Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Nachhaltige Regionalentwicklung...    Donnerstag, 10.5.    Freitag, 11.5.    Vortragstexte


Prof. Dr. Ulf Hahne

Universität Kassel

____________________________________________________________________

Einführung in das Tagungsthema

Nachhaltige Regionalentwicklung – am Anfang oder am Ende? Das Thema der diesjährigen Gaytaler Gespräche ist provokant. Neun Jahre nach der Rio-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung, die das Thema Nachhaltigkeit ins Zentrum ihrer Überlegungen gerückt hat, und ein Jahr vor der Überprüfungskonferenz Rio plus 10 ist eine Zwischenbilanz durchaus angebracht. Wie wird sie ausfallen? Manche meinen, es sei zu früh für eine derartige Zwischenbilanz, denn nachhaltige Entwicklung hat einen Zeithorizont, der weit über die eigene Generation hinausreicht. Andere meinen, der Produktzyklus des einst paradigmatischen Begriffs „Nachhaltigkeit“ sei in eine deutliche Sättigungsphase getreten und zur leeren Worthülse verkommen. Vielleicht hilft eine inhaltliche Näherung weiter.

Denn schauen wir uns die Fakten an, so liegt das Problem weniger in der inflationären Begriffsverwendung als vielmehr in der Ernüchterung über die tatsächlich erzielten Fortschritte zur Erhaltung des Nachhaltigkeitsraumes „Erde“:

-         Eine Trendwende in den heutigen Produktions- und Konsummustern der entwickelten Länder ist noch nicht erreicht. Die Verzehrung des natürlichen Kapitalstocks schreitet ungebrochen voran.

-         Die globale Klimaveränderung ist das sichtbarste Zeichen.

-         Das Ende einiger wichtiger nicht-regenerativer Ressourcen ist absehbar.

-         Die Abfallberge und die Gewässerverschmutzung nehmen noch immer weltweit zu.

-         Die Bodendegradation hält unvermindert an – und das bei exponentiell wachsender Bevölkerungszahl.

-         Der fortschreitende Verlust an Biodiversität ist ebenso zu konstatieren wie

-         der anhaltende Flächenverbrauch für Wirtschaft und Gesellschaft.

-         Von einer ökologischen Energie- wie von einer Verkehrswende sind wir weit entfernt.

-         Solange den entwickelten Staaten keine überzeugenden Nachhaltigkeitsstrategien einfallen, fehlt auch die Überzeugungskraft, den weniger entwickelten Staaten eine entsprechende Strategie zu empfehlen. Der Druck auf den Ressourcenverbrauch wird daher weltweit nochmals zunehmen.

-         Die Kehrseite der Entwicklung ist schon jetzt sichtbar: In vielen Regionen der Erde nimmt die Lebensqualität ab.

-         Die Disparitäten zwischen den Armen und den Reichen wachsen weiter.

Diese Liste ließe sich noch sehr viel weiter verlängern. Ein erstes Fazit hieße also: Nachhaltigkeit harrt noch auf vielen Ebenen der Umsetzung und des Umsteuerns. Das beginnt mit dem Problem der Zielfindung: Wo sind verbindliche, operationale Ziele mit entsprechenden Zeitmaßen, die auch wirklich eingehalten werden? Auf jeder Klimakonferenz nach Rio sind die Reduktionsziele weiter verwässert worden. Staatengemeinschaften verhandeln bei der Harmonisierung von Umweltbestimmungen über den kleinsten gemeinsamen Nenner, nicht über das verantwortliche Maß.

Es gibt deshalb Skeptiker, die bezweifeln, dass unsere traditionellen Problemlösungsmuster überhaupt ausreichen, um die Dimension der notwendigen Veränderungen erfassen zu können. Und man kann die Skepsis noch um ein grundsätzliches Argument erweitern: Übersteigt möglicherweise das Auseinanderfallen der Zeitmaße zwischen eigenem Handeln und der Reaktionsgeschwindigkeit der Ökosysteme die Problemverarbeitungskapazitäten unserer Gesellschaften? Unter dem Aspekt prinzipiell begrenzten Wissens bleibt nur die bescheidene Aussicht, Nachhaltigkeit als regulative Idee zu verstehen, welche die Handlungsrichtung für die nötigen Such-, Forschungs- und Lernprozesse angibt.

