen in einem System, und nicht in Begriffen von Stellungen in einem System. Es sind die sozialen Spannungen, die sich aus der Ausbeutung der Proletarier ergeben und die sozialen Bewegungen auslösen, dank derer es zu Regulationsweisen kommt, die es der Lohnarbeiterschaft ermöglichen, im Kapitalismus zu leben. In gleicher Weise gibt es Spannungen, die auf der kapitalistischen Respektlosigkeit gegenüber der Umwelt beruhen und ökologische Bewegungen auslösen, die Schutzmaßnahmen durchsetzen. Viertens sind beide »fortschrittlich«: Sie stellen eine Weiterentwicklung der Solidarität und der Nachhaltigkeit dar gegen diejenigen, die das Motto hochhalten: »Nach mir die Sintflut«.
Bleiben wir beim letzten Punkt. Manchmal wird gesagt, die Ökologie sei eine Sache der Reichen - diese These wurde zum Beispiel während der Rio-Konferenz geäußert. Die Ökologie sei ein Luxus, der nur zu gewähren sei, wenn erst einmal »der ganze Rest« befriedigt ist. Nun ist aber das Problem, daß »der ganze Rest« (das heißt die unmittelbaren Bedürfnisse) bereits auf ökologischen Voraussetzungen aufbaut, es sei denn, man nennt das anders. In der Sahelwüste oder im Nordosten Brasiliens kennt man keinen Unterschied zwischen »Umwelt« und »Entwicklung«. Denn für einen sehr armen Bauern bedeutet gerade die Verbesserung seiner Umwelt, sich zu entwickeln. Und das gilt auch für eineWellblechhüttensiedlung: Ist die Installation von Abwasserleitungen und die Versorgung mit Trinkwasser eine Maßnahme der städtischen Ökologie oder der sozialen Entwicklung? In Wirklichkeit haben sich die gleichen Nichtregierungsorganisationen auf der Konferenz von Rio (zur Umwelt) und von Kopenhagen (zur sozialen Entwicklung) getroffen. Doch in den reicheren Ländern wird sich ein Großteil der Mittelklassen gegen eine Ökologie stellen, die als eine Gefährdung ihrer Wohlstandsentwicklung betrachtet wird, weil die Rücksichtnahme auf die Umwelt als eine Begrenzung ihrer Kaufkraft erscheint! Tatsächlich fasziniert heute die Ökologie die ganz Armen und die ganz Reichen während sie die Mittelklassen (und das schließt die Lohnarbeiterschaft ein) der Schwellenländer irritiert. Wir gelangen daher zu der Ansicht, daß sich die Ökologie und die sozialistische Bewegung des 20. Jahrhunderts seit deren Erscheinen innerhalb des Kapitalismus über die Möglichkeiten eines Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit, die nicht nachhaltig sind, auseinanderentwickelt haben - diese Differenzen sind von sehr grundlegender Art.
Die erste Differenz besteht darin, daß der ökologische Materialismus nicht mehr theologisch ist, während die theoretischen Prinzipien des Sozialismus und die Marxisten die These teilen, daß die Entwicklung der Produktivkräfte jedem sozialen und moralischen Fortschritt zugrunde liegen. Das heißt je mehr man über die Aneignung der Nature wisse, desto besser könne man leben. Darauf antworten die moderaten Ökologen »das hängt davon ab,« und die radikalen Ökologen erwidern »im Gegenteil verschärft die Entwicklung der Produktivkräfte nur die Lage«. Ich für meinen Teil bin ein moderater Ökologe. Die Ökologen teilen nicht die Vorstellung von einer Geschichte, in der die Entwicklung der Produktivkräfte - oder mit anderen Worten die Einwirkungsmöglichkeit auf die Natur - unmittelbar den Fortschritt determiniert. Da kann es Abzweigungen und Kehrtwendungen geben, Fortschritte auf dem einen und Rückschritte auf dem anderen Gebiet, Fortschritte in der einen Epoche, die Rückschritte in einer anderen hervorrufen.
Die zweite Differenz bezieht sich auf den Historizismus. Wir können nicht mehr der Auffassung sein, daß es einen bestimmten Moment gibt, an dem die Eule der Minerva ihren Flug beginnt. Es gibt keinen archimedischen Punkt, auch keinen allerletzten, an dem sich die Vergangenheit oder die Zukunft aufklären. Heute weiß man, daß selbst die Definition des »guten Lebens«, daß das, was man zum guten Leben braucht, Gegenstand einer permanenten Auseinandersetzung ist, die ohne Zweifel niemals gelöst sein wird - nicht allein deshalb, weil es etwa immer Unterdrückte und Unterdrücker gäbe, sondern weil die Probleme komplex und oft unentscheidbar sind. Zum Beispiel wurden die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen als natürlich und konsequenterweise als außerhalb des Feldes politischer Verhandlung liegend betrachtet. Die Griechen hielten Rat unter Männern und dachten nicht im Traum an die Möglichkeit, das Stimmrecht auch den Frauen zu gewähren. Warum haben die Frauen das Stimmrecht erst erhalten, nachdem die Lohnarbeiterschaft die Anerkennung freier Gewerkschaften durchgesetzt hat? Die Ordnung, in denen soziale Bewegungen es schafften, ihre Bestrebungen zur Geltung zu bringen, ist eine ziemlich chaotische und unvorhersehbare Sache!
