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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle der Arbeit...   Donnerstag, 25.6.   Freitag, 26.6.   Samstag, 27.6.   Vortragstexte

Margret Steffen

OHNE FRAUEN GEHT ES NICHT - GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE UND NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Rede zu Vianden

26. Juni 1998

 

Komplexe Problemstellungen erfordern vernetzte Antworten.

Was das für mich heißt, möchte ich am Beispiel der Frage der Sicherung der Frauenbeschäftigung auf der regionalen Handlungsebene deutlich machen. Und hier habe ich drei Unterthesen formuliert, die auf die Instandbesetzung regionaler Gestaltungsansätze durch Frauen abzielen:

Die Sicherung der Frauenbeschäftigung erfordert geschlechtsspezifische Strukturanalysen und die Kenntnis und Unterstützung der regionalen Betriebs- und Branchenentwicklung
Die Sicherung der Frauenbeschäftigung erfordert ein regionales Problembewußtsein und die Zusammenarbeit mit regionalen Bündnispartnern
Die Sicherung der Frauenbeschäftigung erfordert einen regionalen Gestaltungsansatz


1. Die Sicherung der Frauenbeschäftigung erfordert geschlechtsspezifische Strukturanalysen und die Kenntnis und Unterstützung regionaler Betriebs- und Branchenentwicklungen

Trotz des erfreulichen Anstiegs der Erwerbsquote von Frauen, des gestiegenen Bildungsniveaus sowie der veränderten Haltung von Frauen zur Berufsarbeit sind Frauen nach wie vor einem erhöhten Beschäftigungsrisiko ausgesetzt. Dabei zeigen sich durchaus regionale Unterschiede in der geschlechtsspezifischen Teilung des Arbeitsmarktes, die es gilt heraus zu arbeiten.

Eine solche strukturorientierte Sichtweise eröffnet Möglichkeiten, der regionalen Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung Ansatzpunkte und Anlässe zur Sicherung der Frauenbeschäftigung aufzuzeigen. Damit wären die Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung sowie Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik stärker als bisher, um die regionalen Herausforderungen von Betrieb und Branche zu gruppieren. Sie hätten deren Wettbewerbsbedingungen zu erfassen und die Situation der von Arbeitslosigkeit Bedrohten bzw. der unmittelbar Betroffenen und insbesondere der Frauen in den Blick zu nehmen. Diese Herangehensweise im Sinne eines Frühwarnsystems basiert auf zwei Anforderungen:

  1. Soll der betriebliche Strukturwandel durch geeignete Maßnahmen regional flankiert werden, so ist die Kenntnis der regionalen Betriebs- und Branchenstrukturen und insbesondere ihrer Entwicklungsperspektiven eine der zentralen Voraussetzungen.
  2. Soll der betriebliche Strukturwandel regional flankiert werden, kommt es darauf an, die notwendigen Personalanpassungsmaßnahmen zielgruppenbezogen in den Kontext von beschäftigungssichernden und beschäftigungsschaffenden Initiativen und arbeitsmarktpolitischen Übergängen zu stellen.

Beide Anforderungen erfordern die Aufarbeitung der regionalen Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen im Rahmen regionaler Stärken- und Schwächenanalysen und die Definition regionaler Leitziele. Dabei ist diese Arbeit nicht als akademischer Diskurs, sondern als Verständigungsprozeß zwischen den Betrieben und den verschiedenen Akteuren der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung mit dem Ziel zu organisieren, einen problemadäquaten Instrumenten- und Mitteleinsatz zur Lösung betrieblicher und regionaler Beschäftigungsprobleme zu erreichen.

Aus der Perspektive der Sicherung der regionalen Frauenbeschäftigung bedeutet diese Orientierung, daß die Entwicklung von Betrieben/Branchen nicht unabhängig von ihrem Arbeitskräfteeinsatz zu betrachten ist. Erst die Kenntnis betrieblicher Einsatzbedingungen von Frauen und die Kenntnis ihres Qualifikationspotentials eröffnet Möglichkeiten, die Muster geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung sichtbar zu machen und durch zielgerichtete Maßnahmen der Qualifizierung und neuer Einsatzmöglichkeiten von Frauen zu durchbrechen.

 

2. Die Sicherung der Frauenbeschäftigung erfordert ein regionales Problembewußtsein und die Zusammenarbeit mit regionalen Bündnispartnern

Neben der Kenntnis der regionalen Betriebs- und Branchenentwicklungen und ihrer Wirkungen für die Beschäftigungssituation von Frauen ist die Umsetzung von beschäftigungssichernden Maßnahmen auch davon abhängig, inwieweit es gelingt, die regionalen Akteure der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung für ein solches Vorhaben zu gewinnen. Gerade die Mobilisierung der regionalen Akteure stellt eine eigenständige Aufgabe dar, die inhaltliche und kommunikative/kooperative Dimensionen aufweist.

Hier bietet sich ein Vorgehen an, das an dem Nutzen der jeweiligen Akteure ansetzt und versucht, Frauen als spezifisches Potential eines Wirtschaftszweiges in den Vordergrund zu rücken. Dabei plädieren wir - wie gesagt - für eine regionale Flankierung der Entwicklungsbedingungen in Betrieb und Branchen. Allerdings kann zu Beginn eines solchen Diskurses nicht davon ausgegangen werden, daß den wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Akteuren die Erwerbssituation von Frauen in den jeweiligen Wirtschaftsbereichen bekannt ist, da sie nur bedingt über Kenntnisse verfügen, welchen Stellenwert Frauen in einer Branche einnehmen und mit welchen Herausforderungen Frauen als Unternehmerin, Handwerkerin, Angestellte oder Arbeiterin konfrontiert werden. Das heißt, um regionale Akteure für den wirtschaftlichen Beitrag zu interessieren, den Frauen zur Diversifizierung der regionalen Wirtschaftsstruktur leisten, ist jeweils ihr Stellenwert auszuloten und sichtbar zu machen. Ein Instrument dazu geschlechtsspezifische Strukturanalysen. Andererseits bieten sich dazu Branchenbücher, Messen oder Handwerkerinnentage an.

In den Regionen kommt eine besondere Position dabei den sg. Vorzeigefrauen als Existenzgründerinnen, Unternehmerinnen oder Frauen im Handwerk zu. Sie können sowohl Vorbildcharakter für andere Initiativen von Frauen haben und ihre Herausforderungen im Umgang mit ihrer Arbeit können andererseits ein Spiegel dafür sein, mit welchen Fragestellungen Frauen in diesem Bereich konfrontiert sind.

Gehen wir davon aus, daß bereits die Umsetzung strukturwirksamer Gestaltungsansätze der Mobilisierung der verschiedenen regionalen Akteure bedarf, gilt dies gerade für die Frage der Beschäftigungssicherung von Frauen in den Konzepten der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung.

Zur Durchsetzung ihrer Interessen setzt die Frauenbewegung seit langem auf die Etablierung von frauenpolitischen Netzwerken. Sie dienten dazu, die unterschiedlichen Interessenlagen von Frauen in einer Region zu bündeln und zu artikulieren. Die eigenständige Formulierung von Zielen und Ansprüchen ist wichtig. Wir wissen mittlerweile aber auch, daß "Frauennetze" nur bedingt ausreichen, um das Anliegen der Sicherung der Frauenbeschäftigung strukturwirksam umzusetzen und in der regionalen Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung zu verankern. Wo programmatisch die Hemmnisse liegen, zeigt beispielsweise ein Blick auf den Begriff der "Förderung". Der Wirtschaftsförderung liegt das Verständnis der Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Gestaltung ökonomischer Prozesse zugrunde, während der Terminus Frauenförderung auf die Aufhebung einer an "Defiziten" leidenden Beschäftigtengruppe signalisiert.

Und genau hier ist ein Perspektivenwechsel notwendig: Dieser hat eine programmatische Dimension. Soll die Mobilisierung der regionalen Akteure und insbesondere der Betriebe und Branchen für das Anliegen der Beschäftigungssicherung von Frauen erreicht werden, ist der regionale Nutzen weiblicher Beschäftigung zu vermitteln. Aus regionaler Perspektive stellt die "ungenutzte" Beschäftigung von Frauen ein brachliegendes Potential und einen Aktivposten an ungenutzten Fähigkeiten und Kenntnissen dar. Darüber hinaus ist die akteursbezogene Komponente zu nennen, denn es kommt auf den Aufschluß der regionalen Netze der Beschäftigungs- und Wirtschaftsförderung an. Eine günstige Voraussetzung ist dann gegeben, wenn in den Landkreisen und Gemeinden Gestaltungsansprüche formuliert und dialogvermittelte Formen der Konsensbildung gepflegt werden. Dabei ist nicht davon auszugehen, daß bei den wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Akteuren einheitliche Interessenlagen vorliegen, sondern diese stellen sich in einem komplexen Geflecht von Mentalitäten, Kooperation und Konkurrenzen dar. Die hier sich abzeichnende Offenheit deutet prinzipiell darauf hin, daß es gerade auf regionaler Ebene möglich sein könnte, Bündnispartner für das Anliegen der Sicherung der Frauenbeschäftigung zu finden. Bezogen auf diese Koordinierungs- und Moderationsfunktion kommen einerseits Frauenbeauftragten und Wirtschaftsförderern eine wichtige Aufgabe zu. Andererseits können Projektvorhaben in diesem Zusammenhang eine gewisse Initialwirkung übernehmen, wenn es gelingt, bestehende Akteurskonstellationen für die Frage der Beschäftigungssicherung von Frauen aufzuschließen.

 

3. Die Sicherung der Frauenbeschäftigung ist als regionaler Gestaltungsansatz zu formulieren.

Aus der Perspektive eines nach Geschlecht segmentierten Arbeitsmarktes ist damit auch regional die Frage zu beantworten, inwieweit es gelingen kann, die Sicherung der Frauenbeschäftigung als Leitziel regionaler Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung zu verankern. Eine solche Sichtweise erfordert insbesondere einen Perspektivenwechsel im Rahmen traditioneller Wirtschaftsförderung.

In den Landkreisen stellt die regionale Wirtschaftsförderung unbestritten eine der Aufgaben dar, die zum Kernbereich der Selbstverwaltung gehört. Dabei versuchen die Landkreise oftmals - in unterschiedlicher Ausprägung -, neben traditionellen Instrumenten der Wirtschaftsförderung wie Gewerbeansiedlung, Flächenbewirtschaftung oder Finanzierungsberatung auch Anliegen umzusetzen, die auf eine gestaltende Einflußnahme des regionalen Strukturwandels abzielen. Zu nennen ist beispielsweise die Gründung des Technologie- und Gründer-innen-zentren, die Präsenz im Internet oder die Initiierung von Unternehmenskooperationen. Diese Ausgangssituation der gestaltenden Einflußnahme auf regionale Entwicklungen, eröffnet prinzipiell Chancen, das Anliegen der Sicherung der

Frauenbeschäftigung zum Gegenstand regionaler wirtschafts- und beschäftigungspolitischer Initiativen werden zu lassen.

Argumentativ untermauert der main-streaming Ansatz der EU dieses Anliegen. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die Umsetzung der Chancengleichheit nicht nur auf die Durchführung von Sondermaßnahmen für Frauen zu beschränken, sondern für die Verwirklichung der Gleichberechtigung sämtliche politischen Konzepte und Maßnahmen in den Blick zu nehmen und deren Auswirkungen auf die Situation von Männern und Frauen bereits in der Konzeptphase zu verdeutlichen und entsprechende Maßnahmen zu integrieren.

Bezogen auf das Instrumentarium der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung sind die zentralen Handlungsebenen der Bestandpflege, der Schaffung alternativer Beschäftigung und der Ausweitung der (produktionsnahen) Dienstleistungen in den Blick zu nehmen. So ist beispielsweise bei der Neuansiedlung von Betrieben auf deren Beschäftigungswirkung für Frauen zu achten. Bei Maßnahmen der Bestandsicherung ist zu prüfen, inwieweit betriebliche Modernisierung und Qualifizierungsangebote auch die Beschäftigung von Frauen erreichen. Oder bei der Entwicklung regionaler Gestaltungsansätze ist eines der Prüfkriterien die Frage des Arbeits- und Lebenszusammenhang von Frauen.

Das heißt, soll das Anliegen der Sicherung der Frauenbeschäftigung als regionaler Gestaltungsansatz erfolgreich umgesetzt werden, sind alle regionalen Entwicklungsvorhaben auf ihren frauenpolitischen Gehalt zu überprüfen. Darüber hinaus ist das Ziel zu verfolgen, daß die Interessen von Frauen bereits in der Planungs- und Konzeptphase entsprechender Vorhaben berücksichtigt werden, um zu einem möglichst zielgerichteten Einsatz der zur Verfügung stehenden Instrumente der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung zu gelangen. Über diesen Weg wird es möglich, Frauen als Potential und nicht als soziales Problem regionaler Entwicklung zu begreifen. Auch hier liegen die Ansatzpunkte für "neue Wege" zur Sicherung der Frauenbeschäftigung nicht nur in den bekannten Sonderwegen sondern in der Integration weiblicher Erwerbsinteressen in die regionalen Gestaltungsansätze und in einer problem- und prozeßbezogenen Vorgehensweise. Aus dieser Perspektive erfordert die wirksame Umsetzung des Leitziels der "Beschäftigungssicherung von Frauen":

  • ein Problembewußtsein in den Regionen über betriebs- und branchenbezogene Entwicklungstendenzen und ihre Auswirkungen für die Beschäftigtengruppe der Frauen,
  • die Überprüfung und den Einsatz aller Instrumente der regionalen Beschäftigungs- und Wirtschaftsförderung sowie den Aufschluß regional bedeutsamer Akteursgruppen,
  • die Formulierung der Sicherung der Frauenbeschäftigung als regionales Leitziel und die Berücksichtigung der Fraueninteressen bereits in der Planungsphase von regionalen Entwicklungsprojekten.


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