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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle der Arbeit...   Donnerstag, 25.6.   Freitag, 26.6.   Samstag, 27.6.   Vortragstexte

Christine Ax

HANDWERK - EIN STÜCK ZUKUNFTSFÄHIGKEIT FÜR DIE REGION

Rede zu Vianden

25. Juni 1998



Wer in Deutschland an Wirtschaft und Fortschritt denkt, der denkt zuerst an Siemens oder Mercedes Benz und nicht an den Bäcker, Zweiradmechaniker und Orthopäden von nebenan. Auch wenn der Konzern Handwerk in Deutschland heute größter Arbeitgeber ist, das Bild von Wirtschaft prägt heute noch immer der Mythos vom Massenproduzenten.

Dieser Mythos ist allerdings keine Erfindung der heutigen Medien. Er ist so alt wie die Fabrik als Ort der Produktion und er wurde - Ironie des Schicksals- von deren schärfsten Kritikern, den Sozialisten und Sozialdemokraten, maßgeblich befördert. So beginnt das Erfurther Programm der SPD aus dem Jahre 1891 mit den Worten: "Die ökonomische Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnotwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebes,.... " Selbst die Tatsache, daß sich die Unternehmensentwicklung an diese Prognose einfach nicht hielt, konnte an dieser Einschätzung wenig ändern. Die anhaltend große Zahl mittelständischer und kleiner Betriebe, die trotz aller Konzentrationsprozesse der Industrie das Rückgrat der lokalen und regionalen Ökonomie blieben wurden nur notgedrungen zur Kenntnis genommen. Sie wurden kurzerhand zu einem rückständigen Teil der Wirtschaft, zu einem Relikt der feudalen Produktionsweise. Der Theorie würdig und fortschrittlich waren und blieben Großbetriebe, auf die sich - nicht zuletzt wegen des hohen Organisationsgrades - auch die Aufmerksamkeit der Arbeiterbewegung bis heute gerne konzentrierte. Der Stern (hier: Mercedes-Benz) über Deutschland - als Inbegriff der starken deutschen Wirtschaft - verlor kaum an Glanz.

Daß sich der Großbetrieb als der Inbegriff von Wirtschaft durchsetzen konnte, muß angesichts der überwältigenden Zahl von Kleinst-, Klein- und Mittelbetrieben verwundern. Ein kurzer Blick in die Wirtschaftsstatistik zeigt, daß eigentlich das genaue Gegenteil die Regel ist. Nur 0, 2 % aller Unternehmen der BRD hatten im Zeitraum von 1970 bis 1987 mehr als 500 Beschäftigte, 84,6 % aller Betriebe hatten hingegen weniger als 10 Beschäftigte. Dabei handelt es sich um eine Betriebsgrößenstruktur, die nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Europäische Wirtschaft insgesamt typisch ist. Angesichts der so überwältigenden Realität der kleinen und mittlerer Betriebe (KMU) für unsere Wirtschaftssystem läßt sich die Fixierung auf Großunternehmen vielleicht am ehesten mit der überproportionalen beschäftigungspolitischen Bedeutung von Großbetrieben für einzelne Regionen (z.B. Volkswagen für Niedersachsen) erklären. Tendenz allerdings rückläufig: Waren 1977 noch fast 25% aller Beschäftigen in Großbetrieben beschäftigt, so waren es 1987 noch etwa 21%. Denn während die Großbetriebe in Deutschland und Europa seit über 15 Jahren planmäßig oder notgedrungen "verschlanken", wuchs die Bedeutung der kleinen und mittleren Betriebe(1) für den Arbeitsmarkt stetig an. Beschäftigungszuwächse, dies gilt für alle hochindustrialisierten Länder, gab es nur bei den Kleinen.