Außerdem spricht nichts dafür, daß die Menschheit eines Tages einen Zustand völliger Transparenz ihrer selbst erreichen wird, wo jede und jeder wüßte, was er oder sie will und wo es möglich sein würde, eine Lösung zu finden, die von der ganzen Gesellschaft akzeptiert werden könnte. Man kann sogar zeigen, daß es niemals ein Verfahren gibt, im Individuen in Übereinstimmung zu bringen, und seien sie noch so vernünftig - die Psychoanalyse erinnert uns daran, daß es ein rein vernünftiges Individuum nicht geben kann. Ist also die Verwandlung eines Dickichts in einen Garten gut oder schlecht? Wir wissen es nicht: Alles hängt von den Wünschen, der Menge der Dickichte, der Dschungel oder der Gärten um uns herum ab. Die Ästhetik ist nicht Gegenstand der Demokratie. Begreifen wir endlich, daß es niemals einen Moment geben wird, an dem sich die Geschichte wiederholt!
Wir wissen, daß jede Definition von »Fortschritt« die Forderung nach Nachhaltigkeit nach sich zieht, das heißt, daß der Imperativ » Du sollst nicht töten!« gegenwärtig zu »Handle so, daß Du nicht den Tod eines Individuums in Kauf nimmst, weder über mehrerer Generationen hinweg noch an anderen Ende der Welt« wird. Darüber hinaus fordert man von jedem und jeder:»Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu«. Dieses Gebot führt zu einer komplexen Problemstellung, die auch in der Kantischen Formulierung nicht völlig deutlich wird, obwohl sie den christlichen Imperativ aus dem religiösen Kontext herauslöst (»Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne«)3. Denn was an Gutem können die Einwohner von Bangladesh in zwei Generationen verlangen, was man ihnen heute nicht schon läßt? Wenn die Definition des Fortschritts im Jahrhundert der Aufklärung bedeutete, mit der jüdisch-christlichen Tradition zu brechen, versetzte man sich in das Bild, das der Prophet Jesaja dem Paradies zuschreibt:»die Täter werden zugeschüttet und die Berge abgetragen sein«. Ein Ökologe, der sein Tal in den Pyrenäen verteidigt, wird nicht ohne weiteres diesen Satz als Definition des Paradieses akzeptieren!
Wir wissen also selbst nicht mehr, was künftigen Generationen als »besser« gilt. Es ist daher notwendig, auf demokratische Weise, das heißt durch offene Beratung, den evolutiven Inhalt des Fortschritts zu bestimmen. Sind wir deshalb völlig orientierungslos? Nein, denn eine bestimmte Reihe von Werten gilt uns als gesichert, sei es das Prinzip der Diskussion (im Sinne von Habermas), sei es im Hinblick auf das, was sich uns im Angesicht des Anderen zeigt (wie Levinas das meint). Welche Werte sind dies? Der Wert der Autonomie: zu einer Situation zu kommen, in der jede und jeder möglichst auf seine Art und Weise die Entscheidungen trifft. Der Fortschritt bestünde in einer Gemeinschaft, in der die Individuen danach streben, mehr und mehr die Folgen ihrer Handlungen zu sehen. Der Wert der Solidarität, erster Ansatz der Nachhaltigkeit: Niemand darf außer Acht gelassen werden, die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse mißt sich an der Befriedigung derjenigen, die am meisten von den Menschen vernachlässigt wurden. Der Wert der Verantwortlichkeit, zweiter Ansatz der Nachhaltigkeit: Was heute für uns gut ist, muß auch für morgen geschützt werden. Das sind die Werte, die die menschliche Gattung braucht, um dem furchterregenden 21. Jahrhundert die Stirn zu bieten.
Diesem Text liegt ein Vortrag zugrunde, der im November 1996 im Seminar von Jean-Francois Chevrier in der ENSBA in Paris gehalten wurde.
Literatur
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte, Bd. 2, ... Heft 3, § 34), Hamburg 1991.
Hegel, G.W.F: Grundlinien der Philosophie. Werke in 20 Bänden, Bd. 7, ....... Frankfurt am Main 1970, S. 28.
Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft. Frankfurt am Main 1980. (A 54, S. 140).
