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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle des Bodens...   Donnerstag, 6.5.   Freitag, 7.5.   Samstag, 8.5.   Vortragstexte

Ministerin Klaudia Martini

DIE ROLLE DES BODENS

6. Mai 1999


Anrede,

ich begrüße Sie heute ganz herzlich zu der nunmehr dritten Veranstaltung der Gaytaler Gespräche.

Die Gaytaler Gespräche werden gemeinsam von Luxemburg und Rheinland-Pfalz veranstaltet, in Kooperation mit der Wallonie.

Probleme machen an Grenzen nicht halt. Gemeinsam lassen sich Lösungen besser finden. Gemeinsam lassen sich Wege zu einer zukunftsfähigen Entwicklung leichter finden.

Eine gute Nachbarschaft, Austausch und Kooperation in einer länderübergreifenden Region stellen dabei fast den Idealfall dar. Ich freue mich daher und bin dankbar für die gute Zusammenarbeit auch bei den Gaytaler Gesprächen.

Anrede,

Thema der diesjährigen Veranstaltung ist die "Rolle des Bodens".

Der Boden ist in der Volkswirtschaft neben dem Kapital und der Arbeit der dritte Produktionsfaktor. Die ersten Gaytaler Gespräche beschäftigten sich mit den ökonomischen Aspekten einer nachhaltigen Regionalpolitik, mit der Rolle des Geldes, während in den zweiten Gaytaler Gesprächen die Funktion der Arbeit und somit die sozialen Wechselwirkungen thematisiert wurden.

Folgerichtig befassen sich die diesjährigen Gaytaler Gespräche mit der dritten Dimension der nachhaltigen Entwicklung - nach Ökonomie und Sozialem - mit der Ökologie.

Analog zu den beiden ersten Veranstaltungen soll auch 1999 wieder stellvertretend ein bestimmter Teilaspekt im Vordergrund stehen - ausgewählt wurde der Boden.

Und dies aus gutem Grund, denn das dritte Umweltmedium neben Wasser und Luft wurde bislang sehr stiefmütterlich behandelt. Während die beiden anderen Schutzgüter schon seit den 50-er bzw. 70-er Jahren unter gesetzlichem Schutz standen, wurde in Deutschland erst mit Inkrafttreten des Bundes-Bodenschutzgesetzes zum 1. März dieses Jahres die lange bestehende Gesetzeslücke geschlossen.

Wie aktuell das Thema der diesjährigen Gaytaler Gespräche ist, zeigt auch die Entscheidung der EU-Kommission und der deutschen Präsidentschaft, die Anfang des Jahres dafür plädiert haben, sich mehr als bisher auf europäischer Ebene für den Bodenschutz einzusetzen. Zunächst soll ein "europäisches Bodenforum" mit breiter Beteiligung eingerichtet werden. Schwerpunkt dabei sind voraussichtlich die zentralen Themen

  • Bodenerosion
  • Stadt- und Raumplanung
  • Biodiversität
  • Landwirtschaft
  • Belastungen durch Schwermetalle und andere chemische Stoffe

Mit dieser Initiative soll ein Prozess in Gang gesetzt werden. Es geht um eine alle Bereiche umfassende Bodenschutzpolitik auf europäischer Ebene. Es geht um Prioritäten für eine europäische Bodenpolitik. Handlungsbedarf in anderen Politikbereichen soll kenntlich gemacht werden.

Anrede,

unsere Böden werden leider allzu oft mit "Dreck" verwechselt, manchmal als "Altlast" registriert und dann entsprechend behandelt. Dabei leben in einer Handvoll Erde mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Daneben kommen Böden eine Fülle von entscheidenden Funktionen für unser aller Überleben zu. Gleichzeitig sind Böden leicht zerstörbar, erneuern sich durch natürliche Verwitterungsprozesse nur in geringem Umfang. Einmal zerstört, ist die natürliche Leistungsfähigkeit unserer Böden, wenn überhaupt, nur mit hohem finanziellen Aufwand wiederzuerlangen.

Die Böden stellen damit eine kostbare und begrenzte Ressource dar.

Nur mit einem verantwortungsbewussten - sprich nachhaltigen - Umgang mit dem Schutzgut Boden können wir langfristig den bedeutenden Lebensraum und die Lebensgrundlage Boden für uns - und unsere Nachfahren - erhalten.

Anrede,

wer Nachhaltigkeit zum erklärten Ziel seiner Politik erheben will, muss daher neben Luft und Wasser dem dritten wichtigen Umweltmedium Boden die notwendige Aufmerksamkeit und Rücksicht zukommen lassen.

Die Gaytaler Gespräche möchten, wie bisher, Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung in der Region aufzeigen, dabei Ideen, Beispiele und Konzepte liefern - und reihen sich damit in die Tradition der vielen weltweiten Aktivitäten ein, die auf dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und dem Aktionsprogramm Agenda 21 basieren, dem sich die internationale Staatengemeinschaft auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 in Rio de Janeiro verpflichtet haben.

Zentrale Aufgabe einer Politik der nachhaltigen Entwicklung in den Industrieländern ist es, Wirtschafts- und Lebensweise mit den natürlichen Lebensgrundlagen in Einklang zu bringen. Eine dauerhaft tragfähige und damit erst wirklich zukunftsfähige Entwicklung - also eine, die die heutigen Bedürfnisse zu decken vermag, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu schmälern - muss insbesondere auch für Regionen konkretisiert werden, damit die dort lebenden Menschen auch zu Akteuren werden und zur Umsetzung beitragen.

Gerade auf lokaler und regionaler Ebene werden in vielen kleinen Schritten die entscheidenden Bausteine für das größere Puzzle einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Politik zusammengetragen.

Anrede,

Bodenschutz muss sich am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren.

Vier große Leistungen erbringen die Böden:

  • Böden sind Lebensraum und Grundlage für Menschen, Flora und Fauna,
  • Böden erfüllen Puffer- und Filterfunktionen, inklusive Grundwasserfilterung und Grundwasserspeicherung
  • Böden sind die Grundlage unserer Ernährung, der Rohstoffgewinnung und der Forstwirtschaft
  • Böden sind die Träger der von Menschen geschaffenen Lebensräume sowie Beleg historischer Belastungen.

Mit den Funktionen, den daraus abzuleitenden Zielen und dem aktuellen Zustand unserer Böden beschäftigen sich die heutigen Vorträge und morgen die Arbeitsgruppen der Gaytaler Gespräche.

Anrede,

Ursachen für die Verknappung bzw. Gefährdung der Böden sind vor allem

  • Versiegelung,
  • nutzungsbedingte Bodenabträge,
  • Bodenverdichtung und
  • Stoffeinträge.

Nachhaltiger, zukunftsfähiger, dauerhaft durchhaltbarer Umgang mit unseren Böden beginnt vor allem mit einer Verringerung unseres Verbrauchs an Fläche.

Täglich werden in der Bundesrepublik etwa 100 bis 110 Hektar Fläche verbraucht. Dies entspricht der Fläche von rund 160 Fußballfeldern. Eine Kommission, die sich aus Abgeordneten des Bundestages und vom Bundestag benannten Sachverständigen zusammensetzte, prognostizierte 1997, dass bei weiterhin ungebremstem Verbrauch des Bodens, wie dieser in den letzten 20 bis 30 Jahren erfolgt ist, in ca. 80 Jahren die Bundesrepublik Deutschland nahezu vollständig überbaut wäre.

In Rheinland-Pfalz waren 1997 ca. 13 Prozent der Landesfläche versiegelt. Im Vergleich mit 1993 bedeutet dies einen Zuwachs gegenüber 1993 um 7.313 ha bzw. 0,4 Prozent (Quelle: Statistische Berichte, Januar 1998, Statistisches Landesamt).

Anrede,

es liegt auf der Hand. Immer mehr geht nicht. Boden ist nicht vermehrbar.

In ihrem umweltpoltischen Schwerpunktprogramm formulierte die Bundesregierung Angfang 1998 als quantitatives Ziel für die Entwicklung der Siedlungs- und Verkehrsflächen eine schrittweise Rückführung der täglich zusätzlich in Anspruch genommenen Flächen von 110 auf 30 Hektar in Deutschland.

Gute Chancen zur Verringerung des Flächenverbrauchs bietet das Flächenrecycling. Durch erneute Inanspruchnahme bisher andersartig bzw. nicht oder kaum genutzter Flächen (Industriebrachen, Altlastverdachtsflächen und Altstandorte, Konversionsliegenschaften), können evtl. in Zusammenhang mit einer gleichzeitig erfolgten nutzungsabhängigen Sanierung auf Einzelflächen, höherwertige Bodenstandorte erhalten und gesichert werden.

Chancen für die Verringerung des Flächenverbrauchs bietet auch modernes Flächenmanagement bei der Siedlungsentwicklung der Kommunen. Mit intelligenten Konzepten lassen sich attraktive Lösungen finden. Modellprojekte im ganzen Land im Rahmen des Projektes "Ökologisches Planen und Bauen" zeigen dies.

Zu einem intelligenten Flächenmanagement zählt auch unsere Öko-Konto-Regelung in Rheinland-Pfalz. Der Verbrauch von Fläche und die Aufwertung von Flächen an anderer Stelle kann mit dem Öko-Konto in den Kommunen zeitlich und örtlich entzerrt werden. Die Regelung hat bundesweit Nachnahmer gefunden.

Anrede,

Neben der

  • Verringerung des Flächenverbrauchs
  • einem verstärkten Flächenrecycling und
  • modernem Flächenmanagement

gehört zu einem zukunftsfähigen Umgang mit unseren Böden, den Abtrag, das Wegschwemmen, das Wegwehen - die Erosion des Bodens aufzuhalten.

Im Durchschnitt werden in Deutschland pro Hektar acht bis zwölf Tonnen Boden jährlich durch Erosion abgetragen. Das sind etwa flächenhaft ein Millimeter Erde pro Hektar. Die belebte, fruchtbare, für unser Leben im Wortsinn grundlegende Bodenschicht ist aber im Durchschnitt weniger als ein Meter dick. Auch hier wird deutlich: Weiter wie bisher ist nicht zukunftsfähig. Nachhaltige Entwicklung ist ohne einen anderen Umgang mit Boden nicht denkbar.

Der beste Schutz vor Erosion ist eine geschlossene Vegetationsdecke. Natürlich muss bei landwirtschaftlicher Nutzung die Bodendecke bestimmte Zeit aufgebrochen bzw. ohne Vegetationsschutz sein. Diese Zeit so gering wie möglich zu halten, ist das Ziel. In besonders erosionsgefährdeten Gebieten hat man festgestellt, dass der Boden dort sogar ohne direkten Aufbruch am besten bestellt werden kann.

Weitere Stichworte in diesem Zusammenhang sind abfrierende Zwischenfrüchte, zum Beispiel Senf, sowie Mulchsaat.

Im Weinbau greift verstärkt die Begrünung der Räume zwischen den Rebreihen. Auch das der Landschaft angepasste Pflügen, das heißt zum Beispiel quer zum Hang statt längs, sind einfache, aber wirksame Mittel zur Reduktion der Erosion.

Nachhaltiger, zukunftsfähiger Umgang mit unserem Boden heißt in diesem Zusammenhang natürlich auch, nicht mehr Schadstoffe über Luft und Wasser in die Böden einzutragen, als die Böden natürlich abbauen können. Trotz aller Erfolge in der Luftreinhaltung der vergangenen 20 Jahre haben wir dieses Ziel noch nicht erreicht.

Im Gegensatz zu den stetig sich ausweitenden Siedlungs- und Verkehrsflächen stellt die land- und forstwirtschaftliche Flächennutzung im allgemeinen keinen Flächenverbrauch dar. In umweltverträglicher Weise betrieben, sind sie mit einer Reihe anderer ökologischer Funktionen der Böden verträglich oder ihnen gar förderlich.

Anrede,

In Rheinland-Pfalz streben wir die Erfüllung der vertretbaren hohen Zielvorstellungen zum Schutz des Bodens an und haben auf diesem Wege bereits vieles umgesetzt. Wir sind auf dem richtigen Weg. In Rheinland-Pfalz nehmen forstwirtschaftlich genutzte Flächen mit einem Anteil von ca. 40 Prozent der Landesfläche einen hohen Flächenanteil ein. Die naturnahe Waldbewirtschaftung ist Leitbild und Praxis der Landesforstverwaltung. Das neu eingeführte Gütezeichen der Holzwirtschaft, die eine stärkere Nutzung einheimischer Holzprodukte fördert, spricht den Holzkunden direkt und bewusst darauf an.

43 Prozent der Landesfläche sind landwirtschaftlich genutzt. Auch in der Landwirtschaft sind zahlreiche Förderprogramme, "umweltgerechte und den natürlichen Lebensraum schützende landwirtschaftliche Produktionsverfahren" auf Grundlage einer EG-Rahmenverordnung erfolgreich eingeführt - und werden weiter ausgebaut.

Hinzu kommen Programme von Bund und Land. In Rheinland-Pfalz nenne ich in diesem Zusammenhang nur das erfolgreiche FUL-Programm (Förderprogramm Umweltschonende Landbewirtschaftung), das eine Herausnahme von Flächen aus der landwirtschaftlichen Produktion sowie eine Extensivierung der Produktion mit einem integriert-kontrollierten Ackerbau fördert.

Ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, dass in Rheinland-Pfalz eine Vielzahl von wichtigen Projekten realisiert werden wie zum Beispiel den Bodenzustandsbericht oder die Boden-Dauerbeobachtungsflächen im Forst. Mit Millionenaufwand werden Wald-Bodenschutzkalkungen durchgeführt.

Zum nachhaltigen Schutz der Böden sind Informationen zum Boden und über Böden notwendig. Dazu wird das im Aufbau befindliche Boden-Informationssystem Rheinland-Pfalz beitragen, das zunächst die an verschiedenen Stellen im Land verstreut vorliegenden Informationen bündeln und verfügbar machen wird. Mit der Einführung eines Prototypen wird für das Frühjahr 2000 gerechnet. Erwartet wird, dass damit den zuständigen Umweltfachverwaltungen und den Kommunen ein Arbeitsmittel zur Unterstützung ihrer Aufgaben auf dem Bereich des optimierten flächenhaften Bodenschutzes zur Verfügung gestellt wird.

Anrede,

Durch Ihre Mitarbeit in den Arbeitsgruppen erhoffen wir uns - ich spreche hier im Namen der Veranstalter -, dies sind die Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz, das Umweltministerium Luxembourg in Kooperation mit dem wallonischen Umweltministerium, dem LEADER-Büro Munshausen und die Internationale Vereinigung "Ruralité-Environnement-Developpement" - dass die Gaytaler Gespräche dazu beitragen, dass

  • die Diskussion für eine nachhaltige Regionalentwicklung verstärkt aufgegriffen wird,
  • hier in den nächsten Tagen ein Ort ist, an dem Ideen und Konzepte ausgetauscht und weiterentwickelt werden,
  • Menschen miteinander bekanntgemacht werden und sich Strukturen für eine Zusammenarbeit finden und evtl. aufbauen lassen oder intensivieren lassen sowie
  • durch Vorstellung zukunftsfähiger Projekte das Nachdenken über zukünftige und zukunftsträchtige Entwicklungen - oder auch zum Umdenken - angeregt wird.

Ich danke den Referentinnen und Referenten für ihre Bereitschaft, hier für die Veranstaltung zur Verfügung zu stehen und mit ihren Vorträgen Anstöße für die nachfolgenden Diskussionen zu geben - und mit ihren Beiträgen - im Idealfall - neue Ideen und Impulse für eine nachhaltige Entwicklung zu geben.

Ich wünsche den Gaytaler Gesprächen viel Erfolg.

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz