Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Neue Zeiten braucht das Land
Prof. Dr. Karlheinz A. Geißler
„Früh um 6 Uhr habe ich schon 24 Stunden Verspätung“
(B. Brecht)

Wir sind zu Hochgeschwindigkeitsmenschen geworden. Wir kommunizieren mit Lichtge­schwindigkeit, hetzen durch den Alltag und entschuldigen uns dafür mit der Formel: „Tut mir leid, keine Zeit!“

„Zeit“, überall wo man hinschaut findet man sie. Und trotzdem, wir suchen sie unentwegt. Wir haben keine Zeit, nehmen sie uns aber immer öfters und immer länger um über den Zeitdruck zu klagen, zu reden oder ihn mit Hilfe von Ratgebern und Zeit­management­seminaren zu bekämpfen. So gesehen ist es eine gute Zeit für das Thema Zeit. Mit den Zeiten haben sich die Zeiten verändert und sie werden dies in der Zukunft wieder tun.

Will man die Entwicklung unseres Zeitverständnisses auf eine Kurzformel bringen, so stellt sie sich folgendermaßen dar:

Zuerst fanden wir die Zeit in der Natur und am gestirnten Himmel über uns, dann in den Uhren und bei den Glocken und heute entdecken wir sie in Zeitplansystemen, Zeitvorträgen und Zeitsymposien und nicht zuletzt auch in Artikeln und Büchern über Zeit.

Die Vormoderne, das war die Zeit vor der Renaissance, war durch die enge Verbindung des gesamten Lebens - auch des Arbeitslebens - mit den Dynamiken des Kosmos und der Natur charakterisiert. Alles hatte damals seine Zeit: Die zyklischen Wiederholungen der Natur, der Wechsel der Gestirne, Regenzeiten und Trockenzeiten, der Umlauf der Erde um die Sonne, der Rhythmus des tierischen und pflanzlichen Wachstums prägten das Leben, also das Arbeitstempo und das, was wir heute „Zeitbewußtsein“ nennen. Die Einheit von Arbeit und Leben kannte und brauchte keine abstrakten Maße, wie das der Uhrzeit. „Zeit“ war kein Besitz der Menschen. Sie gehört Gott. Die Zeiterfahrung war naturgegeben. Homer rechnete nach Morgenröten, Cäsar nach Nachtwachen, christliche Mönche nach Gebetszeiten, die sich weitgehend am Sonnenzeitmaß orientierten. „Zeit“ war in der Vormoderne zuallererst der Zusammenhang von Erlebnissen und Erfahrungen. Zeit wurde im Alltag nicht gemessen, letztlich gar nicht erwähnt.

In der Moderne, speziell in der fortgeschrittenen Moderne des 19. und des 20. Jahrhunderts, wird Zeit mit Geld verrechnet. Die Erfindung der mechanischen Uhr machte es möglich, Zeit objektiv, also unabhängig von menschlichem Handeln und von naturnahen Erfahrungen, zu kennzeichnen. Der Mensch, nicht mehr Gott, nahm von da an Maß. Jeder Tag bekam ein Datum. Turmuhren dienten zur Orientierung bei der Arbeit und beim Geschäft. Nach dem Stundenzeiger wurde der Minutenzeiger, später dann der Sekundenzeiger erfunden. Pünktlichkeit wurde zur Verhaltensmaxime und zur allseits geforderten Tugend. Nicht mehr die Natur und der eine Gott, es war das Geld und es waren die Maschinen die zu den maßgebenden Zeitgebern der Moderne wurden. Entrhythmisierung, Beschleunigung, Vertaktung und Zeit-Kontrolle waren und sind die vier wichtigsten Zeitstrategien moderner Lebensführung. Mechanische Gleichförmigkeit, die sich im Takt der Maschine ausgedrückt, wird zum Ideal der modernen Zeitauffassung. In der Gerade gibt sich diese ihre Form. Die Schnellstraße ist ihre historische Konsequenz, lineare Rücksichtslosigkeit und aggressive Beschleunigung sind die häufig anzutreffenden Folgen.