Doch das Bild ist nicht nur falsch, es ist schädlich, denn es täuscht gewollt oder ungewollt die Öffentlichkeit über die tatsächliche Reichweite der "Globalisierung". Es verstellt den Blick auf Vieles, was heute schon mit den konkreten Akteuren vor Ort machbar ist. Es birgt das Risiko, daß durch eine Fixierung der Energien, Phantasien und des Kapitals auf zentralisierte Wirtschaftsstrukturen wichtige Zukunftschancen verspielt werden, die heute bei den kleinen und mittleren Betrieben und dem Handwerk liegen.

Doch gerade dem Handwerk und anderen dezentralen Produzenten und Dienstleistern hier und weltweit wachsen in einer nachhaltigen Wirtschaftsweise eine Vielzahl neuer Funktionen und neuer Märkte zu. Chancen, die auch Antworten auf die global so drängende Problematik der Arbeitslosigkeit in sich bergen. Denn daß die wenigen noch verbleibenden fast menschenleeren Fabriken der Massenproduzenten in Europa oder in anderen dichter bevölkerten Regionen dieser Erde für Arbeit, Einkommen und Wohlfahrt breiter Schichten sorgen können, daran muß gezweifelt werden.

 

Zukunftsfähig produzieren und konsumieren: Neue Wohlstandsmodelle braucht das Land

Die Anforderungen an die Produkte und an die Lebensstile der Zukunft lassen sich inzwischen rein mengenmäßig durchaus definieren. Es geht darum mit sehr viel weniger Rohstoffen und umweltverträglichen Energien den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Der effiziente, der sparsame Umgang mit Rohstoffen und fossilen Energieträgern erfordert einen ökologischen Strukturwandel, der mit den traditionellen Begriffen von Umweltschutz kaum noch etwas zu tun hat. Und er hat, wie die nachfolgende Darstellung zeigt, eine Reichweite, die wir uns heute erst in Umrissen vorstellen können.

Umweltziele 'Zukunftsfähiges Deutschland'(2)
Umweltindikator Umweltziel
Ressourcenentnahme
kurzfristig (2010) langfristig (2050)
Energie
Primärenergieverbrauch
Fossile Brennstoffe
Kernenergie
Erneuerbare Energie
Energieproduktivität
mindestens
- 30%
- 25%
- 100%
+ 3 bis 5% pro Jahr
+ 3 bis 5% pro Jahr
mindestens -50%
- 80 bis 90 %
-80 bis 90%

Material
Nicht erneuerbare Rohstoffe
Materialproduktivität


- 25%
+ 4-6% pro Jahr

-80 bis 90%

Fläche
Siedlungs- und Verkehrsfläche Landwirtschaft


abs. Stabilisierung, jährliche Neubelegung: - 100%
flächendeckende Umstellung auf ökologischen Landbau Regionalisierung der Nährstoffkreisläufe Waldwirtschaft, flächendeckende Umstellung auf naturnahen Waldbau, verstärkte Nutzung heimischer Hölzer
 

Stoffabgaben/Emissionen
Kohlendioxid (CO2)
Schwefeldioxid (SO2)
Stickoxide (NOx)
Ammoniak (NH3)
Flüchtige Organische Verbindungen
Synthetischer Stickstoffdünger
Biozide in der Landwirtschaft


- 35%
- 80 - 90%
- 80% bis 2005
- 80 bis 90%
- 80% bis 2005
-100%
-100%

Die Strategien, die zur Erreichung dieser Ziele heute von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutiert und zum Teil von Instituten und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen bereits in Angriff genommen werden lauten:

  • eine längere und intensivere Nutzung der heute bereits hergestellten, bereits im Umlauf befindlichen Produkte, sowie deren umweltfreundliche Entsorgung (incl. Recycling)
  • die Entwicklung neuer, qualitativ hochwertiger, langlebiger und technologisch nachrüstbarer Produkte
  • neue Produkt- und Dienstleistungskonzepte, die den Lebenszyklus von Produkten (von der Wiege bis zur Bahre) optimieren
  • Ersatz-, Erweiterung-, Ergänzung von Produkten durch Dienstleistungen, bzw. neue Nutzungskonzepte (Nutzen statt Besitzen/Gebrauchen statt Verbrauchen)

Diese Entwicklung muß Hand in Hand gehen mit einem Wandel der Verbrauchergewohnheiten und Lebensstile sowie einer „Infrastruktur", die den Rahmenbedingungen für Produktion und Gebrauch an diese Ziele angepaßt.

Die in mit diesen Konzepten angestrebte „Dematerialisierung" der Produktion (geringerer Rohstoffverbrauch) und die oben grob dargestellten Strategien erweisen sich dabei bei genauerem Hinsehen als durchaus kompatibel und konvergent mit den unter den Stichworten „Dienstleistungsgesellschaft" bzw. „Informations- oder Wissensgesellschaft" diskutierten Strategien. So wird beispielsweise die Zukunft der Automobilkonzerne unter dem Stichwort „Mobilitätsanbieter" diskutiert, sehen sich große Energieversorgungsunternehmen in Zukunft als Energiedienstleister und suchen Konsumgüterproduzenten und Handelskonzerne nach neuen kundenorientierteren Produktions- und Vertriebsstrukturen. Dabei werden auch traditionelle handwerkliche Qualitäten von Produkten und Dienstleistungen kopiert oder neu aufgriffen.Auf das Handwerk bezogen läßt sich heute sagen, daß die Perspektiven dieses Wirtschaftsbereiches in einer solchen Ökonomie sehr gut sind(3). Das Handwerk befindet sich in einer strategisch extrem günstigen Ausgangslage mit vielen Chancen, die allerdings auch ergriffen werden müssen.

 

Maßproduktion statt Massenproduktion

Die letzten 150 Jahre Produktion und Konsum waren vom Siegeszug der Massenproduktion geprägt. Die Kostenvorteile der „economy of scale" sorgten dafür, daß das Handwerk mit seinen Produkten auf den meisten Märkten gegen die Fabrikware keine Chance mehr hatte. Eine Entwicklung, die jedoch nicht ausschließlich Ergebnis der Preisverfalls war, sondern auch mit einer neuen Ästhetik, eines anderen, neuen Begriffes von Schönheit und Zweckmäßigkeit verbunden war. Fabrikprodukte, Fabrikdesign war modern. Masse war modern. Maschinenästhetik war modern etc. Der Fortschritt hatte eine zweckmäßige Gestalt: Maschinell gefertigt, funktional und zweckmäßig. In den meisten Märkten des Konsums wurde Handwerk zum Nischenanbieter. Die beiden Weltkriege taten ihr übriges dazu: die geringe Massenkaufkraft und der Nachholbedarf an Gütern führten zu einem Niedergang des Handwerks, führten dazu, daß der Preis, das nahezu einzige Kriterium für den Erfolg eines Produktes war. Das traditionelle Handwerk wurde weniger und viele Berufe starben aus. Viel meisterliches Können blieb auch auf den Schlachtfeldern dieses Jahrhunderts. Den Rest besorgte die lange Zeit fürs Überleben notwendige Anpassung an den industriellen Mitbewerber.

Doch was lange richtig war und scheinbar notwendig für das Überleben der handwerklichen Betriebe, erweist sich für das 21. Jahrhundert möglicherweise als falsch. Neue Produktionskonzepte, die Individualisierung der Nachfrage und die hohe Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten führen dazu, daß eine Renaissance der handwerklichen Maßproduktion immer wahrscheinlicher wird.

