Nachhaltige Entwicklung der Weltgesellschaft
Spätestens seit Rio schien sich die Welt einig, dass etwas getan werden muss. Der sich immer deutlicher abzeichnende Klimawandel, die schwindende Artenvielfalt und die Zerstörung natürlicher Lebensräume hatten das Thema nachhaltige Entwicklung auf die Tagesordnung gebracht. Demgegenüber stehen Schwellländer, die nach nachholender Entwicklung streben und Industrieländer, die fürchten, etwas von ihrem Reichtum abgeben zu müssen. Müssen die Reichen vorangehen und zuerst ihren ökologischen Fussabtritt verbessern? Oder führen nur weltweit gültige Standards zu der gewünschten Entwicklung? Über all diesen Fragen steht aber eine noch Zentralere: Kann das gängige, auf Wachstum beruhende Wirtschaftsmodell als Modell für die Zukunft dienen?
Biosphäre hat ihre Grenzen überschritten
Bisher geniesst nur etwa ein Viertel der Weltbevölkerung die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts und die Biosphäre hat bereits ihre Grenzen erreicht. Klimawandel und der Rückgang der Biodiversität sprechen eine deutliche Sprache. Das Bevölkerungswachstum erhöht den Druck. Die Folgen des Klimawandels sind heute schon in vielen Teilen der Welt zu spüren, die zu seiner Entstehung wenig beigetragen haben. Am schwersten betroffen sind häufig die Ärmsten in den Entwicklungsländern: Die Reisbauern in Bangladesch, wo 150 Millionen Einwohner 20 mal weniger CO² ausstoßen als Deutschland, bauen jetzt Okraschoten oder Gelbwurz auf schwimmenden Gärten an, um ihren Ertragsverlusten durch überschwemmte und versalzene Anbauflächen entgegenzuwirken.
Die Peak-Oil-Krise und ihre Bedeutung
Diese Umweltkrisen fallen zusammen mit der sogenannten Peak-Oil-Krise: In mehr als der Hälfte der erdölproduzierenden Ländern ist der Höhepunkt der Produktion bereits überschritten, die Endlichkeit von Erdöl und auch Gas zeichnet sich ab. In 25 Jahren wird die Produktion insgesamt in den Abschwung eingemündet sein. In der Industrieländern aber ist Erdöl einer der zentralen Pfeiler des bisherigen Wirtschaftswachstums: Die Automobilindustrie und damit auch viele andere Industriezweige fußen darauf. Das ist in zweierlei Hinsicht im Hinblick auf die Diskussion um Nachhaltigkeit entscheidend: Einerseits droht eine Verschärfung der Ernährungsunsicherheit vor allem in den ärmeren Ländern, weil der Mangel an Erdöl zur Umwidmung von Agrarflächen für die Produktion von alternativen Treibstoffen führt. Andererseits kann diese Krise die Klimakrise verschärfen, wenn sie dazu führt, dass stattdessen Kohle zum Einsatz kommt, deren Ökobilanz noch schlechter ist.
Machtpolitische Erwägungen prägen Diskussion
Die Konferenz von Rio 1992 vermittelte Aufbruchsstimmung, indem sie erstmals weltweite Vertreter zusammenbrachte, um menschliche Belange und die Belange der Umwelt in Einklang zu bringen. Die nachfolgende Konferenz 2002 in Johannesburg und die jüngste Konferenz 2009 in Kopenhagen aber machten deutlich, dass die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung der Weltgesellschaft vor allem von machtpolitischen Erwägungen bestimmt wird.
Schwellländer verweisen auf Zukurzgekommsein
In den Schwellländern verweist man auf die Verantwortung der Industrieländer und fordert, dass sie mit Maßnahmen zur CO²-Reduzierung vorangehen und die seit langem zugesagten Finanztransfers zur Umsetzung der Reduktionsziele in den Schwellenländern umsetzen. Mit dem Hinweis des bisherigen Zukurzgekommenseins verweisen sie auf ihre Ansprüche beim Zugriff auf natürliche Ressourcen und deren Verbrauch. Die Länder des Südens streben nach einem Zukunftsmodell, das am Wohlstand der Länder des Nordens bemessen ist. Nachholende Entwicklung gemessen am Standard der bisherigen Sieger heißt ihr Ziel. Aber um beim Beispiel der Autos zu bleiben: Die vorhandenen Ölquellen würde nicht einmal ausreichen, um die Autos von allen Chinesen anzutreiben. Die zukunftsweisende Frage ist also nicht mehr, ob genügend Ressourcen vorhanden sind, sondern wie sie verteilt werden.