Es ist dieser äußerst folgenreiche neuartige Umgang mit der Zeit, der die Historiker dazu motivierte, diese Epoche „Neuzeit“ bzw. „Moderne Zeit“ zu nennen. Das auffälligste Zeichen dieser modernen Zeit ist der zunehmend größerer Ordnungsaufwand gegenüber zeitlichen Prozessen. Wenn man Ordnung macht, und sich nicht nur an eine vorgegebene Ordnung anpaßt, muß man eine eigene bildliche Vorstellung von dieser Ordnung vor Augen haben. Diese ist, was die moderne Zeitordnung betrifft, zweifach geprägt. Einerseits ist dies die Vorstellung, daß Zeit durch Zeitmessung zu kontrollieren sei. Und andererseits, daß sich zeitliche Ereignisse in gerader, in linearer Art und Weise miteinander verketten lassen. Nicht nur die Uhr (Zeitmessung), sondern ebenso die Uhrkette (Linearität) sind daher für die moderne Zeitvorstellung prägend. Das vom geraden Weg Abweichende, das Krumme und Unebene, wird bei solcher Vorstellung diskriminiert. Es ist unerwünscht. Der gradlinige Verlauf des Lebens wird zum anzustrebenden Ideal, die Einzelmenschen werden zu Gliedern einer Uhrkette. Diese Ordnung der Zeit brachte uns und bringt uns noch heute viele Vor-, aber auch eine größere Anzahl von Nachteilen. Wir verlieren die Zeiten der Natur in uns und um uns herum aus den Augen, und was bedrohlicher ist, schließlich auch aus dem Sinn. Die Zeiten werden zunehmend weniger farbig, weil die Zeitformen, die wir haben und die wir leben können, geringer und eintöniger werden. Zeitliche Umwege sind uns kaum mehr erlaubt, sie sind nur noch mit schlechtem Gewissen zu begehen bzw. zu befahren. Ordentlich aufzuräumen, wie vieles um uns herum, haben wir auch unsere Zeitwohnungen, in denen wir den Alltag verbringen. Dafür erhalten wir die Sicherheit, zu jede Zeit über die richtige Uhrzeit informiert zu sein. Wir sind in der Lage, das Leben und die Arbeit zweckrational zu planen, und zu kontrollieren, und wir können die Natur - und auch immer häufiger die sozialen Systeme und uns selbst - zeitlich beherrschen. Das hat uns zu einem bisher nie dagewesenen Güterwohlstand geführt, an dem jedoch nicht alle Menschen dieser Welt gleichmäßigen Anteil haben. Jene die Zeit haben, sind diesbezüglich meist benachteiligt. Die anderen sehen „immer so verhetzt aus“ (Büchner).

Die Indizien mehren sich, daß die mit der Erfindung und der Verbreitung der mechanischen Uhr entstandene naturferne Zeitorganisation Akzeptanzprobleme bekommt. Denn wir haben nicht nur die Uhr sondern auch uns selbst mit Hilfe der Uhr an die Kette gelegt. Wie ehemals den undurchschauten Naturverhältnissen unterwerfen wir uns jetzt der selbst geschaffenen Uhr-Zeitordnung. Die Menschheit hat seit dem Beginn der Moderne vieles „in die Hand“ genommen, aber nichts war und ist dabei mit soviel Illusionen ausgestattet, wie die Zeit und deren menschengemachte Ordnung. Wir glauben nämlich, die Zeit beherrschen zu können und doch werden wir jeden Tag mit dem Mißlingen eben dieses Vorhabens konfrontiert.

Das beschleunigungsorientierte gradlinige Zeitideal, das die Überschreitung der räumlich-zeitlichen Grenzen, die uns von der Natur gesetzt sind, als einen Fortschritt feiert, ist heute nicht mehr unumstritten. Das Bemühen, nach Gutdünken über Raum und Zeit verfügen zu können, das Wesensmerkmal der technisch-industriellen Dynamik, zeigt seine Schatten­seiten. Das Mißtrauen in das Prinzip der „allseitigen Zeitmaximierung“ und in die Zwillings­vorstellung von zeitlicher Ordnung und Allmacht ist gestiegen, nicht zuletzt durch die Erfahrung, daß Beschleunigung auch dann zu einem schnelleren Ende führt, wenn man dieses weder erwartet noch erhofft. In einer inzwischen flächendeckenden Medienge­sellschaft ist daran zu erinnern, daß eine der ersten uns bekannten eiligen Nachrichten­übermittlungen, die vom Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon, mit dem Tode des sich hetzenden Botschafters endete. Die hetzende Unvernunft unserer Tage macht es offensichtlich: Die Beschleunigungslogik ist dann wenn sie grenzenlos d.h. maßlos ist, tödlich. Dies sowohl für die Natur um uns herum wie auch für das Naturwesen Mensch. Die unauffälligsten Morde und Selbstmorde geschehen durch Beschleunigung.

