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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Nachhaltige Gemeindeentwicklung
Erfahrungen und Beispiele aus der Gemeinde Beckerich, Luxemburg

Camille Gira

Beckerich ist eine Landgemeinde des Grossherzogtum Luxemburgs, die im Westen des Landes unmittelbar an der Staatsgrenze zum Königreich Belgien gelegen ist. Heute wohnen rund 1900 Einwohnerinnen und Einwohner auf einer Fläche von 2841 ha.
Die Dorferneuerung in Beckerich war kein gesteuerter Prozess, der durch den Gemeinderat in Bewegung gesetzt wurde, sie ist “von unten” angeregt worden und hat sich erst allmählich zu einem umfassenden Prozess entwickelt. Sie ist gekennzeichnet durch ihre lange Geschichte, welche man in 3 unterschiedliche Abschnitte unterteilen kann:

1) Die 70er Jahre: Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Beckerich erlebt in jenen Jahren all die typischen Probleme, die für eine im Niedergang begriffene Landgemeinde charakteristisch sind: die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe geht dramatisch zurück, die jungen Leute verlassen die Gemeinde, die alte Bausubstanz steht leer und verfällt, einzelne Bauernhäuser werden abgerissen. Ende der 70er Jahre erreicht die Einwohnerzahl mit 1490 Menschen ihren Tiefpunkt.
Da veröffentlicht im Jahre 1975 ein Lokalhistoriker ein Buch über die Vergangenheit der Gemeinde und bringt damit den Stein der Bewusstseinswandlung ins rollen. Aufgrund seines Werkes tun sich einige Jugendliche in dem Verein “Geschichtsfreunde Beckerich” zusammen und bringen es fertig, über Ausstellungen, Filme, Konferenzen usw., die Beckericher Einwohnerschaft zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte und Tradition zu bewegen. Die ersten Hauseigentümer beginnen ihre Gebäude und Wohnungen zu renovieren.

2) Die 80er Jahre: systematische Dorferneuerung

Die Beckericher haben ihre Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der Stadt abgelegt und gelernt, dass nicht nur Burgen und Schlösser eine Vergangenheit haben, sondern auch jedes einzelne Haus. Unter der Mitwirkung der nationalen Denkmalbehörde, hat die Renovierung der alten Bausubstanz einen Schneeballeffekt. Die Idee der Dorferneuerung erlebt zu diesem Zeitpunkt auch ihren Einzug im Gemeinderat. Dieser sorgt für die systematische Restaurierung des öffentlichen Patrimoniums, die Neugestaltung der Strassenräume und öffentlichen Plätze, kurbelt aber auch über den Aufbau einer Mineralwasserfirma den wirtschaftlichen Aufschwung der Gemeinde an. Als erste Gemeinde Luxemburgs öffnet der Beckericher Gemeinderat seine beratenden Ausschüsse für Männer und Frauen “von der Strasse”.
Die Landflucht ist gestoppt: junge Leute ziehen in die renovierte Bausubstanz ein.Seit der 2. Hälfte der 70er Jahre ist die Wanderungsbilanz wieder deutlich positiv und seit Mitte der 80er Jahre überwiegen die Geburten alljährlich die Sterbefälle.

3) Die 90er Jahre: auf dem Weg zu einer nachhaltigen Dorfentwicklung

Der Uebergang vom Erhalt des natürlichen und architektonischen Patrimoniums hin zu einem bewusst gesteuerten Entwicklungsprozess, erfolgt 1990 als der Gemeinderat ein mehrjähriges Programm für eine konsequente ökologische Gemeindepolitik verabschiedet.
Um die dazu nötigen Instrumente zur Verfügung zu haben, werden eine Biotopkartierung, ein Grünplan, ein Dorfentwicklungsplan und eine Energiestudie in Auftrag gegeben.
Der Umweltaspekt wird in allen Teilbereichen berücksichtigt, der “ökologische Reflex” auf allen Entscheidungsebenen verankert.
Die Gemeinde tritt 1994 dem europäischen Klimabündnis bei. Mit diesem Beitritt hält auch der Begriff “nachhaltige Enrwicklung” Einzug in das Denken der Verantwortlichen.
Damit hatten wir über Nacht ein neies Leitbild: denn wenn man das Engagement , den CO2- Ausstoss bis zum Jahr 2010 zu halbieren , auch nur ansatzweise ernst nimmt, bedingt dies ein anderes Denken.
Somit ergab sich zwangsweise eine neue Ausrichtung der Zielsetzung des Dorferneuer­ungsprozesses. War bis dahin der Erhalt des bestehehenden Patimoniums und eine Neubelebung der Dörfer oberstes Ziel, so geht es jetzt um mehr: die Entwicklung der Gemeinde auf lokal und regional vorhandene menschliche und natürliche Ressourcen aufbauen, um sie so langfristig abzusichern und den nachkommenden Generationen ein lebenswertes Umfeld zu vererben.

