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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Begrüssungsrede des
luxemburgischen Umweltministers Charles Goerens
anlässlich der
4. Gaytaler Gespräche "die Zeit nutzen"
4. Mai 2000

Unkorrigiertes Presseexemplar - es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Frau Ministerin Martini, Herr Bürgermeister Schäfer, meine Damen und Herren,

Nutzen wir unsere Zeit richtig oder sollten wir sie anders nutzen ? Diese Frage, eine Schlüsselfrage jeder menschlichen Existenz, verdient, dass man sich Zeit nimmt um sich mit ihr zu beschäftigen. Um die Diskussion anzuregen, möchte ich hier ein paar Überlegungen zum Thema „Zeit" aufgreifen.

Feststellung 1: Die Zeit ist die beschränkteste aller Ressourcen - sie ist nicht erneuerbar.

Zeit und nicht Geld ist für einen grossen Teil unserer Bevölkerung die Mangelware am Anfang des neuen Jahrtausends. Ich glaube jeder einzelne kann dies aus seiner eigenen Erfahrung bestätigen. Die Gleichung Mehrgeld = Mehrkonsum = Mehrglück ist mit der Vervielfachung der Lebensinteressen und der Überzahl der Produkte brüchig geworden. Zeitknappheit ist die Nemesis, die Rachegöttin des uneingeschränkten Konsums. Jenseits einer gewissen Anzahl werden die Dinge zu Zeitdieben. In unserer westlichen Kultur wo nicht nur 236 Gegenstände bekannt sind wie bei den Navajo-Indianern sondern wo jeder Haushalt durchschnittlich 10.000 Dinge zur Verfügung hat, da muss Zeitknappheit herschen. Güter, große wie kleine, wollen ausgewählt, eingekauft, hingestellt, gebraucht, gepflegt, aufgeräumt, entstaubt, verstaut und entsorgt sein.

Mancher Konsum frisst neben Geld auch Zeit. Falls diese Einsicht an Boden gewinnt, öffnen sich auch unerwartete Chancen für eine nachhaltige Entwicklung. Denn eins ist klar, eine globale Verbreitung der energie- und ressourcenintensiven Wirtschaftsweise der Industrieländer würde zu einem ökologischen Kollaps führen. Wir brauchen neben dem Wirtschaftswachstum vor allem auch qualitatives Wachstum d.h. mehr Lebensqualität unter anderem durch Zeitwohlstand/Zeitgewinn. Neue Arbeitszeitmodelle wie Teilzeitarbeit könnten ein optimales Verhältnis zwischen Einkommen und Freizeit herstellen. Oekologisch bewusst leben führt zu einer Entschleunigung unserer Existenz, zu einer Wiederentdeckung der Langsamkeit, zu einer neuen Zeitmessung.

Lasst uns die Zeit nutzen, anstatt die Zeit zu verzehren.

Feststellung 2: Donner le temps au temps - gute Ideen brauchen Zeit - besonders im Umweltbereich

Die Umweltpolitik ist ein Lernprozess der Zeit braucht. Die Gesellschaft braucht Einsicht in die komplexen Zusammenhänge und die Bereitschaft sich aufs neue Verhaltensweisen einzustellen. Erfolge sind zu verzeichnen: In Deutschland führt die Anti-Atombewegung 30 Jahre danach zum progressiven Ausstieg aus der Kernkraftenergie. In Luxemburg werden im Abfallbereich bis zu 35% der Haushaltsabfälle wiedergebraucht. Der biologische Landbau setzt sich gegen anfänglich grosse Widerstände in Europa immer besser durch. Aber ein Umweltproblem, das nicht sichtbar ist und über das nicht geredet wird, existiert nicht. Die schleichende Belastung von Grundwasser und Boden, der Flächenverbrauch und Artenverlust oder der Klimawandel sind aber kaum sichtbar und fühlbar. Es sind zunächst unspektakuläre Probleme, die darum schwierig politisierbar sind. Nur wenn jeder weiß, was die ökologischen Folgen unserer gegenwärtigen Lebensweise sind, kann überhaupt die Bereitschaft entstehen, über das eigene Verhalten nachzudenken. Und nur dann werden die Menschen ihr Verhalten ändern und umweltpolitische Maßnahmen akzeptieren. Darum sind Umweltwissen und ökologisches Bewusstsein entscheidende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umweltpolitik! Es muss das strategische Interesse der Umweltpolitik sein, die Umweltbildung zu stärken und zu einer „Bildung für Nachhaltigkeit" auszubauen.

