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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Die Rolle der Arbeit...   Donnerstag, 25.6.   Freitag, 26.6.   Samstag, 27.6.   Vortragstexte

Ministerin Klaudia Martini

Rede zu Vianden

25.Juni 1998

 

Anrede,

ich begrüße Sie heute ganz herzlich zu den zweiten Gaytaler Gesprächen. Ich freue mich ganz besonders, daß es diesmal zu einer grenzübergreifenden Kooperation bei der Ausrichtung dieser Veranstaltungsreihe gekommen ist. Die Beteiligung des Umweltministeriums des Großherzogtums Luxemburg, des LEADER-Büros Munshausen aus Luxemburg sowie der internationalen Vereinigung "Ruralité-Environnement-Developpement" (R.E.D.) aus Belgien zeigen, daß die Suche nach Wegen zu einer Nachhaltigen Entwicklung in der Region eine grenzüberschreitende Bedeutung hat und auch in Belgien und Luxemburg ein bedeutsames Thema darstellt. Regionen enden eben nicht an ihren Verwaltungsgrenzen. Ebensowenig wie deren Probleme und die anzustrebenden Problemlösungen. Garanten für ein Weiterkommen sind hier eine gute Nachbarschaft, Austausch und Kooperation. Herzlichen Dank für Ihre Kooperationsbereitschaft und Unterstützung bei der Ausrichtung dieser Veranstaltung.

Anrede,

bei den ersten Gaytaler Gesprächen ging es um die Rolle des Geldes.

Die Beiträge im vergangenen Jahr haben gezeigt, daß es durchaus realistische Ansätze einer nachhaltigen Regionalentwicklung gibt, die durch eine sinnvolle Ausrichtung von Fördergeldern oder durch innovative Wege der Kreditinstitute bei der Finanzierung von Projekten unterstützt werden können.

Die "UNEP-Erklärung der Finanzinstitute zur Umwelt und zur Nachhaltigen Entwicklung" macht deutlich, daß die Kreditwirtschaft sich ihrer Verantwortung und Verpflichtung zu einer Nachhaltigen Entwicklung durchaus bewußt ist.

Mein Haus steht seither in einem regelmäßigen Austausch mit dem Sparkassen- und Giroverband Rheinland-Pfalz, um auszuloten, inwieweit die Kreditwirtschaft in Rheinland-Pfalz die Ideen und Ziele einer Nachhaltigen Entwicklung in ihrem Bereich unterstützen, befördern und anwenden kann. Die Ergebnisse der Gespräche werden in einer gemeinsamen Vereinbarung demnächst veröffentlicht.

Anrede,

Das Thema dieser 2. Gaytaler Gespräche lautet: Arbeit und Nachhaltige Regionalentwicklung.

Arbeit - Kein Thema dominiert die Schlagzeilen der Presse mehr. In Deutschland haben zur Zeit über 5 Millionen Menschen keinen Zugang zu bezahlter Arbeit. In Europa sind es 18 Millionen (Jahresdurchschnitt 1997). Unsere Produktivität nimmt mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien weiterhin ungeheuer zu. Inzwischen hat aber eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt stattgefunden. "jobless growth" ist der Fachterminus für diese Entwicklung.

Bis zum Jahr 2010 sind etwa 80% aller Arbeitsplätze in den führenden Industriestaaten (G-7-Staaten) potentiell auslagerungsfähig so eine Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology. Nur noch 10 Millionen Kernarbeitsplätze, sogenannte "Core-Jobs", bleiben womöglich für Deutschland übrig, sagen manche Experten. Neben dieser hochqualifizierten Kernarbeit blieben für die Mehrheit der Bevölkerung nur zuarbeitende „Rand-jobs" ("Fringe-Jobs"), ausgewiesen durch niedrige Anforderungen, geringes Know-how und leichte Austauschbarkeit.

Wir müssen also feststellen: Die Arbeitswelt entwickelt sich nicht nachhaltig. Hält die bisherige Entwicklung an, werden für immer weniger unserer Kinder den heutigen Erwerbsmöglichkeiten vergleichbare zur Verfügung stehen. Dies würde unsere Gesellschaft enorm verändern. Das Phänomen kann überall auf der Welt beobachtet werden. Es ist global, regional und bis in den Mikrokosmos der Familien hinein spürbar und bewegt die Menschen und erfüllt viele mit Sorge.