Industrieländer fürchten Wohlstandsverlust
In den Industrieländern scheint die Befürchtung am Größten, etwas vom Wohlstand an den Süden abgeben zu müssen. Höhere Auflagen beim Klimaschutz für die Industrieländer würden zu einer Abwanderung in die Länder des Südens führen, wird gewarnt. Der Verband der chemischen Industrie (VDI) wies im Vorfeld der Konferenz von Kopenhagen eindringlich darauf hin, dass nur weltweit gültige Standards eine Abwanderung aus Deutschland verhindern könnten und Klimaschutz dann sogar sinnvoll sei. Uneinheitliche Ziele/Vorgaben dahingegen würden nicht nur zu einer Abwanderung von Industrien, vor allem aus energieintensiven Sektoren, sondern auch der Emissionen führen.
Entkopplung der Königsweg?
Das gängige Wachstumsmodell ist an seine Grenzen gestoßen. Viele Hoffnungen werden deshalb in die Modelle der Entkopplung gesetzt: Weltbank, EU-Kommissionen und die offizielle deutsche Nachhaltigkeitsstrategie sehen darin große Potentiale. Entkopplung bedeutet, dass der Ressoucenverbrauch langsamer zunimmt als das Wirtschaftswachstum oder aber trotz wachsender Wirtschaft abnimmt. Das letzteres nur vor dem Hintergrund technischer Erneuerungen möglich ist, ist der Grund, warum Innovation ein zentraler Begriff im Nachhaltigkeitsdiskurs ist.
Hoffnungsträger New Green Deal
In diese Konzepte eines New Green Deal, einer ökologischen Wende/Umbau des Kapitalismus, werden viele Hoffnungen gesetzt. Ein löblicher Ansatz, der aber verkennt, dass eine kohlenstoffarme Entwicklung keineswegs mit Nachhaltigkeit gleichzusetzen ist. Denn sie beseitigt nicht das Wachstumsproblem und seine Treiber - das Bevölkerungswachstum und den Kapitalismus - und die damit verbundene notwendige Erhöhung landwirtschaftlicher und industrieller Produktion. Auch verkennt sie, dass eine CO²-arme Produktion weiterhin zu einer Belastung von Wasser, Boden und Luft führt und weder die Überfischung, noch den steigenden Wasserbrauch oder die Verknappung von Naturressourcen bremst (z.B. Abholzung). Ein Zukunftsmodell des Wirtschaftens und Lebens muss sich deshalb konsequent an der Funktionstüchtigkeit der Ökosysteme ausrichten (Ibisch 2010, in: Die Zeit).
Zum Weiterlesen:
Brot für die Welt, eed, BUND 2009: Zukunftsfähiges Deutschland, Frankfurt am Main
Die Zeit, 28. Mai 2009: Warnung an die Welt.
Gerodete Wälder, ausgerottete Tierarten, tödlicher Größenwahn: Ausgerechnet auf der mythischen Osterinsel im Pazifik kann man besichtigen, was der Erde bevorsteht, wenn der Mensch seine eigenen Lebensgrundlagen besichtigt, von Erwin Koch.
Zeit Wissen, Nr. 1, 2010: Labor für die Welt
Versalzenes Wasser, Überschwemmungen und verheerende Stürme: In den Küstenregionen vieler Entwicklungsländer ist der Klimawandel schon zu spüren. Bangladesch ist unfreiwillig zum Vorbild geworden für die Anpassung mit einfachsten Mitteln, von Thomas Häusler.
Zeit Online, 1.12.2009: Das Primat des Wirtschaftswachstums beenden.
Die ökologischen Krisen zeigen es deutlich: Ein auf Wachstum begründetes Entwicklungsmodell ist heute nicht mehr tragfähig, von Pierre Ibisch und Lars Schmidt.
Verband der chemischen Industrie, http://www.vci.de/default2~rub~743~tma~0~cmd~shd~docnr~126452~nd~~ond~n12~snd~~shmode~.htm
