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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle der Arbeit...   Donnerstag, 25.6.   Freitag, 26.6.   Samstag, 27.6.   Vortragstexte

Romain Binsfeld

ARBEIT, EIN SOZIALES POLITIKUM - PROJEKTE UND PERSPEKTIVEN

Rede zu Vianden

26. Juni 1998

Sehr geehrte Damen und Herren, das Thema, das mir vorgegeben wurde, kann Befremden bewirken, ich muss ehrlicherweise zugeben, dass es mir auch so erging, als ich es zum ersten Male las, und dennoch: Arbeit, ein soziales Politikum, fehlt da nicht irgend Etwas dahinter, ein Fragezeichen, ein Ausrufezeichen? Kann man es auch anders ausdrücken? Arbeit, ein Teil der Sozialpolitik?

Welche Gegenwart, welche Zukunft gibt es für die Arbeit?

Werden wir wirklich eines guten Tages so weit sein, dass nur noch fast die Hälfte der arbeitsfähigen Menschen auch eine Beschäftigung haben wird und dass die andere Hälfte von Sozialbezügen oder anderem abhängig sein wird?
Gibt es in Zukunft nur noch die hochqualifizierten Jobs, Tele - Arbeitsplätze und andere Beschäftigungsmöglichkeiten im Bereich der sogenannten neuen Technologien?
Und wenn dem denn so sein sollte, was geschieht mit allen jenen Menschen, welche nicht das Glück haben oder aber die nötigen Kenntnisse mitbringen, um einen jener begehrten, aber dennoch seltenen Arbeitsplätze zu ergattern?

Anders gefragt:

Die traditionelle Arbeit, die traditionelle Arbeitsmarktpolitik, gibt es sie noch ? Kann Arbeitslosigkeit noch mit herkömmlichen Mitteln bekämpft werden? Ist die Wirtschaft alleine noch fähig, einem jeden Arbeit und somit eine Existenzgrundlage zu sichern? D.h., 18 Millionen Menschen ohne Arbeit in der Europäischen Union sprechen eine mehr als deutliche Sprache! 18 Millionen Menschen, welche jeder für sich Probleme hat, mit sich selbst, mit der Familie und mit der Gesellschaft im Allgemeinen, 18 Millionen Menschen, die ausgegrenzt sind, deren soziale Verhältnisse alles andere als bewundernswert sind.

In Zeiten von Globalisierung der Wirtschaft ist es rein illusorisch, davon auszugehen, dass der alleinige Wirtschaftswachstum dazu führen könnte, dass der Arbeitslosigkeit Einhalt geboten werden könnte. Dem ist schon seit längerem nicht mehr so und die Experten auf diesem Gebiet sind sich darüber einig.

Auch Wirtschaftswachstumsraten von mehr als 3,5% führen nicht zu einer Verminderung der Arbeitslosigkeit an sich. Wohl werden neue Arbeitsplätze geschaffen, wohl führt eine konsequente Niedrigzinspolitik zu weiteren Investitionen, doch wird es immer wieder und immer mehr Menschen geben, welche der Entwicklung hinterherhinken, welche nicht die genügende Flexibilität, nicht die nötige Umstellungsfähigkeit besitzen, auch nicht die nötige Ausbildung, sich auf alle die permanenten Veränderungen einzustellen, die sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit vollziehen.

Die globale Welt, die neuen Techniken und die neuen Medien sind nicht und werden auch nicht jedermann's Sache sein. Der Mensch an sich und seine eigene Entwicklung schaffen es nicht in jedem Falle, dem technologischen Fortschritt Paroli zu bieten oder auch nur mit ihm Schritt zu halten.

Rein manuelle Arbeitsplätze, welche darüber hinaus auch noch keine großen handwerklichen Fähigkeiten benötigen, werden in traditionellen Produktionsverfahren Seltenheit und in nicht allzu weiter Zukunft fast total ausgelöscht und von Maschinen, von Computern und Robotern ersetzt sein.