Wenn aber die großen Lösungen im Weltmaßstab so schwierig sind, was kann dann regionale Nachhaltigkeit erreichen? Wie fällt auf der regionalen Ebene eine Zwischenbilanz der Nachhaltigkeitsdebatte aus? Der regionalen Ebene wird eine hohe Bedeutung für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien zugeschrieben. Viele Regionen haben sich längst der Nachhaltigkeit verschrieben. So Regionen werben stolz als „Regionen der Zukunft“ auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Immer häufiger werden regionale Nachhaltigkeitskonzepte entworfen und in manchen Verwaltungen finden sich jetzt „Ämter für nachhaltige Entwicklung und Planung“.

Die regionale Ebene besitzt gegenüber der globalen Ebene mehrere Vorteile der Nähe, die sie als Handlungsebene zunächst besonders geeignet erscheinen lassen:

-         Die Spürbarkeit vieler Nachhaltigkeitsbelastungen, sei es im ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich, ist in den Regionen sehr viel direkter als bei globalen Auswirkungen gegeben (man denke nur an Gewässerverschmutzung, Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot).

-         Die nachlassende Steuerungsfähigkeit auf staatlicher Ebene führt zum Gewinn von Handlungsspielräumen der Regionen, die bereits vielerorts genutzt werden (Bildung neuer regionaler Handlungseinheiten).

-         Auf regionaler Ebene ist ein Ausgleich lokaler egoistischer Interessen möglich (innerregionaler Interessenausgleich).

-         Und schließlich ist die persönliche Verantwortung des eigenen Handelns sehr viel eher im Kleinen als im Großen abzufordern.

Es ist daher kein Wunder, dass eines der wichtigsten handlungsbezogenen Kapitel der in Rio verabschiedeten Agenda 21 das kurze Kapitel 28 über die Verantwortung der Kommunen ist. Die breite Umsetzung in Lokalen Agenden 21 zeigt die Bereitschaft vieler Kommunen und vieler Menschen, das Thema Nachhaltigkeit vor Ort und in der Region aufzugreifen.

Mit der regionalen Ebene kommt jedoch nicht nur eine wichtige Handlungsebene hinzu, sondern es kommen auch neue Akteure und – wie kaum anders zu erwarten – auch neue Fragestellungen hinzu.

-         Grundsätzlich: Ist regionale Nachhaltigkeit überhaupt möglich? Prozesse der Nachhaltigkeit sind häufig großräumiger angelegt, denkt man allein an regionale Austauschprozesse (spill-overs). Inwieweit sind also ein nationaler und vor allem ein internationaler Rahmen notwendig, um die ökologische Tragfähigkeit des Trabanten zu sichern?

-         Reichen die Handlungsmöglichkeiten auf regionaler Ebene überhaupt aus, bestimmte Prozesse, z.B. in den Feldern der Handels-, Stoff- und Energieströme, beeinflussen zu können? Wo liegt also die Reichweite der eigenen Handlungsmöglichkeiten?

-         Wie kann der Verlustausgleich zwischen Regionen geregelt werden? Wie lassen sich Überinanspruchnahmen einerseits durch Ausgleichsregelungen andererseits kompensieren (und da stellen sich grundsätzliche Probleme der Substituierbarkeit ein, etwa zwischen Agglomerationsvorteilen und ökologischen Funktionen)?

Die Vorteile der Region wie Flexibilität, Überschaubarkeit, offene Grenze sind damit zugleich Hemmnisse der selbstbestimmten Entwicklung. In diesem Spannungsfeld gilt es, die regionalen Handlungsspielräume auszuloten und für eine nachhaltige Regionalentwicklung zu nutzen. Da ist es leicht, zunächst an den wichtigsten Erfolgsfaktoren regionaler Entwicklung anzuknüpfen und diese für die Nachhaltigkeitsstrategie zu nutzen. Dies würde heißen, an den endogenen Potentiale anzusetzen, die wichtigsten Akteure der Region zur Mitarbeit zu motivieren, überschaubare Projekte voranzutreiben und bekannt zu machen, Gewinnerallianzen herzustellen und zu nutzen usw. – Aber: Wäre dies nicht zu bescheiden?

Eine Zwischenbilanz der nachhaltigen Regionalentwicklung, die Aufgabe der diesjährigen Gaytaler Gespräche, muss danach fragen, ob das Setzen auf die Erfolgsfaktoren grundsätzlich ausreicht oder ob nicht möglicherweise die Bearbeitung von Nachhaltigkeitskonflikten in der Region einen viel größeren Zielbeitrag zur Nachhaltigkeit liefern könnte. Es gilt also sehr genau in einzelne Handlungsfelder hinzuschauen, Strategien zu bewerten, von anderen Regionen zu lernen und Wissenslücken zu erkennen.

Deshalb dient ein erster Teil der diesjährigen Gaytaler Gespräche Praxisbeispielen aus verschiedenen Handlungsfeldern. Eher sektoralen Handlungsfeldern zugeordnet werden können die Beiträge von Offermann (zum Bereich erneuerbare Energien in Luxemburg), Ahnert (zu dezentralen Telematik-Projekten des Landes Sachsen) und Stoll (zu Aspekten der umweltgerechten Landwirtschaft anhand von neuesten Forschungsergebnissen eines luxemburgischen Herdbuchverbandes). Die Unterstützung von Ansätzen nachhaltiger Regionalentwicklung durch das EU-Programm LEADER beleuchtet Swoboda.

Der zweite Teil der Gaytaler Gespräche geht über die guten Praxisbeispiele hinaus und befasst sich mit den bereits angedeuteten grundsätzlichen Fragestellungen, inwieweit Nachhaltigkeit überhaupt und sodann auf regionaler Ebene möglich sei. Der erste Beitrag hierzu trägt die provokante Überschrift „Konsensstiftende Leerformel“ (Summerer). Im zweiten Beitrag, der bescheiden nur „einige Anmerkungen“ zur nachhaltigen Regionalentwicklung ankündigt, findet sich ebenso provokant eine kritische Position zur Frage der konzeptionellen Eignung der Region als Ebene für eine nachhaltige Entwicklung (Bergmann).

Was bleibt als Resümee? Der guten Praxis vieler Projekte, einiger Regionen und mancher Handlungsfelder steht eine noch zu geringe Breitenwirksamkeit gegenüber. Verglichen mit dem globalen Problemdruck muten diese Partialansätze häufig bescheiden an. Einerseits sind deutliche Wissensdefizite im Hinblick auf größere Systemzusammenhänge, andererseits das mangelnde Ausnutzen der vorhandenen Spielräume und des bereits vorhandenen Wissens zu beklagen. Noch wird der Pfad zur nachhaltigen Regionalentwicklung von zu wenigen zu wenig konsequent beschritten. Dabei scheint das Problem noch nicht einmal allgemein bewusst zu sein: Nur 13 Prozent der Bundesbürger kennen – einer aktuellen Umfrage gemäß – den Begriff Nachhaltigkeit. Gleichwohl kann es nicht darum gehen, mit einer grundsätzlich skeptischen Haltung die Akteure zu frustrieren, die soziale Akzeptanz des Themas zu schwächen und die Politik aus der Verantwortung zu entlassen.

Wege zur nachhaltigen Regionalentwicklung erfordern das Einüben von Dialog – hierzu sind die Gaytaler Gespräche ein hervorragendes Ereignis. Im Dialog geht es um Ziele der nachhaltigen Regionalentwicklung, um Verbindlichkeit untereinander, also auch um Eigenverantwortung. Hier gemeinsam neue Wege zu finden, neue Motivation und Spaß an der Zukunftsaufgabe Nachhaltigkeit zu wecken und mit neuen und alten Akteuren Zugewinne der regionalen Entwicklung zu erreichen, ist die Basis für eine aktive Gestaltung der Regionen – auf dem mühevollen Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung.

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz