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Rezension
Radkau, Joachim: Natur und Macht: Eine Weltgeschichte der Umwelt
Von Ernst U. Simonis
Ein schönes, ein bedeutendes, aber auch ein verwirrendes Buch! Schön, weil es ein Beispiel ästhetischer Buchdruckkunst liefert, bedeutsam, weil es ein Buch ist, das unbedingt geschrieben werden musste.
Doch wo fängt Umweltgeschichte an - bei den Phöniziern, der Industrialisierung Englands oder der Entstehung des Begriffs "Umwelt"? Und wie die große Fülle des Stoffes strukturieren - kulturgeschichtlich, geographisch oder medial? Irgendwie hat es der Autor geschafft, auf 340 Seiten Text, 82 Seiten Anmerkungen und 16 Seiten Register.
Was aber ist seine Arbeitshyphothese? Man müsste doch, angesichts all dessen, was in eine Weltgeschichte der Umwelt gehört, wissen, was wichtig und was weniger wichtig ist. Man bräuchte eine Theorie - denn ohne Theorie ist alles einmalig. Eine Theorie aber liefert der Autor nicht, dafür aber viele Worte, worum es in seinem Buch nicht geht. Vehement setzt er sich von Toynbees Geschichte der Hochkulturen, von Braudels Geschichte des Mittelmeerraumes ab - vor allem wegen deren mangelnder ökologischer Orientierung. Doch auch die zeitbewusste Umweltgeschichte, sagt er, habe ihre Scheuklappen. Statt sich auf die Agrar- und Forstgeschichte oder die großen Epidemien zu konzentrieren, ginge es dieser meist nur um industrielle Wasser- und Luftverschmutzung oder bloß um die Geschichte der Naturideen. Hier klingt an, was der Autor unbedingt belegen will: "In Wirklichkeit mündet die Umweltgeschichte nicht in eine Geschichte der Umweltpolitik..., sie bleibt im Kern eine Geschichte des Ungeplanten und Unerwarteten, der stets instabilen Symbiose von Mensch und Natur" (S. 339).
Radkau will also nicht als Krisenautor in die Geschichte eingehen. Bei Umweltgeschichte gehe es nicht nur um den Sündenfall, sie handele nicht nur von Menschen und ihren Werken, sondern auch von Schafen und Kamelen, von Sümpfen und Brachländern. Derart eingestimmt, nimmt einen der Autor mit auf eine lange Reise zurück ins Mittelalter und in die Frühzeit (beim Klimaproblem gar bis in die Eiszeit), in alle Kontinente, viele Regionen, zu vielen Völkern und Kulturen - zu manchen, wo man eine Symbiose von Mensch und Natur erwartet, zum Buddhismus und zu den Ureinwohnern Australiens und Amerikas, zu anderen aber auch nicht: nicht zu den Amish und auch nicht zu den Inuit.
Das 3. Kapitel hält am ehesten, was der Titel des Buches verspricht: Es geht um "Wasser, Wald und Macht". Hier trat Umwelt als ein gegen den Eigennutz zu verteidigendes Gemeingut erstmals in Erscheinung. Wasserbau, Herrschaft und ökologische Kettenreaktionen, der eine Strang - ausformuliert an den Beispielen von Ägypten und Mesopotamien, der Terassenkultur von Indonesien und China, den Wasserbaukulturen von Venedig und Holland. Entwaldung, Rodung und Forstordnungen, der andere Strang - exemplifiziert an Beispielen aus Europa. Viele bedeutende Autoren werden hierbei aus umweltpolitischer Sicht re-interpretiert, Geertz, Wittfogel, Needham, Huizinga und - natürlich - Goethe. Dem Kolonialismus ist das 4. Kapitel gewidmet. Die Beispiele reichen vom Mongolenreich über die Kolonialgeschichte Indiens bis zum Raubbau an Wald, Wild und Boden in Nordamerika. In den Kapiteln 5 und 6 geht der Autor mit vielen Beispielen und in penibler Detailbetrachtung der Frage der Interessen nach, beim "Natur- oder Heimatschutz" in Deutschland ebenso wie bei den Vorstellungen von "nationaler Natur" in den USA. In Deutschland gab es keine Rachel Carson, und doch erlebte die Umweltbewegung hier einen ersten Höhepunkt.
Das Buch endet mit einer Prognose: "Weil auf eine effektive Globalsteuerung der Mensch-Umwelt-Beziehungen keinerlei Aussicht besteht und die Politik mitsamt ihren Institutionen der Komplexität und Wandelbarkeit der Umweltprobleme nur begrenzt gewachsen ist, dürfte die Menschheit, wie stets in ihrer Geschichte, auch in Zukunft ganz wesentlich auf die Selbstheilungskräfte der Natur angewiesen sein"(S. 339). Hier widerspricht sich der Autor selbst. Mit vielen Beispielen hatte er ja nachgewiesen, dass Steuerung der Mensch-Umwelt-Beziehungen historisch sehr wohl erfolgreich gewesen ist - ab und zu. Zum anderen aber hätte es nahegelegen, sich mit jenen Selbstheilungskräften der Natur näher zu beschäftigen, besonders mit der Gaia-Hypothese. Doch Radkau nimmt den wichtigsten Autor der natürlichen Macht der Natur, James Lovelock, inhaltlich nicht zur Kenntnis. Seltsam!
Radkau, Joachim: Natur und Macht: Eine Weltgeschichte der Umwelt Verlag C.H.Beck, München, 438 S., 58 Mark, ISBN 3-406-46044-5
Einen umfassenden Überblick über die im Jahre 2000 erschienenen Umweltbücher gibt das politische ökologie "Literatur spezial 2001".
