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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle der Arbeit...   Donnerstag, 25.6.   Freitag, 26.6.   Samstag, 27.6.   Vortragstexte

Dr. Klaus Türk

ARBEIT UND UMWELT IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT.
VERHÄLTNISSE UND MISSVERHÄLTNISSE.

Rede zu Vianden

25. Juni 1998

 


Meine Damen und Herren, ich möchte in meinem kleinen Vortrag nicht ausführlich auf das Thema der "Nachhaltigkeit" selbst eingehen, weil Sie darüber ja die ganze Tagung hindurch diskutieren werden. Wohl aber möchte ich einige allgemeinere soziologische Perspektiven skizzieren, unter denen auch Ihr Tagungsthema beleuchtet werden könnte.

Erlauben Sie mir aber trotzdem vorab zumindest eine kurze Bemerkung zum Thema der "Nachhaltigkeit".

Ohne Frage ist der Begriff der Nachhaltigkeit zu einer viel benutzten, man kann fast sagen: "Modevokabel", geworden, die in aller Munde ist, fast niemand opponiert - und das muß stutzig machen. Dabei ist der Begriff selbst ja relativ leer: Es kommt ja immer darauf an, was "nachhaltig" sein soll und welche anderen "Nachhaltigkeiten", die man vielleicht gar nicht bedacht hatte, eine bestimmte intendierte Nachhaltigkeit nach sich zieht oder gar voraussetzt, welche gesellschaftliche Infrastruktur gleichsam impliziert ist. So kann z.B. "Nachhaltigkeit" im ökologischen Bereich eine hochgradig organisierte Expertenstruktur voraussetzen oder die Förderung sog. "nachwachsender Rohstoffe" läßt eine neue Großindustrie mit allen ihren, auch nicht erwünschten Folgen, entstehen, oder es wird ein weiteres Einfallstor in die Gentechnologie geöffnet.

Darüber hinaus stellt sich das Problem der Zeit: "Nachhaltigkeit" heißt ja wohl, etwas auf lange Frist einzurichten, so daß sich angesichts der hohen Wandlungsfrequenz in der Welt Nachhaltigkeit als hochgradig riskant erweisen kann. Man bleibt dann auf seinen nachwachsenden Rohstoffen sitzen, wenn sie z.B. woanders billiger zu haben sind oder wenn inzwischen die Solar- oder die Wasserstofftechnologien weiterentwickelt wurden. Man ändert mit einer solchen Umstellung ja nicht zugleich alle anderen ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Mechanismen.

Soweit ich sehe, wird in der Nachhaltigkeitsdebatte ja in der Tat der eher technologische Aspekt betont; es wird also ein Teilbereich aus der gesellschaftlichen Arbeit herausgegriffen, ohne die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen und Folgen der Ökonomie zu bedenken. Auch von daher ergibt sich das Risiko, daß sich bisherige ökonomische und politische Kräfteverhältnisse eher noch verstärken und von "Nachhaltigkeit" genauso wenig Menschen profitieren wie vorher, allenfalls vielleicht nur andere als zuvor.

Wir stehen hier, wie in anderen Bereichen und Fällen auch, vor sehr grundsätzlichen Problemen einer Intervention in Natur und Gesellschaft. Eine neue Ideologie der Machbarkeit bahnt sich an unter dem Titel der "Nachhaltigkeit" an.

Über mindestens drei sehr grundlegende Sachverhalte sollten wir uns zunächst einmal im klaren sein:

1. Es gibt für uns keine Natur "an sich", alles was wir als Natur wahrnehmen, unsere Vorstellungen und unser Wissen von Natur und jede unserer Interventionen in die Natur sind durch die historisch besondere Kultur, die Weltanschauung, die ökonomischen wie politischen Strukturen und Mechanismen unserer Gesellschaft geprägt und bestimmt.

2. Es gibt auch keine Arbeit "an sich"; jegliche Arbeit vollzieht sich in einer bestimmten Form, die ebenfalls eine historisch besondere gesellschaftliche Form ist.

3. Wir sind als Menschen nicht außerhalb der Natur, Natur als "Umwelt" zu bezeichnen ist deshalb mißverständlich; vielmehr sind wir Teil der Natur. Alles, was wir tun, jede Arbeit, ist also bereits Aktivität und damit Veränderung der Natur und nicht erst diejenige Tätigkeit, von der wir ausdrücklich meinen, sie bezöge sich auf Natur. Indem wir eine Gesellschaft bilden, produzieren wir nur die Fiktion eines Systems, das sich von der Natur als Umwelt unterscheidet - allerdings eine sehr "nachhaltig" wirksame Fiktion. Diese Unterscheidung von Gesellschaft und Natur führt dann dazu, Natur als außen und damit auch als bloße Ressource zu verstehen, auf die man technologisch zugreifen kann, ohne das Innere des Systems, die Gesellschaft, zu tangieren: Alle Wirkungen bleiben so vermeintlicherweise "außen" und man fragt dann allenfalls, ob es irgendwelche "Rückwirkungen" der Umwelt auf die Gesellschaft gibt. Jede Arbeit aber, jede Produktion und jeglicher Konsum ist demgegenüber bereits immer schon Naturveränderung, Selbstveränderung der Menschen und ihrer Beziehungen zueinander, ihrer Lebensweisen, ihrer körperlichen und psychischen Verfassungen usw.

Alles, was wir tun, ist also Veränderung der menschlichen wie der nicht-menschlichen Natur vermittels gesellschaftlicher Strukturen. Deshalb ist es hilfreich, sich einmal über die wesentlichen und typischen Strukturen unserer modernen Gesellschaft klar zu werden. Dies ist nun gar nicht so einfach, weil wir uns ja dann selbst beobachten müssen und das können wir wiederum nur mit Hilfe derjenigen gesellschaftlichen Wahrnehmungsmittel, die wir gerade beobachten wollen. So ist es auch kein Wunder, daß es in den Gesellschaftswissenschaften gar keine einheitliche Theorie gibt, die alle teilen würden - eben, weil wir keinen objektiven Standpunkt außerhalb der Gesellschaft einnehmen können.

Trotz dieser Vorbehalte können wir aber doch einiges über die Gesellschaft aussagen, wenn auch nicht als absolut-objektive Wahrheit, so aber doch als begründbaren Vorschlag zur Sicht der gesellschaftlichen Verhältnisse. In diesem Sinne sind nun auch meine folgenden Ausführungen zu verstehen.

Worin bestehen denn nun die wesentlichen Strukturen der modernen Gesellschaft?

Die Gesellschaftswissenschaften haben dazu im Laufe der letzten 200 Jahre durchaus viele und verschiedene Antworten gegeben, wenn auch die Unterschiedlicheit innerhalb der wissenschaftlichen Konkurrenz vielfach als überbetont erscheint.

Wenn man sich um etwas mehr Distanz bemüht, erscheinen auf einmal die Gemeinsamkeiten auffälliger als Unterschiede.

Wenn ich eine solche Zusammenschau wage, sind es vor allem drei Strukturmerkmale, die m.E. zusammengedacht werden müssen. Alle drei Merkmale sind weltgeschichtlich höchst einmalig: Sie entwickelten sich zunächst nur im westlichen Abendland und - was ebenfalls einmalig ist - sie breiten sich seitdem auf nahezu die ganze Welt aus, so daß zum einen die gesellschaftliche Welt in ihren Strukturen immer gleichförmiger wird und zum anderen dadurch die Entwicklung hin zu einer einzigen Weltgesellschaft immer weiter vorangetrieben wird, zu einer Weltgesellschaft, deren Strukturen zwar ähnlicher werden, die aber zugleich wachsende, scharfe Unterschiede in den Lebens- und Wohlstandschancen hervorbringt.

Welches sind diese drei Strukturmerkmale?

