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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Ergebnisbericht der Arbeitsgruppe I

Gestern: erben, bewahren, entwickeln.

Moderation und Ergebnisprotokoll:
Beate Bimmer, Fachstelle für Landwirtschaft, Mayen

Durch die Themenstellung für die Referate wurde der Blick der Arbeitsgruppe in die Vergangenheit auf die bauliche Gestalt der Dörfer, auf die Entwicklung der Dörfer und auf die sozialen Zusammenhänge in der Dorf- und Regionalentwicklung gelenkt.

Die Ergebnisse der Diskussionen sind in folgenden Punkten zusammengefasst:

  1. Welches Erbe ist uns wichtig? Was wollen wir aus der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen?
  2. Welches Neue ist uns wichtig? Wo und wie wollen wir Platz für Neues schaffen?
  3. Wo liegen Konflikte?
  4. Wie stellen wir sicher, das der Erfahrungsstrom nicht unterbrochen wird?
  5. Woran wollen wir gemeinsam weiterarbeiten? Was wollen wir vertiefen?

1. Welches Erbe ist uns wichtig?

Die Dörfer in der Eifel wurden früher sparsam, einfach und funktionell gebaut, der sparsame Umgang mit dem Boden und Materialien hatte Vorrang. Umweltverträgliches Bauen muss auch heute diese Grundregeln beachten. Der § 1 des Baugesetzbuches „mit Grund und Boden ist sparsam und schonend umzugehen“ wird besonders in vielen Neubaugebieten zu wenig beachtet.

Es wurden gute Beispiele für regionales Bauen aufgezeigt, bei denen

  • bei der Umnutzung alter Gebäudes, bei neuen Funktionen in alten Gebäuden, der wirtschaftliche Nutzen nicht aus dem Auge gelassen wurde
  • kleine, überschaubare Räume in den Dörfern geschaffen bzw. erhalten wurden, in denen sich die Bewohner wohlfühlen
  • Material und handwerkliches Können der Region zum Zuge kommen
  • sich die Gebäude und Dörfer der Natur und den klimatischen Einflüssen, sowie den geologischen Besonderheiten der Landschaft anpassen
  • erkennbar ist, dass Planer und Bauherr mit offenen Augen durchs Dorf und
  • ums Dorf gewandert sind und
  • die „Eckdaten“ und häufig wiederkehrenden Bauelemente berücksichtigt wurden.

Hier sind von Planern und Bauherren kreative Umnutzungsideen gefragt, einfache, wenig „pompöse“ Lösungen passen ins Dorf. Nostalgie - im negativen Sinne – passt nicht aufs Land. Diese Kriterien sollten in die zukünftige Bauplanung übernommen werden.

Die Diskussion zeigte, das dort gute Lösungen gefunden wurden, in denen das Wir – Bewusstsein der Bevölkerung ausgeprägt ist. Dorfbewohner, die sensibel sind für die Bautraditionen, die sich auf Ihre Identität im Ort besinnen, helfen – auch mit großem Einsatz von Arbeitskraft und Geld – das bauliche Erbe zu bewahren. In der Vergangenheit wurden viele Kontakte zwischen Dörfern, Planern und Behörden über die Dorf-, Bezirks- und Landesgrenzen hinaus geknüpft. Man hat voneinander gelernt. Dieses grenzenlose Denken ist auch in Zukunft weiter von großem Nutzen.

2. Welches Neue ist uns wichtig?

Nachahmenswert ist das verdichtete Bauen im Verbund. Hier zeigt sich, das durch die geschickte Anordnung der Häuser und die Gestaltung der Landschaft und Räume darum herum, Menschen nicht nur mehr miteinander sprechen, sondern zu einer Hilfsgemeinschaft zusammenwachsen können.

Regionale und neue Bauelemente können miteinander kombiniert werden. Altes und Neues müssen erkennbar sein. Alte Gebäude, die außen fast unverändert renoviert werden, können innen zu offenen, modernen Wohnräumen umgestaltet werden.

Es ist dringend notwendig, in den Köpfen der Menschen eine „neue Einfachheit und Bescheidenheit“ beim Bauen bewusst zu machen.

Hier wurde außerdem am Beispiel der Ausweisung von Neubaugebieten über die Planung in den Dörfern diskutiert. Die zur Zeit gültigen Planungsschritte bergen viele Probleme, sei es, dass es zu vielfältigen Konflikten bei den Ortsbewohnern kommt, sei es das die Ausweisung eines Baugebietes zum Prestigeobjekt einer Fraktion im Gemeinderat wird. Hier wäre eine Abkehr von der Planung zu Prozessen notwendig.

Mehrere kleine, arrondierte Baugebiete sind – oftmals überdimensional – großen vorzuziehen.

3. Wo liegen Konflikte?

Die Entwicklung der Dörfer und der Bausubstanz in den Gemeinden sind eng an die wirtschaftliche Entwicklung gebunden. Hier sind z.B. die Landflucht, der starke Rückgang des Weinbaues und der Landwirtschaft und andererseits, wie Beispiele aus Luxemburg zeigen, die Nähe von ausreichenden, leicht erreichbaren Arbeitsplätzen von Bedeutung

Oftmals stehen sehr viele Gebäude leer, sie verfallen und das ganze Dorf leidet darunter.

Gebaut wird vielfach in erster Linie nach der Baugesetzgebung. Neubaugebiete und ein alleinstehendes Haus sind zum Statussymbol geworden. Wahlpolitische Argumente stehen oft im Vordergrund.

Bei der Umnutzung von öffentlichen Gebäuden werden zu wenig kreative Lösungen gesucht, Museen gibt es bereits zu viele, die Nutzung eines Gebäudes für den Tourismus ist keine Lösung für alle.

Bedauert wurde die ressortbezogene Betrachtungsweise. Architekten schaut nur auf das Gebäude. Das Umfeld, die Landschaft, das Grün rund ums Haus wird viel zu oft übersehen oder stiefmütterlich behandelt. Bauämter, Planer, Denkmalschutzbehörden u.ä. arbeiten noch viel zu wenig miteinander. Auch das soziale Umfeld wird zu wenig in die Planung mit einbezogen. Das neue Bauen wird von den Menschen oft nicht verstanden.

4. Wie stellen wir sicher, das der Erfahrungsstrom nicht unterbrochen wird?

Die Menschen sollten in den Mittelpunkt gestellt werden, sie sollen der Maßstab für das Bauen sein. Dies erfordert vielfältige Gespräche mit allen Personen und Gruppen im Dorf. So können die kreativen Ideen der Menschen erkannt und genutzt werden. Diese Prozesse sind nicht einfach, ein Teilnehmer meinte, „manchmal gehört eine kleine Diktatur dazu.“

Beispiele zeigen, das es hilfreich ist, Schlüsselpersonen zu gewinnen. Sie können als Vorbild wirken (Bürgermeister/in, junge Familien, die mit handwerklichem Geschick und in mühsamer Kleinarbeit ein altes Haus vorbildlich renovieren...).

In vielen Dörfern hat sich die Bevölkerungsstruktur gewandelt. Dorfmissionare, Öko-Bewusste, junge Familien mit handwerklichem Geschick und einige Ortsansässige erhalten und bewohnen den Ortskern. Junge Leute aus dem Ort ziehen in die umliegenden Neubaugebiete. In Luxemburg beobachtet man in der Vergangenheit, das alte, kleine Häuser nur von Portugiesen hergerichtet werden, da die Ortsansässigen größere Wohnungen bevorzugten. Die Dörfer haben davon profitiert, inzwischen sind Preise für kleine alte Häuser stark gestiegen. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe diskutierten kontrovers, wie auf die veränderte soziale Struktur in den Dörfern eingegangen werden solle. Die Bemühungen um die Integration Zugezogener steht auf der einen Seite. Andere bezweifeln, ob eine solche Eingliederung von allen gewünscht wird.

Aufklärung über das bauliche und soziale Erbe eines Dorfes sollte vor allem bei Kindern und jungen Leuten ansetzen, die die Dörfer in der Zukunft gestalten werden. In Schulen wird dies z.B. im Kreis Daun bereits regelmäßig praktiziert.

Unabdingbar ist es, das Dorf als Ganzes zu betrachten. Eine Leitbildentwicklung unterstützt durch qualifizierte Moderation mit allen, die im Dorf leben führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den gemeinsamen Schritten in die Zukunft.

Insbesondere die Beispiele aus verschiedenen Projekten der Regionalentwicklung zeigen, das eine Vorgehensweise von unten, mit einer breiten Bevölkerung erfolgreicher ist, als manche „von oben“ verordnete Planung. Die Entwicklung eines Dorfes und einer Region ist nie abgeschlossen, sondern ein fortlaufender Prozess. Dies führt auch zu Verunsicherung bei den Ortsbewohnern. Sie fühlen sich manches Mal allein gelassen. Eine Unterstützung durch Fachleute, finanzielle Mittel für Moderatoren o.ä. ist hier unbedingt erforderlich.

Es wurde außerdem die These aufgestellt, das die Fähigkeit zur Kommunikation innerhalb der Ortsbewohner bei veränderten sozialen Strukturen im Dorf verloren geht. Deshalb sei es erforderlich, wieder eine neue Gesprächskultur zu entwickeln. Dies haben auch die ersten Erfolge von Regionalentwicklungsprozessen in Rheinland-Pfalz gezeigt. Dort konnte eine sehr effektive und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Behörden, Institutionen und Beteiligten geschaffen werden, nachdem in Regionalkonferenzen und an „runden Tischen“ eine konstruktive Gesprächskultur eingeübt war.

5. Was sollen wir vertiefen? Woran sollen wir gemeinsam weiterarbeiten?

  • Die Aufklärung und fachliche Beratung in den Dörfern sollte weiter ausgebaut und verstärkt werden.
  • Die Bebauungspläne sollten unter dem Gesichtspunkt eines dorftypischen, umweltverträglichen Bauens kritisch überprüft werden.
  • Es sollten klare, eindeutige Satzungen mit „Eckdaten“ statt „strenger Bauvorschriften“ erstellt werden. Seitenlange, detaillierte Papiere werden oftmals nicht gelesen oder verstanden.
  • Die Satzungen sollten konsequent eingehalten werden.
  • Regionale Entwicklungskonzepte haben sich bewährt, da hier eine zukunftsfähige Entwicklung von unten in Gang gesetzt und das „Kirchturmdenken“ überwunden wird. Es entstehen Synergieeffekte durch eine konstruktive Zusammenarbeit, sowie durch kurze Informationswege, da man neue persönliche Kontakte über sein Fach hinaus knüpft. Eine solche Entwicklung von unten führt dazu, das Einzelkämpfertum in den Orts- und Verbandsgemeinden oder Vorständen geringer wird. Vielmehr werden die Ideen und Ergebnisse vieler Arbeitsgruppen für viele andere in der Region zugänglich.
  • Ein weiteres Ziel sollte es sein, Fördermittel weg von den Subventionen in Investitionen zu lenken. So wurden beispielsweise von Rheinland-Pfalz folgende Förderschwerpunkte für die EU Maßnahmen formuliert:
    • Förderung von Maßnahmen zur Diversifizierung, die es den landwirtschaftlichen Betrieben ermöglicht, weitere Einkommensmöglichkeiten aufzubauen
    • Förderung umweltgerechter Landwirtschaft
    • Unterstützung von Integrierten Entwicklungskonzepten.
  • Als mögliche Ansatzpunkte für eine Fortentwicklung des ländlichen Raumes wurden erarbeitet:
  • Die bestehende Struktur von Naturparken in Europa für neue regionale Entwicklungsschwerpunkte zu nutzen.
  • Durch finanzielle und fachliche Förderung Leute bereitzustellen, die von Ortsgemeinden zur Lösung von Konflikten und schwierigen Aufgaben bei Bedarf für einen kurzen Zeitraum angefordert werden können. Sie sehen das Dorf und die Aufgabe mit anderen Augen, bringen eine neue Sichtweise in den Ort und helfen zu sachlicher und erfolgreicher Kommunikation.
  • Bei der Planung von Baugebieten sollten Eigentümer und interessierte Käufer der Grundstücke bereits vor bzw zu Beginn der Bauleitplanung mit einbezogen werden. Diese Mitwirkung fördert eine größere Akzeptanz für die am Ende verabschiedeten Regelungen und Satzungen. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass regionaltypisches, bodensparendes Bauen umgesetzt werden kann.

Viele in dieser Arbeitsgruppe erarbeiteten Vorschläge erfordern Zeit für Gespräche und Sitzungen für die Bürgerinnen und Bürger. Es wurde die Frage gestellt, wie viel Zeit dafür in unserer geschäftigen Zeit zur Verfügung gestellt wird. Bei manchen Sitzungen hat man den Eindruck, das die Teilnehmer erst noch lernen müssen, mit der knappen Zeit umzugehen. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe haben jedoch die Hoffnung, das dann, wenn den Leuten ihr Dorf wertvoll ist, sie auch die Freizeit gern dafür einsetzen.

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