Neue computergestützte Werkzeuge in der Holzbearbeitung, in der Textil- und Lederverarbeitung führen dazu, daß die Werkstatt vor Ort heute auch für den wohlhabenden Mittelstand wieder ein interessanter Anbieter sein wird: maßgeschneiderte Schuhe, maßgeschneiderte Bekleidung, maßgeschneiderte Küchen. Handwerk kann heute auf diesen Märkten mit den Produkten der gehobenen Preiskategorien durchaus mithalten. Die Produktions- und Marketingkonzepte, die gegenwärtig auch von der Zukunftswerkstatt der Handwerkskammer gemeinsam mit Handwerksbetrieben entwickelt werden (rechnergestützte Maßschuhfertigung und neue Konzepte für den Vertrieb von maßgeschneiderten Textilien) belegen dies.

Der Erfolg der Produkte der Zukunft, der Werkstatt der Zukunft basiert zunehmend darauf, daß die Wünsche des Kunden möglichst individuell befriedigt werden. Das wesentliche Erfolgskriterium ist auf diesen Märkten nicht nur der Preis, sondern der einmalige auf den Kunden zugeschnittene und für diesen auch erkennbare (kommunizierte) Nutzen. Dies haben auch viele industrielle Fertiger und der Handel verstanden. Handwerkliche und industrielle Produktions- und Vertriebskonzepte werden sich daher auch in Zukunft stärker ähneln. Diesmal allerdings unter dem ideellen Vorzeichen des Handwerks. Der Maßstab der Zukunft wird das echte Unikat sein. Nicht die Maßkonfektion oder der ein bißchen besser passende Schuh sind der Maßstab, an dem sich diese Produkte werden messen lassen müssen. Den Maßstab setzt der echte Maßschuh und das echte Maßkostüm. Und genau hier liegen die strategischen Vorteile der Handwerksbetriebe, die sich der neuen, modernen Werkzeuge und Marketingstrategien bedienen: Die Nähe zum Kunden, die Sinnlichkeit von Produkten und Produktion, Beratungs- und gestalterische Kompetenz in Verbindung mit einer handwerklichen Qualität der Verarbeitung sind Vorzüge, die das Handwerk für diese Märkte qualifizieren.

 

Auf dem Weg in die Reparaturgesellschaft

Nicht erst die Produkte der Zukunft auch die heute schon im Gebrauch befindlichen Güter, vom Haus, über den PKW bis hin zum Fernseher, Spülmaschinen und Schuhe bedürfen heute und erst recht in Zukunft der Instandhaltung und der Reparatur - und dies nicht nur aus ökologischen Gründen.

Die Reparatur von Geräten der Unterhaltungselektronik oder von Haushaltsgeräten ist heute für Handwerksbetriebe und Verbraucher angesichts der zahllos gewordenen Produkte und Herstellertypen zu einem ausgesprochenen Abenteuer geworden. Weder die Kosten noch das Ergebnis von Reparaturen schien vielen Werkstätten und ihren Kunden vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein kalkulierbares Risiko zu sein. Viele Handwerksbetriebe verlegten sich in der jüngeren Vergangenheit zunächst auf den Handel. Doch die Billigimporte und der Preisdruck der großen Handelskaufhäuser trieben die Handwerksbetriebe ins wirtschaftliche Abseits. Die Betriebe befanden zunehmend in der Zwickmühle: Der Handel war im Verkauf billiger und die Reparatur wurde ein wirtschaftliches Risiko. Die teuren und unberechenbaren Reparaturangebote führten zur Verunsicherung der Kundschaft, die schließlich gar nicht mehr wußte, wem sie vertrauen, wohin sie sich wenden kann.

Erst die Besinnung auf Service und Reparatur als Kernkompetenz des Handwerks erweist sich gegenwärtig als Königsweg mit hohem Nutzen für Konsument und Werkstatt. Die neue Spezialisierung auf Service und Reparatur in Verbindung mit intelligenten Kooperationsstrukturen und Logistikkonzepten (Reparaturdatenbanken, perfekte Zulieferung von Ersatzteilen, Kommunikation zwischen Werkstätten, Fachwerkstätten-Systeme, Einsatz gebrauchter Ersatzteile) machen das Geschäft mit der Reparatur für die Werkstätten und den Konsumenten wieder glaubwürdig und rentabel. Kooperation und Kommunikation erlauben es dem Handwerk, sich als Partner des umwelt- und preisbewußten Verbrauchers eine neue Stellung zu erarbeiten.

z.B. zeitwertgerechte Kfz-Reparatur

Nicht nur im Unterhaltungs- und Haushaltsgerätemarkt erweist sich die Reparatur als ökologische und verbraucherfreundliche Alternative zu Ex-und-Hopp, zur Ressourcen-Verschwendungsgesellschaft. Auch für die handwerkliche Autoreparatur scheinen die Zeiten besser zu werden.

Infolge der hohen Reparaturkosten, der extremen Energie- und Rohstoffintensität von PKWs und den z.T. problematischen Verbundwerkstoffen, die heute in Altautos enthalten sind haben gegenwärtig Umweltpolitik, Verbraucher, Entsorger, Kfz-Werkstätten und Versicherungen ein gemeinsames Interesse: die Lebensdauer von Pkws und anderen Kraftfahrzeugen zu verlängern, u.a. durch die Verwertung von gebrauchten Ersatzteilen.

Auch hier erweist sich der Aufbau einer auf Reparatur und die Verwertung von gebrauchten Ersatzteilen spezialisierte Logistik und Infrastruktur gegenwärtig als der Schlüssel für ökologisch und betriebswirtschaftlich zukunftsfähige neue Marktanteile für das Kfz-Handwerk. Daß Ökonomie und Ökologie sich hier optimal ergänzen, das beweist auch die Tatsache, daß die Versicherungswirtschaft mit einem „grünen Produkt" in Startlöchern steht und - ähnlich wie in der Schweiz - Verbraucher mit günstigen Konditionen belohnen wird, die für ihren gebrauchten Wagen ein gebrauchtes Ersatzteil akzeptieren.

z.B. Management, Vorbeugende Instandhaltung von Gebäuden.

Auch die vorbeugende Instandhaltung und die Instandsetzung von Gebäuden bis hin zum ganzheitlichen „Facility Management" beleuchten beispielhaft die handwerklichen Marktpotentiale und Beschäftigungspotentiale einer auf Nachhaltigkeit orientierten Wirtschafts- und Lebensweise. Angesichts der durch Bebauung bereits übermäßig in Anspruch genommenen Freiflächen gehört die Zukunft des Bauens, dem Bauen im Bestand bzw. der nachhaltigen Bewirtschaftung, der Instandhaltung des gebauten Bestandes. Erweitern wir dies um den Aspekt der Energieeffizienz und Ressourcenschonung dann erweisen sich Energieeinsparung und Energiemanagement, Gebäudemanagement in Verbindung mit Bauen im Bestand (Sanierung, Verdichtung, Neubau im Bestand u.a) als eine ebenso arbeitsintensive wie handwerksfreundliche Zukunft dieses Sektors.

 

Produktkultur statt Mode

Daß der Reichtum einer Gesellschaft in dem Maße wächst, wie die Produktion gesteigert wird, diese These kann durch die Entwicklung der letzten 150 Jahre als widerlegt angesehen werden. Es gibt offensichtlich keinen notwendigen oder zumindest keinen linearen Zusammenhang zwischen dem Reichtum einer Gesellschaft und ihrer Produktivität. Damit soll nicht nur die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen angesprochen sein. Eine Gesellschaft, deren Wirtschaft darauf basiert, möglichst schnell möglichst viele Produkte wortwörtlich zu „verbrauchen" und die genau genommen mit wachsender Geschwindigkeit Rohstoffe in Abfall verwandelt, der dann deponiert oder verbrannt wird, eine solche Gesellschaft verschwendet ganz offensichtlich nicht nur Rohstoffe sondern auch menschliche Arbeit und Kapital. Von einer optimalen Allokation der Ressourcen kann nur gesprochen werden, wenn die Bewertungskriterien sehr einseitig und kurzfristiger, betriebswirtschaftlicher Natur sind.

