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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle der Arbeit...   Donnerstag, 25.6.   Freitag, 26.6.   Samstag, 27.6.   Vortragstexte

Ulrich Häpke

EINE NACHHALTIGE LANDWIRTSCHAFT BRAUCHT MEHR MENSCHEN

Rede zu Vianden

26. Juni 1998



Drei Thesen will ich versuchen zu belegen:

  • Die Menschen brauchen eine nachhaltige Landwirtschaft, und eine nachhaltige Landwirtschaft wiederum braucht Menschen, und zwar mehr Menschen als bisher.
  • Die Agrarpolitik muß die Schaffung neuer, zusätzlicher Arbeitsplätze unterstützen.
  • Sie kann dieses Ziel ohne zusätzliche Fördermittel erreichen, und zwar durch eine Umschichtung der bisherigen Agrarsubventionen.
Hierzu möchte ich auf vier Fragen eingehen:
  1. Was heißt nachhaltige Landwirtschaft ?
  2. Was bedeutet Nachhaltigkeit für die Menschen in der Landwirtschaft, insbesondere für ihren Arbeitsaufwand ?
  3. Kann sich eine nachhaltige Landwirtschaft auf dem Markt durchsetzen ?
  4. Wie muß die Agrarförderung der Zukunft aussehen ?

 

1. Was heißt nachhaltige Landwirtschaft ?
Über nachhaltige Landwirtschaft werden bereits dicke Bücher geschrieben. Deren Ergebnisse hier vorzutragen, reicht unsere Zeit nicht.

1.1. Grundsätzliches zum Thema Nachhaltigkeit
Ich möchte es Ihnen und mir einfacher machen und von der berühmten Definition der "Brundtland-Kommission" ausgehen. Die Brundtland-Kommission spricht von einer dauerhaften Entwicklung,
"die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können."

Im Mittelpunkt dieser Definition steht zunächst einmal nicht die Umwelt, sondern die Gerechtigkeit, und zwar die
"Gerechtigkeit zwischen den Generationen, die sich logischerweise auch bezieht auf die Gerechtigkeit innerhalb jeder Generation."

Deshalb kann Nachhaltigkeit nur eine sozial und ökonomisch gerechte Entwicklung sein, die zugleich ökologisch verträglich ist. Dabei sind ökologische Fragen gerade unter dem Aspekt der Gerechtigkeit besonders wichtig,

  • weil wirtschaftliches Wachstum vielfach als Voraussetzung für die Finanzierung von Sozialleistungen angesehen wird, aber häufig zu Lasten der Umweltverhältnisse geht und
  • weil Umweltbelastungen nicht nur die Lebenschancen künftiger Generationen verschlechtern, sondern bereits heute das Leben vieler Menschen beeinträchtigen.

Daher bildet die ökologische Verträglichkeit den Rahmen für soziale und ökonomische Entwicklungen. Zugleich muß darauf geachtet werden, daß ökologische Anforderungen nicht zur Quelle für neue soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten werden, wie die Ökosteuer der neuen Bundesregierung.

Ebenfalls wichtig an der Brundtland-Definition ist der Aspekt der Entwicklung. Nachhaltigkeit ist kein Zustand, der irgendwann einmal erreicht ist und sich dann nicht mehr verändern darf. Nachhaltigkeit ist ein Prozeß. Dieser Prozeß muß ansetzen an den heute bereits bekannten Umweltproblemen und damit beginnen, diese zu reduzieren und möglichst zu vermeiden. Das gilt auch für eine nachhaltige Agrarentwicklung.

Nachhaltige Landwirtschaft bedeutet daher dreierlei,

  • daß die Landwirtschaft ihre positiven Beiträge zur gesellschaftlichen Entwicklung weiterhin leistet, insbesondere die Produktion von Lebensmitteln, die Gestaltung der Landschaft und anderes mehr,
  • daß die landwirtschaftlichen Umweltbelastungen abgebaut werden und
  • daß die in der Landwirtschaft tätigen Menschen sozial und ökonomisch nicht benachteiligt werden.

1.2. Landwirtschaftliche Umweltbelastungen
Zunächst will ich auf den Abbau der landwirtschaftlichen Umweltbelastungen eingehen. Dabei klammere ich standortabhängige, lokale bis regionale Umweltprobleme der Landwirtschaft aus und konzentriere mich auf die Düngung und den Pflanzenschutz. Stickstoffdünger und Pestizide sind nahezu flächendeckende ökologische Risikofaktoren.

1.2.1. Stickstoffdüngung
Die Stickstoffeinträge allein aus Handelsdünger haben sich im alten Bundesgebiet seit 1950 mehr als vervierfacht. Aufgrund der Extensivierungsförderung und der Flächenstillegungen ging die mineralische Stickstoffdüngung Ende der 80er Jahre zwar leicht zurück, um in der vereinten Bundesrepublik von 1993 bis 1995 erneut um 10% zu wachsen. (Tabelle 1)

Tabelle 1
Handelsdüngerabsatz an die Landwirtschaft (in 1000 Tonnen Nährstoff)
Jahr Stickstoff Phosphat Kali Kalk
Westdeutschland
1950/51 362 418 659 642
1960/61 619 662 1.007 544
1970/71 1.131 913 1.185 672
1980/81 1.551 837 1.144 1.138
1990/91 1.368 509 739 1.426
neue Bundesrepublik
1993/94 1.612 415 645 1.329
1994/95 1.787 451 668 1.616
1995/96 1.769 400 649 1.669
Quellen: Materialbände zu den Agrarberichten der Bundesregierung; Statistisches Jahrbuch für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der BRD 1974; dass. 1986

Zum Handelsdünger kommen die atmosphärischen Stickstoffeinträge aus der stickoxid- und ammoniumhaltigen Luftbelastung und die organische Düngung noch hinzu.

Eine Erläuterung zur organischen Düngung: Soweit die Tiere betriebseigene Futtermittel fressen, kann man die organische Düngung vernachlässigen - mit den geernteten Futtermitteln werden dem Grünland und dem Acker Nährstoffe entzogen, mit den Fäkalien der Tiere kehrt ein Teil von ihnen zurück. Das Problem liegt in den zugekauften Futtermitteln (vgl. Tabelle 3). Der daraus gebildete Wirtschaftsdünger führt den betrieblichen Flächen zusätzliche Nährstoffe zu. Hierdurch wird auch die organische Düngung zu einem ökologischen Risikofaktor.

Die landwirtschaftliche Beratung und Praxis stehen zwar unter dem Motto "Düngung gemäß dem Entzug durch die Ernte". Diverse Untersuchungen zur tatsächlichen Stickstoffbilanz zeigen aber, daß eine nahezu flächendeckende Überdüngung stattfindet. Diese Überdüngung hat reale Gewässerbelastungen verursacht. Darüber hinaus enthält sie das Risiko, daß in späteren Jahren weitere Grundwasserbelastungen durch Nitrate hinzukommen.

1.2.2. Pflanzenschutz
Der Verkauf von Pflanzenschutzmitteln an die Landwirtschaft nimmt mengenmäßig zwar nur langsam zu (Tabelle 2), zugleich aber wird die Wirksamkeit der Spritzmittel gesteigert. Moderne Pestizide sind in immer geringeren Konzentrationen wirksam, und das gilt auch für ihre Nebenwirkungen.

Tabelle 2
Pflanzenschutzmittelabsatz an die Landwirtschaft (in 1000 Tonnen Wirkstoff)
Jahr Herbizide Insektizide Fungizide Summe (ohne andere PSM)
Westdeutschland
1975 15,7 1,6 5,3 22,6
1980 20,9 2,3 6,5 29,7
1985 17,4 1,6 8,5 27,5
1990 17,0 1,5 11,0 29,5
neue Bundesrepublik
1991 19,0 4,0 10,0 33,0
1992 15,6 4,1 9,4 29,1
1993 12,7 4,3 7,7 24,7
1994 14,8 4,0 7,7 26,5
1995 16,1 4,9 9,7 30,7
Quellen: Materialbände zu den Agrarberichten der Bundesregierung; Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (1985): Sondergutachten Umweltprobleme der Landwirtschaft, Bt.-Drs. 10/3613, S.137; Statistisches Jahrbuch für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der BRD 1974; dass. 1986

Unbestreitbar sind die gesundheitlichen Gefahren, die von Pestiziden ausgehen. Aus Vorsorgegründen ist es daher notwendig, den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft zu minimieren.

1.3. Ökologischer Landbau als Vorbild
Eine Landwirtschaft, die durch Überdüngung und mit gesundheitsgefährdenden Pflanzenschutzmitteln die Umwelt belastet, kann man nicht als nachhaltig bezeichnen.

Das bedeutet aber nicht, daß man die Landwirtschaft in Bausch und Bogen verurteilen dürfte, wie es hin und wieder geschieht. Vielmehr gibt es sogar innerhalb der konventionellen Landwirtschaft große Unterschiede in der Umweltverträglichkeit. Nach Angaben der Bundesregierung in ihren Agrarberichten sind vor allem kleinere Betriebe im Durchschnitt umweltfreundlicher als größere Betriebe. (Tabelle 3) Und nicht zuletzt gilt auch für benachteiligte Regionen wie die Eifel, daß hier die Landwirtschaft durchweg umweltfreundlicher ist als in den Intensivregionen.

Tabelle 3
Aufwand für Pflanzenschutz, Handelsdünger und Zukauffutter sowie Arbeitskräftebesatz von Vollerwerbsbetrieben in Westdeutschland im Wirtschaftsjahr 1994/95
(DM bzw. AK je ha LF)
Größe / Wirtschaftsweise Pflanzen-schutz Düngemittel Futtermittel Arbeitskräfte-besatz
größere Betriebe 131 201 748 3,20
mittlere Betriebe 102 178 597 4,56
kleinere Betriebe 81 151 466 5,59
Durchschnitt 111 183 641 4,13
Bio-Betriebe 4 27 239 4,57
Bio-Betriebe, in % des Durchschnitts 3,6 14,8 37,3 110,7
Quelle: Materialband zum Agrarbericht 1996 der Bundesregierung, S.178 ff, S.238 ff;
kleinere: unter 40.000 DM Standardbetriebseinkommen (StBE), mittlere: 40-60.000 DM StBE, größere: 60.000 DM StBE und mehr

Am konsequentesten werden beide Probleme, sowohl die Überdüngung als auch die Pestizidgefahren, vom ökologischen Landbau minimiert. Insofern ist der ökologische Landbau ein vorbildliches Beispiel für nachhaltige Landwirtschaft.

 

2. Was bedeutet Nachhaltigkeit für die Menschen in der Landwirtschaft, insbesondere für ihren Arbeitsaufwand ?
Am Beispiel des ökologischen Landbaus will ich daher der Frage nachgehen, was Nachhaltigkeit für die Menschen und ihre Arbeit in der Landwirtschaft bedeutet.

Handelsdünger, zugekaufte Futtermittel und Pestizide verursachen nicht nur Umweltbelastungen bzw. ökologische Risiken, sondern erfüllen im landwirtschaftlichen Betrieb bestimmte Funktionen, nämlich die Versorgung der Kulturpflanzen mit Nährstoffen, die Ernährung der Tiere und das Zurückdrängen von unerwünschten Konkurrenten ("Un"kräuter und -gräser, Krankheitserreger).

Diese Funktionen sind in der Landwirtschaft unverzichtbar. Sie können allerdings auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden.

Der ökologische Landbau zeichnet sich daher nicht durch einen bloßen Verzicht auf umweltproblematische Agrochemikalien aus, wie häufig behauptet wird. Vielmehr ersetzt er umweltriskante bis -belastende Produktionsverfahren durch umweltgerechte Arbeitsweisen. Der Kauf und Einsatz von Chemikalien und Futtermitteln wird im ökologischen Landbau substituiert insbesondere

  • durch geschickte und vielfältige Fruchtfolgen,
  • durch Leguminosenanbau,
  • durch eine Bodenbearbeitung, die das Bodenleben fördert,
  • durch mechanische Unkrautbekämpfung,
  • durch eine Tierhaltung, die an die betriebseigene Futtergrundlage gebunden ist, und
  • zumeist auch durch das Wirtschaften mit Stallmist.

Diese Produktionsverfahren haben zur Folge, daß im ökologischen Landbau mehr menschliche Arbeit notwendig ist als in der konventionellen Landwirtschaft. Diese These möchte ich belegen durch

  • einige kalkulatorische Daten und
  • die Ergebnisse empirischer Erhebungen.