Die allenthalben zu hörende Lösung lautet: Wir müssen den globalen Standortwettbewerb gewinnen. Bedingung dafür sei, daß alle ökologischen und sozialen Standards auf den Prüfstand kommen. Je freier die Rahmenbedingungen dann gestaltet würden, desto eher könne der Markt alles regeln. Dies nütze allen, der Gesellschaft der Natur und der Wirtschaft gleichermaßen. Deutschland sei zwar noch nicht richtig fit, aber die Lage sei auch nicht hoffnungslos.

Anrede,

Natürlich gibt es zum grenzüberschreitenden Wettbewerb keine Alternative. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Die Exportnation Bundesrepublik profitiert immens davon. Wer dies leugnet, ist nicht ernstzunehmen. Mittlerweile stehen aber unsere Solidargemeinschaft, unsere in der Vergangenheit erreichten sozialen und ökologischen Standards, selbst die Generationenverträge, auf dem Prüfstand.

Meiner Meinung nach besteht die wirkliche Herausforderung nicht darin, mit immer weniger Menschen immer schneller und immer billiger immer mehr zu produzieren. Die Frage „Wieviel ist genug?" drängt sich geradezu auf. Die wirkliche Herausforderung ist vielmehr, so zu produzieren, daß die Ressourcen geschont werden, daß die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden, daß unsere Überlebensgrundlagen nicht zerstört werden, daß Verteilungsgerechtigkeit herrscht, daß alle Menschen in Würde leben können. Das will nachhaltige Entwicklung. Dazu haben sich 178 Staatschefs in der Agenda 21 verpflichtet. Dies sind die gesellschaftlichen Ziele, die es anzustreben gilt. Darin besteht der eigentliche Standortwettbewerb. Die Idee der Nachhaltigen Entwicklung zeigt, daß Probleme der Arbeit und der Umwelt miteinander verknüpft sind und sinnvoll zusammen gelöst werden müssen. Hohe ökologische Standards schaffen Arbeitsplätze.

Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft, produktintegrierter Umweltschutz, Beratungs-, Wartungs- und Reparaturdienstleistungen sind hier die Stichworte, die dies belegen können. Darauf wollen die Gaytaler Gespräche aufmerksam machen. Wir werden heute und morgen einige Beispiele kennenlernen.

Anrede

Noch etwas anderes ist spürbar:

Der zunehmende Verlust an Vielfalt. Dieser Verlust ist die Kehrseite der Globalisierung. Das Motto lautet: "Immer das gleiche zu jeder Zeit an jedem Ort". Wollen wir das? Ernst-Ullrich von Weizsäcker stellt in dem von ihm mitverfassten Buch "Faktor 4" fest:
"Auch wenn an jedem Ort der Welt die Angebotsvielfalt wächst, so nimmt die Zahl der Angebote doch ständig ab. Wieviele lokale Getränke sind von CocaCola verdrängt worden? Wieviele Obst- und Gemüsesorten sind infolge der Standardisierung der Sorten von den Märkten verschwunden? Nach einer Studie des Rural Advancement Fund International sind von 1903 bis 1983 insgesamt 97 % der damals bekannten Gemüsesorten nicht mehr im Angebot und vermutlich verlorengegangen. Von den 7098 im 19.Jahrhundert gehandelten Apfelsorten sind 6121 (86%) verschwunden."

Eins ist natürlich klar und dies ist für die Regionalentwicklung ganz wichtig: Wenn Produkte und Dienstleistungen ihre Heimat verlieren, dann gibt es vor Ort immer weniger zu tun.

Ernst Ullrich von Weizsäcker meint in einem Beispiel dazu: "Würde Charles Darwin als moderner Ökonom auferstehen und auf den Galapagos-Inseln stranden, würde er wohl bald verlangen, eine Landbrücke nach Ecuador zu bauen (möglichst mit Steuermitteln), um die Ausbreitungs"hemmnisse" für Spechte zu beseitigen. Dann könnten diese endlich die unterentwickelte Insel erobern und die ineffizienten, unbeholfen mit ihren Hölzchen fummelnden Finken ablösen. Der Ökonom Darwin würde erklären, das sei gut für alle und für die ökonomische Evolution."

Darwinfinken hätten dann keine Chance.