Wir sollen dies nicht als Horrorvision betrachten, sondern als Realität und uns dementsprechend auf die geänderten Verhältnisse einstellen, auch wenn es so manchem von uns schwer fallen dürfte, auch und insbesondere den Gewerkschaftern, zu welchen ich mich ebenfalls zähle, welche sich ganz oft besonders dazu berufen fühlen, an Traditionen festzuhalten, bestehende Situationen, Errungenschaften nicht in Frage stellen zu wollen. D.h., irgend jemand hat irgendwann einmal gesagt, dass wer zu spät kommt, das Leben strafen wird. Dieser irgend jemand hat wohl für sich selbst Recht gehabt, diese Lebensweisheit trifft jedoch auch auf die Arbeitswelt, und somit auf die Gewerkschaften im Allgemeinen zu. Dies sind wohl kritische, vielleicht auch harte Worte an die Adresse meiner „Artgenossen", doch sind sie ebenso wahr wie lebenswichtig für die Gewerkschaften. Auch wir müssen ausgetretene Pfade verlassen, müssen uns bewusst werden, dass die Zeiten, dass die Welt sich verändert haben, dass wir selbst uns den Entwicklungen anpassen müssen und den veränderten Vorbedingungen Rechnung tragen müssen.

Da hinein passt auch die Politik, die seit ein paar Jahren von meiner Gewerkschaft, dem OGB-L, in Luxemburg betrieben wird. Ich verrate Ihnen wohl kaum ein Geheimnis, wenn ich Ihnen mitteile, dass diese Veränderungen im Style, diese mehr offene Politik meiner Organisation mehr als einmal zu harten internen Konfrontationen geführt hat und immer noch führt, dass nicht jeder den Sinneswandel, die Haarnadelkurve, nachvollzogen hat oder nachvollziehen will.

In dem Sinne der veränderten Denkweise meiner Organisation muss auch über die arbeitsmarktpolitischen Initiativen nachgedacht werden, die der OGB-L seit Anfang der 90 Jahre unternommen hat und die er dabei ist, ins Konkrete umzusetzen.

Mir wurde kürzlich in einem Interview die Frage gestellt, ob es die primäre Aufgabe der Gewerkschaften sei, Arbeitsmarktpolitik zu machen, ob es in den eigentlichen initialen Aufgabenbereich der Gewerkschaft falle, eigene Initiativen zu ergreifen.

Die Antwort darauf kann natürlich nur „Nein" lauten! Gewerkschaften haben sich an der Jahrhundertwende gebildet, um die soziale Situation der Werktätigen zu verbessern, um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzusetzen, sie waren und sind zum Teil auch heute noch die reinen Vertreter jener Menschen, die das Privileg besitzen, Inhaber einer Arbeitsstelle zu sein.

Sie sind aber auch heute all zu oft jene, die in sich immer noch reine Forderungsmaschinen sehen, auch im Sinne der arbeitsmarktpolitischen Optionen und Orientierungen. Natürlich fühlen sich die Gewerkschaften dazu berufen, der Politik und der Wirtschaft auf die Finger zu klopfen, darauf hinzuweisen, dass allzu wenig getan wird, um der Arbeitslosigkeit Herr zu werden. Doch gibt es meiner Kenntnis nach in Europa keine Gewerkschaft, welche ihre eigenen Initiativen aufgebaut hat und auch durchführt.

Eines sollte man jedoch auch als Gewerkschafter nicht verkennen und außer Acht lassen, weil es die Begebenheiten in den Betrieben, bei jenen, die wir traditionell zu vertreten haben, ganz stark beeinflussen kann und wird: Verstärkte Arbeitslosigkeit führt auch zu Spannungen innerhalb der Betriebe, führt zu sozialem Dumping, weil eben der Druck von Außen auf die Stammbelegschaften, auf die Insider, immer stärker wird und die Arbeitgeber sich dieser Realität längstens bewusst sind.

