Trends im ethisch-ökologischen Investment
Der Nische entwachsen?
Von Jörg Weber
Es ist paradox: Die Umweltbewegung liegt danieder, doch die grüne Finanzbranche wagt selbstbewusst den Ausbruch aus der Öko-Nische und beschreitet erfolgreich neue Wege. Die Momentaufnahme eines Kurswechsels.
Was passiert mit meinem Geld? Bin ich bei der Geldanlage genauso verantwortungsvoll wie in anderen Lebensbereichen? Das fragen sich immer mehr private Investoren. Denn die Umweltbewegten sind nicht nur zahlreicher geworden, sondern auch älter - und damit vermögender. Nie hat es in Deutschland eine "Erbengeneration" gegeben, die über derartige finanzielle Mittel verfügt. Das Vermögen mag immer noch höchst ungleichmäßig verteilt sein, aber es ist in gewissem Sinn frei: Es wird bei vielen nicht für das Lebensnotwendige gebraucht. Also kann es dazu dienen, zu gestalten. Viele wollen mit ihrem Geld die Welt bewegen, möchten inhaltliche Kriterien befolgen, wenn sie Geld anlegen. Sie investieren in Unternehmen, die ökologisch und sozial orientiert sind. Aber nicht nur sie: Auch eine junge Generation von professionellen Anlagemanagern in Banken, Versicherungen, kurz: in der gesamten Finanzdienstleistungsbranche fragt nach der richtigen Verwendung von Geld.
Für diese junge Generation ist Umweltschutz zur Selbstverständlichkeit geworden, sie sieht das Thema oft ohne ideologische Scheuklappen und erkennt die Chancen: Mehr Sicherheit und mehr Ertrag durch Ausschluss von Umweltrisiken und nachhaltige, also auch langandauernde, Renditen. Langsam durchdringt der Gedanke an ein umweltschonendes, nachhaltiges Wirtschaften eine Branche nach der anderen. Geld wird dabei als Hebel angesehen, mit dem träge Massen in Bewegung gebracht werden können. Der Umgang mit dem so genannten "grünen" Geld hat sich in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht verändert. Vor allem ist er unverkrampfter und facettenreicher geworden. Auch Nicht-Grüne investieren nun grün. Es gibt den "grünen Dagobert", der mit Wind- und Solaraktien zockt, gar Day-Trading betreibt und höhere Gewinne einstreicht als mit Internetaktien. Und es gibt gleichzeitig immer mehr Spender, die beispielsweise Stiftungen einrichten, um sozial und ökologisch Gutes zu tun. Lokale Initiativen verkaufen 500-Mark-Anteile für Solarstromanlagen. Daneben gibt es Firmenerben, Vorstände, Aufsichtsräte, Politiker, die die gesamte Finanzbranche langsam zu mehr Nachhaltigkeit bringen wollen.
Branche im Umbruch
Ein Umbruch in der Szene des grünen Geldes wird deutlich: Die letzten Jahre sind beim Thema Grünes Geld geprägt vom Abgang einiger ehemaliger "Gurus": Hans Berner etwa, mit seiner Kölner "EthIK" immer wieder in den Schlagzeilen und auch immer wieder vor Gericht, wird von den meisten Anlegern wegen diverser Skandale und Skandälchen nur noch belächelt. Weitere Hohepriester des ethischen Investierens mag es schon bald treffen. Schlicht, weil sie im Lauf der Jahre zu gierig geworden sind, weil sie ihren eigenen Anspruch nicht mehr leben. Manche Öko-Finanz-Vermittler, auch solche der Pionierphase, kassieren Provisionssätze von 15 und mehr Prozent bei außerbörslichen Aktienemissionen. Die Kunden wissen das (noch) nicht, sind gutgläubig, denken, ihr gesamtes Geld würde einem Umweltprojekt zugute kommen. "Blasen" sind möglich geworden im Öko-Bereich, die Fachleute eigentlich nur Internetaktien zutrauen würden: Einige altgediente Öko-Recken haben es geschafft, das Image des Gutmenschen so hell strahlen zu lassen, dass die Anleger nicht einmal hinterfragten, ob es ethisch ist, wenn ein einzelner Vorstand einer Öko-AG schon kurze Zeit nach dem Börsengang dank des Besitzes seiner Aktienmehrheit plötzlich ein Vermögen im Wert von 200 oder 300 Millionen Mark angehäuft hat. Ein Anlass zur Sorge: Je größer das Interesse der Anleger ist, desto mehr schwarze Schafe zieht der Markt an. Die könnten sich als Wachstumshindernis erweisen, denn Kapitalmärkte brauchen vor allem Vertrauen. Ein bis zwei Skandale mit pseudo-grünen Beteiligungsgesellschaften würden den ökologischen Geldanlagebereich um Jahre zurückwerfen.
Markt wandelt sich
Der grüne Geldmarkt wandelt sich: er geht vom Anbieter- zum Nachfrager-Markt über. Die Jahre bis etwa 1998 waren eine Phase des Aufbaus, des langsamen Wachsens. Anleger mussten mühsam gewonnen werden, um kleinere Projekte zu finanzieren. Die Finanzierung war das eigentlich Probleme für viele. Der neue Trend: Die privaten Anleger sind gewillt, zu investieren, die Kapitalvermittler hätten keine Probleme, Geld für Projekte zu finden. Aber es steht mehr Kapital bereit als in interessanten und seriösen grünen Unternehmen anzulegen wäre! Gäbe es mehr sauber kalkulierte Angebote für Unternehmensbeteiligungen - die Investoren würden einsteigen. War es vor zehn Jahren noch ein finanzielles Abenteuer und eine Kunst, ein Windrad für 200.000 Mark finanziert zu bekommen, so sind heute die Kontakte und Wege von den Unternehmern zu Banken und andere Kapitalakquisiteuren eingeschliffen - business as usual. Windfonds-Unternehmen planen zur Zeit Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee mit einem Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Mark und das Geld scheint das geringste Problem zu sein, allenfalls die Technik und die Genehmigungen machen Sorgen. Plötzlich arbeiten frühe Vorreiter aus der Grünes-Geld-Szene mit Tochtergesellschaften des Daimler-Chrysler-Konzerns zusammen - was bis vor wenigen Jahren wohl beiden Seiten undenkbar erschienen wäre. Die Deutschen interessieren sich seit dem Börsengang der Telekom wieder mehr für Aktien. Der Grüne-Geld-Bereich war hier seiner Zeit weit voraus: Öko-Anleger investierten schon in kleine Aktiengesellschaften, als in Deutschland noch allenthalben ein Mangel an Risikokapital beklagt wurde. Im grünen Bereich sind es immer noch die Privatanleger, die die Masse des Kapitals für junge Unternehmen zur Verfügung stellen - nicht etwa Venture-Capital-Gesellschaften oder Banken.
Zeit der Ernte
Während alle Welt vom Niedergang der Umweltpolitik und der Umweltbewegung redet, liegt Grünes Geld im Trend. Ein Paradoxon? Nicht unbedingt: Immer mehr private Investoren erkennen, wieviel sie mit ihrem eigenen Kapital steuern können. Die Kleinsparer haben in der Summe eine wirtschaftliche Macht, die im Umweltschutz etwas bewirken kann. Und dank des Internets können sich die privaten Anleger rasch austauschen, Investitionen diskutieren und beginnen, zu steuern. Der Staat investiert zu wenig in Umweltschutz und Nachhaltigkeit? Das ist schlecht, aber der Bürger muss es ihm ja nicht nachtun. Und heute schon wird sichtbar, was Bürger durch ihre Geldanlage seit Beginn der Neunzigerjahre erreicht haben. Damals gab es weder Internet noch Milliarden, die private Anleger in den grünen Bereich steckten. Aber die Millionen, die damals in die Windenergie flossen, haben diese Branche groß gemacht. Ihre 30.000 Arbeitsplätze würde es ohne die privaten grünen Investoren, die Anfang der Neunzigerjahre fünfhundert oder tausend Mark in Bürgerwindparks steckten, nicht geben. Die Windanlagenhersteller hätten sich nicht entwickeln können. Erst das Vertrauen der Unternehmer in die Finanzkraft der umweltbewussten Menschen hat das Wachstum der Windbranche ermöglicht. Das Wissen, dass sie sich auf die grünen Anleger verlassen können, hat es auch neuen Unternehmern ermöglicht, in Deutschland wieder Solar-Fabriken zu errichten, nachdem die Großunternehmen aus dieser Branche ausgestiegen waren.
Vom Schubladendenken zu einer Politik der stetigen kleinen Schritte
1994 hielt der Soziologe Ulrich Beck Vorträge bei den Grünen und bei Greenpeace. Beide litten nach der deutschen Vereinigung unter einer gewissen Orientierungslosigkeit: Das Thema Umwelt war in den Hintergrund getreten, die Position der Umweltbewegung musste neu definiert und erobert werden. Beck riet unter anderem dazu, neue Möglichkeiten der politischen Gestaltung zu nutzen. Er schlug in, wie er meinte ironisch-überteibender Form vor, macchiavellistischer vorzugehen, das Macht-Spiel mitzuspielen. "Man muss die Gewinner- und Verliererkonstallationen neu gestalten", forderte er. Ökologie dürfe nicht mehr als ein Feld betrachtet werden, auf dem in der Wirtschaft nur Verlierer übrig blieben; es gebe immer auch Gewinner und die müsse die Umweltbewegung herausstellen und sich zeitweise mit ihnen verbünden, um die eigenen Ziele voranzutreiben. Greenpeace spielte dieses Spiel in den folgenden Jahren recht erfolgreich: Der erste Kühlschrank ohne FCKW wurde von der ostdeutschen Firma Foron produziert, mit Unterstützung von Greenpeace. Dass Foron später von der Bildfläche verschwand, war die Folge eines marktwirtschaftlichen Ausleseprozesses mit einer gewissen Tragik. Das Ziel jedoch war erreicht: Kühlschränke waren FCKW-frei, nach einiger Zeit wollten die Kunden die konventionellen Kühlschränke schlicht nicht mehr kaufen. Noch mehrfach setzte Greenpeace die Taktik ein, die man nennen könnte: "Verbünde dich mit dem Umweltbesten einer Branche, hilf ihm zu wirtschaftlichen Erfolg und zwinge dadurch die anderen zu folgen!" Es dauerte jedoch noch bis Mitte der Neunzigerjahre, bis diese Taktik - bewusst oder unbewusst - auch beim grünen Geld in der Praxis umgesetzt wurde: Die kleine Züricher Gesellschaft SAM schlug David E. Moran, dem Präsidenten der amerikanischen Dow-Jones-Gruppe 1999 vor, zusammen einen neuen Börsenindex aufzulegen, mit dem langen Namen "Dow-Jones-Sustainability (Nachhaltigkeits)-Group-Index". Anfang September 1999 präsentierten SAM und Dow-Jones das neue Produkt Nachhaltigkeitsindex. Er soll die Nachhaltigkeits-Performance von großkapitalisierten Unternehmen darstellen, deren Anteile an den wichtigen Börsenplätzen der Welt gelistet sind und dank sehr guter Liquidität jederzeit gehandelt werden können. Die Dow Jones Sustainability Group Index Familie besteht aus einem globalen Aktienindex, dem DJSGI, sowie drei regionalen (Europa, Nordamerika, Asien/Pazifik) und einem nationalen Teilindex (USA). Es wurden nur die Firmen in den Nachhaltigkeits-Index aufgenommen, denen das SAM-Sustability-Rating eine besonders nachhaltige Unternehmensstrategie bescheinigte. Das SAM-Rating wird zwar teilweise heftig kritisiert, weil die inhaltlichen Kriterien nicht scharf genug sein sollen; auch verwunderte es, wie lange es dauerte, bis SAM offenlegte, welche Unternehmen in den Index gehören (vergl. S. 98). Doch neben der gelungenen Marketing-Strategie, Dow Jones in dieses Projekt einzubeziehen, ist bei dem SAM-Ansatz vor allem interessant, dass es sich einmal mehr um die alte Greenpeace-Taktik handelt: Den Umweltbesten einer Branche loben und als Vorbild für andere hinzustellen. Dadurch steigt der Druck auf nicht nachhaltig operierende Unternehmen. Dass die Taktik aufgeht, zeigte sich im September 2000: Der Autohersteller BMW, laut SAM zum "Nachhaltigkeits-Leader" in seiner Branche gekürt, schaltete halbseitige Anzeigen, in denen er dieses Ergebnis stolz verkündete. Hinter vorgehaltener Hand bekundeten DaimlerChrysler- Manager, dass die eigene Führungsetage es gar nicht gerne sehe, dass BMW im wichtigen Bereich Umweltschutz vorne liege. Dass BMW sicher kein Umweltengel ist, dass der Konzern noch vieles besser machen könnte - das sehen die meisten. Aber wichtig daran ist die Taktik: Die Konzerne werden nicht verteufelt, sondern zu kleinen Schritten bewegt. Auch das ist neu beim Thema Grünes Geld. Es ist nicht der einzige Weg zu mehr Einfluss des Geldes in Richtung Nachhaltigkeit, aber ein wichtiger Weg.
Begrünung von oben
Die Finanzbranche gilt heute als der aussichtsreichste Hebel, um das Wirtschaften umweltverträglicher zu gestalten. Der Industrielle Stephan Schmidheiny, der die Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 initiiert und organisiert hatte, hat das in seinem Buch "Die Finanzierung des Kurswechsels" beschrieben. Den Banken und Versicherungen, die beim Umweltschutz bisher weniger im Blickpunkt standen, gesteht er beim Umweltschutz auf der ganzen Welt eine herausragende Rolle zu: Als Lenker der globalen Kapitalströme sollen sie die Weichen umstellen, lautet eine seiner Thesen. Die UNO-Unterorganisation UNEP (United Nations Environmental Programme) hat nun immerhin weltweite Umwelterklärungen der Banken und der Versicherungen auf den Weg gebracht. Hier können sich Unternehmen aus beiden Branchen freiwillig verpflichten, durch ihre Geschäftstätigkeit zum Umweltschutz beizutragen. Einige Großbanken und Versicherungen, vor allem aus der Schweiz, haben ein Umweltmanagementsystem nach DIN ISO 14.000ff eingeführt. Sie betrachten nun auch vermehrt ihre Produkte, also etwa Kredite oder Policen, unter Umweltgesichtspunkten. Dasselbe gilt für das europäische Öko-Audit: Seit das Öko-Audit-Zertifikat auch von Dienstleistern wie Banken und Versicherern erworben werden kann, besteht ein zusätzlicher Anreiz, Finanzprodukte umweltverträglicher zu gestalten. Da es zunächst einmal gilt nachzuweisen, wie sich denn ein Kredit, eine Firmenbeteiligung oder eine Versicherungspolice auf die Umwelt auswirken kann, wird es hier nur ein langsames Umschwenken geben. Aber schon jetzt machen sich die Manager in den Finanzkonzernen Gedanken darüber, welche "nachhaltigen" Produkte sie ihren Kunden anbieten können. Sie lernen dabei, dass die Grüne Geldanlage kein Renditeverzicht-Areal ist.
Die Produktvielfalt steigt
Grüne Anleger haben durch diese Entwicklungen vor allem einen Vorteil: Es gibt immer mehr Möglichkeiten bei der ethischen, verantwortungsvollen, ökologischen und nachhaltigen Kapitalanlage. Damit treten ökologische Geldanlagen endgültig aus ihrer Marktnische heraus. Vom Aktienfonds bis zur Lebens- versicherung - zu jedem normalen Geldprodukt gibt es mittlerweile eine grüne Alternative. Beispiel Aktien: Junge Aktiengesellschaft platzieren ihre Papiere vor allem bei ethisch-ökologisch orientierten Investoren und fahren auch finanziell gut damit. Neben zahlreichen Öko-Fonds gibt es neue Instrumente wie Aktienbaskets, beispielsweise für Brennstoffzellen. Ende September 2000 wurden gleich fünf Anlageinstrumente bekannt, bei denen es sich nur um Investitionen in erneuerbare Energien handelt. Die meisten davon wurden von konventionellen Geldhäusern gestartet. Beispiel Versicherungen: Mehrere Gesellschaften haben ökologische Lebensversicherungspolicen im Sortiment. Die kleineren grünen Geldinstitute bieten Sparbriefe, Fonds, teilweise auch Girokonten an und vermitteln Beteiligungen an ökologischen Immobilienfonds. Fazit: Grünes Geld wird erwachsen. Das bringt mehr Einfluss und Wirkung mit sich. Und die Gefahr, dass es etwas seines jugendlich-alternativen Charmes verliert.
Weitere interessante Artikel zum Thema Grüne Geldanlagen finden Sie in der Heft 67/68 der politischen ökologie.