Weizsäcker plädiert für Vielfalt. Vielfalt ist nicht nur ein Wert an sich. Vielfalt ist die Grundbedingung für die Stabilität von Ökosystemen, auch was die Wirtschaftlichkeit von Ökosystemen anbelangt. Die Natur macht es uns vor: Sie arbeitet mit einer Ressourceneffizienz, von der Menschen nur träumen können. Sie wirft grundsätzlich nie etwas weg, verwirft höchstens mal einen Entwurf, der aus dem Ruder läuft. An bewährten Strukturen hält sie dagegen fest. Möglich ist dies nur durch feinstabgestimmtes Ineinandergreifen vieler Rädchen, jedes mit einer ganz besonders speziellen Fähigkeit. Alle Fähigkeiten sind notwendig.

Was für die Natur gilt, gilt auch für Regionen. Nur Vielfalt ermöglicht Synergieeffekte. Lebendige Regionen bieten diese Vielfalt. Regionen sind die Reaktionsgefäße, in denen die Zukunft, die zukünftige Entwicklung zusammengebraut wird. Dies ist ein ergebnisoffener Prozeß. Wir, wer sonst, haben es in der Hand, das zu säen, was wir und unsere Kinder einmal ernten wollen. Deshalb müssen wir uns darüber einigen, was unser wichtigstes gesellschaftliches Ziel sein soll und anfangen danach zu handeln.

Der regionalen Ebene kommt bei der Entwicklung neuer, tragfähiger Entwicklungsmodelle eine entscheidende Rolle zu: Die Region ist die unmittelbare Lebenswelt der Menschen:

  • In der Region können die spezifischen Bedürfnisse der Menschen konkret erfahren und präzise artikuliert werden.
  • Hier können auch die Folgen des eigenen Handelns unmittelbar erfahren und verantwortet werden.
  • Nur in überschaubaren Räumen lassen sich ökologische, ökonomische und soziale Zusammenhänge verantwortlich gestalten.
  • In der Region lassen sich dezentral in vernetzten Strukturen viele Probleme effizienter lösen.
  • Hier könnte eine breite öffentliche Diskussion über die gemeinsame Zukunft gelingen.
  • Nur vor Ort können Veränderungen direkt begonnen und weiterentwickelt werden.

Jede Region soll überlegen, was sie schon hat, für die Region Trier fällt mir da eine ganze Menge ein:

Im Rahmen ihres Projekts „Kleine Wege - Große Küchen" baut die Katholische Akademie Trier innovative Vermarktungsstrukturen für landwirtschaftliche Produkte aus der Region auf. Dadurch werden nicht nur klein- und mittelständische Betriebe gestützt und Arbeitsplätze gesichert. Auch die Beziehungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern werden dadurch wieder intensiviert.

Das Saar-Lor-Lux-Umweltzentrum des Handwerks Trier konnte durch sein Beratungs- und Betreuungskonzept viele Handwerksbetriebe von den Vorteilen einer umweltorientierten Unternehmensführung überzeugen. Das bemerkenswerte Resultat: In der Region Trier gibt es jetzt die europaweit höchste Dichte an öko-auditierten Handwerksbetrieben.

Es freut mich besonders, daß, ebenfalls veranstaltet vom Umweltzentrum des Handwerks, in wenigen Tagen im Gaytal-Park eine Fachtagung zum Thema „Nachwachsende Rohstoffe aus der Region: Neue Chancen für eine Partnerschaft zwischen dem Handwerk und der Landwirtschaft?" stattfindet.

Auch die Nutzbarmachung regenerativer Energiequellen bietet gerade den regionalen Handwerksbetrieben neue Tätigkeitsfelder.

Im Bereich des Holzmarketings werden (von der Landesforstverwaltung?) für kleinere Sägewerke neue Vermarktungsmöglichkeiten geschaffen. Durch die „Vortrocknung von Sichtstammholz an der Luft" wird die Holzqualität verbessert und damit die Absatzchancen merklich erhöht.

In der Gemeinde Bergweiler im FA Salmtal werden Kindergarten und Schule mit einer Holzhackschnitzelanlage beheizt. Das benötigte Holz stammt aus dem eigenen Gemeindewald.

Auch außerhalb der Region Trier gibt es Ansätze.

In Hachenburg im Westerwald setzt die Verbandsgemeinde bei Energiesparprojekten wie dem Bau eines Blockheizkraftwerkes ausschließlich auf heimische Handwerker. Für den Erhalt der Arbeitsplätze ist es sinnvoll in neue Techniken zu investieren statt mit veralteter Technik Geld zu verheizen.

Weitere Beispiele ließen sich anführen.

Anrede,

Regionen sind voller Experimente, gewollter und ungewollter. Die ungewollten, die wie biblische Plagen über eine Region kommen können, sind fast immer viel schmerzhafter als die gewollten.

z.B.:Wenn der einzige Arbeitgeber vor Ort schließt?

z.B.:Wenn die amerikanischen Streitkräfte aus Europa abziehen?

Der Verlust der Vielfalt wäre jedoch das allergrößte Experiment. Dann würden die Regionen ausbluten, ihren Charme und ihr kulturelles Gedächtnis verlieren. Ich plädiere für möglichst viele gewollte, mutige und phantasievolle, wohldurchdachte und maßvolle Experimente. Für eine Nachhaltige Entwicklung in der Region sind sie unverzichtbar.

Hier ist die Politik gefragt, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Region ist kostbar, sie muß entwickelt werden, nicht abgewickelt. Wir brauchen die Regionen als solides Widerlager für die Brücken zur Welt. Mit dem Konzept einer nachhaltigen Regionalentwicklung soll auch herausgefunden werden, welche Veränderungen derzeit schon möglich sind. Nachhaltige Entwicklung geht alle Gruppen und Akteure einer Region an und ist ein langfristiges Ziel, das vieler Schritte bedarf.

Vor 4 Monaten haben sich auf dem Hofgut Imsbach die verantwortlichen Minister und Gewählte der Großregion Saarland, Lothringen, Luxemburg, Wallonien und Rheinland-Pfalz auf eine gemeinsame nachhaltige Entwicklungsstrategie geeinigt. Dies betrifft den Erfahrungs- und Informationsaustausch wie auch die verstärkte Kooperation in Naturschutz, Forstwirtschaft und Hochwasserschutz. So soll zum Beispiel der Naturpark Pfälzerwald-Nordvogesen-Bliesgau als weltweit erstes grenzüberschreitendes Biosphärenreservat anerkannt werden. Auch das Gipfeltreffen der Regierungschefs unserer Großregion am 19.November wird sich mit diesem Thema befassen.

Vor allem aber muß Nachhaltige Entwicklung von den Menschen vor Ort mit Leben erfüllt und mitgetragen werden. In Rheinland-Pfalz gibt es ermutigende Ansätze. Immer mehr Kommunen haben mittlerweile Ratsbeschlüsse für eine lokale Agenda 21. Das Bewußtsein, daß die wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklung der eigenen Gemeinde zusammenhängend gelöst werden muß, daß ein entsprechendes Agenda-Programm eine positive Entwicklung vor Ort möglich macht, setzt sich langsam durch.

Wenn Regionen und Kommunen gemeinsam und abgestimmt bei sich nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 21 planen und umsetzen, dann, so glaube ich, besteht eine gute Chance, daß sie im Einklang mit einer intakten Umwelt Orte zum Wohnen zum Arbeiten zum Leben für die Menschen bleiben können. An diesem Experiment sind wir alle beteiligt. Jeder an seinem Platz. Zu tun gibt es genug. Der Markt allein wird es nicht in unserem Sinne regeln.

Ich habe den Wunsch, daß es uns gemeinsam gelingt, während der Gaytaler Gespräche so nahe wie möglich an die praktischen Probleme einer nachhaltigen Entwicklung in der Region heranzukommen.

Ich freue mich jetzt auf die Vorträge von

Prof. Dr. Klaus Türk

zum Thema „Geht der Gesellschaft die Arbeit aus?, von Prof. Dr. Gaston Schaber

über „Regionalentwicklung und die Perspektiven existenzsichernder Arbeit", und von

Frau Christine Ax die über „Das Handwerk und seine strukturelle Bedeutung für regionale Ansätze nachhaltigen Wirtschaftens" sprechen wird.

Für heute abend darf ich sie zu einem Spaziergang hinauf nach Burg Vianden einladen um dort den Festvortrag von Dr. Erhard Eppler, Kann Politik Arbeit schaffen?, zu hören.

Anschließend wollen wir im Gespräch miteinander bei Speis und Trank den Abend ausklingen lassen.

Ich danke Ihnen.

 

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