Der Erfolg von Produkten und ihr Verkauf, dies war weiter oben bereits angesprochen worden, beruht erfahrungsgemäß auch auf „weichen" Faktoren. Die Frage danach, was „modern" ist, das Lebensgefühl, die Vorstellung davon was gut, was richtig, und was schön ist spielen eine ganz zentrale Rolle bei der Kaufentscheidung, bei der Verwendung der knappen Ressource „Geld". Lange genug war diese Ästhetik eine Maschinenästhetik, eine Ästhetik des schnellen Konsums, des schnellen Verbrauchs. Insgesamt gilt: Daß Angebot Nachfrage schafft, ist einer der zentralen Lerngegenstände, die über die Zukunft des Handwerks entscheiden werden.

 

Das Handwerk der Zukunft: kooperationsfähig, kreativ, kundenorientiert

Anfang dieses Jahrhunderts stellte der deutsche Wirtschaftstheoretiker und Soziologe Werner Sombarth mit Staunen fest, das Handwerk habe nicht nur die Industrie überlebt, es werde auch in Zukunft die lokale Arbeit, die individualisierte Arbeit, sowie Service, Wartung und Reparatur beherrschen und eine Menge darüber hinaus. Vergleichen wir diese Prognose mit den aktuellen Szenarien für Wirtschaft und Gesellschaft, die mit Begriffen wie Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft oder Dienstleistungsgesellschaft arbeiten, dann stellen wir fest, daß diese beiden Zukünfte in wesentlichen Aspekten harmonieren. Der technische Fortschritt liefert dem Handwerk heute eine Vielzahl neue, rechnergestützte Werkzeuge (von CAD bis Telematik). Der notwendige ökologische Strukturwandel bietet dem Handwerk neue Chancen in vielen Märkten. Die Ausrichtung der Produktion auf eine neue Kunden- und Nutzenorientierung - die Verdienstleistung von Produkten und Vertriebsstrukturen kommen der handwerklichen Arbeitsweise und dezentralen Struktur entgegen. Doch so gut die strategische Ausgangslage auch ist: es bedeutet nicht, daß das Handwerk auf diese neuen Märkte ein Monopol hätte. Der Markt schläft nicht. Zwar fressen die Großen nicht unbedingt die Kleinen, doch die Schnellen oft genug die Langsamen. Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit und Lernbereitschaft werden von der Handwerkerin, dem Handwerker der Zukunft erwartet. Das Handwerk braucht in seinen Reihen lernstarken Nachwuchs und auch den Fachhochschüler bzw. Ingenieur. Handwerk und Bildung, Handwerk und Geist gehören stärker als bisher wieder zusammen.

Angesichts der Tatsache, daß die Stärkung der ortsnahen handwerklichen Produktions- und Dienstleistungsangebote einen wesentlichen Beitrag zum Entstehen nachhaltiger und selbstragender Strukturen leisten kann, sind Politik und Wirtschaftsförderung aufgefordert die Rahmenbedingungen für das Handwerk der Zukunft zu verbessern: Der Faktor Arbeit darf nicht länger zur Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben herangezogen werden und muß entlastet werden. Forschungs-, Wisssenschafts- und Bildungspolitik sind aufgerufen, an den strategischen Stärken und Chancen dieses Wirtschaftsbereiches konsequent anzuknüpfen. Kreativtätsfördernde Werkzeuge, kooperative Lösungen für Logistik-, Vertrieb oder Qualifizierung können Innovation und Entwicklung im oben genannten Sinne unterstützen und verstärken.

 

Hamburger Handwerk: es gibt nichts gutes, außer man tut es

Mit der Gründung des Hamburger Zentrums für Energie, Wasser und Umwelttechnik vor über 13 Jahren hat das Hamburger Handwerk seine Pionierrolle im Arbeitsfeld „Handwerk und Umwelt" begründet und seitdem systematisch ausgebaut. Unternehmen aus Hamburg und anderen Regionen finden beim ZEWU Unterstüzung bei der Bewältigung der betrieblichen Umweltschutzprobleme, schicken ihre Mitarbeiter ins ZEWU zur Qualifizierung (z.B. effiziente oder regenerative Energieanlagen, ökologisches Bauen u.a.m.). Und dort, wo es noch keine Lösungen gibt, werden mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen gemeinsam organisatorische oder technische Lösungen erarbeitet. Wo notwendig werden Drittmittel des Bundes oder der Region in Anspruch genommen. Dabei erweist es sich häufig als sinnvoll von vornherein Branchenlösungen zu erarbeiten oder aber dabei zu helfen, daß im Handwerk kooperative Strukturen (z.B. Entsorgung, Logisik, Umweltmanagement u.a.) aufgebaut werden. Da viele Handwerksbetriebe nicht über die finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten verfügen, um komplexe Aufgaben bei der Entsorgung, beim Stoffstrommanagement, der Informationsbeschaffung und -Verarbeitung oder bei der Entwicklung bzw. Vermarktung neuer Produkte und Dienstleistungen alleine zu lösen, und schon die Antragstellung auf öffentliche Förderung für Kleinbetriebe ein schwer zu kalkulierendes Risiko darstellen, bietet das ZEWU als Infrastruktur sowohl für das Handwerk mit seinen Unternehmen, als auch für die Region erhebliche Chancen eine ökologisch und ökonomisch nachhaltige Entwicklung der Region voranzutreiben. Klassische Umweltschutzaufgaben des Immissionsschutzes und der Entsorgung werden heute erweitert und ergänzt von Entwicklungsprojekten, die dem Gedanken des nachhaltigen Wirtschaftens verpflichtet sind. Das Thema Maßproduktion wird mit Schuhmachern, Orthopäden und SchneiderInnen bearbeitet: die handwerkliche Maßfertigung soll in Hamburg wieder einen festen Stellenwert erhalten und zu einer deutlicher sichtbaren Alternative zur Massenware werden. Auch die Effizienz handwerklicher Reparturdienstleistungen bis hin zur Bereitschaft der Verbraucher die Einwegmentalität zugunsten umweltfreundlicherer Verhaltensweisen aufzugeben, sind inzwischen Gegenstand von Forschung und Entwicklung. Die traditionellen Fragen des Umweltschutzes werden dabei zunehmend um neue Aspekte und Fragen erweitert, die auf den ersten Blick mit Umweltschutz nichts zu tun haben: Konsumgewohnheiten und Lebensstile, Produktentwicklung unter dem Gesichtspunkt der Qualität bzw. Nutzungsverlängerung oder der Ästhetik, Marketing und Vertrieb, Kooperation und Logistik, neue Dienstleistungen, neue Werkzeuge, Netzwerkmanament, Finanzierungsfragen u.a.m. treten hierbei stärker in den Vordergrund. An die Stelle des traditionellen nachsorgenden Umweltschutzes, der Geld kostet und Arbeit macht, werden zukunftsfähige, ganzheitliche Unternehmens- und Produktkonzepte diskutiert und entwickelt, die darauf hinauslaufen, daß das traditionelle handwerkliche Produkte und die Dienstleistung insgesamt in Frage gestellt oder neu bewertet bzw. neue kombiniert werden.

 

Laut dem Institut für Mitttelstandsforschung (1993) hatten 1987 europaweit 99 % aller Unternehmen weniger als 100 Beschäftigte und 97 von 100 Unternemen sogar weniger als 10 Mitarbeiter.

Aus: BUND und Misereor (Hg), Zukunftsfähiges Deutschland, Basel, Boston, Berlin 1996

Vgl. das Buch: Christine Ax, Das Handwerk der Zukunft - Leitbilder für nachhaltiges Wirtschaften, Basel, Boston, Berlin 1997

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