Daß wir mit mehr Schnelligkeit größeren materiellen Erfolg erringen wurde zur Selbst­verständlichkeit, daß aber jene Qualitäten unserer Existenz, die nicht in geldwerter Zeit zu verrechnen sind, wie etwa Zuneigung, Dankbarkeit, Liebe, Geschmack und Würde, andere Zeitformen benötigen, dies spüren wir immer deutlicher. Die Wünsche, ab und zu einmal hinter sich blicken zu können, einmal aufzuatmen, um den Dauergalopp zu den rasch und immer rascher wechselnden Zielen zu unterbrechen, sie nehmen zu. Der Ausstieg aus der unbefriedigenden Hetze der zirkulären Alltagsrationalität, wird inzwischen hörbar als Forderung und Hoffnung artikuliert. Die Frage: „Was bleibt von den Zeitgewinnen übrig?“ stellt man inzwischen nicht mehr nur leise. Alle sind wir auf der Suche nach der gewonnenen Zeit. Die Vermutung, daß die Zeitgewinne zum Teile trügerisch sind und nicht unbedingt das erwartete und versprochene Mehr an Lebensqualität erbringen, wandelt sich zur Sicherheit. So stellt sich die Frage: Ist die moderne Zeitordnung so vernünftig wie sie sich immer wieder gibt? Ist die tägliche kräftezehrende Anstrengung, die Zeit ordnend unter Kontrolle zu bringen, eventuell eine Strategie, die uns vom Ziel des guten Lebens immer weiter entfernt?

Heute nun, und dafür gibt es sichtbare Indizien, scheint die Uhr des Uhrzeitmonopols abgelaufen. Die Uhr hat ihre Schuldigkeit getan, die Uhr kann gehen. Folgende drei Auffälligkeiten zeigen, daß das bis vor kurzem noch relativ unumstrittene moderne Zeitverständnis, das sich am Uhrzeitmaß orientierte, ins Wanken gerät:

  • Die vielen, ehemals im öffentlichen Raum angebrachten Uhren verschwinden zunehmend.
  • Die Transportgeschwindigkeit unserer wichtigsten Güter, der Informationen, ist bei Lichtgeschwindigkeit und damit am Ende der Beschleunigung angekommen.
  • Die Pünktlichkeitsmoral verliert an Akzeptanz. Sie wird immer deutlicher von der Flexibilitätsmoral abgelöst.

Das natürliche (!) Ende der Beschleunigungsmöglichkeiten ist erreicht. Die Börsenereignisse in New York werden gleichzeitig, in sogenannter „Echtzeit“, in Frankfurt, in Buenos Aires, in Moskau und Tokio wahrgenommen. Es gibt also keinen Informationsvorsprung, keinen durch räumliche Distanzen verursachten Zeitunterschied mehr. Es ist die Lichtge­schwindigkeit, die uns allen den in der Moderne bisher nicht gekannten Zwang zum „genug“ auferlegt.

Von weiterer Beschleunigung ist daher in Zukunft kein Impuls für das wirtschaftliche Wachstum mehr zu erwarten. Sie ist nicht mehr länger ein Instrument, um Wettbe­werbsvorteile zu erlangen. Da der Zeitvorsprung technisch zunichte gemacht wurde, gibt es für die Uhren nichts mehr zu messen. Aus Zeitvorsprüngen, die nicht mehr existieren, kann auch kein Profit mehr gezogen werden. Mit dem Ende der Beschleunigungsmöglichkeiten endet auch das beliebte aber äußerst ernste Spiel, die negativen Folgen der Beschleunigung durch noch mehr Beschleunigung zum Verschwinden zu bringen. Ab diesem Moment lassen sich die Grenzen des Tempos, die bisher immer wieder weitergeschoben wurden nicht mehr länger ausdehnen. Wenn Zeitvorsprünge für Geldgewinne maßgeblich verantwortlich sind und solche grundsätzlich nur mehr in eingeschränkter Art und Weise realisiert werden können, dann stellen sich neue, überraschende Fragen: „Gibt es andere Zeitformen, die profitabel gemacht werden können?“ „Existieren jenseits der Uhrzeit Zeiten und Zeitmaße, die für die Entwicklung der Gesellschaft, der Kultur und der Ökonomie nützlich sein könnten?“ Oder noch radikaler: „Wie sähe eine Welt, und wie sähe deren Wirtschaft aus, die sich nicht mehr in allererster Linie an der Uhrzeit orientierten?“

Was tun?

Es gibt Gründe genug, auch aus ökonomischer Sicht, über sinnvolle Alternativen zur Monokultur von Uhrzeit und Beschleunigung nachzudenken. Solche bestehen z.B. in folgenden drei Perspektiven:

1) Zeitwohlstand

Zeitwohlstand wäre als ein Element der Lebensqualität zu verstehen und damit als Indikator in die einschlägigen volkswirtschaftlichen Wohlstandsberechnungen aufzunehmen.

