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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Nachhaltige Regionalentwicklung...    Donnerstag, 10.5.    Freitag, 11.5.    Vortragstexte


Landwirtschaft – Täter oder Opfer im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte

Jean Stoll, Fédération des Herd-Books Luxembourgeois (ass. agr.)

Vorgabe:

  • Aspekte der Lebensmittelsicherheit als auch der Umweltauswirkungen, die sich aus den derzeitigen Produktionsmethoden und -standards ergeben
  • Die Landwirtschaft im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Aktivitäten in puncto Flächen-, Stoff- und Energieverbrauch
  • Wünschenswerte, zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft im Sinne der Nachhaltigkeit: Darstellung der dafür notwendigen Rahmenbedingungen und (agrar-)politischen Veränderungen

Einleitung

Wohl kaum ein anderer Beruf als derjenige des Landwirts ist derart komplex und vielschichtig, weil lebensspendend und -bedrohend zugleich, Einkommensschwach und subventioniert, arbeits- und kapitalintensiv, klima- und börsenabhängig, unternehmerisch und stark reglementiert, naturnah und umweltbelastend, ..., und neuerdings beachtet und geächtet. Hier Täter oder Opfer im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte ausfindig machen zu wollen, erscheint vorab schwierig und gewagt.

Hauptziel unserer Überlegungen wird es daher sein, mögliche und notwendige Rahmenbedingungen einer auf Nachhaltigkeit und Lebensmittelsicherheit auszulegenden Landwirtschaft aufzuzeichnen. Diese werden anhand von pragmatischen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen aus einer langjährigen, gewollt engen und umfassenden Betreuung von 900 tierhaltenden Betrieben (Schwerpunkt: Milch- und Fleischrinder, Schweine) in Sachen „konventioneller“ Tiererzeugung erfolgen. Dabei standen folgende, sowohl allgemeine und als auch spezifische Dienstleistungen Pate:

  • Herdbuchführung, Leistungskontrolle, künstliche Besamung, Vermarktung von Zucht-, Nutz- und Schlachttieren (55.000 Tiere in 2000),
  • eine praxisnahe Beratung der Betriebsleiter im Pflanzenbau (Grünlandbewirtschaftung, Weideführung, Futteranbau und Düngung mit dem Schwerpunkt der sinnvollen Nutzung des organischen Düngers),
  • eine Beratung im Bereich der Tierproduktion (Fütterungstechnik und -lagerung, der Tier- und speziell der Eutergesundheit sowie der Fruchtbarkeit, des Stallklimas und -baus, sowie der Zuchtberatung)
  • und der Ökonomie (Antragsverwaltung und Rentabilitätsberechnungen), ...,
  • sowie die Mitgestaltung, Kontrolle und Zertifizierung von Markenfleischprogrammen, z.T. mit innovativer Herkunftssicherung (Einzeltiergewebeprobeeinlagerung und DNA-Fingerprint)
  • und seit Anfang der 90ziger Jahre der Einfluß der landwirtschaftlichen Produktion auf Umweltparamter mittels der Erfassung und Auswertung von Stoff- und Energieflüssen (Hoftor-, Feld-/Stall-, CO2- sowie Humusbilanzen) auf unterschiedlichen landwirtschaftlichen Betrieben.

Aufgrund der Komplexität und der Vielschichtigkeit des gestellten Themas, aber auch aus Zeit- und Platzmangel werden wir uns auf einige wesentliche Aspekte der Landwirtschaft in Zusammenhang mit der Lebensmittelsicherheit, des Natur- und Umweltschutzes, der biologischen und ökonomischen Produktivität sowie der Tiergesundheit und des Tierschutzes beschränken (müssen).

Was bedeutet Landwirtschaft eigentlich?

Die Verantwortlichen des Herdbuchverbandes Luxemburger Rinder- und Schweinezüchter bezeichneten vor mehr als zehn Jahren die Landwirtschaft als eine gezielte Nutzung, Förderung und Vervielfältigung der Photosynthese, dem einzigen lebenserhaltenden Vorgang auf der Erde. Dies bedeutet unweigerlich, wenn man das Leben auf Erden längerfristig, d.h. nachhaltig, absichern will, daß die Landwirtschaft und mit ihr die Gesellschaft schlechthin sich diesem einzigen lebensfördernden Natur-Prozess unterordnen müssen und nicht umgekehrt. Alle landwirtschaftlichen Erzeugungen (Nahrungsmittel und Rohstoffe) dürften nicht mehr wie bisher ausschließlich den Gesetzen der Ökonomie (low input, high output in monetary terms) untergeordnet werden. Die Ausrichtung der landwirtschaftlichen Produktionen müßte in erster Linie das Ergebnis der sinnvollen Nutzung der Sonnenenergie, des Kohlendioxides und des Luftstickstoffs durch Boden, Wasser und Humus sein!

Landwirtschaft läßt sich ohne Folgeschäden nur begrenzt intensivieren oder industrialisieren. Sie unterliegt eben den Gesetzen der Natur, nicht denen des Fließbandes. Daran kann kein noch so großer Einsatz von Energie, Chemie und Mechanik etwas ändern. „Intensivlandwirtschaft“ mag zwar reiche Väter und zufriedene Konsumenten durch die Verbilligung der Lebensmittel gemacht haben, scheint aber, wie weiland der Mergel, heute arme Söhne zu machen. Nur die Landwirtschaft, die sich in den zyklischen Ablauf der Natur einordnet, kann auf Dauer Bestand haben.

Praktische Zielsetzung einer nachhaltigen Landwirtschaft

Eine auf Nachhaltigkeit auszulegende Landwirtschaft muß daher andere, voranzusetzende unternehmerische Ziele verfolgen, als die nach wie vor von der GAP vorgegebene, einseitige Produktivitätssteigerung. Die HL-Verantwortlichen definierten bereits 1991 diese Ziele wie folgt:

"Ein oder mehrere Betriebe, die eine ökonomische oder familienbetriebliche Einheit bilden, müssen ihre Nahrungsmittelproduktion in Zukunft so gestalten, daß im weitesten Sinne und auf Betriebsebene in einem mehrjährigen Mittel

·         die Energiebilanz langfristig positiv ausfällt,

·         die Nährstoffbilanz sich innerhalb ökologisch vertretbarer Salden bewegt und

·         die Bodenfruchtbarkeit bis zu einem Optimum gefördert wird.

Die Erfüllung dieser drei Bedingungen ist Voraussetzung für das Recht unser aller Erdboden zu bewirtschaften, d.h. den Beruf Landwirt ausüben zu dürfen. Für diese ver­antwortungsvolle und ethisch sicherlich sehr hoch einzustufende (Dienst-)Leistung an und für die Gesellschaft erhält der Landwirt als Gegenleistung von jener Direktzahlungen als Abgeltung für den direkten Arbeitsaufwand einer nachhaltigen Produktionsweise. Diese bilden gewissermaßen sein mehr oder weniger arbeitsaufwandbe­zogenes Grundeinkommen.

Die so gewonnenen Produkte muß jeder Betrieb selbst ohne jegliche Zuschüsse oder Beihilfen vermarkten, direkt oder indirekt, und das dafür eingebrachte Geld dient als Entlohnung seiner unternehmerischen Tätigkeit sowie als Kapital­grundlage für die notwendige Betriebsmittelfinanzierung. Die Ver­marktung dieser Produkte unterliegt vollkommen den Gesetzen der freien Marktwirt­schaft, d.h. der Selbstregulierung von Angebot und Nachfrage: nur so kann sich der Markt in Zukunft selbst equilibrieren".

Vorgehensweise zur Ermittlung der Nachhaltigkeit und damit der biologischen Effizienz landwirtschaftlicher Produktionsprozesse

In Anlehnung an diese grundsätzlichen Gedanken erstellt der HL seit dem Wirtschaftsjahr 1992 im Rahmen seiner Beratertätigkeit Nährstoff- und Energiebilanzen auf landwirtschaftlichen Betrieben mittels der Methode der Hoftorbilanz. Von 1992 bis 1995 erfolgten zur Ausarbeitung der entsprechenden Methodik diese Bilanzierungen auf 50 sog. Pilotbetrieben neun unterschiedlicher Produktionsrichtungen: Milchvieh- und Mutterkuhhaltung, Rindermast, Schweine- und Schafhaltung, Marktfruchtanbau, Weinbau, Bio-Betriebe, Gemischtproduktionen. Die Nährstoff- und Energiebilanzierung landwirtschaftlicher Betriebe wurde ab 1996 im Rahmen eines Markenfleischprogrammes (Cactus-Fleesch vum Lëtzebuerger Bauer) und ab 1997 im Rahmen eines staatlich gestützten Beratungsprojektes auf 240 luxemburgische Betriebe ausgeweitet. Auch wurden für die Wirtschaftsjahre 1998 und 1999 auf 135 Betrieben die ökonomischen Resulate mit den biologischen verglichen. 2000/2001 wurden darüberhinaus auf 8 Pilotbetrieben Feld- und Stallbilanzen ermittelt sowie CO2- und Humusbilanzierungen durchgeführt. Hauptziele dabei sind die Erfassung jeglicher Stoffflüsse zur Ermittlung des Ressourcenverbrauchs bei der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte inklusive der Herstellung der zugekauften und eingesetzten Betriebsmittel sowie die Charakterisierung der eigentlichen biologischen Effizienz der angewandten Produktionsprozesse und das Aufzeigen von Verbesserungsmöglichkeiten. Es wird desweiteren versucht, die gewonnenen Erkenntnisse in der täglichen Beratungsarbeit umzusetzen.

Erkenntnisse und Resultate aus der Praxis

Nachstehend einige der wichtigsten Erkenntnisse aus der Beratungsarbeit zur Charakterisierung und Verbesserung der biologischen Effizienz landwirtschaftlicher Produktionsprozesse.

I. Nährstoffbilanzen

Im betrachteten Zeitraum (1996–1999) lag der durchschnittliche N-Saldo bzw. Stickstoffverlust pro ha bei 136 kg N/ha. Ein Vergleich der 25% besten N-Salden mit den 25% schlechteren macht deutlich, daß der Unterschied zwischen den Betrieben hauptsächlich im Inputbereich zu suchen ist, da der Stickstoffoutput in etwa in der selben Größenordnung liegt.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/1

Abbildung 1 : Durchschnittlicher Stickstoff-Input, -Output und -Saldo der 25 % besten Betriebe, 50 % durchschnittlichen Betriebe und der 25 % schlechteren Betriebe (n=218, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Deutlich zu erkennen bei den Betrieben mit den 25 % schlechteren Stickstoffbilanzen im Vergleich zu den 25% besseren Salden, daß ein Mehraufwand von 119 kg N/ha durch Futter- und Düngerzukauf ein nur um 15 kg N/ha höheres N-Output erbringt. Betriebe mit schlechteren Salden weisen einen höheren mineralischen N-Zukauf auf gegenüber Betrieben mit besseren Salden (149 kg N-Zukauf/ha im Vergleich zu 98 kg N-Zukauf/ha).

Darüber hinaus liegt die durchschnittliche Besatzdichte der Betriebsgruppe mit einem besseren N-Saldo bei 1.4 GVE/ha und bei denen mit den schlechteren N-Salden bei 2.1 GVE/ha. Man könnte daher zu dem Schluß kommen, daß Betriebe mit einem höherem Tierbesatz mehr Probleme haben, ausgeglichene Stickstoff­salden zu erreichen als jene mit einem niedrigeren Tierbesatz. Das diese Annahme in gewisser Weise zutrifft, zeigt Abb.4. Darüber hinaus spiegelt diese Abbildung aber auch den wesentlichen Einfluß des Betriebsleitermanagements wider, betrachtet man die enormen Schwankungen zwischen den Betrieben mit ein und demgleichen GVE-Besatz pro ha.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/2

Abbildung 2 : Durchschnittlicher Phosphor-Input, -Output und -Saldo der 25 % besten Betriebe, 50 % durchschnittlichen Betriebe und der 25 % schlechteren Betriebe (n=218, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Für Phosphor und Kalium spiegelt sich ein ähnliches Bild wie beim Stickstoff wider. Jene Betriebe mit den besseren Phosphor- resp. Kaliumsalden erreichen dies aufgrund eines geringeren Inputs. So erwirtschaften die 25 % Betriebe mit den besseren Phosphorsalden mit knapp einem Viertel des Inputs (21 kg P2O5/ha) einen nur 5 kg/ha niedrigeren Phosphoroutput (20 kg/ha) wie jene 25 % Betriebe mit den schlechteren P-Salden.

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Abbildung 3 : Durchschnittlicher Kalium-Input, -Output und -Saldo der 25 % besten Betriebe, 50 % durchschnittlichen Betriebe und der 25 % schlechteren Betriebe (n=218, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Das Motto „Viel hilft viel“ scheint anhand dieser Erkenntnisse wohl endgültig widerlegt zu sein. Darüberhinaus muß die klassische Bodenanalyse zur Beurteilung des verfügbaren Nährstoffpools im Boden in Zukunft stärker in Zusammenhang mit den betrieblichen Nährstoffsalden bei der Erstellung des Düngeplans interpretiert werden. Mehrere Betriebe, die trotz extrem niedriger Bodengehalte - besonders an Phosphor - zufriedenstellende bis gute Erträge im Pflanzenbau aufzeigten, weisen ausgeglichene Phosphor- resp. Kaliumsalden auf.

Aus der Sicht der Luxemburger Landwirtschaft, einer tierproduktionsorientierten Landwirtschaft, ist es entscheidend zu wissen, wie die Kennzahlen der Tierhaltung sich auf die Ergebnisse der Nährstoffbilanz auswirken. Nachstehende Graphik zeigt, daß mit steigendem Viehbesatz die N-Salden/N-Verluste tendenziell zunehmen.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/4

Abbildung 4 : Durchschnittliche Stickstoffüberschüsse der Betriebe im Vergleich zu ihrer Viehbesatzdichte (GVE/ha) (n=218, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Im Durchschnitt der Jahre 1996-1999 konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem GVE-Besatz und dem Stickstoffverlust/ha festgestellt werden. Aber nur 23 % des N-Überschusses eines Betriebes kann durch seine Besatzdichte erklärt werden. Trotz dieser Tendenz stellt die Betriebsleiterfähigkeit für die Reduktion der Nährstoffverluste den weitaus größeren Faktor dar. Dies verdeutlicht die Rolle, die jedem Betriebsleiter im betrieblichen Management zukommt und weist auf die Notwendigkeit hin, durch gezielte Beratung Fehlern auf diesem Gebiet entgegen zu wirken.

Die Reduzierung der Stickstoffverluste stellt europaweit eines der wichtigsten, ökologischen Ziele der aktuellen Landwirtschaftspolitik dar. Die Luxemburger Landwirtschaft ist stark tierproduktionsorientiert. Dies beweist alleine schon die durchschnittliche Besatzdichte aller vom Herdbuchverband ausgewerteten Betriebe von 1,8 GVE/ha LN.

Die Stickstoffverluste bei tierischer Produktion sind automatisch höher als bei rein pflanzlicher Produktion. Dementsprechend ist ein tolerierbares Stickstoffsaldo in einem Betrieb mit Tierproduktion höher anzusetzen als in einem reinen Marktfruchtbetrieb. In der Literatur werden Werte von 40 kg Stickstoffverlust pro ha genannt, die in reinen Ackerbaubetrieben noch als nachhaltig betrachtet werden. Jedoch sind unvermeidbare „Basisverluste“ abhängig von der Bodenart, und können auf weniger guten Böden tendenziell höher sein als auf guten Böden.

Auf Basis der vom Herdbuchverband ausgewerteten Stickstoffbilanzen wurde festgestellt, daß bei Betrieben mit Schwerpunkt Marktfruchtproduktion der Basis-N-Verlust bei 55 kg/ha liegt und daß im Durchschnitt der ausgewerteten Jahre (1996-1999) 45 kg Stickstoff pro GVE/ha verloren gehen. Geht man davon aus, daß eine Dungeinheit (1 DE @ 1 GVE) jährlich ca. 85 kg Stickstoff über organischen Dünger produziert, dann entsprechen die durchschnittlich ermittelten 45 kg N-Verlust/GVE einem Verlustniveau von 53 %.

Natürlich ist ein gewisser Anteil des Stickstoffes der organischen Dünger als unvermeidbarer Verlust anzusetzen. In der Literatur werden diese unvermeidbaren Verluste mit ca. 30 % unter guten Bedingungen und 45 % unter weniger guten Bedingungen angegeben. Für die Ermittlung der betriebsspezifischen tolerierbaren N-Salden wurde ein Ziel-Verlustniveau von 40 % angesetzt.

Anhand der gewonnenen Erkenntnisse und mit dem Ziel, die Stickstoffverluste langfristig zu reduzieren, ist es möglich, jedem Betrieb sein betriebsspezifisches, tolerierbares N-Saldo zu berechnen, und zwar anhand folgender Gleichung :

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/5

Abbildung 5 stellt die genannten Zusammenhänge schematisch dar :

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/6


Für die ausgewerteten Betriebe würde dies bei einem durchschnittlichen Viehbesatz von 1,8 GVE/ha bedeuten, daß ein N-Verlustsaldo von 100 kg N/ha tolerierbar wäre. Zur Erreichung dieses Zieles, d.h. den N-Saldo um ca. 40 kg/ha zu verbessern (Reduzierung von 137 kg N-Saldo/ha auf mindestens 100 kg N-Saldo/ha), sind eindeutig die Landwirtschaft, Politik, Beratung und Konsumenten gefordert.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/7

Abbildung 6 : Vergleich zwischen den durchschnittlichen N-Überschüssen der Betriebe und dem jeweiligen tolerierbaren N-Saldo/ha pro Betrieb (Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Aus Abbildung 6 ist erkennbar, daß Stickstoffverbesserungspotentiale auf allen Ebenen des GVE-Besatzes möglich sind. Die rote Linie zeigt den errechneten tolerierbaren N-Saldo auf Basis des betriebsspezifischen GVE-Besatzes und die „Peaks“ stellen den effektiven N-Saldo des Betriebes im Durchschnitt der 4 Jahre dar. Man kann also nicht behaupten, daß Betriebe mit niedriger Besatzdichte stets im Bereich des tolerierbaren N-Saldos liegen.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/8

Abbildung 7 : Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen mineralischen N-Zukauf und der Viehbesatzdichte dieser Betriebe (n=218, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Abbildung 7 zeigt, daß organische Dünger nicht im gewünschten Maß als Nährstofflieferanten betrachtet werden. Trotz Zunahme der Tierbesatzdichte und damit des organischen Stickstoffanfalls pro ha nimmt tendenziell der mineralische N-Zukauf nicht ab. Allein 0,5 GVE/ha mehr entsprechen dem Anfall verfügbaren Stickstoffes von einer Dezitonne KAS 27% (0,5 GVE/ha x 85 kg N/GVE x 0,6% N-Verfügbarkeit).

Solange Entsorgen vor Verwerten im Umgang mit organischen Düngern steht, wird die Verbesserung der Nährstoffbilanzen kaum Aussicht auf Erfolg haben. Organische Dünger sind Volldünger, die bei optimalem Handling wesentliche Nährstofflieferanten darstellen.

II. Energiebilanzen

Die Energiebilanz ihrerseits zeigt an, ob im Betrieb mehr Energie verbraucht als erzeugt wird oder umgekehrt und dient damit als ein unumgänglicher Indikator für den Ressourcenverbrauch bzw. -erhalt in der derzeitigen Landwirtschaft.

Die Energiebilanzen werden wie die Nährstoffbilanzen nach dem Prinzip der Hoftorbilanz berechnet. Die Energie der eingeführten Produkte wird in Fossil- und Gesamtenergie unterschieden. Die Bilanzierung der Fossilenergie (FE) ist ein Vergleich zwischen der mit den Produktionsmitteln eingeführten fossilen Energie und dem Brennwert der verkauften Produkte (BE). Die Bilanzierung der Gesamtenergie (GE) berücksichtigt im Inputbereich zusätzlich den Brennwert, der mit biogenen Betriebsmitteln (z.B. Futter und Saatgut) in den Betrieb importiert wird. Energiesaldo und -effizienz hängen in starkem Maße vom Viehbesatz und daher vom Anteil an Zukauffutter sowie vom Marktfruchtanteil der vorhandenen Ackerflächen ab.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/9

Abbildung 8 : Durchschnittlicher Input, Output und Saldo der Gesamtenergiebilanz (GE) und der Fossilenergiebilanz (FE) (n=218, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999).

Die Energiebilanzierung der Gesamt-energie weist einen Verlust von 25 GJ/ha aus und für die Fossilenergiebilanz einen leichten Energiegewinn von -4 GJ/ha auf (siehe Abb. 8). Dieses bedeutet, daß die Betriebe z.Z. nach der Gesamtenergiebilanz mehr Energie importieren als Sie über tierische und pflanzliche Erzeugnisse ausführen, aber nach der Fossilenergiebilanz Energie produzieren.

Ähnlich wie bei den Nährstoffbilanzen treten bei den Energiebilanzen Unterschiede zwischen den Betrieben auf. So produzieren und exportieren die 25% besten Betriebe gesamtenergetisch Energie, wohingegen die 50 % durchschnittlichen Betriebe und die 25 % weniger guten Betriebe mehr Energie benötigen als sie produzieren.

Ein weiterer Indikator der Energieberechnungen ist die Effizienz (Output/Input), also der Wirkungsgrad der eingesetzten Energie. Auch hier ist der GVE–Besatz eine Ursache für einen geringeren Wirkungsgrad. Aber auch hier wird der Betriebsleitereinfluß deutlich. Wie in Abb. 9 ersichtlich ist, wird es zwar immer schwieriger mit steigendem GVE-Besatz die eingesetzte Energie proportional auszunutzen, dennoch gibt es sehr viele Betriebe mit einem niedrigen GVE-Besatz, die nur einen sehr geringen Energiewirkungsgrad aufweisen.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/10 Abbildung 9 : Zusammenhang zwischen Gesamtenergieeffizienz und Besatzdichte (ø-Werte der Jahre 1996-1999).

Hier werden der Beratungsbedarf und die -möglichkeiten, die ein solches gesamtbetriebliches Konzept aufweist, deutlich. Der zukünftige Beratungsschwerpunkt, der sich aus der Energiebilanzierung ergibt, wird bei der Mehrzahl der Beratungsbetriebe in der Verbesserung der Grundfutterleistung liegen. Ansatzpunkte hierfür sind die Verbesserung des Pflanzenbestandes, der optimierte Einsatz der organischen und mineralischen Düngung, die Verbesserung der Grundfutterbereitung, der Futterkonservierung und der Fütterungstechnik.

Die Erfassung der ökonomischen Betriebsdaten erfolgte auf freiwilliger Basis. Zur Auswertung gelangten 135 Betriebe für die Wirtschaftsjahre 1998 und 1999. Der Input der Nährstoffbilanz am Hoftor kommt bei allen Nährstoffen im Durchschnitt zu mindestens 95% durch den Zukauf von Mineraldüngern und Futtermitteln zustande. Die ökonomischen Auswertungen haben gezeigt, daß Dünger- und Futtermittelzukauf zusammen oft nicht mehr als 20 % der anfallenden Gesamtkosten verursachen. Die ökologische Bedeutung der Betriebsmittel steht also nicht in direktem Zusammenhang zu deren Wirtschaftsrelevanz, was ebenfalls nachstehende Abb. 10 beweist.

Im Rahmen der Stickstoffbilanzen macht der N-Zukauf über mineralischen Dünger 76 % des N-Inputs aus; im Gegensatz dazu nur 5 % als Kostenfaktor in den Betrieben. Insgesamt machen der Zukauf an Futtermitteln, Dünger, Saatgut und Vieh 100 % des N-Inputs der Betriebe aus, während diese 4 Posten ökonomisch gerade mal 27 % der Gesamtkosten eines Betriebes ausmachen. Dieser Umstand hebt die Schwierigkeit der Versöhnung ökonomischer und ökologischer Ziele in der Landwirtschaft mit der aktuellen Kostenstruktur hervor.

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2001/Vortragstexte/Stoll - Graphik/11

Abbildung 10 : Futtermittel-, Dünger-, Vieh- und Saatgutzukauf aus der Sicht der N-Bilanzen und der Kostenstruktur der Betriebe (n=108, Durchschnittswerte der Jahre 1996 bis 1999)

Es kann also festgehalten werden, daß der Viehbesatz und die Produktionsrichtung wohl einen tendenziellen Einfluß auf die Nährstoff- und Energiesalden haben, das Betriebsleitermanagement jedoch den deutlichsten Impakt auf die Salden hat.

Betriebe mit guten Nährstoff- resp. Energiebilanzen weisen ebenso gute Leistungen in der Tier- als auch in der Pflanzenproduktion auf wie die anderen Betriebe. Bezüglich der Leistungen in der Pflanzenproduktion (Marktfruchterträge, Grundfuttererträge) werden zukünftig weitergehende Untersuchungen erfolgen, um gesichertere Aussagen treffen zu können.

Die Nährstoff- und Energiebilanz stellt eindeutig ein unabdingbares Beratungsinstrument für eine leistungsfähige und in Richtung Nachhaltigkeit orientierte Landwirtschaft dar. Der Begriff „intensivere Landbewirtschaftung“ ging automatisch mit dem Verständnis überein, damit eine leistungsfähige aber auch umweltbelastende Landwirtschaft zu gewährleisten. Unsere Untersuchungen belegen eindeutig, daß eine leistungsfähige Landwirtschaft nicht defacto umweltbelastend sein muß. Bei dieser Betrachtungsweise kommt dem Vernetzungsgrad der landwirtschaftlichen Aktivitäten mit der Natur und auf die Umwelt enorme Bedeutung zu. Die Bilanzen ermöglichen den Betrieb wieder als Ganzes und die Auswirkungen bestimmter Massnahmen auf den gesamten Betriebsorganismus zu sehen. Die ganzheitliche Betriebsbetrachtung ist eine Form der Beratung, die in den letzten Jahrzehnten eher in den Hintergrund gerückt ist. Spezialberatung in allen Bereichen stand vorne an, ohne die Auswirkungen der getroffenen Maßnahmen auf andere Managementbereiche (Milchleistungssteigerung zu welchem Preis, Pflanzenbestandszusammensetzung kontra Düngung,....) zu hinterfragen.

Zwar ist mit Hilfe der Nährstoff- und Energiebilanzen die Spezialberatung auf keinen Fall überflüssig geworden. Zur Erarbeitung von Verbesserungsmöglichkeiten muß nach wie vor jedes Detail analysiert werden. Deren Stellenwert aber ist, bezüglich einer ganzheitlichen Betriebsbetrachtung, ein anderer, da jede Auswirkung einer getroffenen Maßnahme mit Hilfe der Nährstoff- und Energiebilanz erkennen lässt, ob der Betriebsorganismus sich noch im Gleichgewicht hält.

Die Bilanzen dienen sozusagen der Feststellung des „Gesundheitszustandes“ der landwirtschaftlichen Produktion in punkto Ressourcenverbrauch und werden den Forderungen der Zeit

-         nach Transparenz der Produktion,

-         Effizienz der Produktionsprozesse,

-         Input/Output Kontrolle und

-         einem Massstab zur Bewertung von Umweltleistungen gerecht.

Nun stellt sich die Frage, ob eine nach dem vorgenannten System ausgerichtete Landwirtschaft den Konsumentenforderungen auch in puncto Lebensmittelsicherheit gerecht wird.

Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit

BSE, MKS, Tiertransporte, Dioxine, Antibiotika, Hormone, Listeria, Salmonella, rauhe und enge Haltungsbedingungen für Vieh sowie flächenunabhängige Produktionsformen sind zu Schlagwörtern und -bildern geworden und haben sozusagen über Nacht die Landwirtschaft in den Brennpunkt der Aktualität gestellt. Die Frage nach einer zukunftsfähigen Produktion von Nahrungsmitteln hat angesichts der Sensibilisierung der Verbraucher plötzlich eine ganz neue Dimension erlangt. Die Frage nach den Tätern wurde offen gestellt, Verbraucher und Erzeuger fühlen sich gleichermaßen aber vorerst als Opfer.

Bei nüchterner Betrachtung ist BSE indirekt eine Folge der Kostenminimierung und der Profitschöpfung bei der Gewinnung und Herstellung von Tiermehlen, die zum Anreichern und Ausgleichen von Futterrationen in der Fütterung der verschiedenen Nutztierarten eingesetzt und damit recht sinnvoll recycliert worden sind. Profit machen ist zum unabdingbaren Leitbild jeder wirtschaftlichen Tätigkeit geworden und stellt heute – gut zehn Jahre nach dem Mauerfall – den Motor schlechthin der seither immer globaler werdenden Weltwirtschaft dar.

Die Impfung gegen MKS wurde z.T. ebenfalls aus ökonomischen Betrachtungen heraus eingestellt. Neue tiermedizinische Erkenntnisse zum eigentlichen Impfschutz halfen dabei. Zudem traten vor der 1991 EU-weiten Einstellung der Impfung in Ländern, die impften, MKS-Ausbrüche wesentlich öfter auf, als in Ländern, die nicht flächendeckend impften, wie z.B. Großbritanien und Dänemark. Die rezente Verbreitung von MKS war eine direkte Folge davon, daß infizierte Schafe, die – Traditionen folgend – auf englischen Lebendviehmärkten zirkuliert sind, später aber nicht identifiziert und damit nicht eindeutig zurückverfolgt werden konnten, um rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen zu werden. Auch zeigte sich, daß das europäische ANIMO-Programm, das alle Tierbewegungen innerhalb der EU länderübergreifend aufzeichnen und offenlegen soll, noch nicht voll funktionsfähig ist.

Der Viehtransport über weite Strecken quer durch Europa und darüberhinaus ist ebenfalls eine Folge wirtschaftlicher und z.T. auch steuerrechtlicher Betrachtungen. Je mehr und weiter gefahren wird, umso lauter klingeln die staatlichen Haushaltskassen. Außerdem wurden aus arbeitspolitischen Überlegungen heraus in den südlicheren, tendenziell strukturschwachen Teilen Europas mit EU-Geldern riesige Schlachteinheiten aufgebaut, um damit die dort herrschende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und dort eine erhöhte Wertschöpfung zu erzielen.

Die Belastung unserer Nahrungsmittel mit Dioxinen ist in den letzten 15 Jahren stark reduziert worden und war noch nie so niedrig wie heute. Der belgische Dioxin-Skandal vor zwei Jahren ist eine Folge menschlichen Versagens, zeigt aber mit aller Deutlichkeit mit welch hoher Aufmerksamkeit wir den potentiellen Gefahren in Lebensmitteln begegnen müssen.

Die z.T. systematische Anwendung von Antibiotika, Hormonen, rauhen und engen Haltungsbedingungen, ..., sind eine Folge wissenschaftlicher Erkenntnisse mit dem Ziel der Produktivitätssteigerung quasi um jeden Preis. Dabei überwogen eindeutig die monokausalen die vernetzteren Betrachtungsweisen bei den angewandten wissenschaftlichen Vorgehensweisen. Spezialisierung und flächenunabhängige Produktionsformen sind ein direkte Folge der Kostenreduktionen sowohl bei den Zulieferbetrieben als auch bei den der Landwirtschaft nachgelagerten Verarbeitungsbetrieben wie Molkereien, Brauereien, Zuckerfabriken, Getreidetrocknungsanlagen und -mühlen, Schlacht- und Zerlegebetriebe, ... usw..

Und trotz oder gerade wegen Alledem: Rachitis und Hunger wurden in der westlichen Welt weitestgehend eliminiert. Die beiden letzten Generationen hatten nie in ihrem Leben Hunger und die älteren Personen werden heute älter denn je (von den biblischen Gestalten mal abgesehen). Doch die Frage steht (nur z.T.) unbeantwortet im Raum, auf wessen Kosten dieser Fortschritt realisiert worden ist.

(Bio-)Landwirtschaft und Regionalität

Die Verunsicherung der Verbraucher führte europaweit zu einer Art Neo-Chauvinismus bei der Ausarbeitung strengerer gesetzlicher Auflagen sowie beim Verhalten der Konsumenten. Über Nacht genossen die Produkte aus der Region eine höhere Anerkennung (die Verbraucher glaubten, aus welchen Gründen auch immer, die Nahrungsmittel aus der Nachbarschaft seien sicherer) und die Politiker unterstützen seitdem gezielt Regionalmarken mit speziellen Vorgehensweisen bei Herstellung, Kontrolle und Zertifizierung. Die 1998 eingeführte obligatorische Kennzeichnung (CEE 820/97) mittels doppelter Ohrmarke der Rinder bis hin zur Angabe des Herkunftslandes auf deren Fleischprodukten in den Theken bewirkte, daß ein Kalb, das in der Lorraine geboren, im Saarland aufgewachsen und gemästet und in Luxemburg geschlachtet wurde, keinen Abnehmer mehr findet. Dasjenige Kalb aber, das am Bodensee geboren ist, in Hessen aufwächst und in Schleswig-Holstein geschlachtet wird, findet als reines deutsches Produkt mit gesicherter, ausschließlich deutscher Herkunft den weitaus leichteren Absatz. Mit nationalen Labeln wie „Viande de France“, „Produit du terroir“ oder Aussagen und Leitsätzen wie „Achetez français“ oder „British Beef is Safe“ wird gezielt und aufdringlich, aber eben nur plakativ geworben, um das viel besungene Vertrauen der Konsumenten zurückzugewinnen.

Solche Vorgehensweisen erschwerten anfänglich und erschweren z.T. noch immer den Bio-Landwirten das Leben, weil die Verbraucher den aus der konventionellen Landwirtschaft hervorgehenden Produkten aus der Region über Gebühr Vertrauen schenkten. Auf der anderen Seite erfährt die Bio-Landwirtschaft erst jetzt nach BSE und MKS einen wirklichen Vertrauensvorsprung und Absatz-Boom. Die daraus hervorgehenden Produkte werden allgemein als weitaus sicherer, weil aus glücklicheren, d.h. gesünderen, artgerechter gehaltenen Tieren und weniger belasteten Böden erstellt, angesehen. Auch das ist eine pauschale Einschätzung, die so ohne weiteres sicherlich nicht zutrifft. Die vermehrt dogmatische Vorgehensweise in der Bio-Landwirtschaft ohne eine straffe und enge „End-of-pipe“-Kontrolle gewährt de facto weder in der eigentlichen Lebensmittelsicherheit noch bei der Tiergesundheit bessere Resultate. Lediglich bei den Parametern Bodenfruchtbarkeit und Stickstoffhaushalt ist der Bio-Landbau dem konventionellen um Längen voraus.

Praxisnahe Rahmenbedingungen einer nachhaltigen (und sicheren) Landwirtschaft

Die Komplexität der Land-Wirtschaft schlechthin verlangt nach einer vernetzten Betrachtungsweise. Die zu erstellenden Rahmenbedingungen müssen aber aus praktischen Gründen in vier verschiedene Bereiche unterteilt werden. Diese sind die Bereiche Natur- und Umweltschutz, die eigentliche Lebensmittelsicherheit, die Tiergesundheit und deren Wohlbefinden sowie die ökonomische Produktivität. Für jeden dieser Bereiche müssen über spezielle Indikatoren die Erfüllung der jeweiligen Ziele gemessen werden. Die im Rahmen regelmäßig (mindestens jährlich) zu erstellender Betriebs-Audits (mit einer zwingenden „comptabilité des matières“) ausgewerteten Parameter dienen sowohl den Betriebsleitern zur Managementkontrolle als auch der externen Erfolgskontrolle. Im Wesentlichen muß das wie folgt aussehen:

Natur- und Umweltschutz (NUS): Der Ressourcenverbrauch, das Recycling von Nebenprodukten aus der Lebensmittelindustrie sowie die potentielle von der Landwirtschaft ausgehende Umweltbelsatung kann relativ einfach mittels N-, P-, K-, CO2- und Humusbilanzen (Hoftor oder Feld/Stallbilanzen) ermittelt werden. Über die Art und Weise aller eingesetzten Phytopharmaka und sonstiger risikoreicher Betriebsmittel wird die Umwelttoxikologie geschätzt. Desweiteren werden über gezielte Felderhebungen Anhaltspunkte zur Biodiversität, zum Wasser-, Arten- und Klimaschutz sowie zur Landschaftsgestaltung ermittelt. Der regelmäßige Vergleich der erreichten Kenngrößen (IST-Werte) mit den anzustrebenden Zielgrößen (SOLL-Werte) führt durch ständiges Verbessern in einen fließenden Übergang zu einer nachhaltigeren Landbewirtschaftung, bei der das Potential der natürlichen Kreisläufe (inklusiv der biologischen Schädlingsbekämpfung z.B.) als eines der vier Unternehmensziele zur Steigerung der biologischen Effizienz stetig ausgeschöpft wird.

Eigentliche Lebensmittelsicherheit (LMS): Zur Absicherung der Lebensmittelsicherheit muß nicht nur das Endprodukt, sondern der gesamte Produktionsprozeß kontrolliert werden. Dies beinhaltet neben der Erfassung aller eingesetzen Betriebsmittel (siehe weiter oben) die Kontrolle dieser Produkte (Futtermittel, Dünger, ...) auf ihre Zusammensetzung, ihre Herkunft und potentiellen Rückstände. Betriebsmittel, die den auferlegten Kriterien genügen und keine bekannten humantoxikologischen Gefahren in sich bergen, können auf sog. „Positiv Listen“ eingetragen werden. Dies schließt jedoch keinesfalls die Rückstandskontrollen im Endprodukt aus. Im Gegenteil. Auch hier muß gezielt und je nach Art des Produktes und seiner Produktionsweise analysiert werden. Der regelmäßigen Überwachung der Hygiene im gesamten Betrieb mit gezielten Erhebungen der potentiellen Krankheitserreger (Viren, Bakterien, Pilze) im Futter, in der Gülle und dem Mist, bei der Milchgewinnung, der Futterlagerung, ..., ist ebenfalls eine hohe Aufmerksamkeit zu widmen, um Übertragungen von Erregern und/oder Toxinen auf den Menschen regelrecht im Keim zu ersticken. Dabei könnte die HACCP-Implementierung in den landwirtschaftlichen Betrieben von großem Vorteil sein.

Tierschutz und Tiergesundheit (TSG): Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere ist ein sehr schwieriger Bereich, bei dem die unterschiedlichen Betrachtungsweisen sehr stark von emotionellen Empfindlichkeiten geprägt sind. Auch stehen sich Umweltschutz und Tierschutz oft diametral gegenüber. Für Tierschützer bedeutet Strohhaltung das nec plus ultra. Für Umweltschützer werden bei dieser Art der Haltung die höchsten Ammoniak- und Lachgas-Emissionen nachgewiesen. Daher muß diesem Bereich wie in allen anderen mit möglichst objektiv erfaßbaren Parametern begegnet werden. Solche einzeltierbezogene Indikatoren können z.B. folgende sein: Die Kontrolle der Ausgeglichenheit der Milchviehfütterung über den Harnstoffgehalt der Milch, die Kontrolle der Fruchtbarkeit über die Zwischenkalbe- und -wurfzeiten, die Darstellung der allgemeinen Tiergesundheit über die Auswertung der Abgangsursachen der Tiere, deren Leistungsentwicklung (Milchmenge, Tageszunahmen, aufgezogene Ferkel, ...) über die Zeit (Extremwerte, Streuung, Persistenz, ...), eventuellen Verhaltenstörungen des Medikamenteneinsatzes, pH-Messungen im Fleisch nach dem Schlachten, die Analyse somatischer Zellen in der Milch, die Kontrolle der Haut auf Parasiten und der Hufe auf Druckstellen und Abschürfungen, ..., alles Parameter die in leistungsgeprüften Herden eigentlich bereits größtenteils vorliegen. Die Kontrolle des Stallklimas, des Lichteinfalls, der Belegdichte, der Auslaufmöglichkeiten sind weitere Anhaltspunkte, um das Wohlbefinden der Tiere nahezu korrekt einzuschätzen.

Ökonomische Produktivität (OKP): Die ökonomischen Kenngrößen liegen seit Jahren für diejenigen Betriebe vor, die in den sog. Buchführungsstellen geführt und beraten werden. Die Ergebnisse daraus müssen aber fortan mit den biologischen Eckwerten verglichen werden. Ziel dabei muß es sein, die realen Gestehungskosten inklusive der biologischen Leistungen in den drei Bereichen Umwelt, Lebensmittelsicherheit und Tierschutz zu quantifizieren. Daraus soll der gerechte Preis für die Produkte errechnet werden, die aus dem von der Gesellschaft auferlegten Richtlinienanbau hervorgehen. Daraus können ebenfalls die Kosten für strengere Auflagen abgeleitet werden. Ziel sollte es sein, daß die Landwirte nicht nur mehr pauschal entschädigt werden, sondern daß sie für real erbrachte (Dienst-)Leistungen entsprechend dem Preis- und Einkommensniveau der Region bezahlt werden. Entweder direkt über die Haushaltskasse und/oder indirekt über einen erhöhten Preis des abgelieferten Produktes. Denn solange alle Folgekosten im Preis für fossile Energieträger, belastende Betriebsmittel und verletzende Produktionsweisen nicht weltweit internalisiert sind, muss die Landwirtschaft als nachhaltiger Energieproduzent künstlich entschädigt werden.

Schlußfolgerung

Die Landwirtschaft ist sicherlich Teiltäter bei allen innerbetrieblichen Aktivitäten, wo vermeidbare Nährstoffverluste und überzogener Chemieeinsatz getätigt wurden oder werden. Sie ist aber sicher auch ein Opfer jenes Systems, das wir uns alle gemeinsam so geformt haben und bei dem jeder eine eigene Mittäterschaft zu verantworten hat. Dieser Verantwortung sollte man sich auch bei anzustrebenden Änderungen nicht entziehen.

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