Ausnutzung der vorhandenen Potentiale

Dieses Ziel der Nachhaltigkeit ist aber, wenn überhaupt, nur unter maximaler Ausnutzung aller vorhandener Potentiale zu erreichen.

1) Das kulturhistorische Erbe

In Zeiten einer allgemeinen Banalisierung, Veramerikanisierung und einer damit einhergehenden Orientierungslosigkeit muss dafür gesorgt werden, dass unsere Dörfer ihre Originalität und ihre Einmaligkeit erhalten, nicht nur,damit junge Menschen wieder Wurzeln schlagen können, sondern auch damit unsere Dörfer ihre touristische Anziehungskraft behalten und ihr Potential an Ausgleichfunktion für den städtischen Raum nicht verloren geht.
Momentan ist der Tourismus in Beckerich inexistent. Aber trotzdem haben wir unsere unverwechselbare Maria-Teresien-Archtektur erhalten, sämtliche Zeugen unserer religiösen Vergangenheit restauriert, Fahrradpisten auf stillgelegten Eisenbahnstrecken angelegt. Wir werden uns in Zukunft intensiver mit unserer zwar bescheidenen, aber nicht uninteressanten industriellen Vergangenheit beschäftigen: die Gemeinde hat eine alte Sägemühle gekauft, welche wir restaurieren und zu touristischen Zwecken ausnutzen werden.
Unser Potential für einen sanften Kulturtourismus ist also intakt.2) Die natürlichen Ressourcen

In jeder Landgemeinde lohnt es sich, sich intensiv mit den lokal vorhandenen natürlichen Ressourcen auseinanderzusetzen.
Wir haben das ein erstes Mal in den 80er-Jahren gemacht, und dabei herausgefunden, dass unser Trinkwasser mit jedem auf dem Markt befindlichen Mineralwasser konkurieren konnte. Mein Vorgänger hat dann keine Ruhe gegeben, bie er einen Investor gefunden hatte, um unsere Quellen zu vermarkten. Wir haben aber dafür gesorgt, dass die Gemeinde mit 15% am Kapital der Gesellschaft beteiligt ist, damit wenigstens ein Teil der Mehrwertschöpfung vor Ort bleibt.
Wir sind gerade dabei , uns ein weiteres Mal mit unseren natürlichen Ressourcen zu beschäftigen, und war im Zusammenhang mit einer von uns in Auftrag gegebenen Energiestudie, welche uns Wege aufzeigen soll, wie wir der im Klimabündnis festgehaltenen Reduzierung des CO2 um die Hälfte gerecht werden können.
Dabei stellen wir fest:

  • es gibt ein vorhandenes Windenergie-Potential,
  • mit der anfallenden Gülle unserer Landwirtschaftsbetriebe könnten wir über Biogas­anlagen ein Fünftel des benötigten Haushaltsstroms herstellen,
  • mehrere hundert Hektar Wald stellen ein nicht endendes Reservoir für Holzhack­schnitzelanlagen dar.

Aber auch in desem Bereich werden wir dafür Sorge tragen, dass wenigstens ein Teil der Mehrwertschöpfung der lokalen Bevölkerung zugute kommt.

3) Das menschliche Potential

In Luxemburg sagt eine, wenn auch pauschalisierende, doch nicht ganz unwahre Redensart, dass es vor noch nicht allzu langer Zeit in den Dörfern nur 3 Personen gab welche des Lesens und Schreibens mächtig waren: der Pfarrer, der Lehrer und der Gemeindesekretär.
Letzthin wurde mir beim Blick auf die in unserer Gemeinde vertretenen Berufe bewusst, wie sehr sich die soziologische Zusammensetzung der Landbevölkerung geändert hat:
Vom Architekten über den Bau-Ingenieur bis hin zum Gymnasiallehrer, von der Pädagogin über die Forstexpertin bis hin zur Erzieherin, um nur einige zu nennen, finden sich eine bis dahin nicht gekannte Vielzahl an ausgebildeten Menschen wieder.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich bin nicht der Meinung, dass Bauern, Arbeiter und Handwerker den ländlichen Raum nicht weiterbringen könnten, es ist aber neu ,dass zu ihrem eher praxisorientierten Know-how ein intellektuelles Potential an gut ausgebildeten Menschen hinzu kommt.
Es wäre dramatisch, wenn wir unsere Gemeinden zu Schlafdörfern degradieren würden und das vorhandene menschliche Potential nur in der Stadt bei bezahlter Arbeit zum tragen käme.
Es heisst mit allen Mitteln diese Menschen für die Lösung der vorhandenen Probleme zu gewinnen und sie beim Entwerfen von Zukunftsvisionen einzubinden.
Leider erlauben wir uns den Luxus ein anderes menschliches Potential zu sehr brachliegenzu lassen: das der Frauen. In Luxemburg jedenfalls sind sie noch kaum in die wichtigen Entscheidungsprozesse im Dorf eingebunden.Auch hier darf man die Entwicklung nicht sich selbst überlassen, sondern bewusste Initiativen ergreifen um die Frauen aktiv an der Zukunftsgestaltung zu beteiligen.
Seit 3 Jahren haben wir eine Gleichstellungskommission, welche sich intensiv mit der Situation der Frauen in unserer Gemeinde befasst. Sie hat in der kurzen Zeit ihres Schaffens wesentlich zur Verbesserung der Chancengleichheit beigetragen: so funktioniert seit Schulanfang 1997 eine kommunale Auffangstruktur für Grundschulkinder , welche es Frauen wesentlich erleichtert einer Berufstätigkeit nachzugehen oder sich aktiv in der Dorfge­meinschaft zu engagieren.
Wir haben soeben ein neues Projekt gestartet: in einer umfassenden Arbeit wollen wir die unsichtbare und unbezahlte Frauenarbeit auf dem Lande aufzeigen.

Wichtige Instrumente

Um die von mir erwähnten Potentiale optimal umzusetzen, setzen wir verstärkt auf 4 Instrumente:
1) Regionale, grenzüberschreitende und internationale Kooperation
Wir betreiben seit 10 Jahren eine intensive Zusammenarbeit mit 9 umliegenden Landgemeinden.
Zusammen haben wir eine regionale Gewerbezone eingerichtet, eine gemeinsame Kindertagesstätte gebaut und den öffentlichen Verkehr zu einem Stundentakt verbessert. Im Herbst geht es los mit der Vergrösserung eines Altenheimes und nächstes Jahr steht die Renovierung einer gedeckten Schwimmhalle auf dem Programm.
Darüber hinaus hat die Gemeinde Beckerich engen Kontakt mit der angrenzenden belgischen Gemeinde Attert und seit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Partnerschaft mit der Ungarischen Gemeinde Ivancsa. Über die LEADER-Initiative sind wir in Kontakt getreten mit französischen Gemeinden aus dem Pyrenäen-Gebiet.
Seit 1995 investieren wir 0,7% unserer ordentlichen Einnahmen (immerhin 300.000 Schilling jährlich) in Entwicklungsprojekte in der Dritten Welt.
Dabei geht es neben der konkreten Hilfe vor allem darum, unseren Bürgern und Bürgerinnen klarzumachen , was man konkret unter “Global denken, lokal handeln” versteht, und dass es eine nachhaltige Entwicklung für die Natur nur gibt, wenn sie auf der Solidatität zwischen den Menschen basiert.

2) Kommunikation:
Wenn die Politik das Feld nicht aussschliesslich der freien Marktwirtschaft und ihren kommerziellen Werten überlassen will, wenn die Verantwortlichen aus Stadt und Gemeinde eine minimale Chance behalten wollen, den Gesang der Sirenen der Konsumgesellschaft zu übertönen um ihren Bürgerinnen und Bürgern neue ökologische und soziale Werten nahe zu bringen, müssen sie sie sich ähnlicher Kommunikationsmethoden bedienen wie ihre Konkurrenten.
Wie soll man in der Tat Menschen, welche gewohnt sind tagtäglich von vierfarbigen Werbeprospekten überschüttet zu werden, mit einer schlecht gemachten, schwarzweissen Hauswurfsendung davon überzeugen, Energie zu sparen oder vermehrt öffentliche Transportmittel zu benutzen. Die “Werbeetats” der Gemeinden, auch der kleinsten Landgemeinde, müssen erhöht werden, kreative, phantasievolle, lustige Kampagnen müssen entworfen werden, um die Leute davon zu überzeugen, dass eine grosse Villa, ein schnelles Auto und ein dickes Gehalt nicht alles ist, um auf Erden glücklich zu werden.
Wir haben solche Kampagnen in der Vergangenheit versucht, haben dabei jede Menge Spass gehabt, und der Erfolg hat uns Recht gegeben.
Grund genug, dieses Instrument in der Zukunft noch konsequenter einzusetzen.