Eine Gesellschaft ist bei Berücksichtigung dieser Perspektive dann reich, wenn sie nicht nur viele Waren und Güter produziert und besitzt, sondern auch viele Zeitformen zuläßt und ermöglicht. Konkret: Wenn sie ihren Mitgliedern beispielsweise vielfältige Möglichkeit eröffnet, Eigenzeiten zu leben, elastisch mit Zeitvorgaben umzugehen, das erwünschte Tempo im Alltag zu beeinflussen, sich und ihr Umfeld rhythmisch zu organisieren und ihre Zeitsouveränität im Arbeitsprozeß zu erhöhen. Das Zeitwohlstandskonzept macht mit der von Nietzsche geäußerten Ermahnung ernst, im Menschen mehr, als nur ein geldve­rdienendes Wesen zu sehen. Es erweitert unseren engen individualistischen Wohlstands­begriff der sich im Immer-mehr, Immer-öfters, Immer-schneller und Immer-neuer erschöpft.

2) Kultur der Zeitvielfalt

Bei der Entwicklung einer Kultur der Zeitvielfalt geht es nicht darum, die Beschleunigung durch die Verlangsamung zu ersetzen. Anzustreben ist vielmehr der Erhalt mannigfaltiger Zeitformen und die Fähigkeit, sie in ihrer Wirksamkeit zu erkennen, zu kultivieren und sie produktiv zu nutzen.

Reine Tempoversessenheit läßt sich ökonomisch nicht rational begründen. Hingegen die temporale Vielfalt. Sie nämlich sichert die notwendige Elastizität und Stabilität, von ökonomischen, ökologischen und sozialen Systemen. Zeitvielfalt besitzt eine weit größere Fehlerfreundlichkeit als das Monopol der Uhrzeit. Sie bietet mehr zeitliche Freiheitsgrade und führt zu höherer Zeitsouveränität.

3) Ökologie der Zeit

Der Mensch ist als Teil der Natur in seinem Denken und Handeln nicht frei. In ökologischer Sicht ist er grundsätzlich abhängig. Er ist an die Prozeßabläufe der Natur gebunden. Das merkt er beim Älterwerden, spätestens beim Nahen des Todes. Menschen leben in Zeitrhythmen, die durch die innere und durch die äußere Natur bestimmt werden (z.B. durch Tages- und Jahresrhythmen). Sie sind in ihrem zeitlichen Handeln notwendigerweise an die Zeitmuster des Lebendigen gebunden, wollen sie selbst lebendig sein und auch lebendig bleiben. Es ist daran zu erinnern, daß bei allem Streben, sich mit Hilfe der Technik von den Zeitmaßen und den Rhythmen der Natur abzukoppeln, die Menschen nach wie vor Naturwesen sind und dies auch bleiben. Es gilt daher bei der zeitlichen Gestaltung unseres Lebens, stärker als bisher, die Naturgebundenheit des Menschen und damit auch die Einbettung allen Wirtschaftens in den allgemeinen Naturzusammenhang zu berücksichtigen. Denn immer mehr Pflanzen und Ökosysteme, deren zeitliche Vielfalt eingeschränkt werden, sterben ab, z.B. durch Krankheiten, Schädlinge oder durch’s sogenannte „Umkippen“. Eine „Ökologie der Zeit“, könnte sowohl die Einzelnen als auch die Gesellschaft beim Finden der rechten Zeitmaße einen Schritt voranbringen.

Die Rio-Erklärung der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (1992, Agenda 21) fordert eine Politik. die darauf hinausläuft, die Zeiten der Ökonomie denen der Natur anzunähern. Die ökologisch orientierten Lebensstil- und Politikkonzepte, die mit den Begriffen der „Nachhaltigkeit“, der „Vorsorglichkeit“ und der „Zukunftsverträglichkeit“ argumentieren, zeigen deutlich in diese Richtung. Das von allen Inhalten abstrahierende Maß der Uhrzeit läßt sich mit den Anforderungen an Nachhaltigkeit und ökologische Einbettung nicht vereinbaren. Daraus ist im Hinblick auf eine „Ökologie der Zeit“ die Forderung nach dem Schutz unterschiedlicher Zeitmaße und vielfältiger Zeitformen abzuleiten.

Der Mensch macht seit 500 Jahren Zeit-Geschichte. Aber er weiß nicht was dabei herauskommt. Und weil er es nicht weiß, ist Zeitvielfalt besser als eine zeitliche Monokultur. Wie diese Zeitvielfalt aber aussehen soll, das gilt es immer neu zu diskutieren und zu entscheiden. Dazu sollten wir uns Zeit nehmen.

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz