Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Multis einmal anders

Auf Initiative der Uno verpflichten sich Weltkonzerne, Umweltschutz und Menschenrechte zu fördern

Von Christian Tenbrock

Weltkonzerne - für die Gegner der Globalisierung sind sie Buhmänner par excellence: unkontrollierbar, ohne Interesse an der sozialen Gerechtigkeit oder dem Umweltschutz, Inbegriff einer nur dem Profit dienenden Welt. Was aber, wenn Multis einmal nicht als Gegner gesehen werden, sondern als Partner bei der Lösung der Globalisierungsprobleme?

Diesen Ansatz versuchen jetzt ausgerechnet die Vereinten Nationen (Uno) - jene Organisation, die noch vor zwei Jahrzehnten zu den schärfsten Kritikern der transnationalen Unternehmen gehörte und einst sogar eine strenge "Aufsichtsstelle" für die Multis schaffen wollte. Vor zwei Wochen trafen sich im UN-Hauptsitz am New Yorker East River Vertreter von 45 internationalen Konzernen - und außerdem Delegierte von Arbeitgeberverbänden, Gesandte von Gewerkschaften und einem Dutzend Umwelt- und Menschenrechtsgruppen. Sie unterzeichneten den Global Compact: eine Vereinbarung, in der sich die Unternehmen dem Umweltschutz, den Arbeiter- und Menschenrechten verpflichten.

Der Pakt ist der jüngste in einer langen Reihe von Versuchen, weltweit tätige Firmen an all ihren Standorten zu verantwortungsvollen "Unternehmer-Bürgern" (corporate citizens) zu machen. Bürgergruppen haben in den vergangenen Jahren Erfolge mit Boykottdrohungen und Demonstrationen gefeiert: Sie zwangen zum Beispiel Konzerne wie die Sportschuhhersteller Nike und Reebok, ihre Unternehmenspolitik in Entwicklungsländern zu ändern. Zahlreiche Unternehmen haben inzwischen aus eigener Initiative interne Verhaltenskodizes aufgestellt. Die OECD aktualisierte gerade erst ihre Richtlinien für die weltweiten Geschäfte der Multis - als Vorlage, an der sich solche freiwilligen Firmenkodizes orientieren sollen.

Das Neunpunkteprogramm im Global Compact fordert die Unternehmen - ebenfalls auf freiwilliger Basis - dazu auf, schon lange bestehende Prinzipien der Uno zu achten. Im Rahmen ihrer Einflussmöglichkeiten sollen sie für die Abschaffung der Kinder- und Zwangsarbeit sorgen, Diskriminierung am Arbeitsplatz beenden und sich für Gewerkschaftsrechte, einen wirksamen Umweltschutz und die Verbreitung umweltfreundlicher Technologien einsetzen. Unterzeichnet haben bisher unter anderem DaimlerChrysler, die Deutsche Bank, Bayer, Volvo, Unilever, Royal Dutch/Shell, Nike, die Pharmafirmen Novartis und Aventis und der Industriegigant ABB. "Wo immer sie tätig sind, sollten diese Firmen nicht darauf warten, dass ihnen etwas vorgeschrieben wird", sagt Georg Kell, einziger Deutscher im Kabinett von UN-Generalsekretär Kofi Annan und Autor des Aktionskatalogs. "Sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen."

Den Anstoß für den Compact hatte Kofi Annan persönlich gegeben. Er bemüht sich schon seit Amtsantritt um ein besseres Verhältnis zwischen Uno und der internationalen Geschäftswelt - und um den Dialog in Sachen Globalisierung. Weil multinationale Unternehmen für Annan "die Ersten sind, die von der Globalisierung profitieren", müssten sie auch "einen Teil der Verantwortung bei der Bewältigung ihrer Folgen übernehmen". Glaubt man den Worten mancher Firmensprecher, ist die Botschaft auf offene Ohren gestoßen. "Ohne die aktive Beteiligung von Unternehmen und Arbeitgeberverbänden", sagt Michael Hoelz von der Deutschen Bank, seien Fortschritte bei der Lösung der Globalisierungsprobleme nicht erzielbar. Aventis, so der Sprecher Volker Straub, sei dem gesellschaftlichen Leitbild einer "nachhaltigen Entwicklung" verpflichtet, die wie der Global Compact "wirtschaftliche, soziale und umweltbezogene Ziele in Einklang" bringen wolle. Globalisierung verlange von Unternehmen "verantwortungsbewusstes Handeln", meint auch DaimlerChrysler-Repräsentant Matthias Kleinert.

Trotz aller schönen Worte sind im Global Compact keine Sanktionen gegen Firmen vorgesehen, die den Pakt zwar unterschreiben - aber nicht befolgen. Dennoch soll es nicht nur bei Ankündigungen bleiben. Alle Teilnehmer wurden von der Uno aufgefordert, konkrete Aktionen vorzustellen. Daimler verwies schon auf ein Umweltprojekt im Amazonas, Aventis auf seinen Beitrag zu einem weltweiten Immunisierungsprogramm, die Deutsche Bank auf ihren Geschäftskodex, nach dem die Vergabe von Krediten strengen moralischen Standards unterliege. Die Uno stellt solche Beispiele ins Internet (http://www.un.org/partners/business).

Zugleich wollen sie im Dialog mit Firmen, Gewerkschaften und weltweit tätigen Umwelt- und Menschenrechtsgruppen wie amnesty international oder Oxfam einen Katalog "bester Praktiken" unter den Unternehmen erstellen. Das soll ein Ansporn für Manager und Geschäftsleute sein - aber auch lokalen Initiativen Material an die Hand geben, mit dem sie auf Regierungen, Unternehmen und Konzerne einwirken können.

Die UN-Organisatoren hoffen auf eine Art Massenbewegung: In drei Jahren sollen sich 100 multinationale Konzerne und etwa 1000 weitere Großunternehmen aus allen Teilen der Welt zu den Prinzipien des globalen Aktionsprogramms bekannt haben. Das ist allerdings ein hoch gestecktes Ziel. Amerikas Großkonzerne etwa glänzen auf der Liste der Erstunterzeichner noch durch weitgehende Abwesenheit. Viele denken offensichtlich nicht an eine Teilnahme, weil ihnen die in den UN-Statuten verbürgten Arbeiterrechte schon im eigenen Land ein Dorn im Auge sind.

Konzernkritiker und radikale Bürgerrechtsgruppen lehnen unterdessen den Pakt als Augenwischerei ab - als eine weitere wohlklingende, aber folgenlose PR-Aktion. Das New Yorker Global Policy Forum sieht in ihm den ersten Schritt zum "Ausverkauf" der Vereinten Nationen "an Big Business". Die Soziologin und Globalisierungsforscherin Saskia Sassen fürchtet sogar, dass solche Aktionen die Aufsicht über die Multis schwächen könnten. "Das bestehende System der Nationalstaaten und internationalen Behörden hat durchaus Möglichkeiten, die Konzerne stärker zur Verantwortung ziehen - internationale Kooperation und den politischen Willen vorausgesetzt", sagt die Professorin an der Universität Chicago. "Jetzt besteht die Gefahr, dass man eines Tages sagt: Dafür sind wir nicht zuständig, die Vereinten Nationen kümmern sich darum." Und ob die Uno dafür die geeignete Stelle wäre, erscheint fraglich. Sie hat nicht mal Geld: Selbst der UN-Etat für den Umweltschutz ist viermal kleiner als das Jahresbudget der New Yorker Feuerwehr.

Doch manchmal kann bekanntlich schon der Dialog Wunder wirken. Plötzlich hören leitende Angestellte in Weltkonzernen - denen Geldverdienen und Shareholder-Value lange Zeit als einziges Credo eingebläut wurde - ihre Chefs von globaler Verantwortung und sozialem Zusammenhalt reden. "Uns ist es egal, von wem der Anstoß zur Diskussion dieser Fragen ausgeht", sagt DaimlerChrysler-Sprecher Kleinert. "Wichtig ist nur, dass er kommt."

© 2006-2009 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz