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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die großen Verlierer der Globalisierung

Thorsten Stegemann 17.08.2003

Indigene Völker sind weiterhin vom Aussterben bedroht

Der Umstand, dass es überhaupt einen Internationalen "Tag" der indigenen Völker gibt, lässt für seine 364 Begleiter Schlimmes befürchten. Und tatsächlich kollidieren Feiertagsreden und gutgemeinte Absichtserklärungen selten so massiv mit der Realität wie im Fall der indigenen Völker. Denn dass sich an der Situation der rund 300 Millionen Menschen, die heute noch in etwa 5.000 Ureinwohnergruppen zusammenleben, etwas ändert, weil Mitte August an ihre historischen und kulturellen Verdienste und vielleicht sogar an ihre Selbstbestimmungsrechte erinnert wird, glaubt vermutlich nicht einmal mehr Kofi Annan. Obwohl sich der Generalsekretär der Vereinten Nationen auch in diesem Jahr aufraffte, die Weltgemeinschaft darauf hinzuweisen, dass sie von den indigenen Völkern "viel lernen könne" und prinzipiell verpflichtet sei, deren "Rechte und Kulturen zu schützen und zu fördern".

Diese schöne Aufgabe könnte sich allerdings bald von selbst erledigen, denn nüchterne Beobachter und engagierte Menschenrechtsorganisationen rechnen damit, dass die indigenen Völker noch weiter ins Abseits gedrängt werden und ihr spezifischer Beitrag zur Geschichte der Menschheit in absehbarer Zeit unwiederbringlich verloren geht.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker spricht deshalb von den "großen Verlierern der Globalisierung" und befürchtet, dass insbesondere kleinere Gruppen, die in ökologisch sensiblen Regionen leben und arbeiten, vom baldigen Aussterben bedroht sind. Bislang seien die Vereinten Nationen nicht in der Lage gewesen, ihren erklärten Absichten auch Taten folgen zu lassen und die Ureinwohner "vor dem rücksichtslosen Abbau von Bodenschätzen durch internationale Konzerne, dem Kahlschlag ihrer Regenwälder durch Holzfirmen oder dem Aufstauen von Flüssen für die Stromerzeugung durch weltweit agierende Energieunternehmen zu schützen".

Landraub und Umweltzerstörung untergraben so die natürlichen Lebensgrundlagen der indigenen Völker, die sozial deklassiert und in vielen Fällen auch noch politisch unterdrückt werden. Ein aktueller Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) weist beispielsweise darauf hin, dass sämtlichen 84 Eingeborenengruppen in Kolumbien die endgültige Vertreibung aus ihren angestammten Heimatgebieten droht. Nicht viel besser sieht es in Chile aus, wo die Mapuche-Indianer, die immerhin zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, unter katastrophalen Bedingungen leben müssen.

Wer öffentlich gegen die unendlich facettenreichen Benachteiligungen protestiert, kann sich keineswegs auf die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Mapuche berufen, die nach dem Sturz des Pinochet-Regimes werbewirksam erlassen wurden. amnesty international notiert stattdessen im Jahresbericht 2003: "Im Zusammenhang mit den anhaltenden Landstreitigkeiten im Süden Chiles kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen indigenen Gemeinschaften und den Ordnungskräften, in deren Verlauf Carabineros, Angehörige der uniformierten Polizei, in exzessiver Weise Gewalt angewandt haben sollen." Derzeit sitzen nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker über 100 Mapuche-Indianer ohne Gerichtsverfahren in Haft.

Doch die Formen der Unterdrückung und Bedrohung sind vielfältig. In Ecuador muss sich die indianische Bevölkerung mit den Ansprüchen der Ölkonzerne auseinandersetzen, im Norden Russlands kämpfen die Ureinwohner Sibiriens mit den militärischen und atomaren Restbeständen einer ehemaligen Weltmacht. Die Reihe der Beispiele ließe sich - wer hätte anderes wartet - natürlich beliebig fortsetzen.

Dass es aber auch anders gehen könnte, scheint sich in Brasilien anzudeuten. Die dortige Indianerbehörde "Fundação Nacional do Índio" ( FUNAI) will die 18 Indianerstämme, die heute noch nahezu vollständig isoliert im Amazonasbecken leben, in Zukunft weiterhin vor Kontakten zur Außenwelt schützen. Für diese Entscheidung waren zum einen medizinischen Gründe ausschlaggebend, weil der Rückgang der Bevölkerung von mehreren Millionen auf geschätzte 350.000 nicht nur auf die Mordlust der europäischen Eroberer, sondern auch auf Krankheiten zurückgeführt wird, gegen die sich das Immunsystem der Ureinwohner offenbar nicht wehren konnte. Für die Behörde, die nur noch Beobachtungsexpeditionen in das Gebiet entsenden will, spielen darüber hinaus humanitäre, kulturelle und ökologische Überlegungen eine Rolle. Denn wenn die Indianer keinen Besuch bekommen, bleibt auch ihr Urwald bis auf weiteres unberührt.

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