Genderperspektive - Die besonderen Interessen und Bedürfnisse von Frauen
Solange sich die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern in unseren Gesellschaften noch in dem Maße unterscheiden, wie sie das bis heute vielfach tun, bedürfen die Sichtweisen und Bedürfnisse von Frauen einer getrennten Betrachtung. Eine Gendersperspektive einzunehmen bedeutet, eben diesen Unterschieden und der Erfahrung Rechung zu tragen, dass nach wie vor Chancen, Rechte und Pflichten auch nach Geschlecht verteilt werden.
Gendermainstreaming als politische Strategie
Die Europäische Union hat im Amsterdamer Vertrag von 1997 als Antwort auf diese Einsicht und auf Druck von Frauenlobbys ein Gendermainstreaming eingeführt, ein Verfahren, das garantieren soll, dass Aspekte weiblicher Lebenswirklichkeit strukturell in den Beschlüssen und Verordnungen der Union berücksichtigt werden. Auf der 3. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen 1985 wurde Gendermainstreaming als politische Strategie vorgestellt.
Gendersensible Nachhaltigkeitskonzepte?
In vielen Nachhaltigkeitskonzepten werden Geschlechterverhältnisse in der Regel aber nicht oder nur am Rande diskutiert. In der allgemeinen Nachhaltigkeitsforschung wird der Begriff Gender als Unterkategorie der Frage nach sozialer Gerechtigkeit betrachtet, im Sinne der unterschiedlichen Betroffenheit von Umweltproblemen. Sie rezipiert die empirischen Geschlechterunterschiede, lässt aber verborgene Androzentrismen unberücksichtigt (vgl. Schön, Keppler, Geißler 2002). Diese geschlechtsspezifischen Ausblendungen führen zu der Entwicklung realitäts- und praxisferner Nachhaltigkeitsansätze. Deshalb setzt die gendersensible Nachhaltigkeitsforschung auf die Entwicklung eines umfassenden gendersensiblen Ansatzes. Dieser beinhaltet zum Beispiel ein erweitertes Verständnis von Ökonomie, das nicht nur die monetär vermittelte Arbeit sondern die Gesamtheit der lebensnotwendigen Arbeit berücksichtigt, d.h. auch die für die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Frauen typische Versorgungsarbeit (Subsistenz).
Klima- und Geschlechtergerechtigkeit hängen zusammen
Die unter dem Aspekt „Frauen und Gender“ zusammengeschlossenen Beobachterorganisationen im Klimaprozess – WECF (Women in Europe for a Common Future), GenderCC (Women for Climate Justice e.V.), WEDO und LIFE/genanet wollen Frauen eine stärkere Stimme in der Diskussion um nachhaltige Entwicklung und Umweltpolitik geben. Sie betonen, dass Klimagerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit eng miteinander verknüpft sind und setzen sich dafür ein, dass die Geschlechterdimension in der Klimapolitik berücksichtigt wird.
Frauen besonders von Klimawandel betroffen
Die Folgen des Klimawandels treffen vor allem die Ärmsten. Zu dieser Gruppe gehören überproportional viele Frauen. Infolge ihrer gesellschaftlichen Rollen und Verantwortungen sind Frauen stärker von natürlichen Ressourcen abhängig als Männer. Die Arbeitsbelastung durch Wasser holen und Feuerholz sammeln steigt durch den Klimawandel. Abholzung gefährdet das Überleben von Frauen, während Männer zumindest kurzfristig davon profitieren, z.B. durch Jobs in der Holzverarbeitung oder anderen kommerziellen Nutzungsformen der abgerodeten Flächen. Die Zunahme von Naturkatastrophen infolge des Klimawandels trifft vor allem Frauen: Die Wahrscheinlichkeit zu sterben ist aufgrund ihrer schlechten ökonomischen und sozialrechtlichen Situation 14mal so hoch wie die von Männern. Auch die CDM (Clean Development Mechanisms) und JI (Joint Implementation) – Maßnahmen der Industrieländer, mit denen diese ihre eigenen Klimareduktionsziele umsetzen und gleichzeitig Entwicklungsländern bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung unterstützen können, erreichen selten(er) Frauen. Da Frauen und Männer nicht den gleichen Zugang zu Besitz, Geld, Funds und Märkten haben, profitieren Frauen mit geringerer Wahrscheinlichkeit von den Projekten. Denn der informelle Sektor und die Armen – und damit vor allem Frauen – bleiben davon häufig ausgeschlossen.
Globalisierung und Gender
Die Diskussion um Nachhaltige Entwicklung (weltweit) ist eng mit anderen Themen wie Globalisierung und Bevölkerungsentwicklung verknüpft. In der Debatte um die Globalisierung und deren Folgen fällt aber selten der Begriff Gender oder Frauen. In den Reichstumszonen der Welt, der transnationalen Verbraucherklasse, sind es vor allem Männer, die von der Globalisierung profitieren und deren ökologischer Fußabtritt wächst. Gleichzeitig verlieren vor allem Frauen in den Armutszonen der Welt ihre Lebensgrundlage, z.B. durch die Austrocknung oder Überschwemmung von Böden.
Bevölkerungsentwicklung und Gender
Die weltweite steigende Bevölkerung erhöht den Druck auf die regionalen und lokalen Ökosysteme (Leisinger) und gefährdet die Gesundheit von Frauen und Kindern. Die höchsten Geburtenraten finden sich dort, wo Frauen besonders von Armut betroffen sind und wenig Zugang zu Bildung haben. Eine verantwortungsvolle Bevölkerungspolitik sollte also nicht primär auf einen quantitativen Rückgang – etwa durch staatliche Eingriffe beschränkt werden – sondern die Lebensqualität in den Gesellschaften verbessern und damit eine eigenverantwortliche, selbstbestimmte Entscheidung der Frauen ermöglichen.
Zum Weiterlesen:
Gender, climate change and adaptation. Introduction to the gender dimensions
Newsletter zu Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit
monatlich herausgegeben von genanet
Araujo, Ariana/Quesada-Aguilar: Gender Equality and Adaptation
Susanne Schön/Dorothee Keppler/Brigitte Geißel 2002: Gender und Nachhaltigkeit. Sondierung eines unübersichtlichen Forschungsfeldes
Hofmeister, Sabine et. al 2002: Dokumentation zum aktuellen Stand von Forschung und Diskussion zum Thema ‚ Geschlechterverhältnisse und Nachhaltigkeit’
Sigrid Leitner, Ilona Ostner: Frauen und Globalisierung. Vernachlässigte Seiten der neuen Arbeitsteilung.
Karin Ceballos Betancur: Dienstmagd der Kosmopolis. Zwei Bände zur "weiblichen" Seite der Globalisierung
Klaus M. Leisinger 2007: Anforderungen an eine erfolgreiche Bevölkerungspolitik, Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Agenda 21, Kapitel 24: Frauen
Christa Wichterich 2002: Immer noch die Putz- und Schutzkolonne. Der Erdgipfel betonte die Rolle der Frauen beim Umsteuern, richtig ans Steuer ließ man sie nicht.
