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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

VISION FÜR EINEN STADTTEIL

Prof. Dr. Heinz A. Ries, Trier


Der Begriff Vision hat Konjunktur. Er ist in aller Munde, findet Eingang in politischen Programmen, in der Managementlehre und in den Headlines der Medien. Worte und Begriffe dienen dann der Verständigung, wenn wir uns über ihre Inhalte und Bedeutung klar werden.

Vision in dem hier verwendeten Sinne hat etwas mit antizipierendem Denken zu tun und ist daher wie alles Denken einer Qualitätsprüfung zu unterziehen. Ohne Zweifel haben Visionen aber handlungsweisende Funktion, geben unserem Handeln Richtung und setzen uns in die Lage, das Handeln anderer Akteure an diesem Maßstab zu messen. Und Visionen beziehen sich auf etwas Zukünftiges, stehen also mit der Gegenwart in einem kontrastierenden Verhältnis. Es ist daher notwendig, etwas über dieses Gegenwärtige zu sagen. Beides, dieses Gegenwärtige und die Vision für einen Stadtteil wird nachfolgend in Thesenform vorgestellt.

 

Die neoliberale Gesellschaft


Die derzeitige gesellschaftliche Situation und ihre Trends sind Teil der neoliberalen Vision , leider in einer weitgehend auf die Wirtschaft reduzierten Form. Die Versatzstücke der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin zu ermitteln fällt nicht schwer, werden sie uns doch fast tagtäglich um die Ohren gehauen: Wettbewerb, Wachstum, Leistung, Dereglulierung, technologischer Fortschritt, Globalisierung, alle als Garant der Vollbeschäftigung und des Wohlstandes für alle.

These 1

Die theoretischen Aussagen, auf die sich die neoliberale Wirtschaft abstützt, haben fast durchwegs den Status von axiomatischen Setzungen. Empirisch sind dergestalt nicht überprüfbar. Die verwendeten Konzepte sind vieldeutig und für eine ganzheitliche und systemische Sichtweise von Wirtschaft als einem Teilsystem von Gesellschaft ungeeignet.

These 2

Wie in der einstigen kommunistischen Planwirtschaft ist zwischen Theorie und Praxis zu unterscheiden. Die Postulate der neoliberalen Wirtschaft decken sich nicht mit ihrer Praxis. Die Postulate werden stets dann außer Kraft gesetzt, wenn dies dem Vorteil der eigenen Interessen dienlich scheint. Dies ist sogar, ohne daß es von den Theoretikern selbst bemerkt wurde, konform mit ihrer These eines lediglich am Eigennutz orientierten Menschen. Nach dieser Theorie wird, wenn seine Vorteile dies erheischen, der Neoliberale nicht nur Gesetze übertreten, sondern sich auch nicht um Theorien kümmern.

These 3

Sofern ihre Gewinnchancen nicht geschmälert werden, sind für Neoliberale gesellschaftlich negative Folgen, verursacht durch ihre eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen, zweitrangig. Oft werden die Fakten, die nach ihren Theorien nicht eintreffen dürften, umgedeutet oder verleugnet, ganz im Sinne „Es kann nicht sein was nicht sein darf“. Dies sind unzweifelhafte Indikatoren für den ideologischen Charakter der neoliberalen Wirtschaftstheorien.

These 4

Die neoliberale Vision ist nicht zukunftsfähig. In ihrer bisherigen Praxis verursacht sie hohe ökonomische und soziale Kosten. Sie gefährdet das Klimagleichgewicht, verschleißt die natürlichen Ressourcen, da sie nicht auf Nachhaltigkeit setzt und sie schafft eine Monokultur und reduziert die „Artenvielfalt“ der sozialen Marktwirtschaft..

 

Thesen zu einer sanften Vision

These 1

Die sanfte Vision orientiert sich an einem humanistischen Menschenbild und jenen Werten und Fähigkeiten des Menschen, denen er sein Überleben verdankt: Gegenseitige Hilfe, Schutz der Schwächeren, wie etwa der Kinder, Kooperation und respektvoller Umgang mit der Natur. Orientieren heißt, diese Werte in der Entwicklung sozialer Institutionen, Organisationen und Einrichtungen umzusetzen.

These 2

In der Wirtschaft werden gemeinwirtschaftliche Formen revitalisiert und wirt­schaftliches Handeln an ethischen und moralischen Codizes orientiert und nicht an Gewinnmaximierung. Solidarische Ökonomie erhält einen hohen Stellenwert.

These 3

Globalisierung versteht sich nicht nur auf Wirtschaft bezogen, sondern und insbesondere als weltweite Vernetzung von Regierungen, Verwaltungen, Institutionen, NGOs mit den Zielen, bessere demokratische Formen zu entwickeln, den Frieden zu sichern und kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern, eine bessere Lebensqualität für möglichst viele Menschen zu erreichen unter Verzicht auf Ausbeutung anderer Regionen.

These 4

Die sanfte Vision geht von einem neuen Zeitverständnis aus. Es gewährt dem einzelnen Menschen, unter Orientierung an seiner Eigenzeit ein Höchstmaß an Zeitsouveränität, so daß die eigenverantwortliche Befriedigung seiner Grundbedürfnisse optimiert werden kann. Zeit wird zur wichtigsten Ressource des beginnenden neuen Jahrtausends.

These 5

Statt einer Verflüchtigung des Raumes wird ihm eine neue Bedeutung zugemessen. Lokale Orte, wie Städte und ihre Stadtteile, Gemeinden und Regionen sind jene Räume, in denen sich Lebensqualität konkretisiert. Diese neue Raumverständnis führt auch zu einer Neubewertung von Mobiltät.

 

Die sanfte Vision, hier skizzenhaft entwickelt, steht in einem scharfen Gegensatz zur neoliberalen Vision eines globalen Kapitalismus. Will man den außer Kontrolle geratenen Kapitalismus zähmen, genügt es nicht, sich nur um das Funktionieren eines Marktes zu kümmern. Die Welt ist mehr als Markt, die Menschen haben mehr als nur Konsumbedürfnisse. Die Gesellschaft und Demokratie ist kein Konzern.. Die Wirtschaft sind nicht nur die Shareholder.

Die operative Übersetzung der sanften Vision in Leitbilder und Ziele ist ein dauernder Prozeß, ein Dialog um die beste Transformation dieser Leitbilder auf den verschiedenen Ebenen gesellschaftlichen Seins. Die sanfte Vision ist als ein Ganzes zu sehen, nicht bloß als eine Addition unverbundener Elemente. Ihre synergetische Kraft entwickelt sie nur als Ganzes. Die Entwicklung von Stadtteilen ist an der o.g. sanften Vision zu messen. Leicht ist dies nicht aber eine Herausforderung, die aus der Defensive führt und die Lähmung durch den Neoliberalismus beendet. Der braucht – um einen Titel von Pierre Bourdieu’s Buch zu verwenden - „Gegen-Feuer“, Argumente im Dienst des Widerstands gegen die neoliberale Invasion“.

Im Vortrag soll anhand des Stadtteils Trier-Nord, einem Stadtteil mit Entwicklungs­bedarf, gezeigt werden, wie diese sanfte Vision operativ übersetzt wurde und noch wird.

 


 

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