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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Herren der Schöpfung - gescheitert

Mit einer gewaltigen Lobbystrategie hat der Agro-Konzern Monsanto versucht, von Großbritannien aus Europa für Gen-Food reif zu machen - eine Fallstudie

Von Jürgen Krönig und Thomas Fischermann

Ein Konzern ist in die Hölle gestürzt. Das Bild mutet biblisch an, stammt aber von einem Insider der Biotech-Branche: Bei einer Konferenz über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel (GMO) zog mit diesen Worten kürzlich ein Novartis-Vorstandsmitglied über die Kollegen beim amerikanischen Konzern Monsanto her.

Seinen Kritikern hatte der Saatgut- und Pestizidgigant zwar schon immer als Frevler an der Schöpfung und Inbegriff rücksichtsloser Konzernmacht ("MonSatan") gegolten - doch jetzt schimpfen sogar die ehemaligen Verbündeten. Monsantos ehrgeizige Strategie, GMO mit der Brechstange einzuführen, ist kläglich gescheitert. Das Unternehmen verlor bei der Aktion seine Unabhängigkeit, musste sich mit dem Konkurrenten Pharmacia & Upjohn zusammenschließen, brachte die ganze Branche ins Schlingern. "Die haben uns allen einen schlechten Dienst erwiesen", zürnte der Novartis-Manager.

Mit diesem Ausgang hätte die Monsanto-Führungsmannschaft um den charismatischen Robert "Bob" Shapiro wohl am wenigsten gerechnet, als sie zur Mitte der neunziger Jahre ihren Vorstoß auf den europäischen Markt plante. In den USA hatte die Strategie der "stillen Biotechnologie-Revolution" bestens funktioniert: Millionen Verbraucher verzehrten unbesorgt, weil ungefragt Soja und Mais aus den Monsanto-Labors. Die Clinton-Regierung hatte geholfen, die Wissenschaft sang das Lied vom Segen der Gentechnologie. Die meisten Medien ignorierten das Thema. Allerdings drängte in Europa die Zeit. Die intensive Landwirtschaft geriet in der Alten Welt gerade in die Kritik. Der Absatz von Agro-Chemikalien stagnierte, die Nachfrage nach Bioprodukten zog an.

Die genetische Revolution war da auch als grandioser Gegenschlag gedacht. Einmal realisiert, würde sie den dauerhaften Umsatz mit Kunstdünger, Herbiziden und Pestiziden sowie dem dazu passend entworfenen Saatgut garantieren. Wie es Monsanto schon mit seinem Schädlingsbekämpfungsmittel Roundup und dem dagegen resistenten Roundup-Ready-Saatgut vorgemacht hatte. Die Biotech-Branche würde sich eine Macht aneignen, die vorher noch keiner hatte: Kontrolle über einen Teil der menschlichen Nahrungskette, Privatbesitz an den Bausteinen des Lebens selber. Konzerne als Herren der Schöpfung.

Monsanto suchte sich Großbritannien als ein Sprungbrett nach Europa aus. Neben der Eroberung des britischen Marktes erhoffte man sich dort auch Unterstützung in der europäischen Politik. Die Strategie der "stillen Revolution" sah vor, sich auf die politischen und wissenschaftlichen Eliten zu konzentrieren. Dafür was das Klima in Großbritannien günstig.

Es machte überhaupt nichts, dass auf der Insel im Mai 1997 die konservative Regierung abgelöst wurde, die sich bis dahin als stiller Wegbereiter für Monsantos Produkte erwiesen hatte. Mit Tony Blair übernahm ein Politiker das Ruder, der begeistert an die Segnungen des technischen Fortschritts glaubte. Der Premier blieb auch dann noch ein engagierter Vorkämpfer für GMO-Produkte, als in der Bevölkerung längst die Skepsis wuchs und die Medien immer feindseliger über "Frankenstein-Food" und den Erbgut-Kapitalismus berichteten. Einmal erklärte er sogar, dass bei ihm zuhause selbstverständlich GMO-Produkte auf dem Speiseplan stünden.

Viele Minister bestärkten Blair auf seinem Kurs: Sein damaliger Landwirtschaftsminister Jack Cunningham war schon lange als Förderer der Chemie- und Atomindustrie bekannt. Eine Schlüsselberaterin Cunninghams in Gentechnik-Fragen würde später in die Dienste der PR-Agentur Bell-Pottinger wechseln, die Monsanto beriet. Über den Wissenschaftsminister Lord Tim Sainsbury sollte bald bekannt werden, dass er selber an diversen Biotech-Unternehmen beteiligt war. Der damalige Vorsitzende des Agrarausschusses, der Konservative Peter Luff, musste im April 1999 zurücktreten, weil er dem Parlament seine lukrativen Bindungen mit Pro-GMO-Lobbyisten verschwiegen hatte. Und so weiter.

Monsanto versuchte also ein Spiel auf der Insel, das der Konzern in den USA bereits zur Perfektion gebracht hatte: die revolving doors, die Personalverquickung mit der herrschenden Administration und die Sympathie fördernde Aussicht auf lukrative Jobs für Beamte und Politikerassistenten. Konzernkritiker in den USA haben Monsanto schon als ein Pensionat für ehemalige Clinton-Mitarbeiter bezeichnet. Weil die Beziehungen zwischen Clintons Neuen Demokraten und den Blair-Reformern ohnehin eng waren, hatte Blairs Amtsantritt für Monsanto noch einen Vorteil: Stan Greenberg, ein ehemaliger PR-Experte von Bill Clinton, spann damals im Auftrag des Biotech-Konzerns die ersten Fäden zu New Labour. Die US-Handelsdelegation kämpfte entschlossen für die Biotechnologie und bemühte sich um angloamerikanischen Gleichschritt. Und tatsächlich erwies sich die britische Regierung im europäisch-amerikanischen Dauerdisput über GMO-Importe, Trennung und Kennzeichnungspflicht als ausgesprochen hilfreich für die Biotech-Branche.

Blair und seine Kabinettskollegen waren aber nicht nur unter den Einfluss der Lobbyisten geraten, sondern auch Opfer ihrer wissenschaftlichen Berater geworden. Auch das war kein Zufall. Die Beraterstäbe der Regierung waren seit Jahren mit wohlwollenden Fachleuten besetzt. Fünf wissenschaftliche Komitees waren an dem Entscheidungsprozess der Regierung beteiligt, und 40 Prozent aller Mitglieder darin waren direkt mit der Biotech-Branche verbunden - allen voran mit Monsanto. Im besonders wichtigen Acre-Komitee, das sich mit den Umweltfolgen befasst, verdienten angeblich zehn von 13 Experten ihr Geld bei Monsanto & Co, darunter der Vorsitzende. Folge: Alle 160 Eingaben zugunsten des Anbaus von GMO-Produkten, die bis Juni 1999 bei Acre eingingen, wurden gebilligt. Das Novel Foods Committee, das in Großbritannien über die Lizenzvergabe von GMO-Produkten entscheidet, war zu mehr als der Hälfte mit Biotech-Vertretern besetzt (bei der einzigen Repräsentantin der Verbraucher handelte es sich um die Ehefrau des Direktors der britischen Drogeriekette "Boots").

Lange vor Blairs Amtsantritt war es auch etablierte Praxis, dass Monsanto in Kooperation mit dem Agrar- und Gesundheitsministerium Argumentationshilfen von "unabhängigen Experten" zusammenstellte - die an Ministerialbeamte wie an Wissenschaftsredaktionen weitergeleitet wurden. Labour trieb die Sache noch weiter. Eine eigens eingerichtete GMO-Einheit sollte die Propaganda wirkungsvoller organisieren. Es wurden Listen mit positiv eingestellten und kommunikationsfähigen Wissenschaftlern zusammengestellt, um in den Medien aufzutreten. An geeigneten Kandidaten herrschte kein Mangel, weil die meisten Experten auf dem Feld längst direkt oder indirekt für die Branche arbeiteten.

Mancher Abweichler wurde im Zuge der Kampagne mundtot gemacht. Das nicht gerade GMO-feindliche Wissenschaftsmagazin New Scientist sprach 1999 in einem selbstkritischen Artikel von der Dominanz von "Corporate Science", die den Interessen der Konzerne diene. Auch der britische Umweltminister Michael Meacher hat solche Probleme gegenüber der ZEIT eingeräumt: "Es ist mir sehr wohl bewusst, dass es heute schwierig ist, in solchen Fragen unabhängige Wissenschaftler zu finden." Meacher begann im Frühjahr 1999 schon selber, im GMO-Komitee Acre Branchenvertreter durch unabhängigere Geister auszutauschen.

Da war es aber schon zu spät. Das Vertrauen der Öffentlichkeit war in den Monaten davor nachhaltig erschüttert worden: Die Presse war überwiegend feindselig geworden, einige Blätter betrieben gar Kampagnen gegen "Frankenstein-Food". Gefüttert wurden sie mit Material von Umweltgruppen wie Greenpeace und Friends of the Earth, die den Kampf seit 1998 verschärft hatten. Sie sorgten dafür, dass keine schlechte Nachricht über GMO ungehört verhallte - ob es der GMO-Tod des Monarch-Schmetterlings war, ob es geschäftliche GMO-Interessen von Ministern oder Bauernproteste in Indien waren. Später erhielten die Non Government Organisations (NGO) dafür sogar höchstes Lob des Magazins PR Week. All das fiel schnell auf fruchtbaren Boden bei den Briten - denn dort hatte die Rinderseuche bereits eine tief misstrauische Grundstimmung hinterlassen. Je häufiger Zeitungen nun von Verbindungen zwischen Politik, Wissenschaft und Industrie berichteten, desto größer wurde die Skepsis gegenüber allen dreien.

Das zeigten mehrere Umfragen, und auch die PR-Berater von Monsanto merkten es schnell. Im Herbst 1998 schrieben sie in einem internen Papier, wie schnell sich die Stimmung gedreht hatte: Da ist von einem "Kollaps des Vertrauens" die Rede, das Klima in Großbritannien sei nun "extrem ungünstig" für Biotech. Und auch "die Medienelite fühlt sich verpflichtet, auf mögliche Gefahren hinzuweisen und die Einführung in einem Informationsvakuum zu verhindern". Doch Monsanto kämpfte eigensinnig weiter, während andere Konzerne längst wegtauchten. Die Führung um Shapiro schien nicht zu begreifen, wie psychologisch explosiv die Gentechnik in Großbritannien wie auch sonst in Europa geworden war. Lange galt das auch noch für Blair und seine Mannschaft. "Die starke Reaktion in der Bevölkerung hat unsere Regierung klar überrascht", gab Umweltminister Meacher im vergangenen Herbst zu. Blair selber vollführte zu Beginn dieses Jahres - unter Meachers Einfluss - eine Kehrtwendung und warnt nun selber vor "möglichen Gefahren".

Monsantos Rettungsversuche verschlimmerten die Situation noch. Hastig nachgeschobene PR-Anzeigen fürs breite Volk machten das Unternehmen eher zum Gespött - etwa die Aussage, Monsanto habe die Gennahrung aus Mitleid für die Dritte Welt entwickelt. Andere Anzeigen brachten dem Konzern eine Rüge der Werbeaufsicht ein: "Irreführung der Öffentlichkeit". Bei seiner "Überrumpelungstaktik" versäumte es Monsanto zu allem Überfluss auch noch, die Vertreiber der GMO-Produkte - also die Supermärkte - in eine Pro-GMO-Allianz fest einzubinden, etwa durch die Zusage besserer Gewinnspannen. Doch das Gegenteil war der Fall: Als das High-Tech-Gemüse von den ersten Verbrauchern boykottiert wurde, stellten sich die Supermärkte bald als wankelmütige Bundesgenossen heraus. Anfang 1999 wetteiferten alle Supermärkte, wer am schnellsten GMO-Nahrung aus den Regalen entfernen könne.

