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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle des Bodens...   Donnerstag, 6.5.   Freitag, 7.5.   Samstag, 8.5.   Vortragstexte

Prof. Dr. Meyer-Abich

RESÜMEE: DAS PROJEKT SESSHAFTIGKEIT - ERINNERUNG AN EINEN VERGESSENEN TRAUM

6. Mai 1999


Unserer Wirtschaftstätigkeit ist kaum noch anzusehen, daß wir eigentlich ein Kulturvolk sind. Dies gilt besonders für den industriewirtschaftlichen Umgang mit dem Boden, auf dem unsere Vorfahren durch Agri-Kultur seßhaft geworden sind. Wenn in einem gemeinsamen Lernprozeß diejenigen, welche sich auf das wirtschaftliche Handeln verstehen, dafür auch ein Bewußtsein kultureller Maßstäbe bekämen, und diejenigen, welche sich auf die jahrtausendelange Entwicklung dieser Maßstäbe verstehen, diese auch unter den Bedingungen wirtschaftlichen Handelns zu bewähren suchten, könnte die industrielle Wirtschaft wohl doch noch eine Zukunft in der Gemeinschaft der Natur haben. Ein Leitbild, unter dem dieser Prozeß in Gang kommen könnte, ist der Gedanke der Seßhaftigkeit, der schon einmal ein bedeutender kultureller Wegweiser gewesen ist. Wir könnten also versuchen, durch das In-der-Welt-heimisch-Sein über das bloße In-der-Welt-Sein hinauszugehen.

Für die Seßhaftigkeit sprechen drei Gründe in einer historischen Stufung. Einmal ist die neolithische Revolution, in der die Menschheit sich erstmals angeschickt hat, seßhaft zu werden, das Prinzip aller Kultur in dem Doppelsinn, daß das Projekt Kultur einerseits damals begonnen worden ist, andrerseits seither grundsätzlich dem durch den Übergang vom Nomadentum zur Agrikultur eingeschlagenen Weg gefolgt ist. Zweitens ist in den Industrieländern das Menschenbild des sozusagen interplanetarischen Eroberers geschichtsmächtig geworden, nach dem wir heute leben. Drittens folgte der Siegeszug des Homo interplanetaris praedator in der Neuzeit einer Herausforderung, der kopernikanischen, die nun so zu verstehen wäre, daß wir auf der Erde wirklich heimisch werden, uns also anschicken sollten, in neuer Weise seßhaft zu werden. Angesichts der Frage, was in der Naturkrise der wissenschaftlich-technischen Welt nun aus den interplanetarischen Eroberern werden soll, schlage ich also vor, uns beim heutigen Stand von Kultur und Wissenschaft des klugen und immer noch uneingelösten steinzeitlichen Programms der Seßhaftigkeit zu erinnern.

Die Alternative wäre, den Eroberungszug fortzusetzen, auch in den Weltraum hinein, so wie es durch die Raumfahrt vorbereitet wird. Mein Plädoyer für die Seßhaftigkeit beruht demgegenüber darauf, daß wir unserer Natur nach eigentlich keine Eroberer sind, obwohl man uns das immer einzureden versucht, da wir nur im Mitsein mit andern Menschen und der natürlichen Mitwelt wirklich zur Welt kommen. Dies ist aber eine Erinnerung an einen fast vergessenen Traum.

Die meisten Menschen sind heute guten Glaubens, daß der Übergang vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit vor sechs- bis achttausend Jahren in den verschiedenen Teilen der Erde stattgefunden habe und seitdem hinter uns liege. Dies ist eine höchst wirklichkeitsferne Beschönigung jedenfalls der industriegesell-schaftlichen Lebensformen. De facto haben wir das kluge steinzeitliche Projekt noch lange nicht verwirklicht, sind damit in der Vergangenheit allerdings wohl schon etwas weiter gewesen als heute. Stellen wir uns nämlich die Nomaden sehr verkürzt so vor, daß sie die abgenagten Knochen hinter sich in die Gegend warfen und ihr Vieh alles kahlfraß, bevor sie weiterzogen, so tut dies gewißlich nicht nur den meisten Nomaden unrecht, sondern ist unserer Lebensweise gegenüber noch beinahe ein Musterbild von dauerhafter Wirtschaft. Das Gras wächst wieder nach, und die Knochen werden zwar nicht leicht abgebaut, sind aber doch relativ einfach zu beseitigen und jedenfalls ganz unschädlich. Was die Industriegesellschaften hinter sich werfen ist demgegenüber im wesentlichen weder unschädlich noch leicht zu beseitigen. Wir richten das Land, auf dem wir angeblich seßhaft sind, wirklich mehr und mehr zugrunde. Nomaden haben dies nicht getan.

Seßhaft geworden also sind wir noch lange nicht. Das Projekt Seßhaftigkeit ist aber ein Wegweiser, unter dem auch die industrielle Wirtschaft noch eine Zukunft haben könnte

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