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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle des Bodens...   Donnerstag, 6.5.   Freitag, 7.5.   Samstag, 8.5.   Vortragstexte

Dr. Martin Held

NACHHALTIGE NUTZUNG DES BODENS (Kurzfassung)

6. Mai 1999


1. Böden und ihre herausragende Rolle bis in die Zeit der Industrialisierung

Homo und Humus haben den gleichen Wortstamm. Adam bedeutet im Hebräischen "Mensch", adama steht für den Ackerboden. Weltweit sind in vielen Sprachen Boden und Erde, für das Ganze der Erde stehend, eng miteinander verknüpft. Der Begriff "Kultur" stammt aus der Wurzel der agricultura. In diesen Begriffen ist etwas von der überragenden Bedeutung der Böden über eine lange Phase der Menschheitsgeschichte hinweg bis auf den heutigen Tag gespeichert. Auch in den Hochkulturen, die durch wichtige Veränderungen wie neue Metallbearbeitungstechniken und große Städte geprägt waren, war die Bedeutung der Böden noch stark präsent. Zugleich kam es faktisch zum Teil bereits zu starken Übernutzungen und Bodendegradationen.

Noch weit bis in die Neuzeit hinein hatten die Böden und die Bodenfruchtbarkeit eine hohe positive Wertigkeit. Nimmt man die Bodenfruchtbarkeit für die Zentralressource Holz und die Bodenschätze mit dazu, kam den Böden über die gesamte Geschichte der Menschheit hinweg bis zur Industrialisierung eine überragende Bedeutung zu. In der Herausbildung der Ökonomik als eigenständigen Disziplin der Politischen Ökonomie wurde bei den Physiokraten den Böden sogar das absolute Primat der Wertschöpfung zuerkannt. Auch wenn Adam Smith dies abzuwerten versuchte, spielten die Böden bei ihm sowie in noch stärkerem Maße bei David Ricardo eine gewichtige Rolle.

 

2. Umbruch in der Rolle der Böden und deren Abwertung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte eine intensive Debatte darüber ein, inwieweit das Bevölkerungswachstum in der Zukunft "zwangsläufig" mögliche Produktivitätsfortschritte in der Nutzung der Böden übersteigen muß, und von daher Hungersnöte und negative Rückkoppelungen das wirtschaftliche Wachstum abschneiden würden (Malthus, Ricardo u.a.). Erfolge insbes. der sich neu herausbildenden Chemie und deren industrielle Umsetzung überspielten diese Befürchtungen (Düngung durch Justus von Liebig u.a.). Dies bereitete den Weg für eine veränderte Rolle der Böden. Auch wenn die sich industrialisierenden Staaten noch immer stark agrarisch geprägt waren, nahm die reale Bedeutung und damit das Verständnis für die Rolle der Böden als Lebensgrundlage ab. Im Werk von Alfred Marshall (1890) findet sich die theoretische Begründung für die praktisch ablaufende Zurückdrängung der Bedeutung der Böden (Böden nicht gesonderter Produktionsfaktor sondern Teil des Faktors Kapital). Was Marshall theoretisch formuliert, spiegelt die realwirtschaftliche Entwicklung wider, wie sie sich zuerst in den USA und später auch in den europäischen Staaten zunehmend durchsetzte. Immer weniger Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft, für immer mehr Menschen wurde die wirtschaftliche Existenzgrundlage von den Böden abgelöst. Diese spielten auch in ihrem Alltagsleben kaum mehr eine Rolle.

Böden erlebten damit emotional in der Tendenz eine Bedeutungsabnahme. Ökonomisch erlitten sie im Verhältnis zu anderen Kapitalformen ebenfalls einen relativen Wertverlust. Gleichzeitig kommt es zu einer starken Bedeutungszunahme in Form von Grund und Boden. Nicht mehr länger die Bodenfruchtbarkeit und damit die agrarische - sowie sekundär forstliche - Nutzung ist primär wertbestimmend, sondern die Standortfunktion. Siedlungen, Gewerbeflächen, Verkehrsflächen und Flächen für andere Infrastruktur werden dominant. Historisch läßt sich die tendenzielle Entkopplung besonders prägnant in der Einschätzung des dust-bowl, der Staubstürme im Mittleren Westen in den 30er Jahren durch führende Agrarökonomen verdeutlichen (Crosson 1991). Ökonomisch formuliert: die Produktionsfaktoren erscheinen in dieser Sicht nahezu beliebig substituierbar zu sein. Deshalb wird die natürliche Bodenfruchtbarkeit nurmehr als ein Faktor neben anderen angesehen. Voraussetzung für diese Sichtweise ist, daß die nicht-nachhaltige Wirtschaftsweise des Zeitdiebstahls der Kohlenstoffdepots ignoriert wird.

 

3. Bodendegradation und mangelndes Bodenbewußtsein

Durch zunehmende Mechanisierung, Düngung, Einsatz von Pestiziden, Züchtung etc. konnten die landwirtschaftlichen Erträge über eine längeren Zeitraum absolut und in der Tendenz auch je Flächeneinheit gesteigert werden. Diese Ertragssteigerung wurde durch eine zunehmende Entfernung von den Prinzipien der Nachhaltigkeit erkauft. Selbst ein hoher Anteil der Züchtungserfolge, die zunächst eher als effizientere Nutzung der natürlichen Produktivitäten erscheinen mögen, beruhen in wichtigen Teilen auf einer entsprechend nicht-nachhaltigen Form von Landwirtschaft (Hybridsorten die nur bei hohem Chemikalieneinsatz die gewünschten Erträge bringen können). Zugleich werden in einem langanhaltenden Trend bei den vorherrschenden Formen der Landbewirtschaftung die Böden gravierend degradiert: Zwischen 1960 und dem Beginn der 90er Jahre wurden etwa 30% der weltweiten Agrarflächen stark degradiert oder mußten sogar ganz aufgegeben werden (Pimentel et al. 1995). Seit Ende der 80er Jahre nimmt die landwirtschaftlich verfügbare Fläche je Kopf der Weltbevölkerung ab. Dies wird bisher aber noch durch den Einsatz von Erdölprodukten "maskiert". Die negativen Effekte der Bodendegradation werden erst zeitlich verzögert wahrgenommen.

Die Bodenerosion durch Wind und Wasser spielt die überragende Rolle. In den industrialisierten Staaten sowie zunehmend in den sich neu industrialisierenden Staaten kommt der Bodenversiegelung eine vergleichbare Bedeutung zu. Besonders gravierend ist aufgrund der geschilderten veränderten Wertigkeiten von Grund und Boden, daß vielfach besonders fruchtbare Böden versiegelt werden.

Die Bodendegradation hat die gleiche Tragweite wie die Effekte des Klimawandels und der Degradation der Biodiversität (WBGU 1994, Hurni et al. 1996, Kümmerer et al. 1997). Das hat einen "einfachen" Grund: Die Rate der Bodenbildung ist mit der Rate der Bodendegradation völlig außer Balance geraten. Die Zeitskalen der Bodenbildung sind in der erforderlichen Bodenmächtigkeit je nach Bedingungen in der Größenordnung von Jahrhunderten und Jahrtausenden (im einzelnen genauer Graßl 1997).

Bisher ist es nicht gelungen, die Tragweite der Bodendegradation ins öffentliche Bewußtsein und ins Bewußtsein der Entscheidungsträger zu rücken. Angesichts der genannten Tendenzen ist das Bodenbewußtsein nicht auf der Höhe der Problemlage (ausführlicher Held 1997). Die Einsicht, daß Böden nicht nur als Grund und Boden relevant sind, sondern eine der zentralen Lebensgrundlagen sind, ist die Voraussetzung für entschiedenes Handeln.