Die reine Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ist nicht unbedingt die Lösung aller Probleme, auch wenn sie zu den berechtigten Forderungen gehört, jedoch nicht nur im Sinne von Arbeitsplatzschaffung oder Arbeitsplatzerhaltung, sondern eher im Sinne einer Humanisierung der Arbeitswelt, verändertes Umfeld, immer größer werdende Anforderungen an die Adresse der Arbeitnehmer, zunehmender Stress und Mobbing machen Arbeitszeitverkürzung zu einem regelrechten „Muß". D.h., das Gesamtthema Ihres Seminars lautet „Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung in der Region - Ideen, Beispiele Konzepte".

Die nachhaltige Entwicklung ist zur Zeit ein Thema, welches überall in der europäischen Union durchdiskutiert wird, welches Wege aufzeichnet, Ideen ausgräbt, Umweltschutz in den Vordergrund stellt, ohne aber die Bedürfnisse der Gesellschaft, der Wirtschaft in all ihren Sparten vernachlässigen zu wollen, ein wahrlich ambitiöses Unterfangen!

Und dennoch muss man feststellen, dass nachhaltige Entwicklung sehr wohl auch etwas mit Arbeitsmarktpolitik zu tun haben kann, dass sich auch in diesem Bereich neue Möglichkeiten bieten, neue Wege sich anbieten.

Nur wird es mehr als wahrscheinlich so sein, dass diese Arbeitsmarktpolitik sich nicht mehr auf die Wirtschaft, auf die Betriebe konzentrieren wird, sondern eher von staatlicher, kommunaler Seite betrieben werden muss, oder aber auch von privaten Initiativen, so wie sie von meiner Gewerkschaft angetrieben werden und wie ich sie Ihnen jetzt beschreiben will.

Ich möchte dabei eines vorausschicken: Ich werde Ihnen auch einige Zahlen nennen, die Ihnen vielleicht im ersten Augenblick etwas niedrig erscheinen werden, die Sie jedoch in den Kontext der kleinen luxemburgischen Realitäten setzen müssen, um das Ausmaß erkennen zu können.

Rund 200.000 Menschen sind derzeit in Luxemburg werktätig, davon sind zirka 6.000 ohne Arbeit, also etwas mehr als 3%, eine immer noch beruhigende Situation, werden Sie sagen! Das ist wohl richtig, kann sich aber schlagartig ändern, aufgrund der monolithisch aufgebauten Wirtschaftssituation, welche sich im allerhöchsten Masse vom Banken- sowie vom tertiären -, dem Dienstleistungssektor abhängig gemacht hat.

Luxemburg kennt ja anscheinend eine paradoxale, atypische Entwicklung. Wir kennen einen ständigen Wirtschaftswachstum gekoppelt mit ständig wachsenden Beschäftigtenzahlen, daneben jedoch auch eine ständig steigende Anzahl von Menschen ohne Arbeit.
Ein grosser Faktor spielt natürlich die enorm hohe Zahl von Menschen, die aus dem nahen Ausland nach Luxemburg ziehen, um dort eine Arbeit zu finden.

Doch so paradoxal ist diese Situation nicht, wenn man einmal von der Realität ausgeht, dass es sich um einen regionalen Arbeitsmarkt handelt! Vergleicht man Luxemburg nämlich mit anderen ökonomischen Anziehungspunkten in anderen Regionen von Europa, wie zum Beispiel Großstädte wie Mailand, Paris, London, Dublin oder auch andere, so sieht man, dass Leute aus den umliegenden, strukturschwächeren Regionen tagtäglich zu diesem Anziehungspunkt sich bewegen um der täglichen Arbeit nachzugehen. Einziger Unterschied: Man hat noch keine Landesgrenzen um diese Punkte herum gezogen.

Die Probleme auf dem nationalen Arbeitsmarkt sind anderer Natur:

Das Phänomen der Unterqualifizierung ist besonders stark ausgeprägt, 60% der Arbeitsuchenden Menschen sind ohne irgendwelche berufliche Ausbildung. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen heutzutage verlassen die Schule, ohne einen Abschluss zu haben, dies ist mehr als beunruhigend.

Es gibt ein ungenügendes Angebot an manuellen-, an Produktionsarbeitsplätzen, welche es ermöglichen würden, auch unqualifiziertes Personal einzustellen.

Natürlich besteht auch die sehr große Konkurrenz der Einwanderer und der Grenzgänger. Zusammen machen sie über 60% der Werktätigen in Luxemburg aus! D.h., wir mussten die Erfahrung machen, dass die nationale Politik, dass die nationalen Strukturen nicht an die veränderten Begebenheiten angepasst waren, dass auch in der Bewusstseinsbildung der Menschen in Luxemburg noch so manches im Argen lag, was die Erkennung der Situation und deren langzeitige Auswirkungen auf die Wirtschaft darstellten.

Wir mussten feststellen, dass die Dreiergespräche zwischen Regierung, Patronat und Gewerkschaften wohl immer wieder Lösungsvorschläge hervorbrachten, diese sich aber eher im Bereich der sozialen Behandlung der Arbeitslosigkeit bewegten, ohne eine regelrechte Arbeitsbeschaffungspolitik zu fördern.

Wir mussten desweiteren feststellen, dass schwerfällige administrative Strukturen es nicht schaffen können, der Lage Herr zu werden, dass keine aggressive Plazierungspolitik gemacht wurde, im Gegensatz zu dem, was die neuen Leiharbeitsfirmen durchzogen und dass vor allem der direkte Kontakt zu den Betrieben weitgehend fehlte.

Auch der politische Wille, die Situation zu erkennen und sich aktiv mit der Problematik zu befassen, fehlte gänzlich am Anfang der 90er Jahre noch. D.h., schon 1992, als die Welt in Luxemburg noch in allerbester Ordnung zu sein schien, es dennoch einige Anzeichen für eine bevorstehende Verschlechterung gab, hat der OGB-L mit einer Forderung nach der Schaffung eines nationalen Beschäftigungspools die Wellen hochschlagen lassen und sich die Wut einiger Politiker zugezogen.

Worum ging es? Im Jahre 1992 gab es in Luxemburg knapp 2.000 Menschen ohne Arbeit, zu dieser Zeit etwas mehr als 1% der aktiven Bevölkerung, es kam jedoch zu einzelnen größeren Betriebsschliessungen von denen auf einen Schlag mehr als 400 Menschen betroffen waren, 400 Menschen, welche schon höheren Alters waren und, bis auf einige wenige Ausnahmen, nur sehr wenig Qualifikation hatten, bis auf die Kenntnisse, die sie sich in jahrelanger Arbeit angeeignet hatten.

Alle diese Menschen riskierten, über Monate hinweg, wenn nicht sogar länger, in die Arbeitslosigkeit abzugleiten und die Idee des OGB-L war, diesen Menschen Beschäftigung anzubieten, ihre Fähigkeiten zu nutzen und eben Arbeiten ausführen zu lassen, welche der Allgemeinheit zukommen könnten. Möglichkeiten gab es deren genug, da insbesondere die manuelle Arbeit gefördert hätte werden können.

Große Waldbestände warteten und warten übrigens noch immer auf eine helfende Hand, die sie instand setzen kann, die touristische Infrastruktur ließ und lässt sehr stark zu wünschen übrig, Flüsse und Bäche waren und sind ein Ziel dieser Arbeiten.

Wir wurden zu diesem Zeitpunkt und auch später noch nur mitleidig belächelt, obwohl sich in den darauffolgenden Jahren die pessimistische Prognose bestätigen sollte.