Es handelt sich um folgende:

1. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben Philosophen und Schriftsteller, die die Veränderungen der Gesellschaft beobachteten, festgestellt, daß sich eine neuartige Struktur entwickelt, die sich als Kombination von zwei Prozessen ergibt: Zum einen werden aus den lokalen, kommunalen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften immer mehr Funktionen ausgegliedert, immer mehr wird diesen Gemeinschaften entzogen: Vor allem Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Erziehung werden entkommunalisiert, und sie werden zunehmend durch die kommunalen Zusammenhänge übergreifende Mechanismen reguliert. Zugleich, und das ist der zweite Prozeß, verselbständigen sich diese Bereiche gegeneinander; sie werden zu eigenen Sphären mit je eigenen Logiken, dominiert durch neue Experten und Eliten, die sog. "Funktionseliten". Alle diese Bereiche entwickeln nun eigene Weltsichten und Wachstumsdynamiken, denen sich die kommunalen Lebenszusammenhänge nur noch zu fügen haben. Dieser Prozeß, den Soziologen heute "funktionale Differenzierung" nennen, schreitet bis heute fort, indem er zunehmend die ganze Welt erfaßt. Wir haben so heute ein weltpolitisches, ein weltwirtschaftliches, ein weltwissenschaftliches, zunehmend auch ein weltrechtliches System. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Form der Arbeitsteilung, sondern das Besondere dieser neuen Form der Differenzierung liegt darin, daß prinzipiell die ganze Welt unter den jeweiligen Perspektiven der Teilsysteme zu einem Thema gemacht werden kann: alles kann unter der Perspektive von Geld, von politischem Einfluß, von Wissenschaft, von Recht betrachtet und behandelt werden. Arbeitsteilung dagegen bezieht sich auf verschiedene Gegenstände der Welt.

2. Das zweite Strukturmerkmal ist mit dem ersten eng verbunden und allgemein besser bekannt als das erste: die kapitalistische Produktionsweise. Diese kann sich erst dann voll entfalten, wenn sich die Ökonomie von den Schranken der Religion, der Moral, der staatlichen Regulierung, den rechtlichen Restriktionen gerade durch den Prozeß der funktionalen Differenzierung frei machen kann. Immer war in den menschlichen Gesellschaft die Ökonomie eingebettet in alle anderen sozialen Beziehungen; nur im Abendland finden wir den Beginn dieser Entfesselung, der sich seitdem weltweit fortsetzt. Haben wir hinsichtlich der funktionalen Differenzierung eine "Entkommunalisierung", so haben wir durch die Entfaltung des kapitalistischen Prinzips mit seiner Orientierung an prinzipiell grenzenloser Akkumulation und der Betrachtung möglichst vieler - insbesondere aller lukrativ erscheinender - Dinge als Waren, einen Prozeß der Auflösung von subsistenzieller Produktion, also von Eigenwirtschaft, Eigenarbeit in der Regie der Kommunen und Hauswirtschaften. War diese kapitalistische Wirtschaftsweise bereits seit Ausgang des Mittelalters global angelegt, so hat sie bis heute zu einem einzigen kapitalistischen Weltsystem geführt.

3. Das dritte wesentliche Strukturmerkmal schließlich ist den meisten weniger bewußt als die ersten beiden: Es ist das der Organisation.

Insbesondere seit Beginn des 19. Jahrhunderts setzt sich diese Art und Weise der herrschaftlichen Regulierung zunehmend großer Bereiche menschlicher Ko-Operation durch. Haben wir noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts Organisationen in nur geringer Zahl, so sind sie heute nicht mehr zu zählen. Allein auf der internationalen Ebene werden schon über 40.000 internationale Organisationen registriert. Aber auch sonst überall Organisationen: Unternehmungen, Vereine, Verbände, Schulen, Universitäten, Verwaltungen, Parteien, Krankenhäuser, Gefängnisse, Militär usw..

Organisationen treten an die Stelle der alten Korporationen und Assoziationen; ihre Besonderheit liegt u.a. darin, daß sie sich auf bestimmte, sehr beschränkte Zwecke konzentrieren dürfen, daß man ihnen rein instrumentell ausgerichtete Strukturen zugesteht und daß sie eine eigene Kategorie von Personen bilden, die sog. "juristischen Personen". Diese Merkmale tragen neben anderen dazu bei, daß man nun diesen Organisationen Handlungen und Handlungsfolgen zurechnen kann. Das hat vor allem zwei Konsequenzen: Erstens, Organisationen, wie z.B. Unternehmungen, können Gewinn machen und ihn zu Kapital akkumulieren und zweitens: Personal und Mitglieder der Organistationen erfahren eine Verantwortungsentlastung, da man nun sagen darf, daß man etwas nicht als Mensch, sondern nur als Amtsträger oder als Personal getan habe.

Wir haben also auch hier eine Spezialisierung, nur noch eine partikulare Sicht der Dinge und Ereignisse. Die zweckorientierte Rationalität wird so institutionalisiert und damit ein höchst problematisches Orientierungsprinzip menschlichen Handelns bei gleichzeitiger Entlastung der Einzelnen von den Handlungsfolgen. Erst so wird der Aufbau der langen Handlungskette mit Fernwirkungen möglich, die wir heute vorfinden.

Und noch zwei weitere Besonderheiten sind für die modernen Organisationen typisch und zugleich problematisch:

Im Unterschied zu den älteren Korporationen und Assoziationen und auch im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Kollektivsubjekten wie z.B. Familien oder Freundesgruppen, sind alle Organisationen in ihren Strategien nach außen, auf Dritte, auf Nicht-Mitglieder hin ausgerichtet; stets geht es darum, Vorteile außerhalb der Organisationen zu erwirtschaften oder irgendwelche Einheiten außerhalb der Organisation zu beeinflussen, zu verändern.

Schließlich ist es vor diesem Hintergrund auffällig, daß Organisationen zwischen ihren Mitgliedern in aller Regel ein besonderes Wir-Gefühl, einen "Corps-Geist" ausbilden. Diese Bildung einer Vergemeinschaftung hat eine soziale Schließung zur Folge, die dazugehören werden höher geachtet, als die anderen; z.T. gar entwickeln sich scharfe Konkurrenzen oder gar Feindschaften zwischen Mitgliedern einer Organisation und anderen.


Alle drei Strukturprinzipien - die funktionale Differenzierung, die kapitalistische Produktionsweise und die Organisation - haben es also mit einer Spezialisierung zu tun, einer Spezialisierung, die den Aufbau der großen Komplexität der modernen Welt ermöglicht hat, eben genau durch die scheinbare Paradoxie, daß man so vieles nicht zu beachten braucht. Die Komplexität erwächst also aus der Vereinfachung.

Jeder dieser drei strukturellen Komplexe der modernen Gesellschaft hat über dieses Gemeinsame hinaus eine je eigene gesellschaftliche "Funktion":

1. Die Differenzierung in Bereiche wie Politik, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft bedeutet, daß gemäß den je eigenen Logiken dieser Systeme nur bestimmte Sachverhalte und Probleme der Welt wahrgenommen werden, daß diese selektive Wahrnehmung nur in der jeweiligen "Sprache" dieses Bereichs formuliert wird und daß schließlich mit dieser jeweils spezifischen Sichtweise wiederum spezifische Strategien verbunden sind. So sieht die Politik nur dasjenige, was Machtgewinn oder Machtverlust bedeuten kann, nur dies wird zu einem Problem, aber nicht für die Gesellschaft, sondern für die Politik. So werden etwa ökologische Sachverhalte nur dann zu einem Thema der Politik, wenn ihre Behandlung für die Frage der politischen Macht von Bedeutung ist.

Die kapitalistische Ökonomie sieht nur dasjenige, was Chancen oder Risiken für die Gewinnerzielung bedeuten kann, nur dies wird zu einem Problem, aber nicht als Problem der Gesellschaft, sondern als Problem der Ökonomie. Für die Ökonomie werden ökologische Sachverhalte nur zu einem Problem, wenn sie kosten- oder ertragswirksam sind.

Analoges gilt für die Wissenschaft. Dort werden ökologische Fragen nur zu einem Thema, wenn sich dadurch Aufmerksamkeit und Reputation gewinnen läßt. Usw.

2. Wohl fraglos ist heute die kapitalistische Ökonomie der für die gesamte Weltgesellschaft dominante Komplex. Die Dominanz äußert sich darin, daß diese Produktionsweise das hauptsächliche Moment für die Dynamik, die Veränderung, der Gesellschaft ist, also das Moment, das die meiste Unruhe, und damit auch die meisten Probleme erzeugt. Das prinzipiell grenzenlose Akkumulationsstreben, das durch die Prinzipien der Konkurrenz noch verstärkt wird, schafft ständig neue Situationen, die von den Menschen als Probleme erlebt werden: neue Produkte, neue ökologische Gefährdungen, neue Anforderungen an die menschlichen Fähigkeiten, neue Formen der Reichtums- und Armutsverteilung, Arbeitslosigkeit, Gesundheitsgefährdungen, Mobilitätszwänge, rechtliche Regelungserfordernisse, ökonomische und politische Krisen und dergleichen mehr.

Die kapitalistische Ökonomie ist bereits soweit in die Existenz und Reproduktion von Milliarden von Menschen vorgedrungen, daß eine umfassende Abhängigkeit von Erwerbsarbeit und Geld die Folge ist. Diese durchgehende Kommodifizierung ist es, die überhaupt erst das Problem von Arbeitslosigkeit so zuspitzt. Und diese Abhängigkeit von dem kapitalistischen Sektor der Gesellschaft führt auch zu dem bekannten Phänomen, daß die politischen Instanzen der Staaten ihre Politiken im wesentlichen an den Interessen der großen Industrie ausrichten; dies geht hin bis zur Bildungsund Umweltpolitik.

3. Organisationen schließlich sind in der modernen Gesellschaft der zentrale Mechanismus der Problembearbeitung; sie sind die gesellschaftlichen Orte der Regulierung von Arbeit, dort werden die wesentlichen Entscheidungen für die Gesellschaft getroffen. Wenn man nun aber weiß, daß die in Organisationen getroffenen Entscheidungen in der Regel gar nicht den Entscheidungsträgern zugerechnet werden, ergeben sich bereits daraus erhebliche Probleme. Hinzu kommen alle die Unzulänglichkeiten und Merkwürdigkeiten, die Sie alle aus Ihrer eigenen Organisationspraxis gut kennen: Kungeleien und Kompromisse, Rangeleien und Karrierestreben, unzureichende Vorbereitung von Entscheidungen, schlechte Kontrollen, Motivationsprobleme usw.

Jedes dieser Strukturmerkmale der modernen Gesellschaft hat so seine eigenen Probleme, die sich in Kombination untereinander noch verstärken; alle drei Prinzipien erhöhen zwar die Komplexität der modernen Gesellschaft beträchtlich, alle drei sind aber "dumme" Prinzipien, obwohl in unserer Gesellschaft von den meisten, auch von den meisten Wissenschaftlern, das Gegenteil behauptet wird:

  • die sog. "funktionale Differenzierung" in Teilbereiche produziert die Dummheit eines, der nur sich selbst sehen kann.
  • die kapitalistische Ökonomie besitzt die Dummheit äußerst beschränkter Kapazität von Problemwahrnehmung. Im Unterschied zu allen anderen Teilbereichen, die mit der menschlichen Sprache arbeiten, kann die Ökonomie nur im Medium des Geldes "beobachten", "denken" und kommunizieren. Und das Medium des Geldes kann nun wirklich nur sehr wenige der Probleme der Welt fassen. Und dies ist auch ein weiterer Grund für die Dominanz dieses Systems: Durch seine sehr beschränkte Fassungskraft für Probleme bedarf es einer ständigen Korrektur, Hilfestellung und Unterstützung durch die anderen Systeme: durch die Politik, das Recht, die Wissenschaft. Ohne diese wäre die kapitalistische Ökonomie nicht überlebensfähig.
  • Die Dummheit der Organisationen liegt in ihrer eindimensionalen instrumentellen Zweckausrichtung und in der Tatsache, daß sie die meisten Folgen ihres Handelns externalisieren können, daß es also nur sehr begrenzte Rückkopplungschleifen zurück zu den Organisationen gibt; insbesondere gilt dies für Unternehmungen. Verstärkt wird diese Dummheit der Organisationen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene dadurch, daß längst nicht alles - nicht alle Zwecke, Bedürfnisse oder Interessen - organisierbar sind, so daß überhaupt immer nur ein bestimmter Ausschnitt sozialer Fragen in die politisch-ökonomische Arena gelangt.

Das gemeiname Kennzeichen der Dummheit dieser drei Strukturkomplexe ist die Abstraktion von den konkreten Menschen, ihren Bedürfnissen, Problemen und sozialen Beziehungen, anders ausgedrückt: Diese strukturellen Komplexe schaffen zwar eine bislang nicht erlebte Komplexität der sozialen Welt, dies ist aber eine Komplexität dieser institutionellen Komplexe selbst, nicht die Komplexität menschlicher Existenz. Ihre selbst erzeugte Komplexität können diese Strukturkomplexe aber gerade nicht selbst einfangen, nicht steuern oder kontrollieren, aus genau demselben Grund, aus dem sie diese Komplexität hervorbringen: nämlich wegen ihrer abstrakten Selektivität und Partikularität. Jede Intervention politischer, ökonomischer, technischer Art erzeugt so stets einen riesigen Überschuß an Folgewirkungen.

Alle großen Probleme der Gegenwart sind durch diese Strukturen hervorgebracht worden. Nicht nur Technologien erzeugen Risiken, sondern auch gesellschaftliche Strukturen und Prinzipien.

Lassen Sie mich wegen der begrenzten Zeit nur eine Thematik herausgreifen, die seit einiger Zeit in aller Munde ist: die sog. "Globalisierung".

Als ökonomisches Phänomen ist Globalisierung absolut nichts Neues. Weltweiten Warenhandel gibt es seit mehr 500 Jahren und auch der heutige globale Warenverkehr der wichtigsten OECD-Länder übertrifft in Bezug zur gesamten Produktion nicht die Werte von 1913. Auch findet der weitaus größte Anteil grenzüberschreitender Verkäufe zwischen relativ wenigen großen Nationen statt.

Neu ist vielmehr zweierlei:

1. Das allgegenwärtige Sprechen von "Globalisierung", wobei "Globalisierung" als nahezu allseitig verwendbares Argument für beliebige ökonomische und politische Strategien verwendet wird; und

2.: Neu ist nicht das quantitative Ausmaß, sondern die qualitativ-strukturelle Veränderung des Weltsystems. Folgende vier Punkte scheinen mir vor dem Hintergrund des eben Gesagten besonders wichtig:

 

1. Unterbrechung von Rückkopplungen

Globalisierung bedeutet, daß immer mehr Rückkopplungsbeziehungen unterbrochen werden. Nur der aller geringste Teil von Handlungsfolgen fällt noch auf die Handelnden selbst zurück.

So resultieren z.B. alle ökologischen Risiken und Gefährdungen letztlich aus der Unterbrechung von Rückkopplungen. Die strukturellen Spezialisierungen, von denen ich sprach, haben ihr wesentliches Moment in solchen Unterbrechungen von Rückkopplungen.

Diese Unterbrechungen können sachlicher, sozialer oder zeitlicher Art sein.

Sachlich: Die Folgen zeigen sich in anderen Bereichen, als in den Operationsbereichen der Verursacher.

Sozial: Die Folgen treffen andere Menschen als die Verursacher.

Zeitlich: Die Folgen liegen weiter in der Zukunft, als daß sie noch auf die Verursacher zurückkommen. Dazu gehört auch das Lotteriesyndrom: Wenn es heißt, daß ein GAU allenfalls einmal in 10.000 Jahren vorkommen kann, meinen die meisten, das sei ja noch lange hin.

Um alle drei Arten von Unterbrechungen zu verdeutlichen:

Wenn die Vorschrift gelten würden, daß der Auspuff der Autos im Innenraum des Wagens zu liegen habe, gäbe es kein Abgasproblem. Für die Prophylaxe von ökologischen Problemen sollte man sich an der Struktur dieses Beispiels orientieren.

 

2. Strikte Kopplungen
Globalisierung bedeutet zweitens - und dies ist nur ein scheinbarer Gegensatz zu dem eben Gesagten - eine Zunahme der tatsächlichen Kopplungen zwischen den Teilgesellschaften und den Menschen des Globus. Die Systemtheorie nennt dies "strikte Kopplung" im Unterschied zu "loser Kopplung". Das bedeutet, daß die Abhängigkeit voneinander immer unmittelbarer, immer weniger gepuffert erfolgt. Nicht nur, daß der Apfelbauer aus Niedersachsen mit den Plantagenbauern Südamerikas über den Markt strikt verkoppelt ist, sondern alle funktional ausdifferenzierten Teilbereiche hängen immer enger miteinander zusammen. Hatte z.B. das System der flexiblen Wechselkurse im Devisenkurs einen Puffer zwischen den Ökonomien der Staaten Europas eingebaut, so führt die Einführung des Euros zu einer strikten, ungepufferten, Kopplung. Und es ist nun ganz typisch für die moderne Welt, daß man versucht, diese ehemalige elegante Pufferung durch eine Großbürokratie zu ersetzen, dessen Teil die Europäische Zentralbank ist. Man setzt also Organisation zur Regulierung ein, also ein, wie wir gehört haben, dummes Prinzip.

Die Zunahme der strikten Kopplungen bedeutet insgesamt eine enorme Steigerung der Störanfälligkeit des Weltsystems durch Entwicklung starrer Verbindungen zwischen verschiedenen Einheiten. Strikte Kopplung ist ein unintelligentes Prinzip, das man z.B. in den Ökosystemen der Natur nirgends findet; es widerspricht dem Gebot der Fehlerfreundlichkeit. Ein Husten in Asien führt so zu einer Grippe in Deutschland. Verstärkt wird diese strikte Kopplung natürlich durch die weltweit operierenden elektronischen Informationssysteme.

 

3. Homogenisierung

Die dritte neue Qualität der Globalisierung liegt in der weltgeschichtlich einmaligen Homogenisierung der gesellschaftlichen Institutionen. Nahezu alle Länder der Welt haben wesentliche Institutionen des Westens übernommen: Staatsförmigkeit der Politik, Organisationsförmigkeit aller wesentlichen Bereiche, Kapitalförmigkeit der Wirtschaft, Positives Recht, westliche Wissenschaft, schulische Erziehung der Kinder, westliche Form des Militärs, wesentliche Bestandteile der Kulturindustrie wie Kino, Fernsehen, Illustrierte, Coca-Cola und Mc Donalds und nicht zuletzt: eine zunehmende Homogenisierung der Sprache. Tausende von Sprachen sind bereits ausgestorben und mit ihnen jeweils spezifische Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten bezüglich der Welt.

Diese institutionelle Gleichartigkeit wird ökonomisch und politisch erzwungen, wenn man überhaupt am Weltsystem partizipieren will, und man kann gar nicht mehr nicht wollen. Auch diese Homogenisierung ist evolutionstheoretisch gesehen wiederum außerordentlich unintelligent.

Sie vernichtet die große Vielfalt an Kulturen und Umgangsweisen von Menschen mit sich selbst, ihren Mitmenschen und der äußeren Natur. Damit aber wird der "kulturelle Genpool" der Gattung Mensch insgesamt drastisch verarmt, wodurch der langfristigen Anpassungsfähigkeit der Gattung Mensch eine Grundlage entzogen wird.

 

4. Asymmetrisierung
Schließlich bedeutet Globalisierung - und dies ist wiederum kein Gegensatz zu dem eben Gesagten, zur Homogenisierung - eine bisher kaum gekannte soziale Differenzierung vor allem in drei Dimensionen:

Erstens haben wir einen nationalen wie globalen Prozeß fortschreitender Auseinanderentwicklung von Reichen und Armen. Die Unterschiede in Einkommen und Vermögen waren noch nie so drastisch wie heute. Insbesondere in den letzten zwanzig Jahren hat es hier einen Schub gegeben. Dies ist vor allem auf die Durchkapitalisierung des Weltsystems zurückzuführen, die zu großen Kapitalkonzentrationen geführt sowie auf die politische Unterstützung dieses Prozesses durch die nationalen Regierungen, die nun selbst zu Konkurrenten im Weltsystem geworden sind.

Zweitens haben wir damit verbunden einen scharfen Differenzierungsprozeß in der Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen; 20 % der Weltbevölkerung verbrauchen 80 % aller Ressourcen. Die damit verbundenen Probleme sind wohl bekannt.

Drittens schließlich finden wir einen weiteren neuartigen Prozeß der Deklassierung: Ist es für die Anfangsphasen kapitalistischer Entwicklung stets typisch, daß große Teile der Bevölkerung proletarisiert, also zu zum Existenzminimum bezahlten Lohnarbeiter werden, so haben wir nun aber einen Prozeß der zunehmenden Ausschließung immer weiterer Teile der Weltbevölkerung aus diesem Lohnarbeitssystem bei gleichzeitiger faktischer Verhinderung der Rückkehr in subsistenzielle kommunale Eigenwirtschaften.

Alle sind in das institutionelle Arrangement des modernen Weltsystems eingeschlossen, aber zugleich sind sehr viele von einer nennenswerten Partizipation an den Teilsystemen der Ökonomie, der Politik usw. ausgeschlossen. Die Sozialwissenschaften analysieren dieses Phänomen heute unter den Begriffen von "Inklusion" und "Exklusion", wobei man von einer "exkludierenden Inklusion" sprechen kann. Die Anzahl der Grenzexistenzen nimmt auf diese Weise zu. Auch dies ist eine Folge der schon genannten Prozesse der strikten Kopplung und der institutionellen Homogenisierung. Es gibt kaum noch Existenzweisen außerhalb dieses Systems.

 

Schluß

Wie sähen vor dem Hintergrund einer solchen Analyse Gegenstrategien aus? Schlagwortartig gesprochen, müßte man zunächst einmal jeweils das Gegenteil der drei Strukturkomplexe denken:

  • statt funktionaler Differenzierung: Entdifferenzierung;
  • statt kapitalistischer Ökonomie: Entkapitalisierung, kooperative Eigenarbeit (De-Kommodifizierung und Subsistenzökonomie) und Gebrauchswertorientierung statt Gewinnorientierung; Abwertung der Erwerbsarbeit, Erweiterung des Arbeitsbegriffs
  • statt Organisation: Entorganisierung; assoziative Prinzipien, Reziprozität

Oder, wenn wir uns auf die genannten Strukturmerkmale der Globalisierung beziehen:

  • Einbau von Rückkopplungsbeziehungen
  • lose Kopplungen durch Pufferungen
  • mehr Spielraum für alternative Gesellschaftsentwicklungen, die ja bislang z.T. mit Gewalt unterbunden werden.

Alle diese alternativen Prinzipien sind lange bekannt, seit 200 Jahren immer wieder formuliert und stets von den Herrschenden und denen, die diesen dumm nachlaufen, verlacht, verhöhnt und beiseite gewischt worden.
Um zum Schluß doch noch einmal auf ihr Tagungsthema zurückzukommen: Wenn man "Nachhaltigkeit" nicht in einem rein technologischen Sinne versteht, sondern mit diesem Begriff eher ein sich selbst tragendes und sich weitgehend selbst bestimmendes soziokulturell-ökonomisches System meint, dann ginge dies wohl nur die Schaffung ökonomisch, politisch, kulturell und sozial integrierte, relativ autonome regional-lokale Distrikte, die kommunitär strukturiert sind und die sich nicht strikt, sondern nur noch lose mit anderen Distrikten oder mit der ansonsten globalisiert-kapitalistischen, fragmentierten und organisierten Welt verkoppeln. Vielleicht besteht dazu gerade in dieser Region, in der wir uns hier befinden, eine Chance.


 

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