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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Der Weg zum Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung

Joachim Bauer

I. Die Idee, theoretische Grundlagen und viel Laufarbeit

Seit der Klimakonferenz in Rio sind nun schon einige Jahre ins Land gegangen, weitere Konferenzen haben stattgefunden und der Begriff der Nachhaltigkeit hat eine ungeahnte Karriere gemacht. Auf einer solchen Konferenz, auf der einmal mehr „die Welt gerettet werden sollte“ (Zitat Helge Majer), kam es zur Initialzündung, die dann zur Gründung des unw führen sollte. Die theoretische, global interpretierte Grundlage war klar: nachhaltige Entwicklung. Die Frage lautete: Was können wir in unserem eigenen Wirkungskreis tun, bevor wir Handlungsempfehlungen für das globale Dorf aussprechen? Da die weitere Vorgehensweise wissenschaftlich fundiert sein sollte (kein Wunder, wenn ein Professor eine Idee hat), mußte eine umsetzbare wissenschaftliche Grundlage gefunden werden, die eine fundierte strategische Vorgehensweise unterstützen sollte. Die Theorie regionaler sozio-ökonomischer Netzwerke wurde als eine solche identifiziert und sollte als Modellrahmen für die Initiative fungieren. Extrem verkürzt könnte man sie folgendermaßen umschreiben: Unter einem sozialen Netzwerk versteht man die Verknüpfung einer definierten Menge von Akteuren durch spezifische interaktive Beziehungen, mit der zusätzlichen Eigenschaft, dass die Merkmale dieser Beziehungen insgesamt benutzt werden können, das soziale Verhalten der betroffenen Akteure zu erklären. Die Netzwerkakteure erwarten aus dem Netzwerk gemeinsame Gewinne (im weiten Sinn von Vorteilen), die über den individuelle erzielbaren liegen.

Inhalte der Interaktion zwischen Akteuren bestehen:

  • Information und Kommunikation (neue Ideen, auch Gerüchte)
  • Austausch und Transaktion (Güter und Dienste).
  • Normen, Werte, Einstellungen (Erwartungen, die mit der Beziehung verbunden werden)

Die praktische (und eigentliche) Arbeit bestand darin, die relevanten Kernakteure aus den für das Netzwerk als „wichtig“ erkannten Akteursgruppen in persona zu identifizieren, mit ihnen in Kontakt zu treten und für die Idee zu begeistern. Dass dies in einer endlosen Reihe von Mailings, persönlichen Besuchen und Gesprächen letztendlich gelungen ist, ist nur dem unermüdlichen Einsatz der Initiatoren der ersten Stunde zu verdanken, die keinen Weg, keinen Termin und keinen Kaffee gescheut haben, weitere Persönlichkeiten für die Idee zu gewinnen. Hier ist bei aller theoretischen Fundierung des Konzepts deutlich geworden, dass der Erfolg einer solchen Initiative extrem Personengebunden ist. Dies gilt besonders für die Anfangsphase. Nach etwas mehr als sieben Jahren und mit einer Mitgliederzahl von etwa 140 hat sich dieser Druck erst mit der Etablierung stabiler Strukturen auf mehr Schultern verteilt.

II. Ziele des unw:

  1. für Ulm und seine Region Grundlagen und Anwendungen für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung zu erarbeiten („Forschungsgruppe Zukunftsfragen“, Wissenschaftlicher Beirat),
  2. das Ziel nachhaltigen Wirtschaftens mit allen Akteuren der Region umzusetzen

    und hierbei

  3. besonders die Firmen in der Region mit einzubeziehen.

Die Umsetzung erfolgt mit vielfältigen Informationen (Veranstaltungen, Aus­stellungen, Schriftenreihe, Zeitschrift etc.) und mit Hilfe von Runden Tischen.

Die Ziele des unw entsprechen weitgehend den Zielen der Lokalen Agenda 21. Der unw war damit die erste Ulmer Initiative, die versuchte, die Ziele der Umwelt­konferenz in Rio auf lokaler Ebene zu verwirklichen. Der unw wirkt heute mit anderen Ulmer Initiativen und Verbänden aktiv in der offiziellen Lokalen Agenda 21 Ulm mit. Auf Anregung Prof. Majers (Mitgründer des unw) wurde in Ulm ein Agenda-Forum gegründet, das als Lenkungsgremium

Struktur / Zusammensetzung des unw:

/Akademie/Rheinland-Pfalz/Region/Gaytaler Gespräche/2000/Deutsch/Vortragstexte/bauer.gif

III. Beispielhafte Projekte des unw

1. Kooperation der Unternehmen / Runde Tische:

Nachhaltigkeit bedeutet für die Unternehmen, daß sie ihre kurz- und mittelfristigen Ziele in langfristige Ziele einbetten. Für die langfristige Existenzsicherung muß jedes Unternehmen seine Naturressourcen, seine Humanressourcen und seine Standortressourcen sichern. Bei den Naturressourcen geht es um den Zugang zu Quellen (Rohstoffe, Energie und Fläche) und Senken (Aufnahmekapazität für Rest- und Schadstoffe). Sicherung der Humanressourcen bedeutet, daß der Firma langfristig qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Die Sicherung von Standortressourcen heißt, daß sich das Unternehmen nicht als (gewinn­maximierender) Fremdkörper an seinem Standort fühlt, sondern Beziehungen zu allen gesellschaftlich relevanten Gruppen und Institutionen am Standort aufnimmt und pflegt.

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet in Bezug auf die Nutzung der Naturressourcen, daß Quellen und Senken eingespart und daß die nicht regenerativen durch dauerhafte ersetzt werden. Beides ist möglich durch Innovationen, die aber nicht nur im technischen Bereich liegen, sondern allgemein durch neue Handlungs­möglichkeiten im Bereich von Technik, Verhalten und Organisation (Institution) beschrieben werden können (für neue Technik braucht man auch ein neues Verhalten der Nutzer, sonst scheitern technische Innovationen).

Unerläßlich ist für die Unternehmen, daß sie einen Nutzen in solchen Aktivitäten erkennen können. Die Ressourcen-Sicherung schlägt sich langfristig auch in pekuniären Überschüssen nieder. Es ergibt sich die sog. doppelte Dividende von Umwelthandeln: Umweltschutzmaßnahmen verbessern die Umwelt und reduzieren die Kosten der Firmen. Speziell geht es darum, Projekte zu finden, bei denen diese doppelte Dividende für die Unternehmen auftritt.

Solche Nachhaltigkeits-Projekte lassen sich natürlich im einzelnen Unternehmen isoliert durchführen. Umweltberichte enthalten unzählige Beispiele hierzu. Die Erfahrungen des unw zeigen, daß interne und externe Kooperation für diese Projekte sehr effiziente Lösungen ergibt. Interne Kooperation heißt, daß Mitarbeiter aus den Bereichen der Wertschöpfungs­kette sich an Runden Tischen gemeinsam Lösungen erarbeiten; externe Kooperation betrifft die Zusammen­arbeit von Unternehmen.

2. Kontakte einbetten in ein kooperatives Netzwerk der Region:

Nachhaltige Entwicklung ist mit ihren drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales eine Querschnittaufgabe par excellence, die von allen angegangen werden muß. Dabei ist es wichtig, die netzförmigen Verflechtungen der Akteure zu nutzen.

Alle Akteure müssen Verantwortung übernehmen und handeln. Diese Forderung läßt sich nicht von heute auf morgen verwirklichen. In der gesellschaftlichen Realität treten in der Menge der Akteure Pioniere, „Trendsetter“, Vorbilder und Idole, Meinungsführer, Leitgruppen auf, die andere mitnehmen. Die Ausbreitung von Neuem funktioniert als gesellschaftlicher Ansteckungsprozeß, der von diesen Kernakteuren ausgeht.

Der unw versuchte, einen Strukturwandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung über solche Kernakteure anzustoßen. Individuelle Kernakteure innerhalb der Kerngruppen Wirtschaft, Verwaltung und Energieversorger sind die Verantwortlichen, also die Vorstände der Firmen, die Amtsleiter der Verwaltung und die Geschäftsführer und Leiter der Energieanbieter. Mit einer Anzahl dieser Kernakteure wurden Runde Tische durchgeführt, außerdem mit Bürgerinnen und Bürgern der vierten Kerngruppe „private Haushalte“. Beispiele (Stand März 2000):

Teilnehmerkreis Themen Durchschnittl. Anzahl der jeweiligen Teil-nehmer / Anzahl der runden Tische
unw-Unternehmer-gespräch Umweltziele, Öko-Audit, Öko-Marketing, Umwelthaftung, Contracting 20 - 30 Manager / 7 runde Tische
unw-Amtsleitergespräch Umweltverwaltung, nachhaltige Stadt 15 Amtsleiter / 3 rd.T.
Energiewirtschaftlicher Projektrat Nachhaltige Energieversorgung für das Baugebiet „Wanne“ u. angrenzende Themen (z.B. Wärmespeicher). Neu: energiewirtschaftl. Bereiche der Altbausanierung 10 Verantwortliche (Leiter) des „Energieangebots“ / 14 rd. T., zudem Sitzungen von Arbeitsgruppen
unw-Bürgergespräch Möglichkeiten der eigenen Energieeinsparung im Haushalt und Verkehr Zufallsauswahl, 6 Sitzungen mit je 3 Std. Ergebnis: „Bürgergutachten“
unw-Junghandwerker-gespräch ganzheitliche (kooperative), Energie und Kosten sparende Altbausanierung („Mustersanierung“) 18 Junghandwerker aus allen Gewerken / 7 rd. T.
Projektideen-Pool (seit Herbst ´99) Unw-interne Aktion zur Generierung von regionalen Nachhaltigkeitsprojekten; richtet sich besonders an die Eigeninitiative der unw-Mitglieder 7 Projektideen befinden sich in unterschiedlichen Stadien (je 2-4 Leute)

Die mediations-basierten Runden Tische des unw unterscheiden sich in einigen Kriterien von üblichen Runden Tischen, vor allem in folgenden Punkten: Die Teilnehmer sind potenzielle Kooperationspartner (nicht potenzielle Gegner), verfolgen ein gemeinsames Interesse (keine partikularen Interessen), und die Problemlösung beinhaltet Erkenntniszuwachs und Verbesserung der Entscheidungs­grundlagen; sie besteht nicht in Sieg oder Niederlage bzw. notgedrungenen Kompromissen. Die ersten Sitzungen dienten in der Regel dazu, zunächst eine Vertrauensbasis unter den Teilnehmern zu schaffen, um Lösungspotentiale zu erschließen, die sich nur aus Kooperation ergeben.

IV. Forschungsprojekte beim unw (Forschungsgruppe Zukunftsfragen)

1. Ulmer Mittelständler auf dem Weg zu nachhaltigem Wirtschaften

Immerhin beschäftigte der unw mit seiner Forschungsgruppe vier wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und einen Projektleiter mit dem Thema, einige neue Methoden und Erkenntnisse darüber zu finden, warum Umwelt und Nachhaltigkeit für Unternehmen ein zentrales Thema sein sollen. Dies sollte dazu führen, daß alle Angehörigen eines Betriebes sich überlegen, wie der Verbrauch von Ressourcen und der Ausstoß von Schadstoffen reduziert und durch umweltfreundliche Maß­nahmen ersetzt werden kann. Leicht könnte man dazu sagen, daß dies doch klar sei. Warum noch solch ein Aufwand? In den Unternehmen wird doch alles getan, was notwendig ist.

Dies ist in Bezug auf Umwelt nicht der Fall und läßt sich leicht erklären. Ein Unternehmen verfolgt die primäre Zielsetzung, Gewinne zu erzielen, um „am Markt überleben zu können“. Dafür müssen Kosten reduziert und Umsätze gesteigert werden. Abgesehen von Betrieben der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei hatte beides, Kosten und Umsätze, nie etwas mit der natürlichen Umwelt zu tun, denn die kostete nichts. Sparpotentiale lagen bei den Löhnen, bei den Kapital- und Materialkosten.

Das ist nun anders geworden. Energie, Rohstoffe, die Entsorgung von Abfällen sowie von Schad- und Reststoffen kosten Geld. Hier kann viel gespart werden. Dafür muß aber bekannt sein, wo im Unternehmen Energie, Rohstoffe und Abfälle entstehen. Die ökonomische Kostenrechnung muß ergänzt werden durch eine ökologische Buchhaltung (Öko-Bilanz). Daraus läßt sich dann für das gesamte Personal eines Betriebes ein neues Kostenbewußtsein begründen.

All dies muß vermittelt werden. Daher führte der unw für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von fünf Ulmer Unternehmen Runde Tische durch (10 - 15 Teiln. / Firma). Es ging darum, Module für eine Methode zu erarbeiten, die es gestattet, Umweltprojekte zu erkennen und zu analysieren. Besonderheiten der einzelnen Firmen wurden berücksichtigt. Nachstehend die Arbeitsweise der Runden Tische:

  1. Es wurden Antworten auf folgende Fragen erarbeitet: Wie sind die Aktivitäten der „Nachhaltigkeitsgruppe“ des Runden Tisches in das Kommunikationsnetz der Firmen eingebettet? Welche Möglichkeiten und welche Probleme der Abstimmung gibt es zur Geschäftsleitung und zu den anderen Mitarbeitern der Firma?
  2. Umweltprojekte werden nach den Hauptkriterien Ökologie, Ökonomie und Soziales bewertet, denn diese drei Bereiche sollen im Betrieb in ein „Gleichgewicht“ gebracht werden. Der Runde Tisch erarbeitet firmenspezifische Unterkriterien und bewertet dann die Bedeutung von Haupt- und Unterkriterien. Die Ergebnisse werden intensiv diskutiert.
  3. Die Firmen präsentieren eine Liste von ca. 10 Umweltprojekten. Nach den Ergebnissen einer Nutzwertanalyse entsteht eine Prioritäten-Skala. Aus dieser wählen die Teilnehmer des Runden Tischs ein Projekt aus, das in der Firma von der Gruppe vorrangig bearbeitet werden soll.
  4. Die Forschungsgruppe stellt einen „Werkzeugkasten“ vor, der für die Lösungsrunde zugrunde gelegt werden soll. Mit Hilfe der vorgestellten Werkzeuge sollen zuerst die Projekte mit hoher Priorität durchgeführt werden.
  5. Im Anschluß an die Runden Tische wird eine Umfrage in den Firmen nachgeschoben, die nach der Bedeutung der drei Hauptkriterien fragt. Damit soll ein Diskussionsprozeß in den Unternehmen ausgelöst werden.

Die Mediation der Runden Tische übernahm Prof. Majer. Sie dauerten jeweils drei Stunden und wurden- mit einer Ausnahme - mit einer Videokamera zu Evaluationszwecken aufgezeichnet. Alle Firmen wurden inzwischen nach der Öko-Auditverordnung der EU zertifiziert.

2. Regionale Innovationsnetzwerke im europäischen Vergleich

Dieses von der EU geförderte Projekt wurde am 01.04.2000 begonnen und zielt darauf ab, im internationalen Vergleich Merkmale, Erfolgsfaktoren und „optimierte Einführungsstrategien“ für regional orientierte Unternehmensnetzwerke heraus­zuarbeiten. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die Diffusion von Umwelttechnik-Innovationen (cleaner technology) gelegt werden.

V. Der Initiator und Mitbegründer des unw

Prof. Dr. Helge Majer, Jg. 1941, hat vor seinem Studium sieben Jahre in Industrie und Handel gearbeitet. Studium an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, danach Wissenschaftlicher Referent und schließlich Geschäftsführer des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen. Seine Dissertation schrieb er im wesentlichen an der Harvard Universität, Cambridge, Mass.; Habilitation 1978 an der Univ. Tübingen. Forschungsschwerpunkte: Qualitatives Wachstum und nachhaltige Entwicklung. Von der Gründung am 5.11.1993 bis Ende 1999 war er Vorsitzender des unw. Weitere Gründungsmitglieder sind der Ulmer OB Ivo Gönner, Prof. Stehling, Prof. Obert, Prof. Bubenzer, Prof. Mayer-Kramer, Dr. Leipert und Dr. Vornholz.

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