 

4. Instrumente für einen nachhaltigen Umgang mit Böden

Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten und Instrumenten, die Nutzung der Böden in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu verbessern. Bei agrarischer Nutzung ist beispielsweise die Frage der Bodenbedeckung grundlegend, ferner Rotation, no-tillage, ökologische Formen der Bewirtschaftung etc. (Pimentel 1997). Bezüglich der Nutzung für Siedlungszwecke und Infrastruktur ist systematisch auf eine Entkoppelung von Flächeninspruchnahme/Versiegelung und wirtschaftlicher Entwicklung hinzuwirken (s. entsprechende Forderung Enquete-Kommission 1997, S. 55ff.). Faktisch ist es jedoch so, daß in der überwiegenden Zahl der Industrieländer incl. Deutschland das ganze Setting rechtlicher Regelungen, Infrastrukturpolitik, Agrarpolitik etc. tendenziell (noch) in die gegenläufige Richtung weist.

Der Wissenschaftliche Beirat zum Globalen Wandel kam in seinem Bodengutachten (1994) zur Schlußfolgerung, daß eine international verbindliche Bodenkonvention dringend erforderlich ist, um den Rahmen dafür zu geben, die je nach den spezifischen lokalen und regionalen Bedingungen erforderlichen Maßnahmen entschieden anzugehen. Vergleichbar kamen die Autoren des Vorbereitungsbandes der ISCO-Konferenz 1996 zum Ergebnis, daß eine internationale Konvention zur nachhaltigen Nutzung von Böden und nachhaltigem Landmanagement erforderlich ist (Hurni et al. 1996).

Der Hintergrund dieser Forderung: Im Zuge der Vorbereitungen der Rio-Konferenz 1992 gab es vergleichbar zum Klimawandel und zur Biodiversität Bestrebungen zu einer Bodenkonvention zu kommen. Aufgrund des mangelnden Verständnisses für die Tragweite der Bodendegradation kam es dazu jedoch nicht. Statt dessen wurde als ein erster Schritt in diese Richtung die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung angeregt, die dann 1994 verabschiedet wurde und 1996 in Kraft trat. Diese Konvention ist zu begrüßen, hat jedoch in sich eine entscheidende Verkürzung. Danach wird das Problem als ein spezifisches Problem der armen Länder des Südens verstanden. Die Industrieländer können das Problem "als weit weg" abtun und sind nur in der Rolle von Geldgebern und Trägern von Know-How gefragt. Dies ist problematisch, sind wir doch Teil des Problems. Dennoch ist der Beginn der Umsetzung dieser Konvention ein wichtiger erster Schritt (Pilardeaux 1999).

5. Vorschlag für eine international verbindliche Bodenkonvention

Auf Initiative von Hartmut Graßl und David Pimentel erarbeiteten wir in Tutzing in einem gemeinsamen Projekt mit der Schweisfurth-Stiftung, München, den weltweiten ersten Vorschlag für eine international verbindliche Bodenkonvention (Tutzinger Projekt "Ökologie der Zeit" 1998). Dieser Vorschlag wird zwischenzeitlich weltweit von unterschiedlichsten Organisationen sowie einer Vielzahl von Personen unterstützt. Beispielsweise hat die Internationale Bodenkundliche Union eine Working Group "Soil Convention" eingerichtet, hat das Committee on Environmental Law der IUCN sich mit dem Vorschlag befaßt und stimmt diesem "im Prinzip" zu, stehen wir mit dem Sekretariat der UN-Wüstenkonvention darüber im Austausch etc. (internet http://www.unccd.int/science/soilandclimate/menu.php). Wichtige Grundprinzipien sowie Reaktionen darauf werden im Vortrag ausgeführt.

 

6. Epilog

Die Tutzinger Initiative für eine Bodenkonvention will mit dazu beitragen, das Bodenbewußtsein zu heben, damit die Tragweite der Bodendegradation verstanden wird und entschieden gegengesteuert wird. Eine Bodenkonvention ist kein Ersatz für Handeln, sie will nicht lokal, regional und national erforderliche Maßnahmen ersetzen. Im Gegenteil, sie will den dafür erforderlichen Rahmen schaffen. Bereits die aktuelle Debatte über dieses Instrument trägt zum Problembewußtsein bei.