Dieser Klimaumschwung war freilich nicht nur ein britisches Phänomen - er wurde von globalen Rückschlägen begleitet, die Monsantos Talfahrt nur noch beschleunigten. Im Sommer vergangenen Jahres erklärte sich der größte amerikanische Exporteur aus Sorge um den europäischen Markt bereit, GMO und natürliche Produkte zu trennen, was man bis dahin als "unmöglich" bezeichnet hatte. Die US-Regierung ging auf behutsame Distanz zu Monsanto und befürwortete plötzlich eine Kennzeichnungspflicht. Die hatte die Blair-Regierung kurz zuvor bereits allen gastronomischen Betrieben des Landes vorgeschrieben.

Es sollte noch schlimmer werden für den Konzern, der vor wenigen Jahren noch als erklärter Liebling von Wall Street galt. Anlageberater rieten dazu, Monsanto-Aktien abzustoßen. In Frankreich trafen sich durch Greenpeace-Vermittlung Premier Lionel Jospin und der amerikanische GMO-Gegner Jeremy Rifkin. In den USA wurde der Konzern wegen "ungenügender Tests vor Einführung von GMO-Saatgut in vielen Teilen der Welt" verklagt. In der EU wurde - gegen den Widerstand Londons - ein De-facto-Moratorium für den Anbau von GMO-Produkten durchgesetzt. In mehreren Ländern verwüsteten Umweltschützer Versuchsfelder - auch in Großbritannien, wo die Mais- und Rübenkriege gefeierte Medienhelden schufen.

Monsantos grandiose Vision von der Biotech-Revolution lag in Trümmern. Im Herbst mussten die Konzernherren den Gang nach Canossa antreten. Auf einer Konferenz von Greenpeace präsentierte sich ein reumütiger Robert Shapiro. Monsantos einst so selbstsicherer Vorstandsvorsitzender war, zugeschaltet per Satellit, nicht wiederzuerkennen. "Wir haben Fehler gemacht", sagte er. Seine Karriere bei Monsanto endet in diesem Sommer.

Doch eigentlich hat die Biotech-Branche nie daran gedacht aufzugeben. In Großbritannien wurde eine Schlacht verloren, doch den Krieg glauben viele Brancheninsider noch zu gewinnen. "Es gibt durchaus Leute, die die gescheiterte Monsanto-Kampagne als einen lehrreichen Test sehen", sagt ein PR-Berater. Die Gangart müsse behutsamer sein, man müsse auf Dialog und Information setzen, heißt es in der Industrie. Dabei kann es am Ende keinen Kompromiss geben: Entweder führt man GMO ein oder nicht. Die Biotech-Branche setzt im Augenblick auf die Bereitschaft vieler Länder, vor allem der Dritten Welt, ihr Saatgut zu verwenden - und breitet sich dort kräftig aus. Zugleich will sie im reichen Westen die Verbraucher mit Produkten locken, deren Nutzen man gleich erkennt - so genannte Functional Foods: Süßspeisen, die nicht dick machen, Gemüse, das wie Medizin wirkt. Und in vielen Ländern gehen die Anbautests für GMO-Nahrung weiter. "Einführung durch die Hintertür", sagt John Sauven, Kampagnendirektor bei Greenpeace.

In Großbritannien sind es allerdings nur noch 47 Felder anstatt der eigentlich geplanten 60. Einige Bauern haben gekniffen. Die Raps- und Rübenkriege gehen nämlich auch nach der vorläufigen Niederlage von Monsanto weiter. Weil die Regierung die Lagepläne der Versuchsfelder nach wie vor veröffentlicht, konnten grüne Aktivisten an bereits mit neuen Zerstörungsaktionen beginnen. Trampelfeste GMO-Produkte sind noch nicht erfunden.

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