2.1. Kalkulatorische Daten zur ökologischen Mehrarbeit in der Landwirtschaft
Für viele landwirtschaftliche Produktionsverfahren gibt es arbeitswirtschaftliche Kalkulationsdaten. Sie dienen der betrieblichen Planung. Ulrich Köpke, Professor für organischen Landbau in Bonn, und G.Haas haben anhand dieser Daten den unterschiedlichen Arbeitsaufwand im konventionellen und ökologischen Pflanzenbau ermittelt. Dabei hängt die ökologische Mehrarbeit von den angebauten Kulturpflanzenarten ab. So sind im ökologischen Landbau bei Ackerbohnen nur 3%, bei Möhren hingegen 400% mehr an Arbeit pro ha Anbaufläche erforderlich. Im Getreideanbau liegt die ökologische Mehrarbeit bei 6 bis 9%, im Kartoffelanbau bei rund 40%. (Tabelle 4)

Tabelle 4
Arbeitsaufwand im ökologischen und konventionellen Landbau
Kulturpflanzenart Anbauweise AKh/ha Unterschied (%)
Hafer, Winter- konventionell 9,7 - 10,8
roggen, -weizen ökologisch 10,3 - 11,8 + 6 bis 9%
Ackerbohnen konventionell 8,8
ökologisch 9,1 + 3%
Silomais konventionell 12,1
ökologisch 15,0 + 24%
Kartoffeln konventionell 41,8
ökologisch 58,1 + 39%
Zuckerüben konventionell 20,9 / 31,9
ohne/mit Blattbergung ökologisch 83,8 / 94,8 +301 / 197%
Möhren konventionell 50,2
ökologisch 250,3 + 399%
Quelle: G. Haas und U. Köpke (1994): Vergleich der Klimarelevanz ökologischer und konventioneller Landbewirtschaftung, in: Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" des Deutschen Bundestages (Hrsg.) (1994): Studienprogramm, Band 1, Landwirtschaft, Teilband II, Studie H, Anhang, S.19-27, Bonn;
AKh/ha: Arbeitskraftstunden je Hektar

Ähnliches gilt für die tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung und -fütterung (Tabelle 5), wie sie vor allem in den NEULAND-Betrieben praktiziert wird.

Tabelle 5
Arbeitsaufwand in der Tierhaltung und -fütterung
  AKh je Kuh und Jahr Unterschied (%)
Ausbringen von organischem Dünger
Gülle 1 bis 2  
Festmist 2 bis 3 + 33% bis + 50%
Winterarbeiten im Stall, 20 Kühe

auf Gitterrosten (Gülle) 88 bis 89  
auf Einstreu (Festmist) 95 bis 105 + 8% bis + 17%
   
  AKh/ha Unterschied (%)
Anbau von Futtermitteln auf einer Parzelle von 2 ha
Ackerfutter, zweijährig 3 bis 6  
Grünlandpflege 8 + 33% bis + 166%
Ernte von Futtermitteln, Parzelle von 2 ha, 40 dt Trockensubstanz
Anwelksilage, Ernte 5 bis 7  
Heu-Ernte 6 bis 8 + 14% bis + 20%
Quelle: KTBL (1991): Datensammlung Alternative Landwirtschaft, Darmstadt;
AKh: Arbeitskraft-Stunden

 

2.2. Empirische Daten zur Mehrarbeit im ökologischen Landbau
Solche kalkulatorischen Daten können von der betrieblichen Realität abweichen. Landwirtschaftliche Praktiker, mit denen ich im Rahmen meiner Untersuchungen gesprochen habe, hielten die Kalkulationsdaten für die ökologisch günstigeren Produktionsverfahren für untertrieben und die reale ökologische Mehrarbeit für höher.

Deshalb möchte ich noch auf vier empirische Untersuchungen hinweisen.

Der Agrarbericht der Bundesregierung macht Angaben zum Arbeitskräftebesatz auf ökologischen und allen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieben. Danach ist die Zahl der Arbeitskraft-Einheiten je Hektar im ökologischen Landbau um 11% höher als im Durchschnitt der (zumeist konventionellen) Landwirtschaft. (Tabelle 3)

Die sozialökonomische Betriebserhebung der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe weist für ihren "Beritt" und das Jahr 1996 aus, daß auf den ökologischen Betrieben 17% mehr ständige Arbeitskräfte tätig sind als in allen Erhebungsbetrieben.

Die Schweisfurth-Stiftung hat durch eine Umfrage festgestellt, daß die Zahl der Arbeitskraft-Einheiten pro Hektar durch die ökologische Umstellung um rund 30% gestiegen ist. Dabei ging allerdings der größte Effekt weniger von den neuen Anbauverfahren als von der betriebsinternen Weiterverarbeitung und der Direktvermarktung aus.

Schließlich möchte ich hinweisen auf die Diplomarbeit von Simone Rapp an der Fachhochschule Nürtingen. Sie hat im Rahmen einer schriftlichen Fragebogenaktion bundesweit über 400 Bioland-Betriebe befragt. In diesen Betrieben ist die Zahl der festen Arbeitskräfte durch die ökologische Umstellung sogar um 60% gestiegen. Die Zahl ihrer Aushilfskräfte und Saisonarbeiter hat sich mehr als verdreifacht. Simone Rapp differenziert zwischen drei Betriebszweigen, und zwar zwischen Produktion, Verarbeitung und Vermarktung:

  • in der Vermarktung hat sich die Zahl der Arbeitskräfte versiebenfacht,
  • in der Verarbeitung vervierfacht, und
  • in der Produktion ist sie um mehr als 50% gestiegen.

2.3. Zwischenresümee
Auf die methodischen Probleme der einzelnen Erhebungen will ich hier nicht eingehen. Trotz unterschiedlicher Erhebungsmethoden kommen sowohl die empirischen Untersuchungen als auch die arbeitswirtschaftlichen Kalkulationen immer zu dem Ergebnis, daß der ökologische Landbau einen höheren Arbeitsaufwand erfordert als eine Landwirtschaft mit hohen Inputs an Agrochemikalien und betriebsfremden Futtermitteln.

Wie groß letztlich der Beschäftigungseffekt einer ökologischen Umstellung ist, läßt derzeit nicht genau bestimmen. Die empirischen Ergebnisse reichen von einem Zuwachs um 10% bis zu 60% der heutigen Arbeitskräftezahl.

 

3. Kann sich eine nachhaltige Landwirtschaft auf dem Markt durchsetzen ?
Nach wie vor bildet der ökologische Landbau eine kleine, statistisch fast verschwindende Minderheit innerhalb der bundesdeutschen Landwirtschaft. Nicht die einzige, aber eine wichtige Ursache hierfür vermute ich in der wirtschaftlichen Situation der ökologischen Betriebe:

  • Trotz höherer Erzeugerpreise und trotz öffentlicher Fördermittel ist der durchschnittliche Gewinn der Bio-Haupterwerbsbetriebe im Wirtschaftsjahr 1996/97 mit knapp 49.000 DM geringer als in der konventionellen Landwirtschaft, die knapp 56.000 DM je Betrieb erzielt.
  • Was aber noch wichtiger ist: Im Durchschnitt reicht der Gewinn noch nicht einmal aus, um die Familienarbeitskräfte, inkl. Betriebsleiter, angemessen zu entlohnen. Allein hierfür wäre auf den Bio-Betrieben ein Betrag von fast 55.000 DM erforderlich. An eine Eigenkapitalverzinsung ist überhaupt nicht denken.

Darüber hinaus habe ich in verschiedenen Interviews mit Landwirten erfahren, daß die ökologische Umstellung vielleicht nicht auf allen, aber auf vielen Betrieben die Arbeitsbelastung der landwirtschaftlichen Familien deutlich erhöht hat.

Diese Ergebnisse haben über die betrieblich-familiären Probleme hinaus eine allgemeinere wirtschaftlich-gesellschaftliche Bedeutung:

  • Die Inhaberfamilien von Bio-Betrieben nehmen - jedenfalls im Durchschnitt - Abstriche in ihrem Lebensstandard in Kauf oder leben von der betrieblichen Substanz und können keine Rücklagen für neue Investitionen bilden. Noch dazu bezahlen sie ihre Umweltfreundlichkeit mit arbeitswirtschaftlichen Nachteilen.
  • Diese Defizite zeigen, daß der Markt die Leistungen des ökologischen Landbaus ökonomisch völlig unzureichend bewertet, daß aber auch die ergänzende Agrarförderung - jedenfalls im Durchschnitt - zu dürftig ausfällt. Infolgedessen wird auch der potentielle Beschäftigungseffekt des ökologischen Landbaus bisher noch gar nicht ausgeschöpft.

Im Rahmen der derzeitigen Marktsituation und der bisherigen Agrarförderung kann man daher weder mit einer deutlichen Zunahme der ökologischen Betriebe und erst recht nicht damit rechnen, daß sich der tatsächliche Arbeitskräftebedarf einer nachhaltigen Landwirtschaft in einer entsprechenden Anzahl zusätzlicher Arbeitsplätze niederschlägt.

 

4. Neue Anforderungen an die Agrarpolitik
Spätestens jetzt ist die Agrarpolitik gefordert. Einige neue Anforderungen an die Agrarpolitik möchte ich skizzieren.

Eine nachhaltige Agrarentwicklung setzt eine nachhaltige Agrarpolitik voraus. Wie anfangs schon gesagt, muß eine nachhaltige Politik sozial, ökonomisch und ökologisch gerecht sein. Alle drei Aspekte der Nachhaltigkeit sind in der landwirtschaftlichen Arbeit miteinander verknüpft. Mehr Arbeit ist erforderlich für agrarökologische Verbesserungen, Arbeit darf nicht zur Überlastung der einzelnen Menschen führen, und Arbeitskräfte brauchen eine angemessene Entlohnung. Insofern ist der Umgang mit der landwirtschaftlichen Arbeit geradezu ein Prüfstein für die Nachhaltigkeit der Agrarpolitik.

Die Agrarpolitik nimmt das Problem der landwirtschaftlichen Arbeits(über)belastung durchaus wahr. Aber seit Jahrzehnten hat sie darauf nur eine Antwort: die Rationalisierung und die Förderung von Rationalisierungsinvestitionen. Nach wie vor ist die Agrarpolitik darauf ausgerichtet, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, wahrscheinlich etwas langsamer und sozial besser abgefedert, als es unter ungeregelten, rein marktwirtschaftlichen Bedingungen geschehen würde.

Diese Politik war nicht völlig erfolglos: auch in der Landwirtschaft ist die Arbeitszeit gesunken, und die körperlich schwere Arbeit mag durchaus abgenommen haben. Doch der Erfolg war begrenzt: wie überall hat der Arbeitsstreß zugenommen, und immer noch ist die Arbeitszeit der Landwirte um 15% länger als die der Selbständigen in den anderen Wirtschaftszweigen. Nicht zuletzt ist die Rationalisierung, die Substitution menschlicher Arbeit durch Agrochemikalien eine wesentliche Ursache für die landwirtschaftlichen Umweltprobleme.

Die nur begrenzten Erfolge der bisherigen Rationalisierungen und ihre ökologisch nachteiligen Nebenwirkungen, die hohe Arbeitsbelastung der landwirtschaftlichen Familien und nicht zuletzt das gewaltige Problem der Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite machen eine veränderte Agrarpolitik nötig: eine Agrarpolitik, die Arbeitsplätze nicht beseitigt, sondern neue Arbeitsplätze schafft.

Hierfür bedarf es keiner zusätzlichen Finanzmittel. Wohl aber müssen die Kriterien geändert werden, nach denen die Subventionen vergeben werden.

Bisher sieht es so aus: In den bundesdeutschen Agrarsektor fließen jährlich 30 Mrd. DM an öffentlichen Mitteln. Hiervon kommen 10 Mrd. DM unmittelbar auf den Betrieben an. Den größten Teil davon bilden die europäischen Preisausgleichszahlungen, Flächenstillegungs- und Tierprämien.

Das Gros dieser Subventionen wurde 1992 eingeführt und damit begründet, daß die europäischen Erzeugerpreise an das Weltmarktniveau angenähert wurden und seitdem nicht mehr kostendeckend seien. Für die meisten Betriebe stimmt diese Aussage.

Aber längst gibt es Agrarbetriebe, die von den niedrigen Erzeugerpreisen ganz gut leben können. Ein Beispiel aus Westfalen-Lippe: Nach den Buchführungsergebnissen der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe erzielen 15% der Haupterwerbs-Testbetriebe allein auf dem Markt einen Gewinn von 127.000 DM, der sowohl den Lohnansatz als auch eine angemessene Eigenkapitalverzinsung deckt. Trotzdem erhalten diese Betriebe zusätzlich noch Subventionen in Höhe von 40.000 DM. Die Ursache hierfür liegt darin, daß z.B. die Preisausgleichszahlungen auf die Größe bestimmter Anbauflächen bezogen sind. Infolgedessen erhalten flächenstärkere Betriebe höhere Subventionen als flächenärmere Betriebe. Die flächenärmeren, d.h. die meisten Betriebe hingegen sind trotz Subventionen nicht kostendeckend.

Die heutige Agrarpolitik ist also aus ökologischer Sicht ganz und gar nicht nachhaltig und unter sozial-ökonomischen Gesichtspunkten auch nicht gerecht.

Daher ist es nötig, daß vor allem die bisher flächen- und tiergebundenen Subventionen umgewandelt werden in Fördermittel, die auf die Zahl der betrieblichen Arbeitskräfte bezogen sind. Bei einer konsequenten Umschichtung der Agrarsubventionen ergäbe sich ein Betrag von nahezu 10.000 DM je Arbeitskraft-Einheit. Eine solche Förderung ist Voraussetzung für eine größere soziale Gerechtigkeit, für die Schaffung neuer Arbeitsplätze und daher entscheidend für eine weitere Verbreitung der arbeitsaufwendigen ökologischen Produktionsverfahren in der Landwirtschaft.

 

5. Schluß
Zum Schluß möchte ich noch einmal auf das Thema meines Beitrages zurückkommen: Eine nachhaltige Landwirtschaft braucht mehr Menschen.

  • Es werden mehr Menschen in der landwirtschaftlichen Produktion benötigt, damit die Landwirtschaft ihre heutigen Umweltrisiken abbauen und zu ökologischen, aber arbeitsaufwendigeren Produktionsverfahren übergehen kann.
  • Es werden mehr Menschen benötigt, die entsprechend ökologisch produzierte Nahrungsmittel nachfragen.
  • Und es werden mehr Menschen in der Politik benötigt, die sich für eine gerechtere Verteilung der Agrarsubventionen und für die Förderung neuer landwirtschaftlicher Arbeitsplätze einsetzen.

Volker Hauff (Hrsg.) (1987): Unsere gemeinsame Zukunft, Greven, S.46

ebd.

Standortabhängige Umweltprobleme der Landwirtschaft werden herausgerbeitet in: Andrea Fink-Keßler, Onno Poppinga, Ulrich Häpke u.a. (1995): Für eine Nachhaltige Landwirtschaft in Niedersachsen, Rheda-Wiedenbrück (ABL Bauernblatt Verlag)

Siehe z.B.: Robert Mayer (1990): Stickstoffeintrag in Boden und Grundwasser. Ausmaß und Ursachen, in: Wachstumslandwirtschaft und Umweltzerstörung, Bd.2, Rheda-Wiedenbrück (ABL Bauernblatt Verlag), S.154-178

Siehe z.B.: Irene Witte u.a. (1988): Gefährdungen der Gesundheit durch Pestizide, Fischer-TB 4117, Frankfurt

Die Angaben zum ökologischen Landbau beziehen sich nur auf Westdeutschland. Die letzten Vergleichsdaten zu allen westdeutschen Agrarbetrieben stammen aus dem Jahr 1994/95. Neuere vergleichbare Daten liegen daher auf Bundesebene nicht vor.

Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe (1997): Westfalens Landwirtschaft im Wandel 1988-1996, Münster, S.110

Schweisfurth-Stiftung (1997): Agrar-Kultur-Preis 1997. Vorbildliche Biobetriebe ernten begehrte Auszeichnung, München, Pressemitteilung vom 6.6.97

Simone Rapp (1998): Veränderung der betrieblichen Parameter (insbesondere Arbeitskräfte) bei der Umstellung auf ökologischen Landbau am Beispiel von Bioland, Diplomarbeit an der Fachhochschule Nürtingen

Bemerkenswert ist, daß die Betriebe der sog. "konventionellen Vergleichsgruppe", deren Betriebsstruktur denen der Bio-Betriebe recht nahe kommt und die sich daher durch besonders günstige Umstellungsvoraussetzungen auszeichnen, mit 46.000 DM einen noch geringeren Gewinn erzielen. Diese Tatsache verweist auf die außerökonomischen Umstellungshindernisse, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen kann.

Agrarbericht 1998 der Bundesregierung, Materialband, Bonn, S.170

Zum folgenden genauer: Ulrich Häpke und Anke Schekahn (1998): Handlungsfeld "Arbeitsorientierte Agrarpolitik", S.163-184, in: Andrea Fink-Keßler u.a. (1998): Regionale Lösungen für regionale Probleme. Arbeitsberichte des Fachbereichs Stadt-/Landschaftsplanung der Gesamthochschule Kassel, Heft A 132, Kassel

Agrarbericht 1998 der Bundesregierung, S.33; Materialband, S.16

Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe (1998): Betriebsergebnisse 1996/97, Münster, S.96 f; eig. Ber.

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