Darum wird das luxemburgische Umweltministerium besonders in diesem Bereich verstärkt aktiv werden. Ab diesem Jahr werden alle Bürger 2-3 mal im Jahr mit dem "Umweltinfo" zu einem umweltbewussteren Handeln durch gezielte Umweltaufklärung sensibilisiert. In diesem Bereich können wir besonders viel von unserem Nachbarn Rheinland-Pfalz lernen, die mit der Landeszentrale für Umweltaufklärung eine Vorreiterrolle auf diesem Gebiet spielen.

Feststellung 3: Die Zeit der Nachhaltigkeit ist gekommen - genau jetzt am Jahrtausendwechsel

Die Zeit ist reif für einen Paradigmenwechsel. Nachhaltigkeit steht für das Wirtschaften mit und nicht gegen die Natur. Es geht darum die Zeiten der Ökonomie denen der Natur anzunähern. Wir müssen die Zeit nutzen für eine ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Eine der zentralen umweltpolitischen Aufgaben unserer Zeit ist der Klimaschutz. Das anspruchsvolle luxemburgische Klimaschutzziel - Verminderung der nationalen CO2­Emissionen im Zeitraum 1990-2010 um 28 Prozent - verlangt einen raschen Einstieg in eine zukunftsfähige Energieversorgung. Es geht um nichts geringeres, als die Wende vom fossil-nuklearen zum solareffizienten Zeitalter einzuleiten. Hierzu brauchen wir eine Effizienzrevolution. Technisch sind die Potenziale zum Energiesparen auch heute schon ganz erheblich. Sie liegen bei Elektrogeräten, Pkw und Flugzeugen derzeit bei rund 50 Prozent, bei der Wärmeversorgung im Altbaubereich bei 70­80 Prozent. Interessant ist, dass man hierzu keine futuristische Technik benötigt, sondern dass bereits die heute marktgängigen Anlagen ausreichen.

Neben der Energieeinsparung steht vor allem die konsequente Anwendung der ganzen Sparte der erneuerbaren Energien im Mittelpunkt: Solarenergie, Wind- und Wasserkraft, Biomasse (Holz) und Biogas. Luxemburg hat sich vorgenommen, bis 2010 den heutigen Anteil erneuerbarer Energien zu verdoppeln. Eins ist jedoch klar. Die energiewirtschaftlichen Innovationen werden sich nur dann ergeben, wenn sich Investitionen in der Energietechnik wirtschaftlich - das heißt betriebs- und volkswirtschaftlich - rechnen. Es ist daher unsere Aufgabe die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen um die Rentabilität von Investitionen im Energiesektor zu verbessern. Die unternehmerischen Einzelentscheidungen werden vom Markt beeinflusst. Jedoch gibt der Markt derzeit die falschen Signale, weil wir keine ökologisch ehrlichen Preise haben. Im Vordergrund stehen deshalb zwei Maßnahmen:

  1. ein neues, anspruchvolles Förderprogramm für erneuerbare Energien und Energiesparen
  2. der Einstieg in eine ökologische Steuerreform die aufkommensneutral, sozial gerecht und einen klaren Lenkungseffekt ausübt.

Gefordert ist ebenso wie in anderen Bereichen der Wirtschaft eine ökologische Modernisierung auch in der Land- und Forstwirtschaft. Eine ökologische Modernisierung steht im krassen Gegensatz zu einer permanenten Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft. Es geht darum durch eine intelligente Extensivierung unter Berücksichtigung der jeweiligen Standortgegebenheiten, zugleich Umweltbelastungen zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe zu steigern. Dabei gilt, dass Wettbewerbsfähigkeit und Umweltverträglichkeit keinen Widerspruch darstellen müssen: Eine Minimierung des Düngemittel- und Pflanzenschutzmitteleinsatzes ist ökologisch und ökonomisch vorteilhaft.

Im Natur und Landschaftsschutz liegen zusätzliche Aufgabenfelder und damit Einkommensmöglichkeiten für den Landwirt. Neben den klassischen Agrarumweltprogrammen hat Luxemburg hier ein innovatives Programm zum Erhalt der biologischen Diversität ausgearbeitet, welches immer stärker von den Betrieben beansprucht wird. Ziel ist 10% der landwirtschaftlichen Nutzfläche prioritär ökologischen Zwecken zu widmen. Auch die Produktion von erneuerbarer Energie (Biogas, Holzhackschnitzel, Rapsöl) kann wesentlich die Wettbwersfähigkeit der Betriebe stärken. Besonders Biogasanlagen erfreuen sich in Luxemburg grosser Beliebtheit und führen zu lobenswerten Gemeinschaftsinitiativen unter den Betrieben (siehe Redange/Attert).

Die biologische Landwirtschaft entspricht in besonderem Maße den Erwartungen hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung. Sie stellt eine Form moderner Landwirtschaft dar, die ökologisch ideal ist, die aber auch unter ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten erhebliche Vorteile hat. Die Luxemburgische Regierung will deshalb ihr Flächenanteil bis 2010 um das fünffache steigern. Auf absehbare Zeit werden aber andere Bewirtschaftungsformen einen sehr viel größeren Flächenanteil behalten. Deshalb muss es vor allem auf diesen Flächen zu einer umwelt- und naturverträglichen Bewirtschaftung kommen. Hier soll die integrierte Landbewirtschaftung, die gekennzeichnet ist durch eine strikt bedarfsorientierte Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmittel, zum Standard werden.

Zum Erhalt unseres Naturerbes brauchen wir neben einer naturschutzverträglichen Nutzung nicht geschützter Flächen aber auch Naturschutz in Schutzgebieten. Hierzu wollen wir ein großflächiges Biotopverbundsystem mit ca. 15% der Landesfläche aufbauen. Zu den tragenden Elementen des Biotopverbundsystems werden die Flächen zur Schaffung des europäischen Netzes Natura 2000 und die luxemburgischen Naturschutzgebiete gehören. Nur durch ein solches Biotopverbundsystem können wir dem Artenschwund wirksam entgegensteuern und die biologische Vielfalt für die nachfolgenden Generationen bewahren. Diese Flächen sind aber keine Naturreservate, oft sind ein harmonisches Zusammenwirken zwischen einer land- und forstwirtschaftlichen Nutzung und den Naturschutzzielen möglich -wenn nicht sogar notwendig - ganz im Sinne der Nachhaltigkeit.

Die Zeit richtig nutzen bedeutet sich konsequent für eine nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Dies bedeutet eine dosierte Anwendung von Entschleunigung und Beschleunigung der „Zeit". Der Ressourcenverbrauch, die Luftverschmutzung, der Verlust der Biodiversität, die Arbeitsplatzrationalisierung ist zu entschleunigen. Der technische Fortschritt, die Anwendung erneuerbarer Energien, die Zusammenarbeit in der Großregion, die Solidarität mit den Entwicklungsändern ist zu beschleunigen.

Wir können nicht alles von heute auf morgen erreichen, und die genannten Maßnahmen können wir nicht von heute auf morgen umsetzen. Der einzuleitende Wandel zu einer nachhaltigen Entwicklung ist eine Generationenaufgabe, die nicht kurzfristig gelöst oder vom Staat verordnet werden kann. Ohne die Kräfte der Basis lässt sich nichts bewegen. Die Menschen dieser Region sind mitverantwortlich für die Zukunft ihres lokalen, regionalen, nationalen und globalen Lebensraumes. Sie sind deshalb aufgerufen, in ihren verschiedenen Rollen als Unternehmer, Arbeitnehmer, Konsumenten und Bürger aktiv an dieser Generationenaufgabe mitzuwirken.

Dann haben wir unsere Zeit richtig genutzt !

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