Als wir definitiv keine positiven Antworten mehr seitens der Politik erwarten konnten, begannen wir also das zu entwickeln, was eine „normale" Gewerkschaft eigentlich nicht tut: eigene Initiativen, eigene Beschäftigungsmodelle, dies zusammen mit einer Organisation, welche schon jahrelang Erfahrung hatte mit der Beschäftigung von jungen Arbeitslosen, besonders mit sozial schlecht gestellten Jugendlichen, die „Action Sociale pour Jeunes".

Es war dies Ende 1994 und Anfang 1995 stellten wir gemeinsam die Studie „Objectif Plein Emploi" vor, welches so viel sagen will wie „Ziel: Vollbeschäftigung" und setzten auch gleich die Gespräche an mit den von uns ausgewählten Partnern. Worauf basiert diese Studie „Objectif Plein Emploi", welches sind oder waren die Überlegungen und welches waren die Schlussfolgerungen und Resultate?

Die Studie basiert im Grunde genommen auf einzelnen, früher erschienenen Dokumenten, insbesondere aber auf dem Delorschen Weißbuch der Europäischen Union, welches einige neue Pisten vorzeigte, Arbeitsplätze zu schaffen, die Wirtschaft anzukurbeln und deren Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, respektive auszubauen.

Darüber hinaus suchten wir das genaue Gegenteil der Globalisierung, suchten wir den Weg über die kleinstmögliche Struktur, welche sich in unserem politischen Gefüge anbietet und das waren die Gemeinden und man fragt sich, wieso?

Nun, aus all den Überlegungen, die ich vorhin aufgeführt habe:

  • Unmöglichkeit jedermann an die veränderte Situation anzupassen
  • Schwierige, starre nationale Strukturen
  • Übermächtige Konkurrenz seitens der Grenzgänger und Einwanderer

Bauten wir auf eine „Bottom-Up" Struktur, welche sich aufbaut

  • Nach lokalen Kriterien mit der Schaffung von lokalen Initiativ- und Verwaltungszentren
  • Nach regionalen Kriterien, wo die Gemeinden zu klein sind, z.B. im Bereich der Müllentsorgung und - Verwertung ( Recycling )
  • Aber auch, daneben, nach sektoriellen Kriterien mit der Schaffung von sektoriellen Zentren mit spezifischen Aufgaben, z.B. im Bereich der Forschung und der Entwicklung von neuen Ideen und im Bereich von Telearbeits- und Verwaltungszentren

Oder, wie auch jetzt, im Umfeld der Einführung einer Pflegegesetzgebung, resp. Pflegeversicherung. Ein wahrlich unglaublicher und unerschöpflicher Brunnen für alle möglichen und unmöglichen Aktivitäten im Bereich der Arbeiten im sogenannten Nachbarschaftsbereich, was die Arbeit mit älteren, kranken und behinderten Menschen anbelangt, nicht nur im pflegerischen Bereich, sondern auch in der Hilfe im Alltag, sei dies beim Einkaufen, beim Transport, bei der Haushaltshilfe und dergleichen mehr.

Alle möglichen Arbeiten, die wir beschrieben haben und in denen unsere Strukturen aktiv werden oder geworden sind, bewegen sich in den Bereichen: Umwelt und Urbanismus, Arbeiten im Nachbarschaftsbereich, Neue Technologien.

Es laufen Projekte im Umweltbereich in mehreren Gemeinden. Kindertagesstätten wurden geschaffen, Hilfe zu Hause für ältere Menschen wurde organisiert, sowie Sammlung von Müll, deren Sortierung und Weiterverwendung in Zusammenarbeit mit spezialisierten Firmen, ein Projekt im Bereich des „Multimedia" ist dabei gestartet zu werden und dergleichen mehr.

Ein größeres Projekt im Zusammenhang mit der Einführung der Pflegeversicherung ist in Ausarbeitung und wird ab Anfang nächsten Jahres zirka 200 Menschen eine Arbeit bieten.