Wie können wir in der Bundesrepublik Deutschland und in den anderen europäischen Staaten damit vorankommen? Wichtig ist es, die Tragweite der Problematik allgemeinverständlich zu kommunizieren (etwa Umrechnung in "Fußballfelder" die täglich im Schnitt versiegelt werden und dergleichen). Wenn wir nicht gegensteuern, werden wir in wenigen Generationen das Land weiter massiv versiegeln und in anderer Weise degradieren (Radermacher 1996). Genauso wichtig ist es jedoch, die Problemlage genauer zu verstehen und die Infrastruktur ebenso wie alle Regelungen, von der Verfassung bis zu technischen und anderen Normen umzuorientieren in Richtung nachhaltiger Umgang mit Böden. Besonders dringlich ist es in Industriestaaten wie Deutschland, die Entsiegelung der Versiegelung gegenüberzustellen und in den gleichen Rang zu stellen.

 

Literatur

  • Crosson, Pierre R. (1991). Croplands and Soils: Past Performance and Policy Challenges. In: Frederick, Kenneth D. und Sedjo, Roger A. (Eds.). America’s Renewable Resources - Historical Trends and Current Challenges. Washington DC: Resources for the Future, 169-203.
  • Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" des 13. Deutschen Bundestags (1997). Konzept Nachhaltigkeit. Fundamente für die Gesellschaft von morgen. Zur sache 1/97. Bonn: Deutscher Bundestag.
  • Graßl, Hartmut (1997). Böden und globaler Wandel. Brisante Mischung. In: Kümmerer, Klaus et al. (Hg.). Bodenlos. Politische Ökologie Sonderheft 10. München: Ökom Verlag, 12-16.
  • Held, Martin (1997). Der letzte Dreck - Gründe für die gesellschaftliche Ignoranz der Tragweite der Bodendegradation. Gaia 6, no. 3, 205-211.
  • Hurni, Hans et al. (Hg.) (1996). Precious Earth. From Soil and Water Conservation to Sustainable Land Management. Bern: International Soil Conservation Organization (ISCO).
  • Kümmerer, Klaus et al. (Hg.) (1997). Bodenlos. Zum nachhaltigen Umgang mit Böden. Politische Ökologie Sonderheft 10. München: Ökom Verlag.
  • Marshall, Alfred (1890/19228). Principles of Economics. London: Macmillan.
  • Pilardeaux, Benno (1999). Bodenschutz international auf dem Vormarsch. In: Altner, Günter et al. (Hg.). Jahrbuch Ökologie 1999. München: Beck, 143-150.
  • Pimentel, David et al. (1995). Environmental and Economic Costs of Soil Erosion and Conservation Benefits. Science 267, 1117-1123.
  • -"- (1997). Soil Erosion and Agricultural Productivity: The Global Population/Food Problem. Gaia 6, no. 3, 197-204.
  • Radermacher, Walter (1996). Land Use Accounting - Pressure Indicators for Economic Activities. Manuskript Vortrag Tokyo, 5./6. März 1996.
  • Tutzinger Projekt "Ökologie der Zeit" (19982). Böden als Lebensgrundlage erhalten. vorschlag für ein "Übereinkommen zum nachhaltigen Umgang mit Böden" (Bodenkonvention). 2. erweiterte Auflage (französisch-englisch-spanisch-deutsch). Schriftenreihe zur politischen Ökologie 5. München: Ökom Verlag.
  • WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) (1994). Welt im Wandel: Die Gefährdung der Böden. Jahresgutachten 1994. Bonn: Economica.

Dr. Martin Held, Evangelische Akademie Tutzing,
Schloss-Strasse 2+4, D-82327 Tutzing
held@ev-akademie-tutzing.de

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