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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Immer noch die Putz- und Schutzkolonne

Der Rio-Erdgipfel betonte die Rolle der Frauen beim Umsteuern, richtig ans Steuer ließ man sie nicht
Von Christa Wichterich

In Rio hatten Frauen einen starken Auftritt. Gut organisiert bestritten Frauenorganisationen im größten Zelt des Global Forums der Nichtregierungsorganisationen - Planeta Femia - zwölf Tage lang spannende Veranstaltungen. Gründlich vorbereitet übten sie sich in systematischer Lobby-Arbeit. Mit Erfolg. In das Aktionsprogramm seien auf ihr Betreiben ein ganzes Kapitel und 145 Formulierungen eingegangen, freut sich das Netzwerk "Wedo" noch heute.

Tatsächlich würdigt das Kapitel 24 der Agenda 21 Frauen als "bedeutende gesellschaftliche Gruppe", ohne die nachhaltige Entwicklung nicht zu machen ist. Damit bricht es mit dem Opfer-Blick auf Frauen und erkennt sie als sachkompetente Akteurinnen für die Nachhaltigkeitswende an. Die Botschaft ist aber auch: Entwicklung ist nur zukunftstauglich, wenn sie die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern beseitigt.

"Wenn es um den Schutz unserer Lebensgrundlagen geht, stehen wir Frauen in der ersten Reihe", sagen die Thailänderinnen, die sich im Nordosten des Landes führend am Widerstand gegen Staudämme, Eukalyptusplantagen und industrielle Verschmutzung beteiligten. In der Ukraine war es "Mama 86", eine nach der Tschernobyl-Katastrophe gegründete Frauenorganisation, die in den 90er Jahren die Verschmutzung des Trinkwassers durch Pestizide, Industrie und Bergbau wegen der akuten Gesundheitsgefährdung auf die Tagesordnung setzte.

Gerade im Zuge der Globalisierung erleben Frauen in den Ländern des Südens, wie ihnen die existenzsichernden natürlichen Ressourcen im Wortsinn unter den Füßen und aus den Händen weggezogen werden. Den Landarbeiterinnen im Nordosten Brasiliens wird das Wasser für ihre kleinen Felder von der Agroindustrie, die auf Plantagen saftiges Obst für den Export anbaut, abgegraben. Die Aquakulturen in Mittelamerika und Süd- und Südostasien, in denen Krabben und Garnelen für die Speisekarten Japans, Europas und Nordamerikas mit großem Fungizid- und Hormoneinsatz gezüchtet werden, verpesten Grundwasser und küstennahe Felder.

Gemeinschaftsgüter wie Brach- oder Weideland, Gewässer und Gemeindewälder, die gerade die Ärmsten in den Dörfern nutzen, werden zunehmend privatisiert. "Biopiraterie" und direkten Raub an den Produktionsmitteln und den überbrachten Kenntnissen der Frauen nennt die indische Umweltexpertin Vandana Shiva das Patent, das die US-Firma RiceTec 1997 auf Basmati-Reis erwarb. Basmati ist eine von hunderten Reissorten, die von indischen Bäuerinnen über Generationen und Jahrhunderte gezüchtet und weiterentwickelt wurden.

Frauen, die in allen Kulturen die Hüterinnen von Saatgut waren, haben von Simbabwe bis Bangladesh begonnen, ihre Traditionen wiederzubeleben, einheimische Sorten zu sammeln, an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und zu tauschen. "Unsere Männer fahren immer wieder auf das Saatgut ab, das die Regierung und große Firmen anpreisen", beklagen südindische Kleinbäuerinnen die männliche "Fortschrittsgläubigkeit". Das teure Hybridsaatgut bringt oft mehr Schulden als Ernteerträge und braucht viel Wasser und Pestizide.

Natürlich ist nicht alles Frauenwissen und alle Ressourcenbewirtschaftung durch Frauen automatisch umweltschonend. Aber Sicherheit ist für Frauen die zentrale Achse, um die sich alles dreht - Sicherheit des Überlebens, der Ernährung, der Versorgung. Auch wo sie für die Selbstversorgung Wälder plündern und Felder übernutzen, sagt ihnen ihr Sicherheitsdenken, dass sie einen Ausgleich zwischen Ressourcennutzung und -schutz herstellen müssen - sonst zerstören sie ihre eigene Lebensgrundlage.

"Das Vorsorgeprinzip halte ich für ein Frauenprinzip", sagt die Biologin Christine von Weizsäcker. Ihr gelang es im Bündnis vor allem mit anderen Expertinnen, bei den Verhandlungen des Protokolls zur biologischen Sicherheit das Vorsorgeprinzip zu verankern, das Nationalstaaten erlaubt, sich ohne letzte wissenschaftliche Beweisführung über mögliche Schädigung vor dem Import genmanipulierter Organismen zu schützen.

Die entscheidende Säule der Versorgungssicherheit von Frauen stellen Verfügungsrechte dar. In Jinja am Viktoriasee in Uganda formulierte eine Gruppe von 500 Frauen, für die die Sümpfe entlang des Sees wertvolle Pflanzen- und Fischressource, aber auch Trinkwasserreservoir sind, ein neues Gesetz, das ihnen Rechte an über drei Quadratkilometer Ufersumpf gibt. In Zukunft ist die Wasserversorgungsgesellschaft gegenüber der Frauengruppe tributpflichtig, wenn sie Abwässer durch die Sümpfe leitet. Dieses Gesetz war - in siebenjährigen Verhandlungen - nur durchsetzbar, weil Uganda nach der Rio-Konferenz ein fortschrittliches Umweltrecht einführte, das lokalen Gemeinschaften ein Recht an intakter Umwelt und ein Klagerecht bei Umwelt- und Ressourcenschädigung einräumt. Zudem erkannte Uganda im neuen Bodenrecht von 1998 die traditionellen Landnutzungsrechte von Frauen an - ein großer Fortschritt in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Solche Erfolge sind jedoch auch nach Rio Unikate geblieben. Überall bilden Frauen die (meist unbezahlte) Schutz- und Putztruppe an der Basis, das letzte Glied in der Verantwortungskette. Als Sisyphusarbeiterinnen der Ernährung und Gesundheit müssen sie entscheiden, welches Fleisch sie in der Endlosschleife von Futtermittelskandalen noch auf den Mittagstisch bringen. Vor allem sie sind es meist, die Müll trennen, und die 20 Millionen Kinder in Europa trösten, die unter umweltbedingten Allergien leiden. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen in Deutschland bescheinigen ihnen, dass sie umweltbewusster denken und handeln als Männer.

Zu mehr politischem Einfluss hat ihnen das bisher kaum verholfen. 93 der 97 Verbände im Deutschen Naturschutzring werden von Männern geleitet. Im 17-köpfigen Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung sitzen ganze drei Frauen. Im "Green Cabinet" der Regierung, das die Nachhaltigkeitsstrategie erarbeitete, waren zehn Staatssekretäre sich selbst genug.

Innerhalb der einzelnen umweltrelevanten Sektoren besteht nach wie vor die berühmte "Glasdecke": Je technischer, wissenschaftlicher oder politischer die Handlungsebene ist, desto männerdominierter ist sie. Nach Rio verbesserte sich die Partizipation zivilgesellschaftlicher Gruppen. Das heißt jedoch keineswegs, dass Frauen ihre Bedürfnisse in den lokalen Gemeinschaften, "Nutzer-Gruppen" oder Nicht-Regierungsorganisationen demokratisch einbringen können.

Wo in Dorfversammlungen über Wiederaufforstung und Waldnutzung debattiert wird, nehmen sich Männer das Wort und die Entscheidungsmacht. Frauen schleppen das Feuerholz zum Kochen auf energiesparenden Herden nach Hause, die Energiepolitik ist aber felsenfest in Männerhänden. Von Männern dominierte technische Effizienzpotenziale werden hoch bewertet, verhaltensbedingte Einsparungen im Alltag, die oft Mehrarbeit für Frauen bedeuten, jedoch gering geschätzt. Das ist in unseren Breitengraden keineswegs anders. Längst gibt es viele Wasser- und Energieexpertinnen. Verkehrskonzepte liegen vor, die Frauenbedürfnisse mit einer ökologischen Perspektive verbinden. Doch von Seiten der Natur- und Umweltwissenschaften sowie der Politik besteht eine hartnäckige Blockade, wenn es darum geht, die Expertise von Frauen und Geschlechterunterschiede wahrzunehmen.

Der geschlechterblinden Umweltpolitik soll nun "von oben" eine Sensibilisierungsbrille verpasst werden. "Es heißt Abschied nehmen von dem alten Denken, dass politische Entscheidungen auf alle Akteure und Akteurinnen gleich wirken", verkündet Staatssekretärin Gila Altmann (Grüne). Sie will "Gender Mainstreaming" im Bundesumweltministerium durchgängig umsetzen und auf "Gleichstellungsverträglichkeit" achten. Hinter den Wortungetümen verbirgt sich eine Prüfung der unterschiedlichen Wirkung aller politischen und rechtlichen Maßnahmen auf Männer und Frauen. Angelika Zahrnt, Vorsitzende des BUND, rechnet mit viel "gestresster Ablehnung", wenn umweltpolitische Ressorts auf diese Weise geschlechtersensibel umgekrempelt werden sollen. Derweil wollen internationale Frauennetzwerke wieder "von unten" nachlegen. In Johannesburg planen sie auf dem Global Forum erneut ein Frauenzelt, um die Themen Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit zu verknüpfen - vorsorgend und zukunftssichernd.

Aus der Sonderseite der Frankfurter Rundschau zum Johannesburg-gipfel. Die Texte finden sich im Internet unter www.fr-aktuell.de/fr/spezial/global/index.htm Beitrag Nr.8

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