Es ist uns bisher gelungen, in allen Gemeinden des Südens unseres Landes solche, wie wir sie beschrieben haben, lokale Initiativzentren zu gründen und sie auch mit Leben zu erfüllen, das heißt, konkrete Projekte im Sinne von Beschäftigungsprogrammen auszuarbeiten und durchzuführen. Im besten Falle sehen wir in diesen Projekten allein im Süden ständig 300-400 Menschen beschäftigt, Sie müssen jetzt die Verhältnisse bedenken!

Wir sind dabei, unsere Ideen, unsere Erfahrungen auf die übrigen Regionen des Landes auszudehnen und dementsprechend die Zahl der Möglichkeiten und damit ebenfalls die Zahl der möglich Beschäftigten wesentlich zu erhöhen. Die Ziele sind klar:

  1. Wiedereingliederung in den sogenannten „normalen" Arbeitsmarkt
  2. Entwicklung eigenständiger Betriebe in einzelnen Bereichen

Es stellt sich natürlich die Frage nach der Zusammensetzung, der Struktur und besonders auch nach der Finanzierung dieser lokalen, regionalen oder auch noch sektoriellen Initiativzentren.

Die Zusammensetzung der Zentren ergibt sich aus der jeweiligen Situation: Im lokalen und regionalem Bereich betrifft es die lokale Politik, d.h. die Gemeindeverantwortlichen, die lokale Gewerkschaftsstruktur und das lokale Patronat aus Handwerk, Handel und Industrie.

Deren gemeinsame Aufgabe es ist, Bedürfnisse auf dem Gebiet der Gemeinde festzustellen, Ideen zu entwickeln und Projekte auszuarbeiten, wobei der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Im sektoriellen Bereich ergibt sich die Zusammensetzung durch den Aufgabenbereich der vorgegeben wird. So konnten wir z.B. für das Projekt „Help", welches sich im Bereich der Pflegeversicherung bewegt, die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Spitälern und mit dem luxemburgischen Roten Kreuz gewinnen, beide Garant für eine optimale Leistung und eine Absicherung der Qualifikationen und damit der Qualität der gebotenen Leistung.

Im Allgemeinen können wir auf eine äußerst gute Zusammenarbeit auch mit öffentlichen Instanzen bauen: mit der Arbeitsmarktverwaltung, mit den Zentren für berufliche Bildung und Weiterbildung, auch mit Großbetrieben welche uns Personal zur Verfügung stellen für die praktische und theoretische Bildungsarbeit vor Ort. Und last, but not least, mit allen zuständigen Ministerien, sei es das Arbeitsministerium, das Erziehungsministerium, die Umweltverwaltung oder auch noch das Wirtschaftsministerium

Jedoch für sich und alle zusammen scheinen sie die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Aktionen eingesehen zu haben und begleiten sie auch in einer mehr als positiven Art und Weise.

Wir haben uns als OGB-L und Action Sociale pour Jeunes eine begleitende, hauptamtliche Struktur gegeben, die sich Interkommunales Komitee nennt, eine Struktur, die zurzeit 12 Personen beschäftigt, die die gesamten verwaltungstechnischen Abläufe tätigt und die die Ideen und Projekte der einzelnen Initiativzentren in die Realität umsetzt.

Wenn die Zusammensetzung noch keine größeren Schwierigkeiten beinhaltete, so war die Frage der Finanzierung doch nicht ganz so einfach zu beantworten.

Dabei war der Grundgedanke ein ganz einfacher: Arbeitslosigkeit finanzieren kostet Geld, bringt der Wirtschaft wenig und den betroffenen Menschen noch weniger, außer einer relativen finanziellen Absicherung

Der naheliegende Gedanke war also, diese Gelder zu benutzen um Aktivität zu fördern, verbunden mit Ausbildung und Wiedereingliederung, nicht also nur eine soziale Behandlung des Phänomens Arbeitslosigkeit zu tätigen, sondern aktive Arbeitsmarktpolitik zu machen.

Und alle öffentliche Instanzen, sowohl Ministerien, wie auch Gemeinden, waren hiervon betroffen, nur schien niemand das so richtig einsehen zu wollen. Unterstützung fanden wir schließlich bei der Europäischen Kommission, der wir unsere Vorstellungen unterbreiten durften, die das „Objectif Plein Emploi" als Pilotprojekt anerkannte und eine Teilfinanzierung in Aussicht stellte.

Die Anerkennung durch die Kommission bewirkte schließlich und schlussendlich eine „prise de conscience", die notwendige Bewusstseinsbildung bei den politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen, so dass die Finanzierung der Projekte derzeit einzig und allein über öffentliche Mittel gewährleistet ist, wobei sich herausstellen wird, dass sehr wohl einige Projekte eine eigenständige Situation haben werden können, sie sich selbst finanzieren werden können, woraus neue, eigenständige Betreibe entstehen werden, 3 sind schon jetzt in Aussicht!

Ein letztes Wort vielleicht der Vollständigkeit halber:

Es wurde und wird uns immer noch vorgeworfen, besonders als Gewerkschaft, dass wir dabei sind, einen zweiten Arbeitsmarkt aufzubauen und dass wir ebenfalls dabei sind die traditionellen Berufe, besonders im erzieherischen und pflegerischen Bereich zu unterwandern, Sozialdumping zu betreiben und diese Berufe abzuwerten.

Ich möchte dem entgegenhalten, dass sehr wohl im erzieherischen Bereich, wie auch im pflegerischen Bereich, die traditionellen Berufe Konkurrenz bekommen werden und schon bekommen haben, dass man aber von allen traditionellen Denkschemen besonders in diesen Bereichen Abstand nehmen kann und muss.

Ich denke auch und ich bin überzeugt davon, dass auf diese traditionellen Berufe neue Aufgaben zukommen, Aufgaben eher im Bereich der Begleitung, der Aus- und Weiterbildung, der Wegbereitung und der Umsorgung von Menschen, die diese Art von Begleitung, menschlicher, technischer und ausbildender Art, besonders nötig haben und das werden die Ausgegrenzten unserer Gesellschaft, das werden die Arbeitslosen von heute und morgen sein, wobei es keinem Mensch, insbesondere uns als Gewerkschaft, auch nur im entlegensten Winkel seiner Überlegungen in den Sinn kommt, die Arbeiten, die spezifische Qualifikationen auch wirklich erfordern, von unqualifiziertem Personal ausführen zu lassen. Die Qualität der angebotenen Leistung muss erhalten, wenn nicht sogar verbessert werden.

Ich möchte dem auch entgegenhalten, dass es bereits jetzt zweite, dritte und vierte Arbeitsmärkte gibt, die Frage sich stellt, wie viele Arbeitsmärkte überhaupt es gibt, wenn man von Teilzeitarbeit, von Arbeiten mit beschränkter Dauer, von Job-Sharing, von Heimarbeit und Telearbeit, von Free-Lance Mitarbeitern und von falschen Unabhängigen, von Leiharbeit usw. redet:

Das Ziel ist es nicht, diese Situationen auszunutzen und zu zementieren, das Ziel ist es, wenn nur irgendwie möglich, Brücken zu bauen und den so Beschäftigten die Möglichkeit zu geben, sich in der „normalen" Arbeitswelt wiederzufinden.

Und das Modell funktioniert und wird weiter ausgebaut!

Über das ganze Land verteilt, werden es ständig etwa 1.000-1.500 Menschen sein, denen eine Arbeit, eine Aus- oder Weiterbildung, kurz, eine Chance auf diesem Wege gegeben wird. Das sind 20-25% aller Arbeitslosen in Luxemburg!

Wir wissen, dass es nicht die Lösung aller Probleme ist, wir wissen auch, dass wir mit unseren Projekten nicht die gesamte Problematik der Arbeitslosigkeit lösen werden.

Wir denken jedoch, dass es wesentlich mehr ist, als der berühmte Tropfen auf den nicht minder berühmten heißen Stein und das ist sicherlich den Einsatz wert!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit


 

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