3) Weiterbildung:
Wir wollen in Zukunft verstärkt in die in Beckerich lebenden Menschen investieren.
Im Haushalt 1997 war erstmalig ein Posten vorgesehen, um vor Ort Weiterbildung anbieten zu können: für die Mitglieder der beratenden Kommissionen, für die Vereinsverantwortlichen, für jede Bürgerin und jeden Bürger der Gemeinde Beckerich.
Erste Angebote in dieser Richtung (Rhetorikkurse für Frauen, Theaterkurse, Infomatikkurse) sind auf reges Interesse bei der Bevölkerung gestossen, zeigen aber auch wie gross das ungenutzte menschliche Potential noch ist.
Dieses Potential wird aber dringend benötigt werden, wenn die Beckericher ihrem Ziel einer nachhaltigen Dorfentwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein Stück näher kommen wollen.

1) Bürgerbeteiligung:
Intensive Beteiligung der Einwohnerinnen und Einwohner an den Entscheidungsprozessen in der Gemeinde ist das Erfolgsrezept unserer bisherigen Dorferneuerung.
Heute existieren12 permanente beratende Ausschüsse mit über 70 Mitgliedern.
Dies ist doppelt wichtig in einer Gemeinde mit einem Ausländeranteil von 22%, in einem Dorf sogar über 50%.
Für mich ist Demokratie das A und O einer nachhaltigen Dorferneuerung und einer ganzheitlichen Entwicklung:

a) Immerhin geht es um einen fundamentalen Wertewandel :

  • weg vom Haben
  • hin zum Sein
  • weg von dominierenden Eigenschaften wie Schnelligkeit, Lieblosigkeit, Nüchternheit und rationellem Denken,
  • hin zu mehr Gemächlichkeit, Lebensfreude, Phantasie und Kreativität.

Diesen Wandel kann man aber nicht von oben planen, geschweige denn verordnen.
Dieser kollektive Wertewandel kann nur über den Weg vieler individueller Wandlungs­prozesse gelingen

b) Um verantwortungsvolle Bürger zu “erziehen”:
Wenn man jahrelang den politischen Aktionsradius der Bürgerinnen und Bürger auf deren Vorgarten beschränkt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese eine Vor­gartenmentalität entwickeln.

c) Um das Ohnmachtsgefühl der Leute zu beheben.

Das Ziel: Nachhaltigkeit

Das Ziel einer nachhaltigen, ganzheitlichen Entwicklung der Gemeinde Beckerich trage ich seit 15 Jahren, am Anfang unbewusst, heute bewusster, als Bild in meinem Kopf herum.
Damals habe ich als junger Mensch an einer Dorfanalyse mitgearbeitert, im Verlaufe derer wir einen Vergleich zwischen der sozio-ökonomischen Situation Beckerichs im Jahre 1980 und zu Ende des 19. Jahrhunderts grafisch dargestellt haben.
Das Jahr 1980 zeigt einen, nach allen Seiten und in beide Richtungen durch­löcherten Kreis dar, eine von der Aussenwelt abhängige Gemeinschaft.
Das Jahr 1890 einen fast geschlossenen Kreislauf, ein praktisch autonom funktionierendes Ganzes.
Dieser geschlossene Kreis soll unser Ziel sein.
Nach 20 Jahren Dorferneuerung sind wir in Beckerich noch meilenweit von diesem Ziel entfernt.
Aber ich wage zu behaupten:

  • die Beckericher sind dabei, sich vorzubereiten auf die einschneidenden wirt­schaftlichen, sozialen und ökologischen Veränderungen, welche auch vor Luxemburg nicht Halt machen werden,
  • die Beckericher sind dabei, den Begriff Nachhaltigheit mit konkreten Inhalten zu füllen,
  • die Beckericher sind dabei, zu erfahren, dass sie auch, oder besonders, in Zeiten der Globalisierung, gemeinsam ihr Schicksal in die Hand nehmen können.

Und das gibt uns Hoffnung für die Zukunft und Mut, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren.

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